Einige Chiropraktiker zum Beispiel behandeln selbst Asthma , ADHS und Migräne durch Drücken und Schieben von Wirbeln. Doch je mehr Fachartikel Edzard Ernst und seine Mitarbeiter unter die Lupe nahmen, desto fragwürdiger erschienen die vermeintlichen Therapieerfolge. Im Lindern von Rückenschmerzen, so das Ergebnis, ist das Knochenrichten mäßig erfolgreich, aber nicht besser als eine konventionelle Behandlung. Und dafür, dass die Chiropraktik gegen Asthma oder Migräne hilft, gibt es keine stichhaltigen Belege. Wohl aber für gefährliche Nebenwirkungen: Vor allem Arterien können durch das Rückendrücken und Nackenrecken beschädigt werden. Edzard Ernst zählte rund 500 gravierende Fälle, inklusive Schlaganfall und Querschnittslähmung, außerdem Todesfälle »in der Größenordnung von 100«, und dies, sagt er, »ist wohl nur die Spitze des Eisbergs«. Chiropraktik sei von allen alternativen Therapieformen die gefährlichste.

Alternative Heilmethoden - Ezard Ernst über homöopathische Therapien Der Professor für Alternativmedizin über Placebos und den Einsatz von Globuli.

Simon Singh , der gemeinsam mit Edzard Ernst das Buch Gesund ohne Pillen geschrieben hat, wurde vom Verband der britischen Chiropraktiker wegen ähnlicher Äußerungen verklagt: Er hatte behauptet, der Verband propagiere »Lügentherapien«. Ein Berufungsgericht wies die Klage ab.

Als Student ging Edzard Ernst 1968 mit seinen Kommilitonen in München auf die Straße, er trug eines dieser Schilder: »Trau keinem über 30«. Als Professor in Wien schockierte er seine Kollegen mit einem Artikel über die Nazivergangenheit der Fakultät. Und nun, als Professor für Alternativmedizin, ist er wieder der Nestbeschmutzer. Ernst sägt an seinem Steak und schmunzelt. Er sagt: »Ich suche nicht die Kontroverse. Aber ich gehe ihr auch nicht aus dem Weg.«

Er sei kein Gegner der Alternativmedizin, beteuert Ernst. Tatsächlich finden sich in den mehr als 1.000 Veröffentlichungen seiner Forschungsgruppe einige über positive Wirkungen alternativer Arzneien, vor allem von Kräutern. Johanniskraut zum Beispiel wirkt besser als ein Placebo gegen schwache bis mittelschwere Depression. Ernsts wahre Mission aber ist eine andere: Er will zeigen, dass sich die Alternativmedizin mit wissenschaftlichen Methoden erforschen lässt, und zwar selbst so eine individualisierte und bizarre Behandlung wie die Homöopathie.

Homöopathen verordnen zwei Patienten, die etwa über Kopfschmerzen klagen, womöglich unterschiedliche Mittel. Wie sollte man dies in einer klinischen Studie mit vielen Patienten berücksichtigen? Zudem widerspricht das behauptete Wirkprinzip der Naturwissenschaft. In den hoch verdünnten Arzneien ist oft kein einziges Molekül des Wirkstoffs vorhanden, angeblich wird beim Verdünnen Information übertragen. Wie kann eine unwissenschaftliche Therapie wissenschaftlich getestet werden? Ernst zeigte, dass es geht.

Er rekrutierte drei Homöopathen, um Kinder mit Asthma zu behandeln. 96 Kinder wurden aufgeteilt: Die eine Gruppe sollte ein Placebo bekommen, die andere homöopathische Globuli. Weder die Kinder noch die Eltern oder die Homöopathen wussten, welcher Gruppe ein Kind angehörte. Die Homöopathen verschrieben jedem Kind das Mittel ihrer Wahl, dann faxten sie das Rezept an eine Londoner Apotheke, die Apotheke schickte Globuli und Placebo (nur mit »A« und »B« gekennzeichnet) an den Notar, und dieser händigte – nach Abgleich mit der Liste – eines von beiden den Eltern aus.

Die Studie erfüllte den höchsten Standard der evidenzbasierten Medizin: Sie war »randomisiert«, weil die Kinder per Zufallsgenerator ausgewählt wurden, »placebokontrolliert«, weil sie die Medizin mit der Wirkung eines Placebos verglich, und sie war »doppelblind«, weil weder die Homöopathen noch die Kinder wussten, wer das Placebo und wer die mutmaßliche Medizin schluckte. Das Ergebnis war ernüchternd: Die Globuli wirkten nicht besser als das Placebo.

Bis heute sind etwa 200 hochwertige Studien zur Homöopathie erschienen. In der Gesamtschau, sagt Ernst, »zeigen sie, dass die Homöopathie für keine Indikation besser ist als ein Placebo«. Das Kapitel Homöopathie ist für ihn abgeschlossen. Nur seine Frau, eine Französin, sagt noch manchmal, er sehe aus wie Samuel Hahnemann, der Vater der Homöopathie. Dann will sie ihn ärgern.

Was aber ist mit den unzähligen Patienten, die auf homöopathische Mittel schwören? Irren sie sich alle? »Anekdoten führen uns in der Medizin nicht weiter«, sagt Ernst. Er meint Einzelfälle, die von keiner Statistik erfasst werden. »Wir haben in der Medizin Fortschritte gemacht, als wir vor 150 Jahren aufgehört haben, uns an Anekdoten zu orientieren.«