Den selbst gemachten Diamanten wollen alle einmal anfassen an diesem Nachmittag – und natürlich das Geheimnis des Mannes lüften, der ihn erschaffen hat und bald steinreich sein könnte. Michael Pinneo, 62 Jahre alt, abgestoßener Hemdkragen, zeigt erst einmal Fotos von »seinem Labor« – der Gartenlaube hinter seinem Haus. Zu sehen ist ein Alukästchen auf einer Werkbank, angeschlossen an etliche Schläuche. Samstagsmorgens, wenn er ein wenig Ruhe habe, drehe er die Wasserstoff- und Propangaszufuhr auf und schalte die Mikrowelle ein, erzählt er. Und dann wachse in dem Kästchen binnen Stunden, wofür die Natur Jahrmillionen braucht: ein lupenreiner Diamant.

»Doktor Pinneo« ist der Einzige, den sie hier im Techshop nicht mit dem Vornamen ansprechen. Er ist eine Legende und der beste Beweis dafür, was man mit den eigenen Händen bewerkstelligen kann. Ein Techshop ist eine Art Fitnessstudio für Erfinder, Handwerker und angehende Unternehmer: Für umgerechnet 80 Euro im Monat dürfen die Mitglieder hier in der alten Fabrikhalle an der Howard Street von San Francisco die vorhandenen Geräte so oft und so lange benutzen, wie sie wollen. Nur dass es eben keine Bauchpressen oder Crosstrainer gibt, sondern Stahlpressen, Schweißbrenner, Laserschneider und Metallfräsen – Maschinen im Wert von fast einer Million Euro. Ein Paradies für alle, deren Ideen größer sind als der eigene Hobbykeller.

Der erste Techshop entstand 2006 in Menlo Park im Silicon Valley. Dem Gründer Jim Newton war aufgefallen, dass viele seiner Freunde von großen Ideen schwärmten, diese aber fast nie umsetzten. Man müsste mal so einen Raketenrucksack bauen, wie ihn James Bond in Fireball auf dem Rücken trägt! Man könnte doch mal ein faltbares Kanu konstruieren, das in jeden Einbauschrank passt. Man sollte mal einen Wärmestrahler für kranke Hunde erfinden. Müsste, könnte, sollte – nur wie? Um solche Jungsträume zu leben, benötigt man teure Maschinen, die sich normalerweise nur die Industrie leisten kann. Der Durchschnittsamerikaner dagegen hat ja nicht einmal mehr eine Säge im Haus und wüsste schon gar nicht, wie man damit richtig umgeht.

Also beschloss Newton, einen Club zu gründen, dessen Mitglieder sich nicht nur gegenseitig zur Hand gehen, sondern sich auch 1.500 Quadratmeter Fläche, Werkzeug und einen Snackautomaten teilen. Einen Ort, der die Lücke zwischen reden und tun schließt, zwischen Visionen und Wirklichkeit.

Visionen wie die von Michael Pinneo, der seine Geschichte an diesem Nachmittag wieder und wieder erzählen muss und dabei vergeblich versucht, die kreischende Säge im Stockwerk unter ihm zu übertönen. In den siebziger Jahren habe er von sowjetischen Materialforschern gehört, die behaupteten, sie hätten einen neuen Weg gefunden, künstliche Diamanten herzustellen. Damals kannte man nur den »Supermanntrick«, ein Stück Kohle mit unheimlich viel Druck und Hitze zu Kristallen zu pressen – ein unglaublich teures Prozedere. Die sowjetischen Wissenschaftler schlugen nun vor, ein Wasserstoff-Propangas-Gemisch mit Mikrowellen zu beschießen, sodass glühend heißes Plasma entsteht und die Kohlenstoffatome aus dem Propangas kristallisieren. »Das war unglaublich«, erzählt Pinneo. »Ich dachte: Wenn das stimmt, können wir für wenige Cent mit ganz simplen Maschinen Diamanten herstellen!«

Drei Jahrzehnte lang ließ Pinneo der Gedanke an eine Diamantenmaschine, eine Art Hightech-Goldesel für jedermann, nicht los. Inzwischen wurde die sowjetische Theorie vielfach bestätigt, und er selbst gründete eine Firma, die Teile davon nutzte, um Werkzeuge mit einem Diamantfilm zu überziehen. Boeing benötigte etwa superharte Bohrer, um Flugzeugteile aus extrem festen Materialien wie Kevlar zusammenzusetzen. Doch erst als ihm ein Bekannter 2008 erzählte, dass er im Techshop ein Fantasiefahrzeug für ein Festival zusammengeschraubt habe, zeichnete Pinneo die kleine Kiste in seinem Kopf auf ein Stück Karopapier und fuhr selbst nach Menlo Park.

Sechs Monate verbrachte er an der Fräse, immer wieder fräste er ein Stückchen zu viel aus den Alublöcken, die er im Internet geordert hatte. Bis er an einem Sommerabend schließlich das erträumte Teil in der Hand hielt. Auf der Fahrt nach Hause hielt er noch kurz an einem Eisenwarenladen an und erklärte dem verdutzten Verkäufer, er benötige sechs Viertel-Inch-Muttern, um einen Diamanten herzustellen. Dann endlich wummerte in der Laube der Mikrowellengenerator, den Pinneo aus einem alten Ofen ausgebaut hatte. Und aus dem Alukästchen, das von nun an Diamanten-Depositions-Kammer heißen sollte, drang ein gleißendes Blau. Noch am selben Abend goss sich Pinneo ein Glas Zinfandel-Wein ein und rief seiner Frau zu: »Hey, Babe, es klappt!«