MathematikZahlen, bitte

Viele Menschen tun sich mit einfachsten Rechenaufgaben schwer – und sind auch noch stolz darauf. Fehlt ihnen vielleicht das Mathetalent? Neue Studien zeigen, wie viel Mathematik jeder lernen kann – und was daraus für den Unterricht folgt. von Julia Merlot

Zahlen, Kurven, Koordinaten. Das Gewimmel auf dem Papier war zu viel für Heike Rentz. Die Dame von der Bank redete von Zinsen, Zinseszinsen und Rendite. Sie sprach darüber, wie Rentz ihre zukünftige Rente aufbessern könnte. Auf dem Papier nur steil ansteigende Kurven. Das, was angeblich mit dem Geld passieren würde, sah gut aus. Aber konnte das stimmen? Mit Mathe hatte Rentz schon in der Schule ein Problem gehabt. Wie war das noch mal mit Zinsen und Zinseszinsen? Und mit der Inflation? »Ich habe nichts verstanden«, sagt sie heute.

So wie der 42-jährigen Hausfrau geht es vielen Menschen. Bei einer Umfrage der Stiftung Rechnen im Jahr 2009 gaben 63 Prozent der befragten Erwachsenen an, im Alltag schon an die Grenzen ihrer Rechenkompetenz gestoßen zu sein. Selbst Abiturienten schneiden desaströs ab, wenn sie einfache Mittelstufenaufgaben lösen sollen. 0,125 als Bruch? Fehlanzeige! Als die Freie Universität Berlin im vergangenen Jahr testete, wie gut Studienanfänger in Betriebswirtschaftslehre die Mittelstufenmathematik beherrschen, konnten 63 Prozent nicht einmal die Hälfte der Fragen, etwa zur Bruch- oder Klammerrechnung, beantworten. Nach einem Auffrischungskurs waren nur noch 22 Prozent derart schlecht – erheblich weniger, aber immer noch zu viele.

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Wie kann das sein nach mindestens zwölf Jahren Matheunterricht? Es ist ja keine komplizierte Mathematik, die wir im Alltag brauchen – etwa im Restaurant, wenn es um das Wechsel- oder Trinkgeld geht, oder beim Kochen, wenn das Rezept für vier Personen gilt, sich aber fünf Gäste zum Essen angekündigt haben. Was dann zu tun ist, steht schon in den ersten deutschen Mathebüchern, die Adam Ries Anfang des 16. Jahrhunderts für die Händler auf dem Markt schrieb. Darin erklärt er die Grundrechenarten Plus, Minus, Mal, Geteilt sowie den Dreisatz. Es gibt auch ein Kapitel über Zins- und Zinseszinsrechnung. »Das ist die Mathematik, die uns auch heute noch im Alltag nutzt«, sagt der Mathematikprofessor Günter M. Ziegler. Hinzugekommen sei lediglich die Anforderung, Wahrscheinlichkeiten zu verstehen, etwa um Risiken einschätzen zu können.

Wenn das alles ist, warum tun wir uns dann im Umgang mit Zahlen so schwer? Braucht es dafür ein besonderes Talent, ein Mathegehirn? Oder einfach besseren Schulunterricht?

Mithilfe bildgebender Verfahren versuchen Forscher zu ergründen, was sich unter der Schädeldecke abspielt, wenn Menschen mit Zahlen hantieren. Eine Vielzahl von Studien deutet darauf hin, dass das Zahlenverständnis eng mit dem räumlichen Vorstellungsvermögen und dem Zeitgefühl verbunden ist. Bereits 2003 fasste Vincent Walsh vom Institut für kognitive Neurowissenschaften am University College London den Stand der psychologischen und neurologischen Forschung zusammen. Er stellte fest, dass Zeit, Raum und Zahlen zusammenhängend im Gehirn verarbeitet werden. Operieren wir mit einfachen Zahlen, sind Hirnscans zufolge dieselben Areale aktiv, wie wenn wir uns etwas räumlich vorstellen oder Zeitabstände schätzen.

Die enge Verbindung nutzen wir, um uns Mengen intuitiv vorzustellen. Unbewusst ordnen wir Zahlen auf einem imaginären Zahlenstrahl räumlich an – kleine Zahlen stehen links, größere rechts, zumindest in Ländern, in denen von links nach rechts gelesen wird. Der imaginäre Zahlenstrahl ermöglicht es uns etwa, spontan zu sagen, welche Zahl zwischen zwei anderen liegt. Abstrakte Berechnungen dagegen finden vermutlich in anderen Hirnregionen statt, die eng mit dem Sprachzentrum verknüpft sind. »Dennoch können wir unser mathematisches Talent womöglich ausbauen, indem wir Zeitabstände schätzen oder räumliches Vorstellungsvermögen üben«, sagt Peter Kramer, Psychologe an der Universität von Padua, der vor Kurzem eine Studie zum Zusammenhang von Zeitgefühl und Mathetalent veröffentlicht hat. Menschen mit einem guten Zeitgefühl sind demnach mathematisch talentierter.

Leserkommentare
  1. 49. stimmt

    Sehr gut, dass Sie darauf hinweisen, dass Mathematik eben nicht Rechnen ist. Aber Rechtschreibung sollte die Schule ebenfalls vermitteln ;-)

    Antwort auf "umdenken"
  2. 50. da isse

    bei mir gescheitert
    aber den spaß an sprache hab ich mir wenigstens zurückgeholt ;)

  3. 'Selbstwirksamkeitserwartung' nennt sich das Prinzip der Selbstverstärkung eigener Fähigkeiten durch Vertrauen in diese. Darum ist es wichtig, Menschen im Rahmen von Erziehung und Bildung zu bekräftigen. Und das hat nichts alleine mit Mathematik zu tun. Näheres siehe Wikipedia.
    Und, klar hilft Visualisierung zum besseren Verständnis.
    Weiters Bewegung, am besten in der Natur, Radfahren, Bäume Klettern, Erforschen, Basteln..., denn Mathematik hängt in der kognitiven Verarbeitung eng mit Raumkoordination zusammen, welche man am eindrücklichsten über den eigenen Körper erfährt.

    Was ich als tragisch empfinde ist, dass uns solche natürliche Zusammenhänge in abstrakter wissenschaftlicher Form einholen, wenn unsere urbanisierten computeraffinen Kinder all das aufgeben und vermissen. Dennoch bleibt es für viele ein Blick von außen, denn hier wären neue alte Konzepte gefragt. Gemischte Lebensräume, Ausgeglichenheit der Erfahrungen, Integration statt Ausgliederung verschiedener Generationen, so dass Kinder ein breites Spektrum an Erfahrungen und persönlichen Zugängen sammeln können.

    Das alles hatten wir schon mal. Entwicklung ist selten ein Gewinn sonder stets eine Verschiebung von Wertigkeiten. Nur gehört dieses Bewusstsein auch konstruktiv eingeplant.

  4. Mathe was ist Mathe, nach dem Text zufolge wissen die Mehrheit der Leute es nicht. Ein Hauptgrund dafür scheint der Praxisbezug und Personale Dispositionen in Form der "self fullfilling prophecy" zu sein. Beiden stimme ich eingeschränkt zu.
    In meiner noch fortwährenden Ausbildung, Abitur2012 und dann Studium, so denk ich kann ich eine repräsentable Aussage zu dem Thema fassen, schon deshalb weil meine eigenen mathematischen Fähigkeiten nicht allzu hoch sind.
    Doch jetzt zum Grund der eingeschränkten Zustimmung. Wie jeder Bereich basiert auch die Mathematik auf Fakten, die einfach gelernt werden müssen um ein Verständnis aufzubauen. Nur bei der Verknüpfung von diesen zunächst sinnfrei erscheinenden Fakten entsteht das Verständnis, einige merken sich diese ganz einfach, die anderen müssen hart dafür arbeiten. Ich unterstelle jetzt nicht jeden der mit der Mathematik auf Kriegsfuß steht eine gewisse Freizügigkeit hinsichtlich dem erwerb von Wissen, aber ich spreche von dem Interesse das man der Thematik entgegenbringt die oftmals nicht in der Intensivität vorliegt wie sie sein müsste zum Verständnis.
    Daraus resultiert jetzt wieder dieser psychologische Aspekt, nach dem motto "ich versteh es nicht also kann ich es nicht".
    Nach meiner Meinung hängt es vom Interesse ab. Man lernt ja auch kein Instrument wenn man es nur anguckt.
    Die vorliegende Quelle gibt aber dennoch meiner Meinung nach logische, aber vllt. nciht unbedingt realisierbare Vorschläge zum lösen des Problems.

    • TRK
    • 22. März 2012 20:10 Uhr

    man sollte sich bei den verantwortlichen für bildung einmal fragen, warum das so ist, aber trotzdem die abiturnoten im vergleich zu vor ca. 20-30 jahren inflationär ansteigen? wie kann jemand abitur in mathe bestehen, wenn er nicht einmal prozentrechnen kann? an den kinder liegt es sicher nicht.

    • Medley
    • 28. März 2012 18:50 Uhr
    54. @Guy...

    "Wofür ich früher Kurvendiskussionen und Gleichungen mit Unbekannten gelernt habe (mit mittelmässigem Erfolg) erschliesst sich mir heute nicht mehr."

    Sie sind mir aber ein seltsamer Zeitgenosse. Gerade bei "Guys" sind doch im Allgemeinen "Kurvendisussionen" -neben Fußball und Autos- ganz besonders beliebt und jedes erste Mal ist schließlich auch immer irgendwie eine Gleichung mit einer (hoffentlich bezaubernden Noch-)Unbekannten. Darüber hinaus ist Mathematik etwas, was mit Logik und Abstraktion zu tun hat, also weniger was mit "Bildern aus unserer Erfahrungswelt". Obwohl, anderseits hat "begreifen" ja vorallem etwas mit "greifen", also mit etwas materiellem nicht virtuellem mit seinem Körper anfassen zu tun. Also doch mit realen Erfahrungen.

  5. ...verschleiert die Schönheit der Mathematik!

    Zitat Artikel:
    "Eine Vielzahl von Studien deutet darauf hin, dass das Zahlenverständnis eng mit dem räumlichen Vorstellungsvermögen und dem Zeitgefühl verbunden ist."

    Könnte es sein, dass uns das Dezimalsystem daran hindert, bestimmte Zusammenhänge zu erkennen und die Schönheit der Mathematik zu erfahren?
    http://de.wikipedia.org/w...

    Raum:
    Zehn ist ganzzahlig nur teilbar durch zwei und fünf; zwölf ist ganzzahlig teilbar durch zwei, drei, vier und sechs. Eine Ebene lässt sich lückenlos in gleichseitige Dreiecke, Vierecke und Sechsecke und Kombinationen aus diesen teilen.
    http://de.wikipedia.org/w....

    Zeit:
    "Der Tag ist nach dem heute üblichen System in 24 Stunden, die Stunde in 60 Minuten und die Minute in 60 Sekunden unterteilt. [...] Zur Zeit der Französischen Revolution wurde ein erfolgloser Versuch unternommen, den Tag in 10 Stunden mit je 100 Minuten und 100 Sekunden einzuteilen."
    http://de.wikipedia.org/w...

    Musik:
    "Das heutige Tonsystem der westlich-abendländischen Musik unterteilt die Oktave in zwölf Halbtöne."
    http://de.wikipedia.org/w...

  6. 56. aber...

    ...ich war in Mathe wirklich immer schlecht!

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