Die moderne Medizin leistet Großes, aber eine Diagnose bleibt auch im 21. Jahrhundert gefürchtet wie keine andere: Krebs. Zwar wurden in den vergangenen Jahrzehnten Milliarden Euro in die Tumorforschung gesteckt, doch die Resultate sind dürftig. Bei einigen Krebsarten bestehen mittlerweile gute Heilungschancen, doch viele teure Medikamente schlagen nur bei einem Teil der Patienten an. Die übrigen Betroffenen leben kaum länger als ohne Therapie, leiden jedoch unter den starken Nebenwirkungen.

Der Systembiologe Hans Westerhoff von der University of Manchester hält diese Situation für inakzeptabel. "Wenn wir nicht wissen, wie Krebsmedikamente wirken, hätte man das Geld besser nicht in ihre Entwicklung, sondern zum Beispiel in den öffentlichen Nahverkehr stecken sollen", sagt er.

Sein Frontalangriff auf die Krebsforschung ist wohlkalkuliert. Westerhoff und andere Mediziner oder Genforscher aus ganz Europa glauben nämlich an einen Ausweg aus der Misere. An virtuellen Patienten wollen sie ausprobieren, welche Therapie den größten Erfolg verspricht. "IT Future of Medicine" (ITFoM) heißt das Projekt, es gehört zu den sechs Finalisten, die sich bei der EU um eine Milliarde Euro Forschungsförderung bewerben. Was in der Autoindustrie schon lange Routine ist – die hundertfache Simulation eines Crashs am Computer, bevor ein Wagen überhaupt auf die Straße darf –, soll künftig auch in der Medizin möglich sein.

Ausgangspunkt der virtuellen Therapie sind Sequenzierautomaten, wie sie am Berliner Max-Planck-Institut für molekulare Genetik stehen. Die Geräte der neuesten Generation kosten eine halbe Million Euro, sind kaum größer als zwei nebeneinanderstehende Waschmaschinen und entziffern das Erbgut. Im Innern holt sich eine Roboterpipette immer wieder neue Chemikalien aus kleinen Behältern und träufelt sie auf die DNA-Proben.

Zehn Tage müssen die Berliner Max-Planck-Forscher, die Partner im ITFoM-Projekt sind, warten, bis das Genom eines Menschen, sein Erbgut also, vollständig ausgelesen ist. Meist sind es Krebspatienten. Bei ihnen wird parallel das Genom einer Krebszelle und einer gesunden Blutzelle untersucht.

Anschließend fahnden die Wissenschaftler nach Unterschieden in der DNA von Krebs- und Blutzellen und vergleichen diese auch mit den Genomen von Gesunden. Es geht nicht nur darum, die genetischen Ursachen von Tumoren aufzuspüren. Die Wissenschaftler wollen die Daten nutzen, um die bestmögliche Therapie für den Patienten zu finden.

Streuender Darmkrebs ist eine der wenigen Tumorarten, bei denen dies schon heute möglich ist. Etwa 40 Prozent der Patienten besitzen eine Mutation im sogenannten K-ras-Gen und sprechen nicht auf spezielle Medikamente an. Von den Patienten ohne Mutation profitieren hingegen immerhin 35 Prozent von der Therapie.