Arne Hansen hat ein Stück Herz gezüchtet, kleiner als ein Salzkorn nur, aber es funktioniert. Behutsam holt er eine Schale aus dem Inkubator und legt sie unter ein Mikroskop. Auf dem Monitor erscheint ein länglich geformter Strang, rhythmisch zuckend: ein Herzmuskel ohne Besitzer. Kein Tier musste dafür sterben, keine Maus, kein Hase, erst recht kein Affe. Nur woher kommt dann das Herz? »Stammzellen«, sagt Hansen, gewonnen aus menschlicher Haut.

Für manche Tierschützer ist der junge Arzt vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf deshalb ein Held. Im vergangenen Jahr verlieh die Deutsche Forschungsgemeinschaft seiner Forschungsgruppe dafür den Ursula M. Händel-Tierschutzpreis. Arne Hansen gehört zu den Guten.

Versuche mit menschlichen Zellen, so die Hoffnung, könnten zahlreiche Tierversuche bald überflüssig machen. Durch das Kombinieren solcher Zellexperimente ließen sich Wirkstoffe heute schon ebenso sicher und sogar besser testen als am Tier, argumentiert der Deutsche Tierschutzbund. Auch Computersimulationen und Experimente mit Biochips helfen dabei, die Wirkung neuer Medikamente oder Chemikalien zu erforschen, die normalerweise an Tieren getestet werden.

Seltsam nur, dass die Statistik einen ganz anderen Trend offenbart. Die Zahl der Versuchstiere steigt seit Jahren. 2010 wurden in Deutschland insgesamt 2,8 Millionen Tiere in Versuchen eingesetzt, vor allem Mäuse, Ratten und Fische. Im Jahr 2000 war es noch eine Million weniger.

Warum nimmt die Zahl der Tierversuche trotz der Alternativen zu? Braucht es diese Opfer wirklich, oder werden hier Lebewesen umsonst getötet? Und ist eine Welt ohne Tierversuche am Ende doch nur ein Wunschtraum naiver Naturfreunde?

Am Institut für experimentelle Pharmakologie und Toxikologie, wo Arne Hansen die Herzmuskeln züchtet, ist man noch weit davon entfernt, auf Tierversuche zu verzichten. Die Wissenschaftler erforschen hier die Ursachen von Herzmuskelschwäche und wollen neue Medikamente entwickeln. »Unsere Methode stellt das menschliche Herz sehr gut nach«, sagt Institutsleiter Thomas Eschenhagen. Aber der Herzmuskel ist eben nur ein Ausschnitt des Geschehens. »Ich möchte selbst kein Medikament bekommen, das nicht vorher in einem vollständigen, lebendigen Organismus getestet wurde.«