Loudness WarVolle Dröhnung

Mit allen möglichen Tricks kämpfen Plattenfirmen und Rundfunksender um die Aufmerksamkeit der Hörer. Musik und Werbespots klingen immer lauter – und schaden auf Dauer dem Gehör. Die EU will den Loudness War stoppen. von  und Jochen Reinecke

Kennen Sie das auch? Im Fernsehen läuft der Film, den Sie im Kino verpasst haben, und plötzlich schlägt der erste Werbeblock ein. Die Musik des Spots reißt Sie vom Sofa, so laut klingt sie im Vergleich zum Film. Hektisch greifen Sie nach der Fernbedienung, um den Ton zu drosseln – und merken gar nicht, dass Sie Opfer eines Krieges geworden sind.

Es ist der Loudness War , der da tobt – ein Krieg der Lautstärken, mit dem Werbung, Rundfunksender und Plattenfirmen um unsere Aufmerksamkeit kämpfen. Das Verblüffende daran: Die maximale Lautstärke all der Aufnahmen, die uns täglich beschallen, ist nicht höher als vor dreißig Jahren. Die Aufnahmen klingen nur so – dank der Finessen der modernen Tontechnik, die gelernt hat, das menschliche Gehör auszutricksen. Dabei gerät die Kunst der leisen Töne in Vergessenheit – und bis zu zehn Millionen EU-Bürgern droht eine Schwerhörigkeit durch die derart produzierte Musik, wenn sie sie über Kopfhörer hören. Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Der Loudness War könnte bald vorbei sein.

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Dass er überhaupt beginnen konnte, hat mehrere Gründe. Einer liegt darin, dass das Gehör nicht wie ein unbestechliches physikalisches Messgerät funktioniert. Wie laut ein Schallsignal klingt, das unser Ohr erreicht, hängt von seiner Intensität, Frequenz und Dauer ab. Die psychoakustische Forschung hat herausgefunden, dass tiefe und hohe Töne leiser wirken als mittlere mit einer Frequenz zwischen einem und fünf Kilohertz. Und einen stakkatoartigen Ton nimmt der Mensch lauter wahr als einen durchgehenden, auch wenn beide die gleiche Frequenz und Intensität haben.

Was landläufig als Lautstärke bezeichnet wird, ist deshalb keine eindeutig messbare Größe, sondern eine subjektive Empfindung – Wissenschaftler sprechen von Loudness, Lautheit. Diese gefühlte Lautstärke ähnelt der gefühlten Temperatur: Null Grad Celsius kommen uns kälter vor, wenn ein scharfer Wind weht, sommerliche 30 Grad wärmer, wenn die Luftfeuchtigkeit hoch ist.

Werden schon einzelne Töne unterschiedlich wahrgenommen, gilt das erst recht für Musik, diese äußerst komplexe Überlagerung vieler Töne. Die Tontechnik hat sich das zunutze gemacht und manipuliert nun die gefühlte Lautstärke. Der grundlegende Trick ist dabei erstaunlich simpel: Man macht erst die lauten Passagen etwas leiser, die leisen lauter und hebt dann alle zusammen an – und schon horcht der Zuhörer auf, weil ein derart verändertes Stück aus anderen, nicht bearbeiteten Liedern heraussticht.

Das erste Musiklabel, das diesen Trick bereits in den sechziger Jahren anwandte, war die legendäre Soulschmiede Motown . Wenn ein Kneipenbesucher sie in der Jukebox drückte, klangen die Singles von Marvin Gaye , den Supremes oder den Temptations schärfer als die der Konkurrenz. Um dies hinzubekommen, tricksen Tontechniker bis heute mit der Dynamikkompression. Als Dynamik eines Musikstücks bezeichnet man die Abfolge der leisen und lauten Stellen: das Flirren von Streichern, das sich zu einem Crescendo steigert, in das Paukenschläge drängen, oder eine gezupfte E-Gitarre, die plötzlich verzerrt und gedroschen wird, um zu verstummen und einem E-Piano Platz zu machen. All diese Klänge muss der Tontechniker in einer begrenzten Lautstärkeskala unterbringen, die vom Tonträger abhängt. Für CDs beträgt sie rund 96 Dezibel Full Scale (dbFS) – von minus 96 bis 0 dbFS. Die Einheit gibt an, mit welchem Schalldruck der Trommelschlag, die Trompete oder das Klavier im Verhältnis zueinander aus einem Lautsprecher kommen.

In einer Audiosoftware erscheint das Stück als gezacktes Muster, in dem die höchsten Ausschläge die lautesten Stellen, die flacheren leise Passagen darstellen. Mithilfe von Kompressoren – früher spezielle elektronische Schaltungen, heute Software – kann der Toningenieur die niedrigen, leisen Ausschläge anheben und die hohen, lauten absenken. Die Folge: Das Zackenmuster variiert weniger, die Dynamik der Ausschläge ist gestaucht. Wird diese komprimierte Aufnahme als Ganzes nun noch ein Stück in Richtung Maximalpegel – 0 dbFS – hochgezogen, ist die gefühlte Lautstärke für den Hörer mit einem Mal größer als die der unkomprimierten Fassung.

Leserkommentare
  1. was für Musik ggf noch im gewissen Rahmen Sinn macht, nervt bei TV und Radio. Ich wechsle dann konsequent den Sender. Wenn die mich nerven wollen, sind sie an der falschen Adresse.

    Herzlichst, Aiki

  2. Danke für diesen schönen Artikel.

  3. Sehr viel nervtötender finde ich, dass das DVD-Menü immer - gefühlt - ca. 10 Db lauter ist als der eigentliche Film.

  4. Auch wenn das Kernthema nicht neu ist, bedarf es meiner meinung nach immer wieder Auffrischung.

    Für mich als Musiker und leidenschaftlicher Hörer gibt es nichts schlimmeres als übermasterte Aufnahmen.

    Man halte sich nur mal vor Augen wie das künstlerische Produkt unter Kompression und Loundess-Mastering leidet:

    Vergleicht man es mit Malerei ist es so als würden Galleristen ihren Künstlern verbieten mit Hell Dunkel Kontrasten zu arbeiten. Erlaubt sind nur noch Farbtöne die absolut grell und brilliant sind ohne zwischenstufen, ohne Helligkeit oder Abdunklung..

    Genauso leidet auch die Musik. Pop kann auch extrem gute Ideen liefern, aber die kann ich mir nicht mehr anhöhren weil ihnen die Seele fehlt.
    Wenn ich dem Künstler verbiete eines der Wesentlichen Elemente der Musik - die Dynamik, d.h. Crescendi und Decrescendi, Akzente, Szforzandi zu verwenden, dann beschneidet das den Interpreten von Vorne herrein.

    Man stelle sich nur mal einen Film ohne Lautstärkevariation vor - die hälfte der Emotionen wäre im Eimer! Aber bei Musik muss das sein weil man ja den Hörer "wegblasen" muss damit er kauft - auch wenn man - oder gerade weil man an undynamischer Musik schnell die Freude verliert, sie nutzt sich schneller ab...

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    Nur gesättigte Farbtöne ohne sonst viel künstlerisches Geschick gab es schon einmal...

    Nennt sich "Andy Warhol" oder so....

    Leider zahlen die Leute nicht für Qualität sondern für Mode...

  5. ... Noch Menschen die Fernsehen gucken? Laute Werbespots waren der allerletzte Tropfen der mich davon abgebracht hat.

    Die Firma Apple wird diese ganze Veranstaltung genannt TV am nächsten Mittwoch in den wohlverdienten Ruhestand schicken.

    • js.b
    • 04. März 2012 15:16 Uhr

    Mir erscheint eine Ergänzung zum Thema klassische Musik angebracht, da das im Artikel evtl. etwas missverständlich rüberkommt: Normalerweise werden Klassik-Titel nicht oder nur recht dezent komprimiert, da die Effekte der Kompression bei Musik, die ein natürliches Schallereignis (nämlich akustische Instrumente) abbilden soll, normalerweise als nicht förderlich gesehen wird. Bei Pop-Musik hat das menschliche Ohr keine derartige Klangvorstellung abgespeichert, denn es gibt kein natürliches Vorbild. Bei nicht rein-akustischer, sondern elektronischer Musik, deren Vorbild man nicht aus dem Konzertsaal kennt, ist Kompression daher viel unkritischer. Das Ohr hat keine Referenz abgespeichert, mit der es vergleicht.

    Auch bei einer Mahler-Sinfonie - das Beispiel wird im Artikel genannt - werden die meisten Aufnahmen, die man im Plattenladen findet, nicht oder nur sehr vorsichtig in ihrer Dynamik eingegrenzt sein.

    Eine andere Frage ist die Kompression auf Sender-Seite. Hier gibt es in der Tat auch im Klassik-Bereich teilweise heftige Eingriffe von Seiten der Sender, die alles mögliche, v. a. aber Dynamik verschlimmbessern. Für die Zielgruppe Autofahrer, bei der trotz Tempo 100 auch noch eine Pianissimo-Stelle halbwegs ankommen soll, ist das berechtigt - für die heimischen Radiohörer ist es meistens ein Graus, denn die Kompression ist selbstverständlich am bekannten "pumpenden" Klangeffekt hörbar und macht das Ergebnis hörbar schlechter, als das, was man gemeinhin von CD kennt.

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    • Lyaran
    • 04. März 2012 16:44 Uhr

    Leider kann man dem größtenteils zustimmen. Was aber nicht daran liegt dass Popmusik generell nicht mit akustischen Instrumenten gespielt wird (Ich zähle hier mal auch E-Bass und E-Gitarre dazu, da auch hier eine physikalische Schwingung Ursprung des Tons ist), das stimmt nämlich nicht. Aber ich meine zu erkennen das generell die instrumentalen Fähigkeiten nachlassen. Hören sie sich mal relativ aktuelle deutsche Musik an und sagen sie mir wo da ein herausragender Musiker z.B. an der Gitarre zu hören ist. Und Dynamik gehören eben wie Ton und Phrasierung zu den Dingen die eben sehr schwer an einem Instrument zu erlernen sind. Und meine Erfahrung als Gitarrenlehrer sagen mir das immer weniger Schüler sich die Mühe machen wollen das zu erlernen.

  6. Vielen Dank dafür!
    Ich persönlich mag diesen fetten, 'warmen' Sound. Für Hifi-Nerds (also solche, die hören können mit welcher Nadel eine Platte gespielt wird) ist das natürlich gar nichts. Eben weil die (vom Künstler so beabsichtigte) Dynamik und die kleinen Macken einer Aufnahme damit verringer werden.
    Und daher bin ich auch dafür, den Klang einer Aufnahme so natürlich wie möglich zu belassen.
    Es gibt mittlerweile genug DSP Plug-Ins (kleine Zusatzprogramme für das Digital Sound Processing), die die Rolle z.B. des 'Optimod' der Firmo Orban, imitieren können. Damit habe ich die Wahl, nachträglich den Klang eines Liedes zu beeinflussen.

    Wo mir die Dynamik allerdings gar nicht gefällt und ich generell für den Einsatz von Kompressoren bin, ist die unerträgliche Differenz der Lautstärke in Filmen. Während Gespräche zum Teil nicht zu verstehen sind, rappelt bei actioreichen Szenen (Flugzeugstart, Explosion, Schiesserei, Autounfall etc.) sogar der Küchentisch der Nachbarn.
    Was im Kino für ein 'realistischeres' Erleben sorgt, kann einem zu Hause auf die nerven gehen.

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    Als sich die ersten Fernsehzuschauer vor gut 10 Jahren über die lauten Werbeblöcke beschwerten, wurde das noch mit Einbildung abgetan.

    Mir ist auch aufgefallen dass nun bei Filmen auf DVDs diese unerträgliche Differenz der Lautstärke Einzug gehalten hat, was ich als sehr unangenehm empfinde.

    Filme ansehen macht keinen Spass mehr.

  7. Nur gesättigte Farbtöne ohne sonst viel künstlerisches Geschick gab es schon einmal...

    Nennt sich "Andy Warhol" oder so....

    Leider zahlen die Leute nicht für Qualität sondern für Mode...

    Antwort auf "Ein schöner Artikel!"

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