Die Frau im gelben Kleid steht allein auf der großen Bühne vor dem dunklen Saal. Unten im Orchestergraben hebt Ivan Repušić sachte den Taktstock, Flötenklänge steigen auf. Dann setzt Karolina Anderssons klare Sopranstimme ein, und mit einem Mal scheinen Sehnsucht und Entzücken fast mit Händen greifbar. Es ist ein gewöhnlicher Donnerstagabend in der Komischen Oper in Berlin . Gespielt wird Rigoletto , wie schon viele tausend Male auf der Welt. Die Zuhörer sind zunächst unruhig, doch jetzt, bei der berühmten Arie der Gilda im ersten Akt, wird es mucksmäuschenstill. Selbst die flüsternde Schulklasse und der Dauerhuster verstummen. Immer höher steigt der Gesang empor, fragend, klagend, und schließlich in unbändigem Jubilieren.

Nicht weit entfernt, in einer Halle am Stadtrand, schlägt Christoph Schneider einen schnellen Wirbel über seine Drums. Bass und E-Gitarre kommen hinzu, dröhnen durch die Halle. Schneider grinst und verfällt in einen dumpfen, stampfenden Viervierteltakt. Augenblicklich geht ein Ruck durch die kleine Gruppe der Zuhörer, sie bewegen sich nahezu synchron im Takt. Als der Sänger die Bühne betritt, fliegen die Arme in die Höhe, beim Refrain schallt der Gesang aus allen Kehlen. Rammstein , eine der erfolgreichsten Bands Deutschlands, proben ihre Lieder mit den bösen Texten für ihre nächste große Tournee. Die Band testet ihren derben, harten Sound, der bald Zehntausende in tosenden Taumel versetzen wird .

Zwei Musikstile, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Und doch vermitteln die beiden Konzerte einen Eindruck davon, wie Melodien und Rhythmen uns in ihren Bann ziehen können.

Es gibt wohl nur wenige Dinge, die uns auf so einfache Weise mit Glück erfüllen können, die derart präsent sind und einen so großen Einfluss auf unser Leben haben wie Musik. In Filmen lässt oft erst eine gefühlvolle Melodie die Zuschauer in eine Liebesszene eintauchen, treibt ein schneller Beat den Puls bei einer Verfolgungsjagd in die Höhe. Beim Kochen schnippen wir im Takt zu Popsongs aus dem Radio. In der Kneipe plaudern wir mit Freunden, während im Hintergrund Jazz für lässig-entspannte Atmosphäre sorgt. Wer joggt, lässt sich von seinen Lieblingsstücken antreiben. Eine lange Autofahrt wird mit den richtigen Songs erträglich, ein schlechter Tag zu einem guten. Und wenn kleine Kinder schreiend aus einem Albtraum aufwachen, hilft oft nur ein sanftes Schlaflied.

Seit einiger Zeit nutzen nun auch Ärzte, Therapeuten und Pädagogen die Macht der Klänge: Musik kann Schmerzen lindern, Erinnerungen wachrufen, psychische Barrieren überwinden und Kommunikation ermöglichen. Das Geheimnis der Rhythmen und Melodien beschäftigt inzwischen auch Neurowissenschaftler, Psychologen und Evolutionsforscher, die daran Gehirnentwicklung und Menschwerdung zu erklären suchen: Woher kommt der unwiderstehliche Sog, den manche Klänge auf uns ausüben? Warum berühren uns bestimmte Melodien und Harmonien, während uns andere kaltlassen? Musik, so zeigt sich, wirkt auf allen Ebenen des Gehirns , sie hat einen direkten Zugang zu Emotionen und ist tief verankert in der Menschheitsgeschichte. Entstanden in wundersamer Co-Evolution, hilft Musik dabei, uns in einer vornehmlich von Sprache und Verstand geprägten Welt mit uralten emotionalen Bedürfnissen zu versöhnen.

Musik ist so alltäglich und vertraut, dass wir uns eine naheliegende Frage oft überhaupt nicht stellen: Wie kommt es eigentlich, dass Menschen in allen bekannten Kulturen und schon seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte komplizierte Muster aus Schallwellen erschaffen? Wie könnte man einem außerirdischen Besucher die menschliche Leidenschaft für Rhythmen und Melodien erklären? Ist Musik Ausdruck kosmischer Naturgesetze oder vielleicht doch eine spezifisch menschliche Erfindung? Die Antwort muss wohl lauten: beides zugleich. Denn unter den vielen natürlichen Geräuschen, die an unsere Ohren dringen, nehmen wir einige als Töne wahr, und in ihnen steckt schon eine grundlegende Struktur von Musik.

Töne entstehen immer dann, wenn besonders einfache Objekte wie Membranen oder Saiten in Schwingung geraten und nur wenige Frequenzen erzeugen, die in einem einfachen, klar strukturierten Verhältnis zueinander stehen. Die gesamte Schwingungsenergie steckt dann in diesen wenigen Frequenzen, weshalb sie deutliche, weithin hörbare Signale produzieren. Bewusst nehmen wir meist nur die tiefste Frequenz wahr, die anderen schwingen aber als Obertöne immer mit und bestimmen die Klangfarbe, etwa den Unterschied zwischen einer Geige und einer Trompete. Der erste Oberton liegt immer bei der doppelten Frequenz des Grundtons. Hört man einen zweiten Ton, dessen Grundton in dieser doppelten Frequenz schwingt, dann empfinden alle Menschen diese beide Töne als verblüffend ähnlich – sie erklingen im Abstand einer Oktave.

Dass Töne zu Musik werden, ist das Verdienst einer enormen Analyseleistung des Gehirns: Es ordnet scheinbar mühelos ein kompliziertes Gemisch aus Schallwellen einzelnen Instrumenten und Stimmen zu und erkennt darin musikalische Phrasen und Motive. Diese Leistung wird nicht von einem spezialisierten "Musikzentrum" vollbracht, vielmehr arbeiten hier verschiedene Areale des gesamten Gehirns zusammen.

Forscher untersuchen zunehmend den Einsatz von Musik als Medizin

Und das geschieht schon früh – im Mutterleib. Die Psychologin Alexandra Lamon von der Keele University in Großbritannien hat es in einem Experiment nachgewiesen, in dem Mütter während der letzten drei Monate der Schwangerschaft immer wieder dasselbe Musikstück anhörten – eine Komposition von Mozart oder Vivaldi, ein Reggaelied oder einen Popsong aus den Top-Charts. Nach der Geburt durften die Mütter ihren Kindern dieses Stück dann ein Jahr lang nicht vorspielen. In einer ausgeklügelten Versuchsanordnung konnte Alexandra Lamon anschließend nachweisen, dass die einjährigen Kinder dieses Musikstück lieber mögen als andere, ähnliche Stücke.

Es vergeht nicht viel Zeit, da kann das Gehirn eines Kindes nicht nur Musik von außen einordnen, sondern auch selbst welche kreieren. Wie gut das bereits bei Dreijährigen klappt, lässt sich an Ava beobachten. Das Mädchen sitzt in seinem Zimmer inmitten verstreuter Spielsachen und greift zunächst nach seinem Puzzle. Doch dann fällt ihr Blick auf ein Bilderbuch mit Kinderliedern. Das Puzzle lässt Ava liegen, nimmt das Buch. Beim Blättern summt sie vor sich hin, dann plötzlich sieht sie ein bekanntes Bild, eine Melodie kommt ihr in den Sinn. Zaghaft, lispelnd beginnt sie: "Auf einem Baum ein Kuckuck..." Bei manchen Stellen wird sie unsicher, trifft den Ton nicht ganz, doch unverkennbar ist da die Melodie. Beim Refrain "Simsalabimbambasaladusaladim" geht es dann schon ganz flott.

Was Ava hier mit so viel Begeisterung trainiert, sind die Abstände, mit denen die westliche Musik eine Oktave in eine Tonleiter unterteilt. Besonders ein beliebtes Intervall wird eingeübt: die Terz, die in vielen Kinderliedern vorherrscht. Avas Mutter wird das Lied bald langweilig, sie blättert weiter und singt ein neues. Schnell holt sich Ava eine Rassel und schlägt den Takt dazu, noch ungenau, aber voller Eifer und hoch konzentriert.

Die Neugier und die Freude an Melodien und Rhythmen sind deutlich spürbar, genau wie bunte Farben, Formen, Wörter und Geschichten üben sie einen unwiderstehlichen Sog auf Kinder aus. Schon bald wird Ava ein falscher Ton in einem bekannten Lied ähnlich aufstoßen wie ein unsinniges Wort in einem gesprochenen Satz. Im Alter von acht oder neun Jahren wird sie ein Gespür für Harmonien entwickelt haben. Damit sind bereits die Grundlagen sowohl für Verdis Melodien als auch für den rauen Sound von Rammstein gelegt – welche Musik einmal ihr Herz berühren wird, hängt dann von vielerlei Faktoren ab, zum Beispiel davon, zu welchem Lebensgefühl und zu welchem Freundeskreis sie sich als Teenager hingezogen fühlen wird.

Dieses Gespür für Musik haben, abgesehen von Patienten mit seltenen neurologischen Erkrankungen, alle Menschen: Jeder ist grundsätzlich musikalisch. Wir alle können einfache Melodien mühelos in unterschiedliche Tonarten transponieren, auch ohne den Begriff der Tonart zu verstehen – also dieselbe Melodie von einem anderen Grundton beginnend singen. Der Neurowissenschaftler und Musiker Daniel Levitin von der kanadischen McGill University hat zudem nachgewiesen, dass auch Laien über ein weit besseres musikalisches Gedächtnis verfügen, als es ihnen selbst bewusst ist. Er bat Nichtmusiker, ihr Lieblingslied zu singen – ausgewertet wurden dabei nur Stücke, von denen es eine Aufnahme in einer festgelegten Tonart gab. Obwohl die 40 Testpersonen protestierten und von sich selbst sagten, gar nicht singen und erst recht keinen Ton halten zu können, zeigten die Aufnahmen doch, dass sie Stücke wie Billie Jean von Michael Jackson oder Like a Virgin von Madonna überraschend originalgetreu reproduzierten. Auch ohne absolutes Gehör sangen sie die ausgewählten Lieder nahezu in der Originaltonhöhe und fast im exakten Tempo. "Es klang, als würden die Testpersonen direkt zur Aufnahme mitsingen – dabei hatten wir ihnen diese gar nicht vorgespielt", schreibt Levitin in seinem Buch Der Musik-Instinkt .

Das Experiment zeigt, wie sehr sich Musik, oftmals schon ganz früh, ins Gehirn einprägen kann. So auch bei den vielen hervorragenden asiatischen Musikern, die ein Feingefühl für europäische Musik entwickelt haben: Sie wurden von Kindheit an mit dieser Musik groß – die Musik der eigenen Kultur spielte bei ihnen nur eine untergeordnete Rolle. Anders ist es bei Menschen in Indonesien beispielsweise, die bisher nichts mit westlicher Musik verband: Europäer, die in Jakarta leben, tun ihren einheimischen Nachbarn akustische Qualen an, wenn sie eine Beethoven-Sinfonie laut abspielen. Auf uns wiederum wirkt eine indische oder indonesische Komposition unweigerlich fremd – die andersartigen Tonleitern haben wir niemals in Form von Kinderliedern geübt.

Den Einfluss von Musik auf unser Gehirn haben auch Hirnforscher erkannt. Der deutsche Neurowissenschaftler Stefan Koelsch etwa hat in Untersuchungen zeigen können, dass fröhliche Musikstücke wie zum Beispiel das Allegro aus Bachs Viertem Brandenburgischem Konzert oder eine irische Tanzweise bei Patienten die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Blut verringerten – während einer Operation benötigten sie weniger von dem Narkosemittel Propofol.

Aufgrund solcher und anderer Wirkungen untersuchen Forscher zunehmend den Einsatz von Musik als Medizin . Manche Menschen lernen nach einem Schlaganfall oder einem Hirntrauma zusammen mit einem Therapeuten am Klavier, ihre Bewegungen wieder zu koordinieren. Tinnitus-Patienten kann speziell bearbeitete Musik dabei helfen, das rätselhafte Pfeifen und Klingeln in den Ohren wieder loszuwerden. Bei Menschen mit Alzheimer oder anderen Demenzerkrankungen kann gemeinsames Singen Verhaltensstörungen wie Aggressionen mildern, und die richtige Musik kann verschüttete Erinnerungen zurückholen und dem Leben wieder einen emotionalen Halt geben. So eng verwoben scheint Musik mit unserer Biografie, dass sie als emotionaler Kern selbst dann zurückbleibt, wenn andere Teile der Persönlichkeit bereits bröckeln und die Erinnerungen dahinschwinden.

Die Wirkung auf die menschliche Intelligenz ist umstritten

Musik kann sogar Hirnstrukturen formen. Bei Profimusikern sind solche Veränderungen auf Hirnscans besonders gut sichtbar. So ist bei ihnen zum Beispiel der sogenannte Balken, der die beiden Gehirnhälften verbindet, deutlich dicker, insbesondere wenn die Musiker vor ihrem siebten Lebensjahr den Unterricht am Instrument begonnen haben. Auch bei Amateurmusikern lässt sich in manchen Teilen der Großhirnrinde eine Zunahme der grauen Substanz nachweisen, was auf eine Vergrößerung der Nervenzellen oder auf eine intensivere Verschaltung hindeutet.

Da ist es nicht verwunderlich, dass Musik sogar eine Förderung der Intelligenz nachgesagt wird – spätestens seit einem Experiment, das die amerikanische Psychologin Frances Rauscher zusammen mit Kollegen in den neunziger Jahren durchführte und dessen Ergebnis als der "Mozart-Effekt" bekannt geworden ist. Rauscher testete College-Studenten, von denen die eine Gruppe zehn Minuten lang Mozarts Sonate für zwei Klaviere in D-Dur zu hören bekam, während sich die andere Gruppe ohne Musik entspannen sollte. Unmittelbar danach erzielten die Studenten der Mozart-Gruppe bei einem Intelligenztest signifikant höhere Werte, zumindest wenn es um räumliches Vorstellungsvermögen ging.

Seit jenem Experiment ist die Wirkung von Musik auf Intelligenzleistungen vielfach untersucht worden – allerdings mit unterschiedlichen und widersprüchlichen Ergebnissen . Der Neuropsychologe Lutz Jäncke fasst in seinem Buch Macht Musik schlau? die Datenlage zusammen und resümiert, dass der Mozart-Effekt in seiner ursprünglichen Interpretation ad acta gelegt werden müsse. Musik macht also nicht automatisch schlauer.

Vielleicht aber sind es die Art der Musik und ihre emotionale Wirkung, die Einfluss auf unsere Leistungen haben. Beim ersten Satz der Mozart-Sinfonie etwa sprudeln in virtuosem Auf und Ab die Töne; Energie und Lebensfreude schäumen geradezu über. Wer ist nach dieser Musik nicht in erregter, freudiger Stimmung? Und dass kognitive Leistungen auch vom Erregungszustand und von Emotionen abhängen, ist eine bekannte Tatsache.

Können wir unser Denken und andere Funktionen verbessern, indem wir nur die richtige Musik auswählen und so positive Gefühle auslösen? Eine gewisse Selbstbehandlung betreibt im Grunde jeder, der sich im Verlauf des Tages mit dem richtigen Song einen kleinen oder größeren Kick verschafft. Den deutschen Leistungsschwimmer Paul Biedermann etwa bringt harter Metal-Sound erst richtig in Stimmung für den Kampf um die entscheidende Hundertstelsekunde: "Metal macht mich auf eine positive Art aggressiv, hilft mir, an meine Grenzen zu gehen. Je schneller und härter der Song, desto besser." Besonders in Erinnerung behalten hat der Athlet den Song Feuer frei von Rammstein: "Der ging mir während der Rennen bei der Weltmeisterschaft in Rom 2009 durch den Kopf" – Biedermann gewann dort Gold und stellte einen neuen Weltrekord auf.

Wegen ihrer stimmungsaufhellenden Wirkung wird Musik sogar als Mittel zur systematischen Behandlung von Depressionen erprobt. Eine Studie der National University of Singapore hat beispielsweise gezeigt, dass Menschen in Altersheimen weniger unter Depressionen litten, wenn ihnen eine halbe Stunde am Tag ihre Lieblingsmusik vorgespielt wurde.

Doch so breit und so vielfältig die Wirkung von Musik auch ist, so schwer fällt es mitunter, mit solchen Behandlungen reproduzierbare Ergebnisse zu erzielen und daraus feste Therapievorgaben abzuleiten. "Ähnlich wie Aspirin kann auch Mozart gegen Kopfschmerz wirken, aber diese Wirkung ist nicht verlässlich", sagt André Klinkenstein, der derzeit das private Institut für Musiktherapie in Berlin leitet. "Das Stück, das uns heute glücklich stimmt, kann uns morgen schon traurig machen", sagt der Therapeut, der selbst nebenbei im "Kreuzberg-Terzett" Bass und Gitarre spielt.

Dennoch nutzt er an der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Martin-Gropius-Krankenhaus in Eberswalde die emotionale Wirkung von Musik – etwa bei Menschen, die unter schweren psychosomatischen Symptomen leiden. Er erinnert sich an ein 16-jähriges Mädchen, das immer wieder über Schmerzen in Hals, Kopf, Bauch und Rücken klagte. Die ehrgeizige Jugendliche war aber davon überzeugt, gar keine Hilfe zu benötigen. Klinkenstein setzte sie der sogenannten Regulativen Musiktherapie aus und konfrontierte sie in regelmäßigen Sitzungen jeweils zehn Minuten lang mit intensiver, vergleichsweise fremdartiger, ihr unbekannter Musik, etwa mit Klassik oder den sphärischen Klängen der isländischen Band Sigur Rós . Bei dieser Therapieform werden die Patienten aufgefordert, während des Musikhörens mit geschlossenen Augen auf Empfindungen und Gedanken zu achten, anschließend sprechen sie mit dem Therapeuten darüber.

Therapeuten gleichen mithilfe von Musik Defizite aus

"Musik ist ein starkes Gegenüber, das uns Menschen auf unterschiedlichste Art und Weise emotional fordert", sagt Klinkenstein. "Dadurch wird unsere innere Abwehr durchlässig, und unangenehme Gefühlsanteile können wahrgenommen und zugelassen werden." Bei der 16-jährigen Patientin trat auf diese Weise ein tiefsitzender Zorn zutage: "Sie war sauwütend auf Gott und die Welt, empfand geradezu Ekel vor ihrem Leben", erzählt Klinkenstein. Erst im Laufe der Therapie gelang es ihr, zu weinen und sich schließlich mit dem problematischen Verhältnis zu ihrer Mutter auseinanderzusetzen.

Musik kann nicht nur Emotionen vermitteln, sondern auch Kommunikation ohne Worte ermöglichen. "Musiktherapie ist in erster Linie dann angezeigt, wenn Menschen nicht sprechen können" sagt Karin Schumacher, Professorin am Musiktherapiezentrum der Universität der Künste in Berlin . Sie erforscht vor allem die Möglichkeiten, durch elementare, improvisierte Musik mit autistischen Kindern in Kontakt zu treten und deren zwischenmenschliche Fähigkeiten zu fördern. Doch auch andere Menschen kann man so zum Sprechen bringen, etwa demente Patienten oder solche, die aufgrund eines Schädel-Hirn-Traumas oder eines Schlaganfalls die Fähigkeit zu sprechen verloren haben. "Sogar Wachkomapatienten versuchen wir mit Musik zu erreichen", sagt Schumacher.

Mangelnde Kommunikation kann sich gerade auf die Entwicklung von kleinen Kindern empfindlich auswirken. Aus diesem Grund wenden die Therapeuten der KunstMusikRäume in Berlin-Kreuzberg seit einiger Zeit eine neue Methode an, um mithilfe von Musik Defizite auszugleichen. In der therapeutischen Einrichtung betreut ein kleines Team aus spezialisierten Musiktherapeuten Kinder, deren Erzieher und Lehrer angesichts massiver Entwicklungsverzögerungen und Verhaltensauffälligkeiten nicht mehr weiterwissen und die vom Jugendamt hierher verwiesen werden. Zentrum der Praxis ist ein heller, weiter Raum, in dessen Mitte eine große Trommel steht, die von Sitzkissen umsäumt wird. An den Wänden hängen verschiedene, meist einfache Instrumente, in der Ecke steht ein Klavier. Als der zweijährige Paul* mit seiner Mutter hereinkommt, lassen sich die beiden auf dem Boden nieder. Paul ist hier, weil es ihm schier unmöglich ist, sich auch nur für kurze Zeit von seiner Mutter zu lösen und sich anderen Dingen zuzuwenden. Die Therapeutin Kathrin Vogt setzt sich zu den beiden, schlägt die Saiten ihrer Gitarre an und singt dazu ein improvisiertes Lied: "Hallo, Paul, hallo, Paul, was ist denn da?" Zunächst wandert der Blick des kleinen Jungen ziellos im Zimmer umher. Er schmiegt sich in den Schoß seiner Mutter. Als diese Pauls Arme hebt, hält Vogt in ihrem Lied inne, es entsteht eine kleine dramatische Pause. Erst als die Hände von Mutter und Kind heruntersinken, fährt sie mit dem nächsten Ton fort. Ein kurzes Lächeln huscht über das Gesicht des Jungen. Ermutigt durch den lustigen Effekt, hebt er, diesmal aus eigenem Antrieb, erneut seine Arme – und wieder hält die Therapeutin inne. Immer wieder reagiert sie auf kleinste Impulse, kommentiert mit Gitarre und Gesang das Verhalten von Mutter und Kind, während diese zu gemeinsamen Aktionen zusammenfinden.

Ein halbes Jahr später ist aus dem zögernden Beginn ein vergnügtes Spiel geworden, bei dem der Junge begeistert durch den Raum rennt. "Die Probleme von Paul rühren daher, dass die Mutter bislang sehr verhalten und unsicher reagiert hat und auf die Signale ihres Kindes nicht angemessen eingehen konnte", erklärt die Therapeutin.

Bei solchen Störungen der Mutter-Kind-Beziehung stößt Kathrin Vogt etwas an, das normalerweise früh in der Entwicklung des Kindes geschieht. Durch lautmalerische Übertreibungen in ihrer Sprache versuchen Eltern, die Aufmerksamkeit ihres Babys auf sich zu ziehen und eine Kommunikation herzustellen. "Die Musik hat viele Elemente dieser frühen Babysprache", sagt Vogt. "Ich bringe damit Mutter und Kind in Kontakt und synchronisiere ihre Aktionen und Empfindungen." Das von den beiden deutschen Psychotherapeutinnen Katrin Stumptner und Cornelia Thomsen entwickelte Konzept soll demnächst auch an der Berliner Universität der Künste gelehrt werden.

Die kanadische Psychologin Sandra Trehub, die lange die Interaktion von Kleinkindern und Müttern und deren Babysprache studiert hat, vermutet in dieser lautmalerischen Sprechweise sogar einen Ursprung von Musik. Und die amerikanische Anthropologin Dean Falk sieht darin einen Beleg für die gemeinsamen Wurzeln von Sprache und Musik: Als die Gehirne der frühen Hominiden größer wurden, kamen Babys zunehmend unreif zur Welt, damit ihre Köpfe noch den Geburtskanal passieren konnten. Während neugeborene Affen sich im Fell ihrer Mütter festklammern können, mussten die Vormenschen, so Falk, eine Möglichkeit entwickeln, ihr Kind auch auf akustische Weise zu beruhigen. Wenn sie mit dem Säugling durch Säuseln und Gurren in Kontakt blieben, konnten sie auch ein waches Kind leichter ablegen und hatten die Hände frei, so die Theorie.

Mit Sicherheit hat die Menschheit das Musizieren schon lange vor der Landwirtschaft entwickelt, manche Funde von Knochenflöten sind älter als 30.000 Jahre. Dabei ist die Unterteilung in Musiker und passive Zuhörer eine vergleichsweise neue Entwicklung. Während eines Großteils der Menschheitsgeschichte war Musik wohl meist ein gemeinschaftliches, oft mit Tanz verbundenes Erlebnis. Musik könnte frühzeitig das Zusammengehörigkeitsgefühl von Stammesgruppen gestärkt haben. Der Psychologe Robin Dunbar von der University of Liverpool argumentiert, dass schon frühe Hominiden ihre Gehirne durch gemeinsames Musizieren und Tanzen quasi in beglückenden Endorphinen gebadet hätten – als Äquivalent zum gegenseitigen Lausen von Affen, das zu einer Dopamin-Ausschüttung im Gehirn führt und so soziale Strukturen festigt. Musik, so Dunbar, schließe heutzutage gleichsam die "Endorphin-Lücke", die seit der Entstehung der eher verstandesbetonten Kommunikation durch Sprache entstanden sei.

Anschauliche Beispiele für die These findet man auch mitten in einer modernen Großstadt.

Five, six, seven, eight ", zählt Be van Vark, dann setzt die grazile Frau zu einer Folge von Schritten an. Die kleine Gruppe von Neuntklässlern folgt ihr zögernd, ungeschickt. In der Kulturwerkstätte Schlesische27 in Berlin-Kreuzberg arbeitet die Choreografin eine Woche lang intensiv mit Schülern der Otto-Hahn-Schule in Neukölln. Es ist eine jener Schulen, die mit einem Anteil von 80 Prozent Schülern ausländischer Herkunft immer wieder mit negativen Schlagzeilen in der Presse auftauchen. "Die Hälfte der Klasse ist auf dem Niveau von Dritt- oder Viertklässlern", klagt der Klassenlehrer.

Musik bedient uralte Mechanismen unserer Psyche

Die Schüler, die am Montagmorgen die ersten Tanzschritte lernen, wirken zunächst eher lustlos. Gehemmt und unkoordiniert, geradezu peinlich berührt folgen sie der Choreografin. Als diese dann einen schnellen Beat auflegt und die gleichen Schritte dazu noch einmal vorführt, kommt in einige schon etwas mehr Leben, ihre Bewegungen werden zunehmend synchron. Am Ende der Woche präsentieren sich die Schüler einem kleinen Publikum – als Gruppe: Sie stellen in mehreren Sequenzen die Planeten des Sonnensystems dar. Die Darbietung beginnt zögerlich, doch dann ertönt der Achtziger-Jahre-Hit Venus der britischen Girlgroup Bananarama. Eine Schülerin betritt, in eine Robe gehüllt, den Raum, und plötzlich wird für einen Moment aus dem schüchternen Mädchen eine Diva, sie wirft den Kopf zurück, winkt mit selbstbewusster Geste einen Jungen herbei. Der wirbelt kurz darauf zu den Klängen der Orchestersuite von Gustav Holsts The Planets durch den Raum, vollführt wilde, geradezu anmutige Sprünge. Es ist pures Glücksgefühl, das da zu bewundern ist.

"Die Musik habe ich bewusst ausgewählt, weil sie erst einmal ganz fremd ist", erklärt Be van Vark. Anfangs hätten die Schüler sie überhaupt nicht einordnen können. "Aber wenn man eine Musik hundertmal in einer Woche hört, entwickelt man unweigerlich eine Beziehung dazu, und am Ende wollte jeder unbedingt eine CD." Der Klassenlehrer schwärmt geradezu über das Projekt: "Unsere Schüler finden die meiste Zeit in ihrem Leben keine Möglichkeit, sich auszudrücken. Die Woche hier ist für uns wie ein Sechser im Lotto. In einem Projekt wie diesem entdecken sie Fähigkeiten, die sie sich nie zugetraut hätten."

Neue Unterstützung für die These von der Musik als Glücksproduzent liefert eine Arbeit der Neuroforscherin Valori Salimpoor von der kanadischen McGill University . Sie konnte kürzlich das Gänsehautgefühl, das Musik zuweilen erzeugt, mithilfe bildgebender Verfahren im Gehirn sichtbar machen. Für das Experiment brachten die untersuchten Probanden jene Lieblingsstücke mit, die bei ihnen besonders wohlige Schauder hervorriefen. Die Auswahl reichte vom Adagio for Strings des amerikanischen Komponisten Samuel Barber bis zu Led Zeppelins Moby Dick . Die Studie zeigte, dass in den am intensivsten erlebten Momenten der Nucleus accumbens im Gehirn der Probanden mit Dopamin regelrecht überflutet wurde. Diese entwicklungsgeschichtlich alte Hirnregion ist Teil des Belohnungssystems, das uns Wohlgefühle beim Essen, Sex oder Drogenkonsum beschert.

Das Experiment zeigte überdies, dass bei den Musikliebhabern im Hirnscanner einige Sekunden vor dem größten Wohlgefühl bereits eine verwandte Hirnstruktur, der Nucleus caudatus, mit einem noch größeren Dopamin-Ausstoß bedacht wurde. Diese Region ist für Erwartungshaltungen verantwortlich, etwa wenn uns beim Duft von Essen das Wasser im Mund zusammenläuft.

Musik bedient also uralte Mechanismen unserer Psyche und spielt auf der gesamten Klaviatur der menschlichen Motivation. Allerdings ist der Mensch auch ohne Musik durchaus vorstellbar. Der Kognitionswissenschaftler Stephen Pinker hat Musik daher einmal als "akustischen Käsekuchen" bezeichnet. So wie Käsekuchen die menschlichen Vorlieben für Zucker und Fett befriedige, sei Musik ein Zufallsprodukt, das unsere Lustzentren befeuere. Eine ähnliche Meinung vertritt der amerikanische Psychologe Gary Marcus von der New York University : "Ich glaube nicht, dass wir mit einem Instinkt für Musik geboren werden. Wir werden mit einer ganzen Reihe von Fähigkeiten geboren, die uns empfänglich für Musik machen, aber das gilt auch für Videospiele."

Der amerikanische Neurobiologe Mark Chanzini bezeichnet Musik als "kulturellen Symbionten", der sich grundlegende Fähigkeiten des Gehirns zunutze mache. Von jeher sei der Mensch darauf angewiesen gewesen, akustische Signale aus der Umwelt zu interpretieren. Musik sei zunächst in die Gehirne der Menschen gelangt, weil die Klangstrukturen emotional bedeutsame Geräusche der Natur imitierten – insbesondere den gleichmäßigen Rhythmus eines gehenden Mitmenschen. Dann aber habe sich der Symbiont gemeinsam mit dem Menschen weiterentwickelt – und so zusammen mit anderen kulturellen Fertigkeiten wie der Sprache das Menschsein überhaupt erst begründet.

So intellektuell reizvoll derartige Theorien auch sein mögen, ganz begreifen werden wir die Faszination, die Magie der Musik wohl nicht. Wie entstehen musikalische Ideen, die dann ihren Siegeszug um die Welt antreten und mitunter unsterblich werden? "Wir haben eine Gabe, diese martialisch-majestätischen Klänge zu erzeugen", sagt der Rammstein-Schlagzeuger Christoph Schneider. "Wenn Besuch da ist" – so nennen die Bandmitglieder jenen magischen Moment, wenn ein neues Stück entsteht, das ihre Fans gefangen nehmen wird. "Wir wissen es immer sofort, wenn uns ein solcher Gänsehaut-Moment gelingt, dann darf nichts mehr geändert werden."

Giuseppe Verdi kann sich zur Quelle seiner Inspiration nicht mehr äußern, doch durch seine Wirkung über die Jahrhunderte hinweg ist er der Unsterblichkeit so nahe wie irgend möglich gekommen. "Seine Musik klingt so einfach, und doch ist Verdi so tief, so reich, jede Note hat etwas zu erzählen", schwärmt Ivan Repušić, nachdem er am Ende von Rigoletto den donnernden Applaus des Opernpublikums in Berlin entgegengenommen hat. Der junge, aus Kroatien stammende Dirigent ringt kurz nach Worten. "Etwas, was man nicht beschreiben kann, was man nur fühlt – das ist Musik."