Die Schüler, die am Montagmorgen die ersten Tanzschritte lernen, wirken zunächst eher lustlos. Gehemmt und unkoordiniert, geradezu peinlich berührt folgen sie der Choreografin. Als diese dann einen schnellen Beat auflegt und die gleichen Schritte dazu noch einmal vorführt, kommt in einige schon etwas mehr Leben, ihre Bewegungen werden zunehmend synchron. Am Ende der Woche präsentieren sich die Schüler einem kleinen Publikum – als Gruppe: Sie stellen in mehreren Sequenzen die Planeten des Sonnensystems dar. Die Darbietung beginnt zögerlich, doch dann ertönt der Achtziger-Jahre-Hit Venus der britischen Girlgroup Bananarama. Eine Schülerin betritt, in eine Robe gehüllt, den Raum, und plötzlich wird für einen Moment aus dem schüchternen Mädchen eine Diva, sie wirft den Kopf zurück, winkt mit selbstbewusster Geste einen Jungen herbei. Der wirbelt kurz darauf zu den Klängen der Orchestersuite von Gustav Holsts The Planets durch den Raum, vollführt wilde, geradezu anmutige Sprünge. Es ist pures Glücksgefühl, das da zu bewundern ist.

"Die Musik habe ich bewusst ausgewählt, weil sie erst einmal ganz fremd ist", erklärt Be van Vark. Anfangs hätten die Schüler sie überhaupt nicht einordnen können. "Aber wenn man eine Musik hundertmal in einer Woche hört, entwickelt man unweigerlich eine Beziehung dazu, und am Ende wollte jeder unbedingt eine CD." Der Klassenlehrer schwärmt geradezu über das Projekt: "Unsere Schüler finden die meiste Zeit in ihrem Leben keine Möglichkeit, sich auszudrücken. Die Woche hier ist für uns wie ein Sechser im Lotto. In einem Projekt wie diesem entdecken sie Fähigkeiten, die sie sich nie zugetraut hätten."

Neue Unterstützung für die These von der Musik als Glücksproduzent liefert eine Arbeit der Neuroforscherin Valori Salimpoor von der kanadischen McGill University . Sie konnte kürzlich das Gänsehautgefühl, das Musik zuweilen erzeugt, mithilfe bildgebender Verfahren im Gehirn sichtbar machen. Für das Experiment brachten die untersuchten Probanden jene Lieblingsstücke mit, die bei ihnen besonders wohlige Schauder hervorriefen. Die Auswahl reichte vom Adagio for Strings des amerikanischen Komponisten Samuel Barber bis zu Led Zeppelins Moby Dick . Die Studie zeigte, dass in den am intensivsten erlebten Momenten der Nucleus accumbens im Gehirn der Probanden mit Dopamin regelrecht überflutet wurde. Diese entwicklungsgeschichtlich alte Hirnregion ist Teil des Belohnungssystems, das uns Wohlgefühle beim Essen, Sex oder Drogenkonsum beschert.

Das Experiment zeigte überdies, dass bei den Musikliebhabern im Hirnscanner einige Sekunden vor dem größten Wohlgefühl bereits eine verwandte Hirnstruktur, der Nucleus caudatus, mit einem noch größeren Dopamin-Ausstoß bedacht wurde. Diese Region ist für Erwartungshaltungen verantwortlich, etwa wenn uns beim Duft von Essen das Wasser im Mund zusammenläuft.

Musik bedient also uralte Mechanismen unserer Psyche und spielt auf der gesamten Klaviatur der menschlichen Motivation. Allerdings ist der Mensch auch ohne Musik durchaus vorstellbar. Der Kognitionswissenschaftler Stephen Pinker hat Musik daher einmal als "akustischen Käsekuchen" bezeichnet. So wie Käsekuchen die menschlichen Vorlieben für Zucker und Fett befriedige, sei Musik ein Zufallsprodukt, das unsere Lustzentren befeuere. Eine ähnliche Meinung vertritt der amerikanische Psychologe Gary Marcus von der New York University : "Ich glaube nicht, dass wir mit einem Instinkt für Musik geboren werden. Wir werden mit einer ganzen Reihe von Fähigkeiten geboren, die uns empfänglich für Musik machen, aber das gilt auch für Videospiele."

Der amerikanische Neurobiologe Mark Chanzini bezeichnet Musik als "kulturellen Symbionten", der sich grundlegende Fähigkeiten des Gehirns zunutze mache. Von jeher sei der Mensch darauf angewiesen gewesen, akustische Signale aus der Umwelt zu interpretieren. Musik sei zunächst in die Gehirne der Menschen gelangt, weil die Klangstrukturen emotional bedeutsame Geräusche der Natur imitierten – insbesondere den gleichmäßigen Rhythmus eines gehenden Mitmenschen. Dann aber habe sich der Symbiont gemeinsam mit dem Menschen weiterentwickelt – und so zusammen mit anderen kulturellen Fertigkeiten wie der Sprache das Menschsein überhaupt erst begründet.

So intellektuell reizvoll derartige Theorien auch sein mögen, ganz begreifen werden wir die Faszination, die Magie der Musik wohl nicht. Wie entstehen musikalische Ideen, die dann ihren Siegeszug um die Welt antreten und mitunter unsterblich werden? "Wir haben eine Gabe, diese martialisch-majestätischen Klänge zu erzeugen", sagt der Rammstein-Schlagzeuger Christoph Schneider. "Wenn Besuch da ist" – so nennen die Bandmitglieder jenen magischen Moment, wenn ein neues Stück entsteht, das ihre Fans gefangen nehmen wird. "Wir wissen es immer sofort, wenn uns ein solcher Gänsehaut-Moment gelingt, dann darf nichts mehr geändert werden."

Giuseppe Verdi kann sich zur Quelle seiner Inspiration nicht mehr äußern, doch durch seine Wirkung über die Jahrhunderte hinweg ist er der Unsterblichkeit so nahe wie irgend möglich gekommen. "Seine Musik klingt so einfach, und doch ist Verdi so tief, so reich, jede Note hat etwas zu erzählen", schwärmt Ivan Repušić, nachdem er am Ende von Rigoletto den donnernden Applaus des Opernpublikums in Berlin entgegengenommen hat. Der junge, aus Kroatien stammende Dirigent ringt kurz nach Worten. "Etwas, was man nicht beschreiben kann, was man nur fühlt – das ist Musik."