Seit Stunden schon rumpelt der Geländewagen durch die Nacht. Obwohl die Fahrt durch Dörfer führt, ist nirgends Licht zu sehen. "Hier herrscht die Finsternis", sagt Gyanesh Pandey. Die meisten Dörfer haben keinen Strom. "Bald nach Sonnenuntergang steht das Leben still." Viele Menschen hier könnten es sich nicht leisten, ihre Kerosinlaterne länger als ein, zwei Stunden am Abend brennen zu lassen.

Pandey, Chef der Firma Husk Power Systems (HPS), ist unterwegs nach Tamkuha, einem Dorf im indischen Bundesstaat Bihar. Dort steht eines von 65 Kleinkraftwerken, die sein Unternehmen in dieser Gegend betreibt. Es sorgt dafür, dass die Bewohner von Tamkuha Licht in ihren Hütten haben, dass ihre Kinder abends lernen können und die Frauen nicht im Dunkeln kochen müssen. In Bihar, einem der ärmsten Bundesstaaten Indiens, ist das ein Luxus.

Für Pandey zumindest hat die Dunkelheit auf der Strecke einen Vorteil: Die Straßen sind fast leer – er gelangt schneller vom Büro in Bihars Hauptstadt Patna nach Tamkuha. Dass er die beschwerliche Fahrt nicht im Hellen unternimmt, hat einen weiteren Grund: Wer nachts reist, kann tagsüber arbeiten. Pandey und seine Firma haben viel zu tun. Etwa 400 Millionen Menschen in Indien haben keinen Zugang zu Elektrizität – und am liebsten würde Pandey diesen gigantischen Markt allein bedienen.

Vor vier Jahren schraubte und schweißte der Ingenieur eigenhändig das erste Biomasse-Kraftwerk in Tamkuha zusammen. Bis 2014 will er das 2014. errichtet haben und eine Million Haushalte mit Strom versorgen. Ein ehrgeiziger Plan für jedes Unternehmen, doch wenn Pandey und seine Crew dies schafften, wäre es umso bemerkenswerter, denn HPS ist keine gewöhnliche Firma, sondern ein social enterprise. Soziale Unternehmen wollen vernachlässigte Grundbedürfnisse der Gesellschaft befriedigen, ohne staatliche Hilfe oder Spenden in Anspruch zu nehmen. Wo die klassische Entwicklungshilfe versagt, soll es der Markt richten. HPS etwa verschenkt keinen Strom, liefert ihn aber so günstig, dass auch die Ärmsten ihn sich leisten können.

Der Strom ist für die Armen nicht gratis, aber erschwinglich.

"Nur so können wir die Entwicklungsprobleme lösen", sagt Pandey, "Wohltätigkeit reicht einfach nicht aus." Es klaffen zu viele Lücken: Weltweit leben 1,5 Milliarden Menschen ohne Strom und 880 Millionen ohne sauberes Trinkwasser. Defizite wie diese seien ein wichtiger Grund dafür, dass sich die Armut so hartnäckig auf dem Globus halte, sagen Experten der UN-Entwicklungsorganisation UNDP.

Zunehmend versuchen soziale Unternehmen, solche Lücken zu schließen. Auch viele Entwicklungsexperten bauen mittlerweile auf den marktwirtschaftlichen Ansatz. "Langfristig können nur jene Projekte funktionieren, die ihre Kosten decken", sagt Urs Heierli, der früher die Schweizer Entwicklungshilfe-Agentur Deza in Bangladesch und Indien leitete und heute als Berater für Entwicklungszusammenarbeit mit sozialen Unternehmen kooperiert.

So einleuchtend die Idee ist, in der Praxis türmen sich Hürden auf. "Als wir in Tamkuha unser erstes Biomasse-Kraftwerk bauten, wurde die Gegend als 'Universität der Kidnapper' bezeichnet", erzählt Gyanesh Pandey. Nach Einbruch der Dunkelheit habe sich niemand mehr auf die Landstraße gewagt, die am Kraftwerk vorbeiführt, weil dort kriminelle Banden ihr Unwesen trieben. "Wir wollten am allerschlimmsten Ort beginnen, denn danach konnte es nur noch einfacher werden", sagt Pandey.

 Die Menschen brauch nur Strom für ein paar Glühbirnen, ein Handyladegerät

Im Bundesstaat Bihar herrscht bittere Armut, auf dem Land gibt es kaum Arbeit, die Korruption grassiert. Auch von HPS werden immer wieder Bestechungsgelder verlangt – erfolglos, beteuert Pandey.

Seit sich die Bewohner mithilfe der Polizei gegen die Banditen wehren, ist Tamkuha sicherer geworden. So kann Pandey gefahrlos von der Lehmhütte, die ihm als Büro und Schlafstätte dient, zu seinem Kleinkraftwerk spazieren. Es liegt zwischen den letzten Hütten des Dorfes und Reisfeldern, auf denen zartes Grün sprießt. Ein wackeliger Zaun umschließt strohgedeckte Unterstände, einen Werkzeugschuppen und das Herzstück der Anlage, eine etwa drei Meter hohe Tonne aus Metall. In ihrem Inneren werden Reishülsen unter hoher Temperatur in ein brennbares Gas umgewandelt, das vor allem aus Kohlenmonoxid sowie aus Methan besteht. Das Gasgemisch wird zur Verbrennung in einen alten Lkw-Motor geleitet, der wiederum einen Stromgenerator mit einer Leistung von 15 Kilowatt antreibt – genug, um in Tamkuha Glühbirnen zum Leuchten und ein paar Elektrogeräte zum Laufen zu bringen.

Als Brennstoff dienen Reishülsen

Das Prinzip der Biomasse-Vergasung ist schon lange bekannt. Trotzdem tüftelte Gyanesh Pandey zwei, drei Jahre, bis die Anlage funktionierte. Er wollte unbedingt Reishülsen als Brennstoff verwenden, "weil die so ziemlich das Einzige sind, was die Bauern hier nicht verwerten." In den Hülsen steckt so viel Silikat, dass sie weder als Kompost noch als normaler Brennstoff taugen. Auch für die Vergasung galten sie als ungeeignet, weil dabei viel Ruß entsteht, der herkömmliche Anlagen verstopft.

Pandey konnte das Problem entschärfen: Wenn man das Brenngas mit Wasser abkühlt, setzt sich der Ruß an den Rohrwänden ab. Die müssen dann zwar regelmäßig gereinigt werden, aber bei den niedrigen Lohnkosten macht das den Strom kaum teurer. Weil Reishülsen so günstig sind, ist der Strom sogar für die ärmsten Anwohner bezahlbar, die oft nur ein bis zwei Euro pro Tag verdienen. "Unsere Kraftwerke haben die geringsten Produktionskosten der Welt", sagt Pandey stolz. Sie liegen bei rund einem Dollar pro Watt installierter Leistung. Bei modernen Windrädern können sie locker das Hundertfache betragen.

Der Preis hat für viele soziale Unternehmen eine besonders große Bedeutung. Ein Vorreiter der Szene, Paul Polak, hat den Begriff der "radikalen Erschwinglichkeit" geprägt. Die Bewässerungspumpe, die seine Organisation International Development Enterprises (IDE) vertreibt, kostet nur 20 Euro, hat aber das Einkommen etlicher Bauern verdreifacht. Laut einer Studie entkamen 17 bis 20 Millionen Bauern dank Bewässerungstechniken von IDE der Armut.

Die Kleinstkredite von Muhammad Yunus haben ähnlich vielen Menschen geholfen. Mittlerweile hat der Friedensnobelpreisträger um seine Mikrokreditbank Grameen ein Konglomerat von sozialen Firmen aufgebaut. Eine davon vertreibt Solarmodule im ländlichen Bangladesch und hat so mehr als einer Million Familien Zugang zu Strom verschafft.

Solarstrom wäre zu teuer

Beträchtliche Erfolge seien das, sagt Lucy Scott von der Universität der Vereinten Nationen, einem Netz von Bildungs- und Forschungszentren der Organisation. Aber Wunder seien auch von sozialen Unternehmen nicht zu erwarten. "Manche erreichen nicht die Allerärmsten, auch wenn sie dies behaupten." Solarmodule etwa sind immer noch so teuer, dass sie sich höchstens die Mittelschicht in Bangladesch oder Indien leisten kann.

Deshalb sei Solarenergie für HPS nicht infrage gekommen, sagt Gyanesh Pandey. "Um auf einen Preis zu kommen, den auch die Ärmsten bezahlen können, umgerechnet etwa 1,50 Euro pro Monat, haben wir vieles ausprobiert." Vor der Biomasse-Vergasung experimentierte sein Team etwa mit Jatropha-Nüssen, die sich zu Biodiesel verarbeiteten lassen. "Schlussendlich hat nicht eine raffinierte Technologie den Durchbruch gebracht, sondern das gesamte System einer dezentralen Stromversorgung, das wir entwickelt haben." Das fängt damit an, dass die Kleinkraftwerke nicht zu groß ausgelegt sein dürfen. Die Haushalte brauchen in Dörfern wie Tamkuha nur Strom für zwei Glühbirnen und ein Handyladegerät. Produzieren die Anlagen zu viel Strom, stimmt die Kalkulation nicht mehr, der Strom wird zu teuer.

HPS muss aber auch Schlitzohren austricksen: "Hier würden viele Strom klauen, wenn man sie ließe", sagt Pandey. Verhindern lässt sich das durch Vorauskasse und simple, verplombte Sicherungen in jeder Hütte, die auf die bezahlte Strommenge eingestellt sind. Zieht ein Haushalt mehr Saft als bezahlt, brennt die Sicherung durch. Pandey agiert auch sonst abgebrüht, wenn das höhere Ziel es erfordert. Zu Beginn verlangten die Besitzer der Dreschmaschinen horrende Preise für die Reishülsen, die sie zuvor überhaupt nicht verkaufen konnten. "Da bauten wir eine Dreschanlage und verarbeiteten den Reis aller Bauern kostenlos, bis die Müller einlenkten. Danach schlossen wir unsere Anlage wieder."

Ladenschluss zwei Stunden später

Wie viele Menschen seine Firma erreicht, sieht man in Tamkuha am besten nach Einbruch der Dunkelheit. In den allermeisten Häusern brennt eine Birne, auch bei Subhavati Devi. Sie freut sich, dass sie nun bei Licht kochen kann und die Kinder abends noch lernen können. Der Dorfarzt B. P. Singh schätzt das Licht besonders, wenn er Notfallpatienten versorgen muss. Zudem habe die Zahl der Schlangenbisse stark abgenommen, und es gebe weniger Brände, weil kaum noch brennende Kerosinlampen in den Strohhütten umkippten.

Im Zentrum gibt es einige kleine Läden. Alle sind erleuchtet, die Geschäfte laufen. "Die Ladenbesitzer sind glücklich", sagt Surendra Chauhan hinter seiner Theke. "Früher schlossen wir eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit, also um sieben Uhr, jetzt haben wir bis halb neun geöffnet." Die Umsätze seien gestiegen, und die Kosten für den Strom lägen deutlich unter denen für Lampenkerosin, obwohl das elektrische Licht viel besser sei. Und wenn er nach der Arbeit nach Hause gehe, dann erwarte ihn dort nicht mehr die tiefe Finsternis früherer Tage, sagt Chauhan.

Junge Arbeitslose finden einen Job als Heizer

Ganz Tamkuha ist überzeugt, dass das Dorf ohne HPS noch lange ohne Strom geblieben wäre. Selbst in der Hauptstadt Patna fällt die Versorgung regelmäßig aus. Die wenigen Dörfer, die ans Netz angeschlossen sind, erhalten ihre Elektrizität oft nur zwischen Mitternacht und dem frühen Morgen, wenn niemand sonst sie braucht. So ist es auch in anderen Gegenden Indiens und in vielen Entwicklungsländern. "Um ländliche Gebiete mit Strom zu versorgen, sind die dezentralen Ansätze von sozialen Unternehmen wie HPS ideal", sagt Lucy Scott von der UN-Universität. "Sie sind viel schneller und flexibler als alles, was die Regierungen machen."

Auch der kürzlich erschienene Energiebericht des UN-Klimarats IPCC betont die Schlüsselfunktion der lokalen Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen in der Entwicklung armer ländlicher Gebiete. Lucy Scott fordert allerdings, dass soziale Unternehmen noch mehr tun müssen, als nur Produkte anzubieten, die auch die Ärmsten bezahlen können.

HPS etwa beschäftigt in seinen Anlagen junge Arbeitslose. Sie steigen als Heizer ein und können dann die firmeneigene Ausbildungsstätte in Patna besuchen, um zum Mechaniker, später zum Werkschef oder gar zum regionalen Manager aufzusteigen. "HPS hat viele junge Menschen von der Straße geholt und sie zu den Hauptverdienern ihrer Familien gemacht", sagt Panchanand Yadav. Er ist Bürgermeister von Bansi, einem Nachbardorf Tamkuhas, in dem ebenfalls ein Kleinkraftwerk steht. Einfach sei das jedoch nicht, sagt Gyanesh Pandey: "Viele sind unzuverlässig. Das müssen wir ihnen erst mühsam austreiben." Neben der Ausbildung sorgt die Firma für eine Krankenversicherung der 330 Angestellten, 200 Kindern bezahlt sie ein Schulstipendium.

Seit einiger Zeit versucht HPS, auch noch die Abfälle der Kraftwerke zu verwerten und damit weitere Jobs zu schaffen. Angestellte tüfteln an einem Verfahren, um aus den verkohlten Reishülsen Räucherstäbchen zu machen, die Frauen in Heimarbeit herstellen und verkaufen könnten. "Für mich heißt Erfolg nicht, 2.000 Werke zu errichten", sagt Pandey. "Erfolg heißt, in jedem Dorf doppelt so viel an Einkommen zu schaffen, wie uns die Bewohner an Stromkosten bezahlen."

Solche Geschäftsphilosophien scheinen auch für Manager aus der herkömmlichen Wirtschaft interessant zu werden. Das kleine Führungsteam von HPS besteht aus Ingenieuren und Ökonomen, die zuvor bei großen Firmen Karriere gemacht haben. Gyanesh Pandey arbeitete bei einem Halbleiterhersteller in den USA und verließ die gut bezahlte Stelle, um seine Heimat mit Strom zu versorgen. Das erste Werk in Tamkuha finanzierte er mit seinem Geld aus einem Pensionsfonds. "Meine Eltern waren entsetzt, dass ich eine Karriere in den USA aufgab. Sie haben sich bis heute nicht von diesem Schock erholt."

Es gibt immer mehr soziale Unternehmen. Aber noch zu wenige.

Die Branche der sozialen Unternehmen wächst, vor allem im Energie- und Gesundheitsbereich. Soziale Firmen produzieren günstige Malariamedikamente, bauen Mikrokrankenkassen auf, entwerfen günstige Latrinen oder Geschäftsmodelle, um mithilfe lokaler Unternehmer abgelegene Dörfer mit Medikamenten zu versorgen. Investitionsfonds sind entstanden, die Wagniskapital für die Branche zur Verfügung stellen, und auch staatliche Entwicklungsagenturen wie die amerikanische USAid setzen zunehmend auf soziales Unternehmertum.

Trotzdem stehe man erst am Anfang, meinen manche Experten und Branchenvertreter. "Um die Situation der Armen merklich zu verbessern, müssen wir noch stark zulegen", sagt Shrastant Patara. Er ist Manager bei Tara, einem indischen Gründerzentrum für neue Geschäftsideen. In den ländlichen Gebieten erreiche die Branche der sozialen Unternehmen mit ihren Dienstleistungen bisher nur ein Prozent der Menschen. "Es gibt trotz des Booms zu wenige Investitionen in soziale Unternehmen, darum müssen wir mit herkömmlichen Firmen zusammenarbeiten." So brachte Tara den Zement-Multi Holcim und den Elektrokonzern Philips für eine Kooperation zusammen, um günstige Lampen und Kochherde für den indischen Markt zu entwerfen. "Wir kennen die Bedürfnisse der Menschen, wir können den Konzernen unsere Augen und Ohren leihen."

Die Unternehmen lernen neue Märkte kennen, wenn sie sich vor Ort engagieren.

Der Innovationsforscher Rajnish Tiwari von der Technischen Universität Hamburg-Harburg ist überzeugt: "Davon lernen die westlichen Firmen." Zum Beispiel, dass es sinnvoll sein könne, nicht nur immer leistungsfähigere Produkte herzustellen, sondern auch günstigere, um neue Käuferschichten zu erschließen. Der Autozulieferer Bosch etwa half bei der Entwicklung des weltweit billigsten Autos, des Tata Nano, den der indische Konzern Tata herstellt. "Die Entwicklung führte Bosch in Indien durch", sagt Tiwari.

"Die Ingenieure in Deutschland hätten sich zu wenig von den herrschenden Denkschemata befreien können, erzählte mir ein Bosch-Manager." Der US-Konzern General Electric verlegte Teile seiner Entwicklung nach Indien, um zu lernen, wie man im dortigen Markt besteht. Sonst, schrieb Geschäftsführer Jeffrey Immelt in der Harvard Business Review, könnte seine Firma womöglich abgehängt werden von indischen, brasilianischen und chinesischen Unternehmen.

Bisher kamen die günstigen Produkte, die es bis auf die westlichen Märkte geschafft haben, zwar nicht von sozialen Unternehmen, sondern von herkömmlichen Konzernen im Süden. Doch Innovationsforscher Tiwari sieht im Segment der sozialen Unternehmen eine Innovationskraft entstehen, die künftig in den Norden ausstrahlen könnte. "Dabei darf man nicht nur an Produkte denken, sondern muss auch clevere Geschäftsmodelle in Betracht ziehen." Wie jenes von Husk Power Systems, das präzise an die örtlichen Verhältnisse angepasst ist.

Es hat der Firma ein rasantes Wachstum beschert, das international für Aufsehen sorgt: "Wir haben Anfragen aus Afrika, Südamerika und Südostasien", sagt Pandey. Ein soziales Unternehmen auf dem Weg zum Multi? "Oh, wir müssen noch viel erreichen, um wirklich sagen zu können, wir hätten etwas gegen die Stromlücke bei den Armen getan."

Aber schon jetzt wird HPS mit Preisen überhäuft. Gerade erst hat Pandey in London den angesehenen Ashden Award entgegengenommen – aus den Händen von Prinz Charles. Vielleicht hat ja damit die Empörung der Eltern über die Karriereplanung ihres Sohns etwas nachgelassen.