Und das geschieht schon früh – im Mutterleib. Die Psychologin Alexandra Lamon von der Keele University in Großbritannien hat es in einem Experiment nachgewiesen, in dem Mütter während der letzten drei Monate der Schwangerschaft immer wieder dasselbe Musikstück anhörten – eine Komposition von Mozart oder Vivaldi, ein Reggaelied oder einen Popsong aus den Top-Charts. Nach der Geburt durften die Mütter ihren Kindern dieses Stück dann ein Jahr lang nicht vorspielen. In einer ausgeklügelten Versuchsanordnung konnte Alexandra Lamon anschließend nachweisen, dass die einjährigen Kinder dieses Musikstück lieber mögen als andere, ähnliche Stücke.

Es vergeht nicht viel Zeit, da kann das Gehirn eines Kindes nicht nur Musik von außen einordnen, sondern auch selbst welche kreieren. Wie gut das bereits bei Dreijährigen klappt, lässt sich an Ava beobachten. Das Mädchen sitzt in seinem Zimmer inmitten verstreuter Spielsachen und greift zunächst nach seinem Puzzle. Doch dann fällt ihr Blick auf ein Bilderbuch mit Kinderliedern. Das Puzzle lässt Ava liegen, nimmt das Buch. Beim Blättern summt sie vor sich hin, dann plötzlich sieht sie ein bekanntes Bild, eine Melodie kommt ihr in den Sinn. Zaghaft, lispelnd beginnt sie: "Auf einem Baum ein Kuckuck..." Bei manchen Stellen wird sie unsicher, trifft den Ton nicht ganz, doch unverkennbar ist da die Melodie. Beim Refrain "Simsalabimbambasaladusaladim" geht es dann schon ganz flott.

Was Ava hier mit so viel Begeisterung trainiert, sind die Abstände, mit denen die westliche Musik eine Oktave in eine Tonleiter unterteilt. Besonders ein beliebtes Intervall wird eingeübt: die Terz, die in vielen Kinderliedern vorherrscht. Avas Mutter wird das Lied bald langweilig, sie blättert weiter und singt ein neues. Schnell holt sich Ava eine Rassel und schlägt den Takt dazu, noch ungenau, aber voller Eifer und hoch konzentriert.

Die Neugier und die Freude an Melodien und Rhythmen sind deutlich spürbar, genau wie bunte Farben, Formen, Wörter und Geschichten üben sie einen unwiderstehlichen Sog auf Kinder aus. Schon bald wird Ava ein falscher Ton in einem bekannten Lied ähnlich aufstoßen wie ein unsinniges Wort in einem gesprochenen Satz. Im Alter von acht oder neun Jahren wird sie ein Gespür für Harmonien entwickelt haben. Damit sind bereits die Grundlagen sowohl für Verdis Melodien als auch für den rauen Sound von Rammstein gelegt – welche Musik einmal ihr Herz berühren wird, hängt dann von vielerlei Faktoren ab, zum Beispiel davon, zu welchem Lebensgefühl und zu welchem Freundeskreis sie sich als Teenager hingezogen fühlen wird.

Dieses Gespür für Musik haben, abgesehen von Patienten mit seltenen neurologischen Erkrankungen, alle Menschen: Jeder ist grundsätzlich musikalisch. Wir alle können einfache Melodien mühelos in unterschiedliche Tonarten transponieren, auch ohne den Begriff der Tonart zu verstehen – also dieselbe Melodie von einem anderen Grundton beginnend singen. Der Neurowissenschaftler und Musiker Daniel Levitin von der kanadischen McGill University hat zudem nachgewiesen, dass auch Laien über ein weit besseres musikalisches Gedächtnis verfügen, als es ihnen selbst bewusst ist. Er bat Nichtmusiker, ihr Lieblingslied zu singen – ausgewertet wurden dabei nur Stücke, von denen es eine Aufnahme in einer festgelegten Tonart gab. Obwohl die 40 Testpersonen protestierten und von sich selbst sagten, gar nicht singen und erst recht keinen Ton halten zu können, zeigten die Aufnahmen doch, dass sie Stücke wie Billie Jean von Michael Jackson oder Like a Virgin von Madonna überraschend originalgetreu reproduzierten. Auch ohne absolutes Gehör sangen sie die ausgewählten Lieder nahezu in der Originaltonhöhe und fast im exakten Tempo. "Es klang, als würden die Testpersonen direkt zur Aufnahme mitsingen – dabei hatten wir ihnen diese gar nicht vorgespielt", schreibt Levitin in seinem Buch Der Musik-Instinkt .

Das Experiment zeigt, wie sehr sich Musik, oftmals schon ganz früh, ins Gehirn einprägen kann. So auch bei den vielen hervorragenden asiatischen Musikern, die ein Feingefühl für europäische Musik entwickelt haben: Sie wurden von Kindheit an mit dieser Musik groß – die Musik der eigenen Kultur spielte bei ihnen nur eine untergeordnete Rolle. Anders ist es bei Menschen in Indonesien beispielsweise, die bisher nichts mit westlicher Musik verband: Europäer, die in Jakarta leben, tun ihren einheimischen Nachbarn akustische Qualen an, wenn sie eine Beethoven-Sinfonie laut abspielen. Auf uns wiederum wirkt eine indische oder indonesische Komposition unweigerlich fremd – die andersartigen Tonleitern haben wir niemals in Form von Kinderliedern geübt.

Den Einfluss von Musik auf unser Gehirn haben auch Hirnforscher erkannt. Der deutsche Neurowissenschaftler Stefan Koelsch etwa hat in Untersuchungen zeigen können, dass fröhliche Musikstücke wie zum Beispiel das Allegro aus Bachs Viertem Brandenburgischem Konzert oder eine irische Tanzweise bei Patienten die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Blut verringerten – während einer Operation benötigten sie weniger von dem Narkosemittel Propofol.

Aufgrund solcher und anderer Wirkungen untersuchen Forscher zunehmend den Einsatz von Musik als Medizin . Manche Menschen lernen nach einem Schlaganfall oder einem Hirntrauma zusammen mit einem Therapeuten am Klavier, ihre Bewegungen wieder zu koordinieren. Tinnitus-Patienten kann speziell bearbeitete Musik dabei helfen, das rätselhafte Pfeifen und Klingeln in den Ohren wieder loszuwerden. Bei Menschen mit Alzheimer oder anderen Demenzerkrankungen kann gemeinsames Singen Verhaltensstörungen wie Aggressionen mildern, und die richtige Musik kann verschüttete Erinnerungen zurückholen und dem Leben wieder einen emotionalen Halt geben. So eng verwoben scheint Musik mit unserer Biografie, dass sie als emotionaler Kern selbst dann zurückbleibt, wenn andere Teile der Persönlichkeit bereits bröckeln und die Erinnerungen dahinschwinden.