ScheinmedikamenteDie Nebenwirkung der Angst

Während Placebopillen Positives bewirken können, macht der Noceboeffekt gesunde Menschen krank. Ärzte könnten dem vorbeugen. von Julia Merlot

Fast hätte sich Derek Adams mit Zuckerpillen umgebracht. Miserabel ging es ihm, seit seine Freundin ihn verlassen hatte. Er sollte Antidepressiva nehmen, die ihn aber unglaublich müde machten. Zufällig entdeckte er eine Werbung für ein neues Medikament gegen Depressionen, das in einer klinischen Studie getestet werden sollte. Adams meldete sich als Proband. Tatsächlich ging es ihm mit dem Medikament zunächst besser. Doch nach einem erneuten Streit mit seiner Freundin schluckte er kurzerhand die restlichen 29 Pillen, die noch in der Packung waren. Was er nicht wusste: Er hatte Placebos eingeworfen. Dennoch kostete ihn der Glaube an deren Wirkung fast das Leben.

Allein die Überzeugung, dass eine Pille wirkt, kann heilen. Genauso kann sie auch zerstören. Nocebo, »Ich werde schaden«, heißt dieses Phänomen. Über den Noceboeffekt wissen Forscher nicht so viel wie über den Placeboeffekt. Zwei Dinge stehen aber fest: Zum einen ist die Erwartung des Patienten an die Therapie entscheidend dafür, ob es einen Noceboeffekt gibt. Wer etwa überzeugt ist, Nebenwirkungen zu bekommen, wird wahrscheinlich auch welche spüren. Zum anderen: Die Symptome des Noceboeffekts sind nicht eingebildet, sondern gehen auf reale biochemische Prozesse zurück. Der Noceboeffekt macht gesunde Menschen physisch krank.

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Am besten untersucht ist der Effekt im Zusammenhang mit Schmerz. Anfang 2011 haben deutsche und britische Wissenschaftler studiert, wie der Noceboschmerz im Gehirn verarbeitet wird. Dazu schoben sie Testpersonen in einen Kernspintomografen und beobachteten, was im Gehirn vor sich geht, während sie ihnen eine heiße Platte auf die Füße legten. Zum Schutz hatten die Probanden ein Schmerzmittel bekommen. Nach einer Weile behaupteten die Forscher, dass die Wirkung des Mittels nun nachlasse. Prompt beurteilten die Testpersonen dieselbe Temperatur als schmerzhafter.

Die Bilder aus dem Hirnscan zeigten: Das war keine Einbildung. Das Schmerzzentrum im Gehirn war aktiver, sobald die Menschen mit mehr Schmerz rechneten. Sie spürten bei identischen Bedingungen tatsächlich größere Schmerzen. Damit hatten die Forscher gezeigt, dass die Wirkung eines Schmerzmittels allein durch eine negative Erwartung aufgehoben werden kann.

Je besser wir Risiken von Medikamenten kennen, je ernster wir sie nehmen und je mehr wir über sie nachdenken, desto wahrscheinlich ist es, dass uns der Noceboeffekt erwischt. Denn Angst ist ein wichtiger Schlüssel. Forscher um Fabrizio Benedetti von der Universität Turin haben 2006 herausgefunden, dass ein Botenstoff im Gehirn die Angst vor Schmerz in reale Schmerzen übersetzen kann.

ZEIT Wissen 2/2012
ZEIT Wissen 2/2012

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

Was folgt daraus für den Umgang mit Medikamenten? Sollten wir in Zukunft unseren Arzt bitten, uns nicht mehr über Nebenwirkungen aufzuklären oder schlechte Prognosen zu verschweigen? Den Beipackzettel ignorieren? Lebt der dumme Patient gesünder als der aufgeklärte?

Die Lösung liegt in der Kommunikation zwischen Arzt und Patient. »Bei Nebenwirkungen lässt sich der Noceboeffekt abschalten, indem man Risiken positiv formuliert«, sagt Karin Meissner, Leiterin der Arbeitsgruppe Experimentelle Psychosomatik und Placeboforschung an der Universität München. »Statt zu sagen, dass ein fünfprozentiges Risiko besteht, Herzrhythmusstörungen zu bekommen, kann der Arzt sagen, dass man zu 95 Prozent keine bekommen wird.« Die zweite Möglichkeit ist, den Patienten über den Noceboeffekt aufzuklären und ihm anzubieten, ihn deshalb nicht über Nebenwirkungen zu informieren. »Das geht aber nur bei Medikamenten, bei denen die Unwissenheit nicht gefährlich werden kann«, sagt Meissner. Mache ein Medikament beispielsweise so müde, dass man nicht mehr Autofahren kann, müsse der Patient das wissen.

In jedem Fall gilt es, durch Aufklärung ein weit verbreitetes Phänomen im Umgang mit Medikamenten und Diagnosen zu bekämpfen: die Angst. Der Noceboeffekt kann Arznei nicht nur wirkungslos machen, sondern auch dazu führen, dass harmlose Substanzen schaden. Derek Adams etwa hatte so große Angst vor der Wirkung der Pillen, dass er am Empfang des Krankenhauses, in das ihn ein Nachbar gebracht hatte, kollabierte. Vier Stunden lang bekam er eine Infusion. Nichts half. Erst als die Ärzte herausfanden, dass er nur ein Placebo genommen hatte, und Adams darüber informierten, erholte er sich schlagartig.

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Leserkommentare
  1. Der Nocebo-Effekt scheint darauf hinaus zu laufen, dass jemand, der Angst vor Krankheit oder Schmerz hat, aufgrund der Angst krank wird oder Schmerzen empfindet. Dieser Effekt ist seit Jahrhunderten bekannt; fast jeder, der ein medizinisches Fachbuch liest, verspürt bei sich die geschilderten Symptome, wer von neuen Krankheiten hört, vermeint sie bei sich festzustellen, und wer Angst vor Schmerzen beim Zahnarzt hat, verspürt diese schon, wenn er auf dem Zahnarztstuhl nur den Mund öffnet. Auch wenn dies kein schönes Thema ist: alle Foltermethoden beruhen darauf, dass die Schmerzzufügung zunächst angedroht und anschaulich vor Augen gestellt wird. Das Krankheits- und Schmerzgeschehen spielt sich offensichtlich im Kopf ab, und für diese Feststellung braucht man weder Studien noch Kernspintomografen. Erfahrene Ärzte haben deshalb auch schon immer, wenn sie auf Nebenwirkungen hinweisen mussten, diese relativiert und verharmlost. Mit Tabletten oder Placebos hat diese Effekt aber primär nichts zu tun. Es ist nur so, dass dieser Effekt unter anderem auch bei der Einnahme von Tabletten auftritt. Das ist nicht überraschend, denn warum sollte der Effekt gerade hier nicht auftauchen?

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    Die in dem Artikel zaghaft angedeutete Erklärung Die Symptome des Noceboeffekts sind nicht eingebildet , sondern gehen auf reale biochemische Prozesse zurück. geht ja in eine andere Richtung, die man sich hier selten traut auszusprechen, der Einheit von Körper und Psyche. Das geht weit über die hier bekannte Psychosomatik hinaus. Deshalb traut man sich auch nicht, es ganz auszusprechen: Eine vom Körper unabhängiger Geist existiert nicht.

    Die von Descartes in unser Denken eingeführte Trennung von Leib und Seele machte es zudem schwer, die wirkliche Einheit von Körper und Psyche zu erkennen.

    Der Nutzer meditz 03.04.2012 um 8:23 Uhr schrieb:
    Richtig wäre: Einbildung ist ein realer biochemischer Prozess. Was auch sonst? Das heißt, unsere Vorstellungen sind psychische Prozesse, die auf biochemischen Prozessen unseres Nervensystems beruhen. Daher auch die Wechselwirkungen zwischen höherer Nerventätigkeit (das ist die Psyche) und dem sie hervorbringenden biologischen Substrat (Körper).

    Oder anders gesagt, die Psyche ist eine Eigenschaft und ein Ergebnis der komplexen und hochorganisierten lebendigen Materie und an die Materie gebunden. Nimmt man das an, dann erklären sich viele Dinge von selbst. Auch der Nocebo-Effekt.

    Die Wechselwirkung von Psyche und Körper beschrieb aus psychosomatisch-medizinischer Sicht Viktor von Weizsäcker in seiner heute noch aktuellen Schrift Der Gestaltkreis bereits 1940.

  2. http://www.spiegel.de/kul...

    und Regener ist nicht der einzige, der sich in letzter Zeit dazu äusserte.

    Antwort auf "Buchautor"
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    Dennoch darf ich als Autor doch eine eigene Meinung haben, meinen Sie nicht? Sie schrieben: "Wer gegen das Urheberrecht wettert(,) der hat selbst wohl noch nie eine vermarktungsfähige geistige Leistung erbracht." Dazu möchte ich Folgendes sagen. Der erste Teil des Satzes ist falsch, denn hier wurde nicht "gewettert". Der zweite Teil des Satzes ist ebenso falsch, eine unbegründete Unterstellung, denn schauen Sie mal hier: http://www.amazon.de/s/re...
    Und hier:
    www.lyriost.de

  3. Dennoch darf ich als Autor doch eine eigene Meinung haben, meinen Sie nicht? Sie schrieben: "Wer gegen das Urheberrecht wettert(,) der hat selbst wohl noch nie eine vermarktungsfähige geistige Leistung erbracht." Dazu möchte ich Folgendes sagen. Der erste Teil des Satzes ist falsch, denn hier wurde nicht "gewettert". Der zweite Teil des Satzes ist ebenso falsch, eine unbegründete Unterstellung, denn schauen Sie mal hier: http://www.amazon.de/s/re...
    Und hier:
    www.lyriost.de

  4. das sind bei der zeit keine naturwissenschaftler, die diese artikel verfassen, sondern nur journalisten.

    Antwort auf "Des Rätsels Lösung:"
  5. der verhindert die Bekanntmachung e i n e s seiner Texte und damit die Bekanntmachung des Autors.

    Totschweigen ist also besser, als den Autor bekanntmachen?

    Wo kein Kläger, da kein Richter, oder
    was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

    Der Liedtext von Arik Brauer bezieht sich übrigens auf das Thema des Artikels, besonders der Refrain.

    Diese Lied ist nicht zum Lachen
    Denn der Buba lebt nicht mehr
    Wir wollen keine Witze machen
    Fällt es auch ein wenig schwer
    Er starb für nix und wieder nix
    Eine kleine Maus war keck
    Ja der Buba schlief so gut mit Schlangengift
    Und starb vor lauter Schreck

    Der Mensch stirbt nicht vom Gift
    Der Mensch stirbt nicht vom Tod
    Er stirbt vor lauter Todesangst
    Er stirbt, wenn man ihm droht

    ...

    © Arik Brauer

    Und natürlich habe ich auch gleich den Autoren mit genannt, damit man nicht unter falscher Flagge segelt.

    Anm.: Bitte kehren Sie zur Diskussion des eigentlichen Artikelthemas zurück. Danke. Die Redaktion/ag

  6. Ich halte es für einen Fehler, Placebo/Nocebo-Effekt nur auf die Dynamik des Arzt-Patienten-Verhältnisses zu reduzieren. Es beschränkt den Patient auf ein Abhängigkeitsverhältnis, in dem der Arzt den Schlüssel zur Heilung allein in der Hand hält. Damit wird großes Potential verspielt.

    Ich halte es generell für sehr zweifelhaft anzunehmen, daß der Effekt nur durch Unwissen des Patienten zustande kommen kann. Es geht vielmehr um den Glauben und Motivation des Patienten - das schließt Wissen nicht aus.

    Im Buddhismus gibt es z.B. Methoden, die durch Meditation lehren, Gedanken (also auch Zweifel) vorbeiziehen zu lassen ohne sie festzuhalten, und sich allein auf einen Punkt zu fokussieren. Beispiel: Der traditionelle Medizin-Buddha. Das Ritual verlangt viel Konzentration, zeigt aber beeindruckende Effekte.

    Ein mit Achtsamkeit und Konzentration praktiziertes Ritual, und der Arzt wird für den Placebo-Effekt überflüssig.

  7. Die in dem Artikel zaghaft angedeutete Erklärung Die Symptome des Noceboeffekts sind nicht eingebildet , sondern gehen auf reale biochemische Prozesse zurück. geht ja in eine andere Richtung, die man sich hier selten traut auszusprechen, der Einheit von Körper und Psyche. Das geht weit über die hier bekannte Psychosomatik hinaus. Deshalb traut man sich auch nicht, es ganz auszusprechen: Eine vom Körper unabhängiger Geist existiert nicht.

    Die von Descartes in unser Denken eingeführte Trennung von Leib und Seele machte es zudem schwer, die wirkliche Einheit von Körper und Psyche zu erkennen.

    Der Nutzer meditz 03.04.2012 um 8:23 Uhr schrieb:
    Richtig wäre: Einbildung ist ein realer biochemischer Prozess. Was auch sonst? Das heißt, unsere Vorstellungen sind psychische Prozesse, die auf biochemischen Prozessen unseres Nervensystems beruhen. Daher auch die Wechselwirkungen zwischen höherer Nerventätigkeit (das ist die Psyche) und dem sie hervorbringenden biologischen Substrat (Körper).

    Oder anders gesagt, die Psyche ist eine Eigenschaft und ein Ergebnis der komplexen und hochorganisierten lebendigen Materie und an die Materie gebunden. Nimmt man das an, dann erklären sich viele Dinge von selbst. Auch der Nocebo-Effekt.

    Die Wechselwirkung von Psyche und Körper beschrieb aus psychosomatisch-medizinischer Sicht Viktor von Weizsäcker in seiner heute noch aktuellen Schrift Der Gestaltkreis bereits 1940.

    Antwort auf "Nicht überraschend"
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    Stimmt: Die hochorganisierte lebendige Materie ist eine Erscheinungsform des Geistes und an diesen gebunden. Anders gesagt: Materie und Geist sind Erscheinungsformen unserer Fähigkeit, die Dinge, Kräfte, Phänomene als Materie und/oder Geist zu interpretieren.

    Anders gesagt, Materie ist eine Eigenschaft und ein Ergebnis eines komplexen lebendigen Geistes. Der Geist kreiert sich die Materie, um sich darin auszudrücken. Vielleicht sind wir nichts als Vorstellungen, Gedanken und Erinnerungen eines träumenden Geistes. Das, was sich als Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen in unserem Kopf abspielt ist so flüchtig wie Erscheinungen in einem Spiegel.

    Auch in diesem Fall entspricht den Einbildungen ein realer biochemischer Prozess. Und würde besser erklären, warum die biochemischen Prozesse meistens nicht auf Gedankenbefehle in Gang kommen. Denn sonst könnte sich ja jeder selbst heilen, ganz ohne Pillen und Operationen.

  8. Stimmt: Die hochorganisierte lebendige Materie ist eine Erscheinungsform des Geistes und an diesen gebunden. Anders gesagt: Materie und Geist sind Erscheinungsformen unserer Fähigkeit, die Dinge, Kräfte, Phänomene als Materie und/oder Geist zu interpretieren.

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    Den Geist als das Ursprüngliche zu setzen, ist die Ausgangsposition der idealistischen Philosophie.

    Die auf die griechischen Atomisten zurückgehende materialistische Philosophie setzt eben die Materie als das Ursprüngliche. Wobei der Materiebegriff der materialistischen Philosophie sich nicht auf die von uns Menschen sinnlich erfassbaren und anfassbaren Gegenstände beschränkt. Der materialistische Materiebegriff ist weiter gefasst und geht über die einfache mechanistische Sichtweise des 18.Jh. hinaus.

    Einsteins Formel bezüglich der Gleichheit von Energie mit der zum Quadrat der Lichtgeschwindigkeit beschleunigter Materie (E=m*c^2) bietet dafür einen Ansatz.

    Die Eigenschaften (Wechselwirkungen) einzelner Stoffe werden in den von ihnen möglichen Verbindungen aufgehoben und erlangen in den Verbindungen neue Qualitäten. Metallisches Natrium und gasförmiges Chlor werden zu Kochsalz (Natriumchlorid) mit ganz anderen Eigenschaften als die der Ausgangsstoffe. Führt man dies immer weiter bis zu Lebewesen, so wie das auch der Chemiker Ernst Peter Fischer in einem populärwissenschaftlichen Buch (Die andere Bildung) tut, kommt man zu immer höheren Organisationsformen der Materie, mit den eben dieser Organisationsform entsprechenden neuen Eigenschaften. Ein recht empfehlenswertes Buch übrigens. Unabhängig davon, ob man den Geist oder die Materie als das Ursprüngliche ansieht, denn Naturwissenschaftler erklären Gott nicht weg und nicht unsere Herkunft.

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  • Schlagworte Arzt | Gehirn | Medikament | Placebo | Psychosomatik | Schmerz
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