Dass Patienten unwirksame Tabletten verabreicht bekommen, ist in deutschen Kliniken Routine. Sie sind nicht Opfer eines Betrugs, sondern Teilnehmer einer Studie: Um zu testen, ob neue Medikamente wirklich einen Nutzen haben, teilen Mediziner ausgewählte Patienten in zwei Gruppen ein. Die eine Hälfte, zufällig ausgelost, bekommt die neue Arznei, die andere ein Placebo.

In solchen Studien stellen Wissenschaftler immer wieder fest, dass auch diejenigen, die nur das Placebo zu sich nehmen, auf wundersame Weise genesen. Und so sind Placebo-Therapien nun ihrerseits zum Gegenstand der Forschung geworden. Welche Beschwerden lassen sich durch eine Scheintherapie bessern? Gibt es Menschen, die besonders empfänglich dafür sind? Und hat die Heilkraft durch Einbildung nur psychologische oder auch biologische Ursachen? Das sind Fragen, denen Placebo-Forscher mit raffinierten Experimenten auf den Grund gehen.

Schmerzen

Manche Menschen halten Schmerzen durch Hitzereize besser aus, wenn der Arzt ihnen vorher eine Pflegecreme auf den Arm aufträgt und dabei versichert, es handle sich um eine wirksame Schmerzsalbe. Schon die Aussicht auf das Verschwinden der Schmerzen setzt die körpereigene Apotheke in Gang: Schmerzstillende Opioide werden ausgeschüttet.

Der Turiner Placebo-Forscher Fabrizio Benedetti verabreichte Patienten ein starkes Schmerzmittel auf unterschiedliche Weise: Wenn es, vom Patienten unbemerkt, durch eine Infusion in die Venen lief, dann linderte es die Schmerzen kaum. Gab jedoch jemand den Hinweis: »Jetzt gibt es was gegen die Schmerzen«, dann wurden sie tatsächlich verringert. Unsere Erwartungen an eine Schmerztherapie bestimmen also maßgeblich mit, wie gut sie wirkt.

Neurowissenschaftler haben erforscht, was dabei im Gehirn passiert. Der Frontallappen der Großhirnrinde, der unser Handeln mit steuert, spielt ebenso eine Rolle wie das Cingulum, das an der Verarbeitung von Gefühlen beteiligt ist, und der Hirnstamm, der Gehirn und Rückenmark verbindet. Je besser die Nerven zwischen Frontalhirn, Cingulum und Hirnstamm miteinander verknüpft seien, desto besser könnten Placeboeffekte gegen Schmerzen wirken, sagt die Hamburger Neurologin Ulrike Bingel. Mit ihrem Kollegen Falk Eippert konnte sie zeigen: Der Schmerzreiz wird auf dem Weg zum Gehirn im Rückenmark gestoppt – wenn die Hoffnung auf Linderung besteht.

Auch Tests mit Alzheimerpatienten lieferten Fabrizio Benedetti einen Hinweis darauf, dass die Nerven und ihre Verbindungen untereinander intakt sein müssen, um Schmerzen durch psychologische Placeboeffekte besser in den Griff zu kriegen. Dies sind erste Schritte auf dem Weg, herauszufinden, wer gut auf Scheinmedikamente anspricht und wer nicht.

Immunsystem

Den Drink, den die Probanden am Universitätsklinikum Essen kosten mussten, gibt es in keinem Supermarkt: grün gefärbte Erdbeermilch mit einem Schuss Lavendel. Manfred Schedlowski und seine Mitarbeiter wollten bei Gesunden eine unbewusste Reaktion auf diesen Geschmacksreiz hervorrufen, sie also ähnlich anlernen – »konditionieren« – wie Iwan Pawlow einst seine Hunde, die beim Glockenschlag Speichel produzierten.