Therapeutischer NutzenAchtsam ist heilsam

Lange wurde sie als Esoterik belächelt, heute setzen selbst Ärzte auf die Meditation. Eine wachsene Zahl an Studien belegt ihren Nutzen bei immer mehr Krankheiten. Doch der Hype lockt auch unerfahrene Anbieter, die nur das schnelle Geld machen wollen. von Susanne Schäfer

Meditation wird nicht nur beliebter, sondern auch angesehener.

Meditation wird nicht nur beliebter, sondern auch angesehener.   |  © maegz/photocase.com

Man wird sich an die Bilder gewöhnen: Kollegen, die in der Kantine sinnlich an ihrer Bratwurst riechen, als würden sie einen feinen Barolo verkosten. Menschen, die ihre Schirme zusammenklappen, um den Regen auf der Haut zu spüren. Autofahrer, die lächelnd am Steuer sitzen – und die Ruhe des Staus genießen. Und an Ärzte, die ihre Patienten nicht nur operieren, sondern ihnen auch noch Atemübungen verordnen.

Um die Achtsamkeitsmeditation und ihre vielen Varianten ist ein regelrechter Hype entstanden . Coaches bringen gestressten Managern bei, wie sie mit der Methode abschalten, selbst ernannte Experten machen Geschäfte mit Achtsamkeits-Diäten. Ratgeber-Autoren leiten in ihren Büchern dazu an, wie man achtsam kocht, achtsam Kinder erzieht oder sich achtsam mit dem Partner streitet.

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Die Achtsamkeitsmeditation ist in der breiten Masse angekommen, als Allzweckwaffe zur Optimierung sämtlicher Lebensbereiche. Gleichzeitig aber wird sie immer ernster genommen: Mediziner und Psychotherapeuten entdecken immer neue Anwendungsgebiete – etwa chronische Schmerzen, Depressionen, Süchte, Essstörungen und sogar Krebs. Was aber kann die Achtsamkeitsmeditation wirklich leisten? Und welche modischen Varianten haben mit der ursprünglichen Idee gar nichts mehr zu tun?

ZEIT Wissen 1/2012

Ursprünglich stammt diese Form der Meditation aus dem Buddhismus, der Medizinprofessor Jon Kabat-Zinn entwickelte aber in den siebziger Jahren an der University of Massachusetts eine westliche Variante namens Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR). Bei dem achtwöchigen Training beginnen Meditationsschüler meist damit, sich auf körperliche Empfindungen zu konzentrieren. So nehmen sie wahr, dass der Nacken verspannt ist oder der Bauch zwickt. Sie lernen, solche Zustände zu bemerken, aber nicht zu bewerten. Später übertragen sie das auf Emotionen – vielleicht beobachten sie, dass sie Angst haben, steigern sich aber weder in die Furcht hinein, noch versuchen sie, diese zu unterdrücken. Damit schalten sie einen Schritt zwischen Reiz und Reaktion. Wer sich vor einer Präsentation im Job fürchtet oder im Keller einer besonders langbeinigen Spinne begegnet, wird nicht gleich in Panik verfallen, wenn er die neue Haltung beherrscht.

Noch vor einigen Jahren wurde Meditation meist als esoterisch belächelt. "Als ich Mitte der achtziger Jahre mit Schweigemeditation anfing, habe ich lieber nicht darüber gesprochen", sagt die Hamburger Psychotherapeutin und Achtsamkeitstrainerin Susanne Kersig . Denn die Leute reagierten oft skeptisch, ihr Vater befürchtete sogar, sie werde einer Gehirnwäsche unterzogen. "Bei Vorträgen vor Fachpublikum habe ich immer gleich am Anfang erklärt, dass die Achtsamkeitsmeditation nicht esoterisch ist und man keinen Glauben annehmen muss, um sie zu praktizieren."

Und auch unter Wissenschaftlern war die Achtsamkeitsmeditation lange nicht anerkannt. "Eigentlich wollte ich meine Diplomarbeit Ende der neunziger Jahre darüber schreiben", sagt der Psychologieprofessor Matthias Berking von der Universität Marburg. "Aber damals hätte man sich mit einem solchen Thema wissenschaftlich beerdigt." Noch vor etwa acht Jahren sei es bei Konferenzen gar nicht aufgetaucht. "Jetzt hat man speziell auf Kongressen der Klinischen Psychologie zuweilen den Eindruck, dass sich jeder zweite Vortrag auf achtsamkeitsbasierte Interventionsverfahren bezieht, vor allem in den USA sind die Kollegen diesbezüglich sehr euphorisch", sagt Berking.

Studien zeigen inzwischen sogar, wie Meditation die Hirnaktivität verändert: Mithilfe der Elektroenzephalografie (EEG) stellten Wissenschaftler fest, dass während tiefer Meditation zum Beispiel die Wellen im Beta- und Gamma-Bereich stärker und weitflächiger synchronisiert sind als im aktiven Wachzustand – ein Zeichen für intensive Konzentration und Aufmerksamkeit. Bildgebende Verfahren zeigen, dass etwa der orbitofrontale Kortex angeregt wird. Dieses Hirnareal ist wichtig für den Umgang mit Emotionen .

Leserkommentare
  1. der lichtverlängernden therapien und kann bei komplex zusammenhängenden krankheiten, oder komplexen persönlichkeitsstörungen nur ein begleiter sein. oder damit sogar gegenteilig wirken

  2. Meditationen gratis anbieten!

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