Wohin wir unterwegs seien, will der Taxifahrer wissen, während er seinen Wagen in Richtung Flughafen steuert. Als er hört, dass wir Hirnforscher, Evolutionsbiologen und Philosophen besuchen, um zu ergründen, wie das "Ich" entsteht, ist er sichtlich begeistert. Darüber habe er sich auch schon Gedanken gemacht, sagt er eifrig – und liefert prompt eine prägnante Definition: "Das Ich ist ein Sammelsurium", doziert unser Chauffeur. "Es entsteht aus all den Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens machen, wird also im wahrsten Sinne des Wortes gebildet." Während wir noch über diese treffende Diagnose staunen, schiebt der Mann gelassen nach: "Und das Ich drückt sich durch sein Interesse aus. Wissen Sie, ich erlebe in meinem Wagen ja die unterschiedlichsten Typen – vom Professor bis zum Zuhälter. Aber eines haben alle gemeinsam: Jeder hat mindestens ein Interesse."

Ein Sammelsurium, das ein Interesse hat – für den Anfang nicht die schlechteste Antwort auf die Frage nach dem Ich. Sie kann jedenfalls mit manchen Erklärversuchen mithalten, die von der Wissenschaft bislang präsentiert wurden. Denn bei der Frage nach dem Kern unseres Menschseins sind sich die verschiedenen Disziplinen alles andere als einig. Klar ist lediglich, dass sich die Gattung Homo sapiens vor allem durch ihr hoch entwickeltes Ich-Bewusstsein auszeichnet. Auch stimmen Natur- und Geisteswissenschaftler darin überein, dass wir alle über einen höchst subjektiven Blick auf die Welt verfügen – eine "Erste-Person-Perspektive", wie Philosophen das nennen. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten meist schon.

Wie dieses Ich im Laufe der Menschheitsgeschichte entstanden ist, ob es eine Art unzerstörbaren Kern darstellt oder nur eine flüchtige Illusion und ob es sich jemals gänzlich wird entschlüsseln lassen – über all diese Fragen streiten die Gelehrten auch heute noch, trotz (oder gerade wegen) der rasanten Fortschritte der Neurowissenschaft. Die Konfliktlinie verläuft zwischen Naturwissenschaft und Philosophie, geht aber mitunter auch quer durch die Disziplinen.

Immerhin: Nachdem das Ich-Bewusstsein jahrhundertelang als rein geisteswissenschaftliches Problem galt, ist es in den vergangenen Jahren zunehmend zum Gegenstand knallharter empirischer Forschung geworden. Und deren Ergebnisse setzen Baustein für Baustein ein faszinierendes Bild des Ich zusammen, das dazu angetan ist, den tiefen Graben zwischen den Disziplinen zu überbrücken. Zeit für eine Reise durch die verschiedenen Fachrichtungen, in ihre Labors und Denkerstuben, in denen diese neue Sicht auf das Ich Gestalt annimmt.

Die Evolutionspsychologen

Es ist wohl eines der ungewöhnlichsten Labors in Deutschland: Zwischen den Versuchsräumen gibt es Ecken mit Kindermöbeln und Spielzeugbergen. Männer, sonst die vorherrschende Spezies in Forschungsstätten, fehlen gänzlich – im Child Lab des Leipziger Max-Planck-Instituts (MPI) für Evolutionäre Anthropologie forschen nur junge Frauen. "Weiblich zu sein ist aber keine Einstellungsvoraussetzung", stellt Jana Jurkat, die hier die Abläufe organisiert, lächelnd klar. Es ist eher so, dass Männer an dieser Forschung weniger Interesse haben. Denn hier wird mit Kindern gearbeitet. Etwa 6.600 Versuche gab es im vergangenen Jahr. "In lebhaften Wochen haben wir schon mal über 100 Kinder hier", sagt Jurkat.

Die achtjährige Lisa gehört bereits zu den alten Hasen. "Könnt ihr mein Mikro schon mal verkabeln?", fragt sie routiniert und nimmt Platz in einem engen Raum voller Computer. Durch eine Glasscheibe späht sie in ein Labor. "Das ist aber wieder öde", entfährt es ihr. Die beiden Testpersonen, zwei fünfjährige Mädchen, sind schon da. Aber die Vorbereitungen ziehen sich hin. Lisa ist "Forschungsassistentin" und soll vor allem eines: beobachten, was andere Kinder tun.

Als der Versuch im Nebenraum endlich beginnt, sitzen sich die zwei Mädchen an einem Tisch gegenüber. Zwischen ihnen ist eine Spanplatte aufgebaut, sodass sie einander nicht sehen. Durch kurze Röhren aber können die Kinder sich bunte Spielzeugkugeln hin- und herreichen. Wie viele ihrer Kugeln sie hergeben, ist allein ihre Entscheidung. Sie können auch alle behalten. Die Forscher wollen zunächst herausfinden, wie bereitwillig die Kinder teilen und wie sie auf die Bereitschaft zu teilen des Gegenübers reagieren.

Dann kommt der entscheidende Teil des Versuchs: Die Mädchen erfahren, dass sie von der älteren Lisa beobachtet werden. Was bewirkt diese Information, wollen die Forscher wissen. Ändern die Testpersonen ihr Verhalten? Die beiden Mädchen heute werden tatsächlich großzügiger. Aber ob das allgemein gilt, können die Forscher erst sagen, wenn sie viele weitere Testpaare untersucht haben. Es könnte auch sein, dass Kinder unter Beobachtung noch strenger auf einen korrekten Kugelaustausch achten.