Andere Patienten aus der Gruppe hatten Kontrollzwänge, also etwa den wiederkehrenden Drang, sich zu vergewissern, dass sie etwas ausgeschaltet hatten. "Durch das Achtsamkeitstraining bekamen sie einen größeren inneren Abstand zu ihren hartnäckigen Vorstellungen und verurteilten sich nicht mehr so hart für diese", sagt die Studienleiterin Anne Kathrin Külz . Wenn die Probanden dann wieder einmal den Drang verspürten, etwa Elektrogeräte zu kontrollieren, gaben sie diesem nicht automatisch nach, sondern hatten das Gefühl, zwischen mehreren Handlungsmöglichkeiten wählen zu können. Külz plant eine weitere Studie mit mehr Versuchspersonen, um die Ergebnisse zu prüfen.

Manche Ärzte lassen inzwischen sogar Patienten mit ernsten körperlichen Erkrankungen meditieren. In den Kliniken Essen-Mitte behandeln die Ärzte Menschen mit chronischen Schmerzen, Organerkrankungen oder sogar lebensbedrohlichen Leiden wie Krebs. Wer hierherkommt, wird zwar in erster Linie schulmedizinisch therapiert, kann aber zusätzliche Angebote wie Ernährungsberatung oder eben Meditation nutzen. "Wir setzen die Achtsamkeitsmeditation bei allen Patienten ein, denn so lernen sie einen besseren Umgang mit der Krankheit, was ihre Heilungschancen steigen lässt", sagt die Gesundheitspädagogin Anna Paul. "Stress kann auf Dauer das Immunsystem schwächen. Umgekehrt wird es gestärkt, wenn der Patient entspannt ist."

Studien legen tatsächlich nahe, dass MBSR das Immunsystem stärken kann. Mediziner der Universität Chicago teilten 75 Brustkrebspatientinnen in zwei Gruppen ein: Die eine Gruppe machte nach der Operation Achtsamkeitsmeditation, die andere nicht. Vor Beginn des Programms war bei allen Frauen die Aktivität von Zellen geschwächt, die mit dem Immunsystem zusammenhängen. Bei den Patientinnen, die regelmäßig meditierten, normalisierte sich die Funktion im Studienzeitraum, bei den anderen nicht.

An den Kliniken Essen-Mitte können Patienten das Training vor und nach Operationen sowie begleitend zu einer Chemotherapie anwenden. Sie änderten dadurch oft ihre Einstellung zur Chemotherapie – "und halten sie besser durch", sagt Anna Paul. Doch sie stellt klar: "Meditation kann niemals das Mittel sein, mit dem man eine körperliche Erkrankung behandelt. Wir setzen sie begleitend zur Therapie ein."

In immer mehr Bereichen werden achtsamkeitsbasierte Praktiken inzwischen angewandt, "sie scheinen ähnlich vielseitig wie ein Breitbandantibiotikum einsetzbar zu sein", sagt der Psychologe Ulrich Ott , der an der Universität Gießen die Wirkung von Meditation erforscht . Seine Erklärung: "Viele psychische Störungen sind mit Unruhe und Ängsten verbunden, und dagegen hilft die Achtsamkeitsmeditation eben." Den Wirbel um die Methode betrachtet Ott im Prinzip mit Wohlwollen: "Wenn Wissenschaftler an Universitäten neue Anwendungsbereiche erschließen, werden sie diese in der Regel auch im Rahmen von Studien prüfen." Skeptisch steht er dagegen Anbietern gegenüber, die Meditation nur einsetzen, weil sie gerade gefragt ist, und die sie womöglich mit anderen Methoden vermischen. "Da ist der Nutzen fraglich."

Susanne Kersig beobachtet den Hype ebenfalls kritisch. "Alle wollen dabei sein, auch wenn sie wenig Erfahrung haben." Sie erzählt von Therapeuten, die bei ihr einen Wochenendkurs buchen, um das Gelernte an Patienten weiterzugeben. "Die Achtsamkeitsmeditation ist aber keine Technik, die man schnell mal lernen und weitergeben kann, sondern eine Haltung und Form des Seins." Wer sich darauf einlassen wolle, solle lange und ernsthaft üben, bevor er unterrichte.

Inzwischen gibt es Versuche einer Qualitätssicherung. Meditationsforscher der Universität Massachusetts haben Richtlinien für Achtsamkeitstrainer festgelegt . Sie sollen etwa langjährige Erfahrung sowohl in Meditation nach buddhistischer Tradition haben als auch in westlichen Methoden wie MBSR.

Vermutlich wollen die Forscher das verhindern, was der Brite Shamash Alidina , Autor des Buchs Achtsamkeit für Dummies , aus der Methode macht. Er bezeichnet sich als "professionellen Achtsamkeits-Berater" und hatte schon nach seinen ersten fünf Minuten Achtsamkeitstraining ein Erweckungserlebnis, wie er schreibt. Wer Ähnliches erleben will, kann bei ihm den Workshop "Spa für die Seele" buchen. Oder den Fernkurs per Skype, für den es sogar eine Garantie gibt: "Sie bekommen Ihr gesamtes Geld wieder, wenn Sie nach der ersten Stunde nicht glücklich sind."

* Name von der Redaktion geändert