"Musik ist ein starkes Gegenüber, das uns Menschen auf unterschiedlichste Art und Weise emotional fordert", sagt Klinkenstein. "Dadurch wird unsere innere Abwehr durchlässig, und unangenehme Gefühlsanteile können wahrgenommen und zugelassen werden." Bei der 16-jährigen Patientin trat auf diese Weise ein tiefsitzender Zorn zutage: "Sie war sauwütend auf Gott und die Welt, empfand geradezu Ekel vor ihrem Leben", erzählt Klinkenstein. Erst im Laufe der Therapie gelang es ihr, zu weinen und sich schließlich mit dem problematischen Verhältnis zu ihrer Mutter auseinanderzusetzen.

Musik kann nicht nur Emotionen vermitteln, sondern auch Kommunikation ohne Worte ermöglichen. "Musiktherapie ist in erster Linie dann angezeigt, wenn Menschen nicht sprechen können" sagt Karin Schumacher, Professorin am Musiktherapiezentrum der Universität der Künste in Berlin . Sie erforscht vor allem die Möglichkeiten, durch elementare, improvisierte Musik mit autistischen Kindern in Kontakt zu treten und deren zwischenmenschliche Fähigkeiten zu fördern. Doch auch andere Menschen kann man so zum Sprechen bringen, etwa demente Patienten oder solche, die aufgrund eines Schädel-Hirn-Traumas oder eines Schlaganfalls die Fähigkeit zu sprechen verloren haben. "Sogar Wachkomapatienten versuchen wir mit Musik zu erreichen", sagt Schumacher.

Mangelnde Kommunikation kann sich gerade auf die Entwicklung von kleinen Kindern empfindlich auswirken. Aus diesem Grund wenden die Therapeuten der KunstMusikRäume in Berlin-Kreuzberg seit einiger Zeit eine neue Methode an, um mithilfe von Musik Defizite auszugleichen. In der therapeutischen Einrichtung betreut ein kleines Team aus spezialisierten Musiktherapeuten Kinder, deren Erzieher und Lehrer angesichts massiver Entwicklungsverzögerungen und Verhaltensauffälligkeiten nicht mehr weiterwissen und die vom Jugendamt hierher verwiesen werden. Zentrum der Praxis ist ein heller, weiter Raum, in dessen Mitte eine große Trommel steht, die von Sitzkissen umsäumt wird. An den Wänden hängen verschiedene, meist einfache Instrumente, in der Ecke steht ein Klavier. Als der zweijährige Paul* mit seiner Mutter hereinkommt, lassen sich die beiden auf dem Boden nieder. Paul ist hier, weil es ihm schier unmöglich ist, sich auch nur für kurze Zeit von seiner Mutter zu lösen und sich anderen Dingen zuzuwenden. Die Therapeutin Kathrin Vogt setzt sich zu den beiden, schlägt die Saiten ihrer Gitarre an und singt dazu ein improvisiertes Lied: "Hallo, Paul, hallo, Paul, was ist denn da?" Zunächst wandert der Blick des kleinen Jungen ziellos im Zimmer umher. Er schmiegt sich in den Schoß seiner Mutter. Als diese Pauls Arme hebt, hält Vogt in ihrem Lied inne, es entsteht eine kleine dramatische Pause. Erst als die Hände von Mutter und Kind heruntersinken, fährt sie mit dem nächsten Ton fort. Ein kurzes Lächeln huscht über das Gesicht des Jungen. Ermutigt durch den lustigen Effekt, hebt er, diesmal aus eigenem Antrieb, erneut seine Arme – und wieder hält die Therapeutin inne. Immer wieder reagiert sie auf kleinste Impulse, kommentiert mit Gitarre und Gesang das Verhalten von Mutter und Kind, während diese zu gemeinsamen Aktionen zusammenfinden.

Ein halbes Jahr später ist aus dem zögernden Beginn ein vergnügtes Spiel geworden, bei dem der Junge begeistert durch den Raum rennt. "Die Probleme von Paul rühren daher, dass die Mutter bislang sehr verhalten und unsicher reagiert hat und auf die Signale ihres Kindes nicht angemessen eingehen konnte", erklärt die Therapeutin.

Bei solchen Störungen der Mutter-Kind-Beziehung stößt Kathrin Vogt etwas an, das normalerweise früh in der Entwicklung des Kindes geschieht. Durch lautmalerische Übertreibungen in ihrer Sprache versuchen Eltern, die Aufmerksamkeit ihres Babys auf sich zu ziehen und eine Kommunikation herzustellen. "Die Musik hat viele Elemente dieser frühen Babysprache", sagt Vogt. "Ich bringe damit Mutter und Kind in Kontakt und synchronisiere ihre Aktionen und Empfindungen." Das von den beiden deutschen Psychotherapeutinnen Katrin Stumptner und Cornelia Thomsen entwickelte Konzept soll demnächst auch an der Berliner Universität der Künste gelehrt werden.

Die kanadische Psychologin Sandra Trehub, die lange die Interaktion von Kleinkindern und Müttern und deren Babysprache studiert hat, vermutet in dieser lautmalerischen Sprechweise sogar einen Ursprung von Musik. Und die amerikanische Anthropologin Dean Falk sieht darin einen Beleg für die gemeinsamen Wurzeln von Sprache und Musik: Als die Gehirne der frühen Hominiden größer wurden, kamen Babys zunehmend unreif zur Welt, damit ihre Köpfe noch den Geburtskanal passieren konnten. Während neugeborene Affen sich im Fell ihrer Mütter festklammern können, mussten die Vormenschen, so Falk, eine Möglichkeit entwickeln, ihr Kind auch auf akustische Weise zu beruhigen. Wenn sie mit dem Säugling durch Säuseln und Gurren in Kontakt blieben, konnten sie auch ein waches Kind leichter ablegen und hatten die Hände frei, so die Theorie.

Mit Sicherheit hat die Menschheit das Musizieren schon lange vor der Landwirtschaft entwickelt, manche Funde von Knochenflöten sind älter als 30.000 Jahre. Dabei ist die Unterteilung in Musiker und passive Zuhörer eine vergleichsweise neue Entwicklung. Während eines Großteils der Menschheitsgeschichte war Musik wohl meist ein gemeinschaftliches, oft mit Tanz verbundenes Erlebnis. Musik könnte frühzeitig das Zusammengehörigkeitsgefühl von Stammesgruppen gestärkt haben. Der Psychologe Robin Dunbar von der University of Liverpool argumentiert, dass schon frühe Hominiden ihre Gehirne durch gemeinsames Musizieren und Tanzen quasi in beglückenden Endorphinen gebadet hätten – als Äquivalent zum gegenseitigen Lausen von Affen, das zu einer Dopamin-Ausschüttung im Gehirn führt und so soziale Strukturen festigt. Musik, so Dunbar, schließe heutzutage gleichsam die "Endorphin-Lücke", die seit der Entstehung der eher verstandesbetonten Kommunikation durch Sprache entstanden sei.

Anschauliche Beispiele für die These findet man auch mitten in einer modernen Großstadt.

Five, six, seven, eight ", zählt Be van Vark, dann setzt die grazile Frau zu einer Folge von Schritten an. Die kleine Gruppe von Neuntklässlern folgt ihr zögernd, ungeschickt. In der Kulturwerkstätte Schlesische27 in Berlin-Kreuzberg arbeitet die Choreografin eine Woche lang intensiv mit Schülern der Otto-Hahn-Schule in Neukölln. Es ist eine jener Schulen, die mit einem Anteil von 80 Prozent Schülern ausländischer Herkunft immer wieder mit negativen Schlagzeilen in der Presse auftauchen. "Die Hälfte der Klasse ist auf dem Niveau von Dritt- oder Viertklässlern", klagt der Klassenlehrer.