Wunder Oh Wunder!

An den Weihnachtsmann glauben wir schon lange nicht mehr, und an Wunder natürlich auch nicht. Dabei sind einige so gut gemacht, dass man fast in Versuchung kommt.

Ein Mädchen trägt ein Bild der Jungfrau von Guadalupe auf der Wange (Archivfoto). In Mexiko wird ein Tuch mit dem Porträt der Jungfrau als Heiligtum verehrt.

Ein Mädchen trägt ein Bild der Jungfrau von Guadalupe auf der Wange (Archivfoto). In Mexiko wird ein Tuch mit dem Porträt der Jungfrau als Heiligtum verehrt.

Als Papst Johannes Paul II. seliggesprochen werden sollte, begann im Vatikan das in diesem Fall übliche Prozedere: Man suchte nach einem Wunder. Und wurde schnell fündig: Eine Nonne, bei der die Parkinsonkrankheit diagnostiziert worden war, war nach Fürbitten an den verstorbenen Papst plötzlich wieder gesund geworden. Der Rest war Formsache.

»Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind«, sagt Goethes Faust – und das Wissen ist des Wunders größter Feind. Wissenschaftler mögen keine Wunder, und meistens, wenn sie eins untersuchen, wird es bald auf biochemischem, medizinischem oder physikalischem Wege entzaubert. Der Wunderglaube aber bleibt, die menschliche Sehnsucht nach dem Übersinnlichen und Unerklärlichen. Ein Trost für alle, die an Wunder glauben: Die unerklärten Phänomene werden uns nicht ausgehen. Zumindest jene, die noch nicht erklärt sind.

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Heiliges Blut

Luigi Garlaschelli war nicht nur dabei, als das Wunder von Neapel mal wieder geschah. Er hat es sogar ausgelöst. Garlaschelli ist Chemieprofessor und Mitglied des »Italienischen Komitees zur Untersuchung der Behauptungen über paranormale Vorkommnisse«. Er entzaubert die Welt, indem er hinterfragt. Zum Beispiel das Blutwunder von Neapel: An zwei bestimmten Tagen im Jahr wird dort das getrocknete Blut des Stadtpatrons Sankt Januarius flüssig. Fast immer, seit dem Jahr 1389. Es ist rotbraun, normalerweise fest und klebt in einer winzigen Glasphiole, die an den Tagen des Wunders in einer Prozession durch die Straßen getragen wird. Zurück im Dom, dreht ein hoher kirchlicher Würdenträger die Goldhalterung mit der Phiole darin – aus fest wird flüssig. »Es funktioniert quasi automatisch«, sagt Luigi Garlaschelli. »Man braucht die Phiole mit dem Blut nur zu schütteln.«

ZEIT Wissen 1/2012
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

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Seine Erklärung: Das Blut ist gar kein Blut, sondern ein thixotropes Gemisch, also etwas, dessen Viskosität durch Krafteinwirkung von außen verändert werden kann. An den Tagen des Wunders wird die Reliquie bewegt, herumgetragen, gedreht. »Diese Erschütterungen reichen, um den Prozess auszulösen.« Womöglich befand sich in der Phiole niemals echtes Blut. Denn die Zutaten für ein Kunstblut mit solchen Eigenschaften kannte man schon im 14. Jahrhundert: Eisenchlorid, Kalziumkarbonat, destilliertes Wasser.

Die Wandlung von Festem zu Flüssigem vollzieht sich auch in der Kirche Santa Maria Assunta der italienischen Kleinstadt Amaseno. Dort ist es das Blut des Sankt Laurentius, das sich stets kurz vor oder an dessen Todestag am 10. August verflüssigt. Das Glasfläschchen mit dem Märtyrerblut wird zwar nicht geschüttelt. Aber während der Zeremonie brennen unzählige Kerzen. Das »Blut« kommt aus dem Schatten ans Licht, von der Kühle einer Seitenapsis in die Nähe von Fenstern und Kerzen. Des Wunders Ursache ist einfacher Natur: Wärme. »Das ›Blut‹ schmilzt bei 30 Grad«, sagt Garlaschelli. »Es handelt sich sehr wahrscheinlich um ein Gemisch aus Wachsen oder Fetten.«

Wunderheilung

Schon 67 kirchlich anerkannte Wunderheilungen geschahen während oder nach einer Wallfahrt nach Lourdes. Die ordnungsgemäße Wunderbarkeit der Genesung wird von Ärzten vor Ort überwacht: Ein Schwerkranker muss ohne Behandlung plötzlich, vollständig und dauerhaft gesunden. Die bislang letzte von der katholischen Kirche anerkannte Wunderheilung ereignete sich 1952: Die damals 40-jährige Anna Santaniello, wurde auf einer Bahre zu den Bädern von Lourdes getragen. Ein Herzleiden und schweres Rheuma hatten ihr das Gehen unmöglich gemacht. Sie entstieg dem Wasser aus eigener Kraft, ihr Herz war geheilt, so sagt man.

Im Körper passieren Dinge, die niemand erklären kann. Todkranke Menschen werden gesund. Krebs verschwindet. Dirk Jäger vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen erlebte eine solche Spontanremission zuletzt vor zwei Jahren: »Bei einem Karzinom der Bauchspeicheldrüse, das während der Chemotherapie noch gewachsen war.« Die Behandlung wurde eingestellt, der Patient wurde schwächer und schwächer. »Dann, im Laufe eines schweren Infekts, ist der Tumor nach und nach verschwunden.« Einfach so. Heute versucht man Therapien zu entwickeln, die Spontanremissionen imitieren.

Leser-Kommentare
  1. Etwas ähnlich kritisch Hinterfragendes würde ich mir auch zu anderen Religionen wünschen. Z.B. zum Islam...
    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Spekulationen. Danke. Die Redaktion/ag

  2. die Annahme, dass die physikalischen Gesetze in meinem Sinn aufgehoben wurden. Etwas narzisstischeres, eqomanischeres und selbstsüchtigeres gibt es nicht.

    Als in Chile die Mineros dank Technik gerettet wurden, sprachen alle von einem Wunder. Als kurz darauf - bei der gleichen Physik - die Kumpel in Neuseeland vom Wetterschlag erwischt wurden, hat sich keiner getraut davon zu reden, dass das wohl auch Gottes Wille gewesen sein musste.

    Entsprechend der Weihachszeit kann man da nur sagen:

    Bah. Humbug.

    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

  3. Gott, der in sieben Tagen ein gewaltiges Universum erschafft (haben soll), begnügt sich jetzt mit Taschenspieler-Wundern. Das ist soooo armselig.

    Dabei hätte Gott doch so viele Möglichkeiten, seine Größe zu beweisen: über Nacht den Regenwald wieder aufforsten, die Meere wieder mit Fischen füllen, das CO2-Problem lösen, aus den Menschen freundliche und friedliche Wesen machen, Superviren in Seifenblasen verwandeln und ... und ... und ...

    Mag an solche Wunder glauben, wer will.

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    sind zwei verschiedene Dinge.
    Der Begriff 'Wunder' suggeriert eine Erklärung für Dinge, die man sich sich selbst nicht erklären kann. Dass es hierbei um eine besonders perfide Art des Selbstbetrugs handelt, spielt keine Rolle.

    sind zwei verschiedene Dinge.
    Der Begriff 'Wunder' suggeriert eine Erklärung für Dinge, die man sich sich selbst nicht erklären kann. Dass es hierbei um eine besonders perfide Art des Selbstbetrugs handelt, spielt keine Rolle.

  4. Wie heißt es so schön der Glaube versetzt Berge...

    Ich persönlich bin davon überzeugt das es diese Wunder nicht gibt. Jedoch ist mir als Wissenschaftler auch sehr bewußt das es mehr gibt als dass was sich der Mensch vorstellen kann.

    Wiederrum denke ich das man nicht alles Hinterfragen muss und auch in der heutigen Zeit gut ist solche Wunder stehen zu lassen. Wenn es dem einen oder anderen Menschen den notwendigen Halt gibt SCHÖN weiter so. Tolleranz nenne ich das.

    Erschreckend finde ich nur wenn aus solchen Wundern sehr oft nur Profit gemacht wird.

    Zum Thema Selbstheilung kann ich nur sagen dass ich mir sehr wohl vieles Vorstellen kann. Ich bin mir sehr sicher das in jedem Menschen eine Energie vorhanden ist die dem Selbstheilprozess Unterstützt. Da viele es Gewohnt sind Tabletten zu schlucken wenn sie was haben ist es leider mitlerweile schon ein Wunder wenn Menschen einfach so wieder gesund werden.

    Die Wahrheit liegt wie oft in der Mitte und ich denke dass es kein Mensch wirklich ganz und gar beantworten kann. Der Mensch sollte nicht aufhören Sensibel zu sein und Dinge hinterfragen jedoch auch bereit sein sich einfach mal überraschen zu lassen was passiert.

    Nur so ein paar Gedanken...

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    liegt nicht immer in der Mitte. Manchmal ist etwas nichts weiter als Unfug. Und bei aller Liebe zur Toleranz: Unfug muss man Unfug nennen, auch und ganz besonders wenn dieser Menschen Halt gibt. Sonst glaubt noch jemand daran.

    Wie z.B. daran, dass in Menschen eine "Energie" Selbstheilung unterstützt. Das ist Unfug. Jeder evolutionär erfolgreiche Organismus hat Mechanismen zur Selbstreparatur entwickelt. Mit irgendwelcher mysteriösen "Energie" hat das nichts zu tun.

    liegt nicht immer in der Mitte. Manchmal ist etwas nichts weiter als Unfug. Und bei aller Liebe zur Toleranz: Unfug muss man Unfug nennen, auch und ganz besonders wenn dieser Menschen Halt gibt. Sonst glaubt noch jemand daran.

    Wie z.B. daran, dass in Menschen eine "Energie" Selbstheilung unterstützt. Das ist Unfug. Jeder evolutionär erfolgreiche Organismus hat Mechanismen zur Selbstreparatur entwickelt. Mit irgendwelcher mysteriösen "Energie" hat das nichts zu tun.

    • kyon
    • 23.12.2011 um 13:20 Uhr

    Was mich wundert, ist die Tatsache , dass im dritten Jahrtausend nach der Geburt des Wasserläufers offensichtlich immer noch so viele Menschen an Wunder glauben.

  5. Ohne den Wunderglauben wäre die christliche Religion wohl nie Staatsreligion des römischen Reiches geworden. Aus der damaligen Zeit heraus war, je mächtiger das Wunderr, je mächtiger die Religion .
    So begleiten uns Wunder schon seit Anbeginn in der Bibel ( neues Testament) angefangen bei der Jungfraugeburt ( war im griechischen so üblich ) bis zur Auferstehung ( gab es schon bei den Ägyptern ).
    Das dieser Firlefanz in der kath. Kirche immer noch betrieben wird ist peinlich.
    Interessant jedoch , dass an christlichen Wundern und Symbolen Kritik geübt werden darf, die Zeitredaktion aber solche kritik beim Islams unterbindet.

  6. Ich finde es widerlich, dass man in den Medien, Gesellschaft, Politik, nahezu überall über Katholiken heucheln darf. Man lästert sie, verhöhnt ihren Glauben, spottet und beleidigt.
    Beitrag 1 kann ich deswegen nur zustimmen, andere Religionen darf man nicht so verspotten.

    Diejenigen, die todkrank waren und gerettet wurden oder andere Wunder erlebt haben, werden wissen, warum sie an Wunder glauben.

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    mit der Meinungsfreiheit. Die ist schwer zu ertragen.

    Aber ein Vorschlag zur Güte: Wenn die diversen Religionen der Welt aufhören Kinder zu missbrauchen (und das zu vertuschen), Lügen über Kondome zu verbreiten, Arbeitsverträge wegen einer Scheidung zu kündigen, Homosexuelle und Frauen zu Menschen zweiter Klasse zu degradieren, Mordaufträge an Schriftstellern auszusprechen, Abtreibungsärzte zu erschießen und Bomben auf belebten Marktplätzen zu zünden, dann höre ich auch auf den Religionen die Diskrepanz zwischen ihrem Anspruch und der Realität aufs Brot zu schmieren, oder wie Sie sagen würden, diese zu verhöhnen.

    Ist *das* für Sie ok?

    Sie verwechseln Meinungsfreiheit mit Beleidiungen. Das eine ist ein Gut, das andere ist beleidigend und tatsächlich schwer zu ertragen.
    Wenn Sie nun unter dem Mantel der Meinungsfreiheit Beleidigungen gut heißen, diskreditieren Sie auch die Meinungsfreiheit.
    Sie tun ja so, als ob man über Missstände nicht öffentlich debattiert.
    Des Weiteren bezog ich mich nicht auf diesen Artikel, sondern auf den Umgang mit dem Glauben in dieser Gesellschaft insgesamt. Dazu die Unverhältnismäßigkeit mit der man verschiedene Religionen behandelt oder beschützt.

    mit der Meinungsfreiheit. Die ist schwer zu ertragen.

    Aber ein Vorschlag zur Güte: Wenn die diversen Religionen der Welt aufhören Kinder zu missbrauchen (und das zu vertuschen), Lügen über Kondome zu verbreiten, Arbeitsverträge wegen einer Scheidung zu kündigen, Homosexuelle und Frauen zu Menschen zweiter Klasse zu degradieren, Mordaufträge an Schriftstellern auszusprechen, Abtreibungsärzte zu erschießen und Bomben auf belebten Marktplätzen zu zünden, dann höre ich auch auf den Religionen die Diskrepanz zwischen ihrem Anspruch und der Realität aufs Brot zu schmieren, oder wie Sie sagen würden, diese zu verhöhnen.

    Ist *das* für Sie ok?

    Sie verwechseln Meinungsfreiheit mit Beleidiungen. Das eine ist ein Gut, das andere ist beleidigend und tatsächlich schwer zu ertragen.
    Wenn Sie nun unter dem Mantel der Meinungsfreiheit Beleidigungen gut heißen, diskreditieren Sie auch die Meinungsfreiheit.
    Sie tun ja so, als ob man über Missstände nicht öffentlich debattiert.
    Des Weiteren bezog ich mich nicht auf diesen Artikel, sondern auf den Umgang mit dem Glauben in dieser Gesellschaft insgesamt. Dazu die Unverhältnismäßigkeit mit der man verschiedene Religionen behandelt oder beschützt.

  7. liegt nicht immer in der Mitte. Manchmal ist etwas nichts weiter als Unfug. Und bei aller Liebe zur Toleranz: Unfug muss man Unfug nennen, auch und ganz besonders wenn dieser Menschen Halt gibt. Sonst glaubt noch jemand daran.

    Wie z.B. daran, dass in Menschen eine "Energie" Selbstheilung unterstützt. Das ist Unfug. Jeder evolutionär erfolgreiche Organismus hat Mechanismen zur Selbstreparatur entwickelt. Mit irgendwelcher mysteriösen "Energie" hat das nichts zu tun.

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