Psychologie : Die Macht der Musik

Sie prägt uns von Geburt an, berührt uns im tiefsten Inneren und kann uns zu Höchstleistungen treiben: Psychologen und Mediziner ergründen das Geheimnis der Musik – und nutzen ihre therapeutische Kraft.

Die Frau im gelben Kleid steht allein auf der großen Bühne vor dem dunklen Saal. Unten im Orchestergraben hebt Ivan Repušić sachte den Taktstock, Flötenklänge steigen auf. Dann setzt Karolina Anderssons klare Sopranstimme ein, und mit einem Mal scheinen Sehnsucht und Entzücken fast mit Händen greifbar. Es ist ein gewöhnlicher Donnerstagabend in der Komischen Oper in Berlin . Gespielt wird Rigoletto , wie schon viele tausend Male auf der Welt. Die Zuhörer sind zunächst unruhig, doch jetzt, bei der berühmten Arie der Gilda im ersten Akt, wird es mucksmäuschenstill. Selbst die flüsternde Schulklasse und der Dauerhuster verstummen. Immer höher steigt der Gesang empor, fragend, klagend, und schließlich in unbändigem Jubilieren.

Nicht weit entfernt, in einer Halle am Stadtrand, schlägt Christoph Schneider einen schnellen Wirbel über seine Drums. Bass und E-Gitarre kommen hinzu, dröhnen durch die Halle. Schneider grinst und verfällt in einen dumpfen, stampfenden Viervierteltakt. Augenblicklich geht ein Ruck durch die kleine Gruppe der Zuhörer, sie bewegen sich nahezu synchron im Takt. Als der Sänger die Bühne betritt, fliegen die Arme in die Höhe, beim Refrain schallt der Gesang aus allen Kehlen. Rammstein , eine der erfolgreichsten Bands Deutschlands, proben ihre Lieder mit den bösen Texten für ihre nächste große Tournee. Die Band testet ihren derben, harten Sound, der bald Zehntausende in tosenden Taumel versetzen wird .

Zwei Musikstile, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Und doch vermitteln die beiden Konzerte einen Eindruck davon, wie Melodien und Rhythmen uns in ihren Bann ziehen können.

Es gibt wohl nur wenige Dinge, die uns auf so einfache Weise mit Glück erfüllen können, die derart präsent sind und einen so großen Einfluss auf unser Leben haben wie Musik. In Filmen lässt oft erst eine gefühlvolle Melodie die Zuschauer in eine Liebesszene eintauchen, treibt ein schneller Beat den Puls bei einer Verfolgungsjagd in die Höhe. Beim Kochen schnippen wir im Takt zu Popsongs aus dem Radio. In der Kneipe plaudern wir mit Freunden, während im Hintergrund Jazz für lässig-entspannte Atmosphäre sorgt. Wer joggt, lässt sich von seinen Lieblingsstücken antreiben. Eine lange Autofahrt wird mit den richtigen Songs erträglich, ein schlechter Tag zu einem guten. Und wenn kleine Kinder schreiend aus einem Albtraum aufwachen, hilft oft nur ein sanftes Schlaflied.

Seit einiger Zeit nutzen nun auch Ärzte, Therapeuten und Pädagogen die Macht der Klänge: Musik kann Schmerzen lindern, Erinnerungen wachrufen, psychische Barrieren überwinden und Kommunikation ermöglichen. Das Geheimnis der Rhythmen und Melodien beschäftigt inzwischen auch Neurowissenschaftler, Psychologen und Evolutionsforscher, die daran Gehirnentwicklung und Menschwerdung zu erklären suchen: Woher kommt der unwiderstehliche Sog, den manche Klänge auf uns ausüben? Warum berühren uns bestimmte Melodien und Harmonien, während uns andere kaltlassen? Musik, so zeigt sich, wirkt auf allen Ebenen des Gehirns , sie hat einen direkten Zugang zu Emotionen und ist tief verankert in der Menschheitsgeschichte. Entstanden in wundersamer Co-Evolution, hilft Musik dabei, uns in einer vornehmlich von Sprache und Verstand geprägten Welt mit uralten emotionalen Bedürfnissen zu versöhnen.

Musik ist so alltäglich und vertraut, dass wir uns eine naheliegende Frage oft überhaupt nicht stellen: Wie kommt es eigentlich, dass Menschen in allen bekannten Kulturen und schon seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte komplizierte Muster aus Schallwellen erschaffen? Wie könnte man einem außerirdischen Besucher die menschliche Leidenschaft für Rhythmen und Melodien erklären? Ist Musik Ausdruck kosmischer Naturgesetze oder vielleicht doch eine spezifisch menschliche Erfindung? Die Antwort muss wohl lauten: beides zugleich. Denn unter den vielen natürlichen Geräuschen, die an unsere Ohren dringen, nehmen wir einige als Töne wahr, und in ihnen steckt schon eine grundlegende Struktur von Musik.

Töne entstehen immer dann, wenn besonders einfache Objekte wie Membranen oder Saiten in Schwingung geraten und nur wenige Frequenzen erzeugen, die in einem einfachen, klar strukturierten Verhältnis zueinander stehen. Die gesamte Schwingungsenergie steckt dann in diesen wenigen Frequenzen, weshalb sie deutliche, weithin hörbare Signale produzieren. Bewusst nehmen wir meist nur die tiefste Frequenz wahr, die anderen schwingen aber als Obertöne immer mit und bestimmen die Klangfarbe, etwa den Unterschied zwischen einer Geige und einer Trompete. Der erste Oberton liegt immer bei der doppelten Frequenz des Grundtons. Hört man einen zweiten Ton, dessen Grundton in dieser doppelten Frequenz schwingt, dann empfinden alle Menschen diese beide Töne als verblüffend ähnlich – sie erklingen im Abstand einer Oktave.

Dass Töne zu Musik werden, ist das Verdienst einer enormen Analyseleistung des Gehirns: Es ordnet scheinbar mühelos ein kompliziertes Gemisch aus Schallwellen einzelnen Instrumenten und Stimmen zu und erkennt darin musikalische Phrasen und Motive. Diese Leistung wird nicht von einem spezialisierten "Musikzentrum" vollbracht, vielmehr arbeiten hier verschiedene Areale des gesamten Gehirns zusammen.

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Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ohne Musik ?!

Es gibt aber auch eine Kehrseite!
Manche können es einfach nicht mehr ohne Musik. Sie empfinden kurze Gesprächspausen als unangenehm und lassen daher unentwegt Musik im Hintergrund laufen.
Oder aber sie lassen bei einem Gespräch ein Ohrstöpsel im Ohr hängen und hören nur mit dem anderen Ohr zu, was ich unverschämt finde.

Musik ist in unserer Gesellschaft so integriert das man es nur noch als Hintergrund verwendet und seltener bewusst wahrgenommen wird. Man beachte 'Aufzug- und Kaufhausmusik' (bekannt als Muzak).

Re: Ohne Musik ?!

Oder aber sie lassen bei einem Gespräch ein Ohrstöpsel im Ohr hängen und hören nur mit dem anderen Ohr zu, [...]

Das sind aber keine Freunde von Musik. Diese Leute haben ein anderes Problem. A) Musik aus Ohrstöpseln klingt grauenvoll und B) Musik auf einem Ohr klingt grauenvoll.

Musik ist in unserer Gesellschaft so integriert das man es nur noch als Hintergrund verwendet und seltener bewusst wahrgenommen wird [...]

Was jetzt? Die Aussagen "nur noch als Hintergrund" und "seltener bewusst wahrgenommen" schließen sich aus. Wenn Musik nur noch als Hintergrundmusik genutzt werden würde, dann gäbe es beispielsweise keine Konzerte mehr. Davon sind wir glücklicherweise noch weit entfernt.

Soundtrack deines Lebens

Ja, es wird als Soundtrack deines Lebens verkauft und hat für einige schon den Anschein eines Statussymbols.

Wie bei vielen Dingen im Leben, kommt es auch hier auf die Dosis an. Wer nicht mehr ohne kann, steckt nicht unwahrscheinlich in einer Bedürftigkeit oder Abhängigkeit.

Wer aus so einer Dauerberieselung ausbricht, erfährt mit etwas Glück ein hochgradig befreiendes Gefühl und wird evtl. in Zukunft auch mal erspüren, wann es angebracht ist mit der Gewohnheit zu brechen und kann dann auch die Stille oder der unwägsam lebendige Klan der Umwelt genießen.

Denn auch das zeigt das Leben. Für alles sind Pausen nötig bzw. Raum zu Entfaltung. Das gilt sowohl zeitlich als auch in anderen Dimensionen. Ein schön gestaltetes Bild oder Druckwerk lebt gerade auch vom Leerraum, der es strukturiert oder schlicht nur rahmt.

Und die Musik selbst zeigt eigentlich genau das. Viele Töne ohne Pausen sind einfach nur Krach. Erst mit den Pausen entsteht Rhythmus und eine Melodie.

Wenn man bedenkt,,

welch immens kleinen Teil Klassische Musik in der globalen Musikgeschichte einnimmt, wirkt Ihre These doch etwas zweifelhaft.

Ich selbst mag unter anderem auch vieles aus der klassisch-romantischen Musiktradition und liebe Puccini übrigens sehr.
Aber es sollte einem schon bewusst sein, dass das vermeintlich Besondere der Klassischen Musik gerade aus diesem behaupteten Anspruch entstanden ist, anderen Kunstformen überlegen zu sein - was wiederum die Funktion hatte die soziale Hierarchie zu festigen (Klassische Musik als exklusive Kunstform des Adels, später des Bürgertums).

An diesem Beispiel wird besonders gut ersichtlich, wie stark unser Musikempfinden auch von außermusikalischen, insbesondere soziologischen, sozialen und tradierten Faktoren beeinflusst wird.

PS: Zwei Buchtips, die auf unterschiedlicher Ebene unsere Welt und die Menschheitsgeschichte aus Sicht von "Musik", "Klang" und "Hören" beschreiben und neue Denkhorizonte eröffnen können:

- Joachim-Ernst Berendt: "Nada Brahma: Die Welt ist Klang" (Rowohlt) (teilweise evtl. etwas zu esoterisch, aber dennoch interessant und lesenswert)
- Murray Schafer: "Die Ordnung der Klänge: Eine Kulturgeschichte des Hörens" (Schott)

Lieblingsmusik berührt am meisten

Das würde ich nicht so pauschal sagen. Wahrscheinlich sind sie einfach ein Liebhaber der klassischen Musik, und ordnen ihre Gänsehautmomente (ob physisch oder psychisch) ganz unabhängig von ihrer Vorliebe jener Musik zu. Aber ich persönlich denke, es hängt eher damit zusammen, welche Musik man generell am liebsten hat. Für diese öffnet man sich und macht sich besonders zugänglich. Daher berührt sie einen tiefer im Herzen, als andere Musik.

Ich zum Beispiel werde am tiefsten von Black Metal berührt, viel stärker als von klassischer Musik.