Kennen Sie das auch? Im Fernsehen läuft der Film, den Sie im Kino verpasst haben, und plötzlich schlägt der erste Werbeblock ein. Die Musik des Spots reißt Sie vom Sofa, so laut klingt sie im Vergleich zum Film. Hektisch greifen Sie nach der Fernbedienung, um den Ton zu drosseln – und merken gar nicht, dass Sie Opfer eines Krieges geworden sind.

Es ist der Loudness War , der da tobt – ein Krieg der Lautstärken, mit dem Werbung, Rundfunksender und Plattenfirmen um unsere Aufmerksamkeit kämpfen. Das Verblüffende daran: Die maximale Lautstärke all der Aufnahmen, die uns täglich beschallen, ist nicht höher als vor dreißig Jahren. Die Aufnahmen klingen nur so – dank der Finessen der modernen Tontechnik, die gelernt hat, das menschliche Gehör auszutricksen. Dabei gerät die Kunst der leisen Töne in Vergessenheit – und bis zu zehn Millionen EU-Bürgern droht eine Schwerhörigkeit durch die derart produzierte Musik, wenn sie sie über Kopfhörer hören. Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Der Loudness War könnte bald vorbei sein.

Dass er überhaupt beginnen konnte, hat mehrere Gründe. Einer liegt darin, dass das Gehör nicht wie ein unbestechliches physikalisches Messgerät funktioniert. Wie laut ein Schallsignal klingt, das unser Ohr erreicht, hängt von seiner Intensität, Frequenz und Dauer ab. Die psychoakustische Forschung hat herausgefunden, dass tiefe und hohe Töne leiser wirken als mittlere mit einer Frequenz zwischen einem und fünf Kilohertz. Und einen stakkatoartigen Ton nimmt der Mensch lauter wahr als einen durchgehenden, auch wenn beide die gleiche Frequenz und Intensität haben.

Was landläufig als Lautstärke bezeichnet wird, ist deshalb keine eindeutig messbare Größe, sondern eine subjektive Empfindung – Wissenschaftler sprechen von Loudness, Lautheit. Diese gefühlte Lautstärke ähnelt der gefühlten Temperatur: Null Grad Celsius kommen uns kälter vor, wenn ein scharfer Wind weht, sommerliche 30 Grad wärmer, wenn die Luftfeuchtigkeit hoch ist.

Werden schon einzelne Töne unterschiedlich wahrgenommen, gilt das erst recht für Musik, diese äußerst komplexe Überlagerung vieler Töne. Die Tontechnik hat sich das zunutze gemacht und manipuliert nun die gefühlte Lautstärke. Der grundlegende Trick ist dabei erstaunlich simpel: Man macht erst die lauten Passagen etwas leiser, die leisen lauter und hebt dann alle zusammen an – und schon horcht der Zuhörer auf, weil ein derart verändertes Stück aus anderen, nicht bearbeiteten Liedern heraussticht.

Das erste Musiklabel, das diesen Trick bereits in den sechziger Jahren anwandte, war die legendäre Soulschmiede Motown . Wenn ein Kneipenbesucher sie in der Jukebox drückte, klangen die Singles von Marvin Gaye , den Supremes oder den Temptations schärfer als die der Konkurrenz. Um dies hinzubekommen, tricksen Tontechniker bis heute mit der Dynamikkompression. Als Dynamik eines Musikstücks bezeichnet man die Abfolge der leisen und lauten Stellen: das Flirren von Streichern, das sich zu einem Crescendo steigert, in das Paukenschläge drängen, oder eine gezupfte E-Gitarre, die plötzlich verzerrt und gedroschen wird, um zu verstummen und einem E-Piano Platz zu machen. All diese Klänge muss der Tontechniker in einer begrenzten Lautstärkeskala unterbringen, die vom Tonträger abhängt. Für CDs beträgt sie rund 96 Dezibel Full Scale (dbFS) – von minus 96 bis 0 dbFS. Die Einheit gibt an, mit welchem Schalldruck der Trommelschlag, die Trompete oder das Klavier im Verhältnis zueinander aus einem Lautsprecher kommen.

In einer Audiosoftware erscheint das Stück als gezacktes Muster, in dem die höchsten Ausschläge die lautesten Stellen, die flacheren leise Passagen darstellen. Mithilfe von Kompressoren – früher spezielle elektronische Schaltungen, heute Software – kann der Toningenieur die niedrigen, leisen Ausschläge anheben und die hohen, lauten absenken. Die Folge: Das Zackenmuster variiert weniger, die Dynamik der Ausschläge ist gestaucht. Wird diese komprimierte Aufnahme als Ganzes nun noch ein Stück in Richtung Maximalpegel – 0 dbFS – hochgezogen, ist die gefühlte Lautstärke für den Hörer mit einem Mal größer als die der unkomprimierten Fassung.