Der Ausbruch des Vulkans Pinatubo am 12. Juni 1991 © Arlan Naeg/AFP/Getty Images

Der Notfallplan für die Rettung der Menschheit passt auf ein Blatt Papier. Hugh Hunt zieht mit dem Kugelschreiber zwei waagerechte Linien, die untere soll die Erdoberfläche darstellen, an der oberen beginnt die Stratosphäre, eine höhere Atmosphärenschicht. 20 Kilometer über dem Erdboden, beim oberen Strich, zeichnet er einen Ballon, an dem das Ende eines Schlauchs befestigt ist. Durch den Schlauch, sagt Hunt, pumpt man eine schwefelhaltige Flüssigkeit in die Stratosphäre, dort bilden sich winzige Tröpfchen, die das Sonnenlicht reflektieren: "50 Schläuche würden genügen." Dann schlürft er schwarzen Tee aus einem Pappbecher.

Videokolumne Dr. Max - Dr. Max: Die riskanten Pläne der Klima-Klempner Geo-Ingenieure wollen Schwefeltröpfchen in der Atmosphäre verstreuen, um die globale Erwärmung aufzuhalten. Neue Computersimulationen zeigen, wie riskant das ist.

Hugh Hunt ist Ingenieur, er denkt darüber nach, wie man mit Großtechnik das Klima verändern kann. Klima- oder Geo-Engineering heißt das Forschungsgebiet, im Englischen gern als planet hacking verballhornt, im Deutschen als "Klima-Klempnern".

Es ist der letzte Dienstag im November, in Durban haben gerade die Klimaverhandlungen begonnen. In der Zeitung konnte Hunt am Morgen lesen, dass die Klimapolitik wohl auch diesmal keinen Durchbruch erzielen wird . Nun sitzt er in seinem Wohnbüro am Trinity College in Cambridge und erklärt seinen Plan.

Mit 50 Schläuchen weltweit könne man genug Schwefel in die obere Atmosphäre pumpen, um die globale Durchschnittstemperatur um zwei Grad zu senken, die Vulkane hätten uns vorgemacht, wie das geht. "Wir würden das natürlich nur machen, wenn wir dazu gezwungen wären", sagt Hunt. "Es ist eine Art Lebensversicherung." Die letzte Chance, wenn alle anderen Strategien scheitern.

Geo-Engineering ist nur Plan C

In der Klimapolitik ist das Einsparen von Kohlendioxid der Plan A: unumstritten, aber bislang nicht sehr erfolgreich. Plan B ist die Anpassung an den Klimawandel durch schwimmende Häuser oder hitzebeständige Getreidesorten, früher Tabu, heute Tagespolitik. Geo-Engineering, ein ganz neues Forschungsgebiet, ist Plan C. Die große Frage ist, welche Risiken und Nebenwirkungen damit verbunden wären. Kritiker warnen , einige Techniken zur Klimamanipulation könnten die Ozonschicht ausdünnen oder weltweit die Niederschlagsmuster verändern. Aufwendige Computersimulationen geben erste Hinweise darauf, welchen Ländern das Geo-Engineering besonders schaden könnte.


Auch die globale Erwärmung, verursacht durch die Kohlendioxid-Emissionen von Kraftwerken, Autos und Heizungen, ist eine Manipulation des Klimasystems. Aber sie ist eine unerwünschte Begleiterscheinung der Industrialisierung. Beim Geo-Engineering dagegen geht es um gezielte Eingriffe in die Natur . Bis jetzt gab es dazu nur theoretische Überlegungen, doch Hunt und ein paar Forscherkollegen aus Oxford und Bristol wollen nun endlich Feldexperimente machen. Es wären Experimente mit großer Symbolwirkung. Selbst in China und Australien wurde über Hugh Hunts Ballon berichtet .

Auf einem ehemaligen Militärflughafen im Nordosten Englands möchten die Forscher den Ballon erst mal einen Kilometer hoch steigen lassen und mit einer Hochdruckpumpe nur Wasser nach oben pressen. Den passenden Schlauch haben sie im Autozubehörladen bestellt, gewebeverstärkt, ein Stück davon liegt auf Hunts Tisch. Sie hätten damit schon längst angefangen, aber dann schickten ein paar Umweltorganisationen einen Brief an den Minister für Energie und Klimawandel und forderten, das Projekt zu stoppen. Nun soll die Öffentlichkeit stärker beteiligt werden, ein Runder Tisch wurde eingerichtet, Sozialwissenschaftler wurden angeheuert. Hunt hofft, dass es im April weitergeht.

Geo-Engineering könnte eine Megadebatte auslösen, wie sie um Atomkraft und Gentechnik geführt wird. Die Kontrahenten stecken gerade ihre Positionen ab. Umweltgruppen fürchten, schon die Erforschung der Klimamanipulation werde dazu führen, dass sich Staaten beim CO₂-Sparen noch weniger anstrengen. Der streitbare Politikwissenschaftler Bjørn Lomborg dagegen, der die Aufregung um den Klimawandel ohnehin übertrieben findet, befürwortet Geo-Engineering, um Zeit für die Energiewende zu gewinnen. Der Weltklimarat IPCC wird in seinem nächsten Klimabericht dazu Stellung nehmen, der Deutsche Bundestag lässt derzeit ein Gutachten anfertigen. Die Bundeswehr spielt auf dem Papier Szenarien durch, in denen Geo-Engineering von einzelnen Staaten vorangetrieben und womöglich als Waffe eingesetzt wird.