Musik kann sogar Hirnstrukturen formen. Bei Profimusikern sind solche Veränderungen auf Hirnscans besonders gut sichtbar. So ist bei ihnen zum Beispiel der sogenannte Balken, der die beiden Gehirnhälften verbindet, deutlich dicker, insbesondere wenn die Musiker vor ihrem siebten Lebensjahr den Unterricht am Instrument begonnen haben. Auch bei Amateurmusikern lässt sich in manchen Teilen der Großhirnrinde eine Zunahme der grauen Substanz nachweisen, was auf eine Vergrößerung der Nervenzellen oder auf eine intensivere Verschaltung hindeutet.

Da ist es nicht verwunderlich, dass Musik sogar eine Förderung der Intelligenz nachgesagt wird – spätestens seit einem Experiment, das die amerikanische Psychologin Frances Rauscher zusammen mit Kollegen in den neunziger Jahren durchführte und dessen Ergebnis als der "Mozart-Effekt" bekannt geworden ist. Rauscher testete College-Studenten, von denen die eine Gruppe zehn Minuten lang Mozarts Sonate für zwei Klaviere in D-Dur zu hören bekam, während sich die andere Gruppe ohne Musik entspannen sollte. Unmittelbar danach erzielten die Studenten der Mozart-Gruppe bei einem Intelligenztest signifikant höhere Werte, zumindest wenn es um räumliches Vorstellungsvermögen ging.

Seit jenem Experiment ist die Wirkung von Musik auf Intelligenzleistungen vielfach untersucht worden – allerdings mit unterschiedlichen und widersprüchlichen Ergebnissen . Der Neuropsychologe Lutz Jäncke fasst in seinem Buch Macht Musik schlau? die Datenlage zusammen und resümiert, dass der Mozart-Effekt in seiner ursprünglichen Interpretation ad acta gelegt werden müsse. Musik macht also nicht automatisch schlauer.

Vielleicht aber sind es die Art der Musik und ihre emotionale Wirkung, die Einfluss auf unsere Leistungen haben. Beim ersten Satz der Mozart-Sinfonie etwa sprudeln in virtuosem Auf und Ab die Töne; Energie und Lebensfreude schäumen geradezu über. Wer ist nach dieser Musik nicht in erregter, freudiger Stimmung? Und dass kognitive Leistungen auch vom Erregungszustand und von Emotionen abhängen, ist eine bekannte Tatsache.

Können wir unser Denken und andere Funktionen verbessern, indem wir nur die richtige Musik auswählen und so positive Gefühle auslösen? Eine gewisse Selbstbehandlung betreibt im Grunde jeder, der sich im Verlauf des Tages mit dem richtigen Song einen kleinen oder größeren Kick verschafft. Den deutschen Leistungsschwimmer Paul Biedermann etwa bringt harter Metal-Sound erst richtig in Stimmung für den Kampf um die entscheidende Hundertstelsekunde: "Metal macht mich auf eine positive Art aggressiv, hilft mir, an meine Grenzen zu gehen. Je schneller und härter der Song, desto besser." Besonders in Erinnerung behalten hat der Athlet den Song Feuer frei von Rammstein: "Der ging mir während der Rennen bei der Weltmeisterschaft in Rom 2009 durch den Kopf" – Biedermann gewann dort Gold und stellte einen neuen Weltrekord auf.

Wegen ihrer stimmungsaufhellenden Wirkung wird Musik sogar als Mittel zur systematischen Behandlung von Depressionen erprobt. Eine Studie der National University of Singapore hat beispielsweise gezeigt, dass Menschen in Altersheimen weniger unter Depressionen litten, wenn ihnen eine halbe Stunde am Tag ihre Lieblingsmusik vorgespielt wurde.

Doch so breit und so vielfältig die Wirkung von Musik auch ist, so schwer fällt es mitunter, mit solchen Behandlungen reproduzierbare Ergebnisse zu erzielen und daraus feste Therapievorgaben abzuleiten. "Ähnlich wie Aspirin kann auch Mozart gegen Kopfschmerz wirken, aber diese Wirkung ist nicht verlässlich", sagt André Klinkenstein, der derzeit das private Institut für Musiktherapie in Berlin leitet. "Das Stück, das uns heute glücklich stimmt, kann uns morgen schon traurig machen", sagt der Therapeut, der selbst nebenbei im "Kreuzberg-Terzett" Bass und Gitarre spielt.

Dennoch nutzt er an der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Martin-Gropius-Krankenhaus in Eberswalde die emotionale Wirkung von Musik – etwa bei Menschen, die unter schweren psychosomatischen Symptomen leiden. Er erinnert sich an ein 16-jähriges Mädchen, das immer wieder über Schmerzen in Hals, Kopf, Bauch und Rücken klagte. Die ehrgeizige Jugendliche war aber davon überzeugt, gar keine Hilfe zu benötigen. Klinkenstein setzte sie der sogenannten Regulativen Musiktherapie aus und konfrontierte sie in regelmäßigen Sitzungen jeweils zehn Minuten lang mit intensiver, vergleichsweise fremdartiger, ihr unbekannter Musik, etwa mit Klassik oder den sphärischen Klängen der isländischen Band Sigur Rós . Bei dieser Therapieform werden die Patienten aufgefordert, während des Musikhörens mit geschlossenen Augen auf Empfindungen und Gedanken zu achten, anschließend sprechen sie mit dem Therapeuten darüber.