Ich-BewusstseinWas ist das Ich?

Natur- und Geisteswissenschaftler ergründen jenen mysteriösen Kern, der Menschen zu Individuen macht. Mit Kinderstudien und Zaubertricks kommen sie dem Geheimnis des Selbst-Bewusstseins auf die Spur.

Wohin wir unterwegs seien, will der Taxifahrer wissen, während er seinen Wagen in Richtung Flughafen steuert. Als er hört, dass wir Hirnforscher, Evolutionsbiologen und Philosophen besuchen, um zu ergründen, wie das »Ich« entsteht, ist er sichtlich begeistert. Darüber habe er sich auch schon Gedanken gemacht, sagt er eifrig – und liefert prompt eine prägnante Definition: »Das Ich ist ein Sammelsurium«, doziert unser Chauffeur. »Es entsteht aus all den Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens machen, wird also im wahrsten Sinne des Wortes gebildet.« Während wir noch über diese treffende Diagnose staunen, schiebt der Mann gelassen nach: »Und das Ich drückt sich durch sein Interesse aus. Wissen Sie, ich erlebe in meinem Wagen ja die unterschiedlichsten Typen – vom Professor bis zum Zuhälter. Aber eines haben alle gemeinsam: Jeder hat mindestens ein Interesse.«

Ein Sammelsurium, das ein Interesse hat – für den Anfang nicht die schlechteste Antwort auf die Frage nach dem Ich. Sie kann jedenfalls mit manchen Erklärversuchen mithalten, die von der Wissenschaft bislang präsentiert wurden. Denn bei der Frage nach dem Kern unseres Menschseins sind sich die verschiedenen Disziplinen alles andere als einig. Klar ist lediglich, dass sich die Gattung Homo sapiens vor allem durch ihr hoch entwickeltes Ich-Bewusstsein auszeichnet. Auch stimmen Natur- und Geisteswissenschaftler darin überein, dass wir alle über einen höchst subjektiven Blick auf die Welt verfügen – eine »Erste-Person-Perspektive«, wie Philosophen das nennen. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten meist schon.

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Wie dieses Ich im Laufe der Menschheitsgeschichte entstanden ist, ob es eine Art unzerstörbaren Kern darstellt oder nur eine flüchtige Illusion und ob es sich jemals gänzlich wird entschlüsseln lassen – über all diese Fragen streiten die Gelehrten auch heute noch, trotz (oder gerade wegen) der rasanten Fortschritte der Neurowissenschaft. Die Konfliktlinie verläuft zwischen Naturwissenschaft und Philosophie, geht aber mitunter auch quer durch die Disziplinen.

Die Stufen des Bewusstseins

Ob ein Mensch überhaupt das Gefühl hat, ein Ich zu sein, hängt von zwei Voraussetzungen ab: Bewusstsein und Wachheit. Das eine ist mit dem an- deren nicht gleichzusetzen, zudem gibt es viele Zwischenstufen. Am besten lässt sich das an Menschen studieren, die ihr Ich verlieren. In der Narkose oder im Koma etwa sind Bewusstsein und Wachheit zugleich abwesend. Im Schlaf dagegen sind Menschen zwar nicht wach, sie haben aber ein Bewusstsein – je nach Schlafphase ist es mehr oder weniger ausgeprägt. Wer Klarträume hat, ist, obgleich nicht wach, sich darüber im Klaren, dass er träumt. Wach erscheinen dagegen Patienten mit Hirnschäden, die sich im Wachkoma oder im vegetativen Zustand befinden. Doch bei ihnen ist anscheinend jedes Bewusstsein erloschen.

Das Ich-Gefühl

Damit das Ich-Gefühl entsteht, müssen viele Areale des Hirns zusammenspielen. In den Cortex-Nervenzellen des Großhirns entstehen Inhalte des Bewusstseins und deren emotionale Bewertung. Als Motor des Ichs fungieren der Thalamus im Mittelhirn und die Formatio reticularis im Hirnstamm. Nur wenn sie funktionieren, sind Wachheit und Bewusstsein möglich. Sie arbeiten wie Dimmer, die das Bewusstsein mal mehr, mal weniger stark zum Leuchten bringen.

Im Alltag handeln wir allerdings oft unbewusst. Beim Sprechen denken wir nicht über die Grammatik nach, beim Radfahren nicht an die Balance. Zwar haben wir beides bewusst gelernt, später laufen die Vorgänge aber automatisch ab. Bewusstsein ist also ein Luxus, den wir uns nur in Ausnahmefällen leisten.

Immerhin: Nachdem das Ich-Bewusstsein jahrhundertelang als rein geisteswissenschaftliches Problem galt, ist es in den vergangenen Jahren zunehmend zum Gegenstand knallharter empirischer Forschung geworden. Und deren Ergebnisse setzen Baustein für Baustein ein faszinierendes Bild des Ich zusammen, das dazu angetan ist, den tiefen Graben zwischen den Disziplinen zu überbrücken. Zeit für eine Reise durch die verschiedenen Fachrichtungen, in ihre Labors und Denkerstuben, in denen diese neue Sicht auf das Ich Gestalt annimmt.

Die Evolutionspsychologen

Es ist wohl eines der ungewöhnlichsten Labors in Deutschland: Zwischen den Versuchsräumen gibt es Ecken mit Kindermöbeln und Spielzeugbergen. Männer, sonst die vorherrschende Spezies in Forschungsstätten, fehlen gänzlich – im Child Lab des Leipziger Max-Planck-Instituts (MPI) für Evolutionäre Anthropologie forschen nur junge Frauen. »Weiblich zu sein ist aber keine Einstellungsvoraussetzung«, stellt Jana Jurkat, die hier die Abläufe organisiert, lächelnd klar. Es ist eher so, dass Männer an dieser Forschung weniger Interesse haben. Denn hier wird mit Kindern gearbeitet. Etwa 6.600 Versuche gab es im vergangenen Jahr. »In lebhaften Wochen haben wir schon mal über 100 Kinder hier«, sagt Jurkat.

Die achtjährige Lisa gehört bereits zu den alten Hasen. »Könnt ihr mein Mikro schon mal verkabeln?«, fragt sie routiniert und nimmt Platz in einem engen Raum voller Computer. Durch eine Glasscheibe späht sie in ein Labor. »Das ist aber wieder öde«, entfährt es ihr. Die beiden Testpersonen, zwei fünfjährige Mädchen, sind schon da. Aber die Vorbereitungen ziehen sich hin. Lisa ist »Forschungsassistentin« und soll vor allem eines: beobachten, was andere Kinder tun.

Als der Versuch im Nebenraum endlich beginnt, sitzen sich die zwei Mädchen an einem Tisch gegenüber. Zwischen ihnen ist eine Spanplatte aufgebaut, sodass sie einander nicht sehen. Durch kurze Röhren aber können die Kinder sich bunte Spielzeugkugeln hin- und herreichen. Wie viele ihrer Kugeln sie hergeben, ist allein ihre Entscheidung. Sie können auch alle behalten. Die Forscher wollen zunächst herausfinden, wie bereitwillig die Kinder teilen und wie sie auf die Bereitschaft zu teilen des Gegenübers reagieren.

Dann kommt der entscheidende Teil des Versuchs: Die Mädchen erfahren, dass sie von der älteren Lisa beobachtet werden. Was bewirkt diese Information, wollen die Forscher wissen. Ändern die Testpersonen ihr Verhalten? Die beiden Mädchen heute werden tatsächlich großzügiger. Aber ob das allgemein gilt, können die Forscher erst sagen, wenn sie viele weitere Testpaare untersucht haben. Es könnte auch sein, dass Kinder unter Beobachtung noch strenger auf einen korrekten Kugelaustausch achten.

Leserkommentare
  1. Ist das klare Bewußtsein, dass ich ich bin.
    Andere haben es zu allen Zeiten mit anderen Worten erklärt.
    Hier ist es doch bereits erklärt im Zusatzfenster.

    Ohne klares Bewußsein mag ich als Individium zwar existieren, aber ich bin mir meiner nicht bewußt.
    In unserem Bewußsein liegt der Geist und auch unsere Seele.

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  2. Ein "Ich" als unzerstörbarer Kern existiert nicht, sondern ist eine Illusion, die durch das Greifen nach begehrenswerten Objekten, durch Abneigung gegen unangenehme Objekte und durch Unwissenheit über diesen Zustand entsteht.

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  3. was oben im Artikel steht trifft auch alles auf meinen Hund zu. Trotzdem schreiben wir meinem Hund im Gegensatz zu mir keine Verantwortung oder Freiheit zu.
    Mein Hund träumt zB Nachts und macht dann zB Pfotenbewegungen, knurrt etc d.h. sein Gehirn ist auch ein "Geschichtenerzähler" und wenn man ihm zuguckt kann man sich auch in etwa denken was es gerade erzählt :)

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    • Acrux
    • 08.04.2012 um 18:51 Uhr

    Es gibt einen quantitativen Unterschied zwischen Mensch und Tier, keinen qualitativen. Soweit mir bekannt ist das Resultat bislang jeder wissenschaftlichen Untersuchung, dass es kein Merkmal des Menschen gibt, das diesen prinzipiell, und nicht nur graduell auszeichnet. D.h., dass wir zwar in viel hoeherem Masse etwa soziale Beziehungen haben und Werkzeuge benutzen als jedes Tier, aber auch Tiere benutzen Werkzeuge, haben soziale Beziehungen etc.

    Einem Hund schreiben wir keine Verantwortung oder Handlungsfreiheit zu? Natuerlich tun wir dass, sonst koennten wir ihn nicht erziehen. Die ganze Idee, einem Hund etwas beizubringen ist erst dann sinnvoll, wenn wir zugeben, dass der Hund entscheiden kann, was er tut.

    Wenn unsere Gerichte keine Hunde verurteilen, dann nicht deswegen, sondern weil Hunden die Einsicht in die moralische Qualitaet ihres Handelns fehlt, bzw. sie diese Einsicht von ihrer Bezugsperson uebernehmen. Weswegen in solchen Faellen auch die Bezugsperson an Stelle des Hundes verurteilt wird.

    ...oder besser Säugetier ist viel kleiner als man denkt - wie Sie in Ihrem Kommentar auch richtig betrachten.
    Der große Unterschied zwischen anderen Säugetieren und Menschen ist mMn, dass der Mensch gelernt hat sich die Umwelt seiner Vorstellung anzupassen, wärend Tiere sich ihrer Umwelt anpassen. Deshalb verwenden nur sehr wenig Tiere Werkzeuge, weil sie sie nicht brauchen.
    Warum soll Ihr Hund kein "Ich" haben?
    Wie heisst es so schön, Hunde sind die besseren Menschen ;-)

    • joG
    • 09.04.2012 um 9:06 Uhr

    ....anders sein als beim Tier? Quantitativ haben wir mehr Gehirn als die meisten Tiere. Qualitativ ist da aber wenig. Wenn Sie Ihre Hund beobachten, werden Sie auch vermutlich den Verdacht hegen, dass er auch glaubt ein "Ich" zu sein. Der Depp.

    • Acrux
    • 08.04.2012 um 18:51 Uhr

    Es gibt einen quantitativen Unterschied zwischen Mensch und Tier, keinen qualitativen. Soweit mir bekannt ist das Resultat bislang jeder wissenschaftlichen Untersuchung, dass es kein Merkmal des Menschen gibt, das diesen prinzipiell, und nicht nur graduell auszeichnet. D.h., dass wir zwar in viel hoeherem Masse etwa soziale Beziehungen haben und Werkzeuge benutzen als jedes Tier, aber auch Tiere benutzen Werkzeuge, haben soziale Beziehungen etc.

    Einem Hund schreiben wir keine Verantwortung oder Handlungsfreiheit zu? Natuerlich tun wir dass, sonst koennten wir ihn nicht erziehen. Die ganze Idee, einem Hund etwas beizubringen ist erst dann sinnvoll, wenn wir zugeben, dass der Hund entscheiden kann, was er tut.

    Wenn unsere Gerichte keine Hunde verurteilen, dann nicht deswegen, sondern weil Hunden die Einsicht in die moralische Qualitaet ihres Handelns fehlt, bzw. sie diese Einsicht von ihrer Bezugsperson uebernehmen. Weswegen in solchen Faellen auch die Bezugsperson an Stelle des Hundes verurteilt wird.

    ...oder besser Säugetier ist viel kleiner als man denkt - wie Sie in Ihrem Kommentar auch richtig betrachten.
    Der große Unterschied zwischen anderen Säugetieren und Menschen ist mMn, dass der Mensch gelernt hat sich die Umwelt seiner Vorstellung anzupassen, wärend Tiere sich ihrer Umwelt anpassen. Deshalb verwenden nur sehr wenig Tiere Werkzeuge, weil sie sie nicht brauchen.
    Warum soll Ihr Hund kein "Ich" haben?
    Wie heisst es so schön, Hunde sind die besseren Menschen ;-)

    • joG
    • 09.04.2012 um 9:06 Uhr

    ....anders sein als beim Tier? Quantitativ haben wir mehr Gehirn als die meisten Tiere. Qualitativ ist da aber wenig. Wenn Sie Ihre Hund beobachten, werden Sie auch vermutlich den Verdacht hegen, dass er auch glaubt ein "Ich" zu sein. Der Depp.

  4. allerdings: "Denn im Normalfall liefert der Sehsinn viel präzisere Informationen als der – relativ grobe – Tastsinn."?
    Der Sehsinn liefert zwar die größte Fülle an Informationen aber gleichzeitig auch die am wenigsten präzise. Unser Auge läßt sich unglaublich leicht täuschen, jeder von uns kennt etliche Versuche dazu. Der Hörsinn ist präzise, die Mitte einer Saite per Klang zu finden gelingt fast jedem, per Sehsinn: unmöglich. Der Tastsinn ist extrem präzise. Fahren Sie mit dem Finger auf einer Oberfläche entlang, Sie werden die feinsten Erhebungen spüren. Versuchen Sie das mit dem Sehsinn, keine Chance.
    Grüße

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  5. Freier Wille ist das Gegenteil von Determinismus. Determinismus setzt aber voraus, dass bei einer endlichen Zahl von kleinsten Materiebausteinen, und sei die endliche Zahl noch so groß, alle Verhaltensregeln der Teilchen bekannt sein müssen und der Zustand zu einem Zeitpunkt X. Dann wäre jeder Folgezustand ein berechenbares Phänomen,dwas nicht mit Wahrscheinlichkeit sondern mit Sicherheit eintritt. Aufgund der in zeitlicher und räumlicher Richtung unbegrenzten Situation, es gibt also keine kleinsten Teilchen, deren Eigenschaften rundherum bekannt sind (Heisenbergsche Unschärfe), auch keine kleinsten Zeitteilchen (Dharmatas), ist dies nicht möglich. Wir haben also definitiv keinen Determinismus. Aber Freier Wille ist ja durch das MPI in Leipzig vor Jahren schon neurowissenschaftlich gekippt worden. Also nehmen wir wohl am besten einen weichen Determinismus à la David Hume an. Das wäre dann der Weg zwischen den Extremen und im besten Sinne buddhistisch.
    Allerdings müsste hier bei manchen Buddhisten noch Überzeugungsarbeit geleistet werden, denn sie nehmen den freien Willen an, um die Entscheidung zur geschickten oder ungeschickten Handlung begründen zu können.

    Eine qualifizierte, buddhistische Antwort würde mich freuen.

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    • PGMN
    • 08.04.2012 um 19:43 Uhr

    Der von Ihnen postulierte Gegensatz von Freiem Willen zu Determinismus ist nicht ohne weiteres gültig, insbesondere wenn Sie zur Begründung die Quantenmechanik anstrengen. Der Ausdruck des Determinismus an sich besagt nichts weiter, als dass, sind alle Anfangsbedingungen bekannt, lässt sich die weitere Entwicklung des Systems berechnen - Laplace lässt grüßen. Diese Möglichkeit ist, wie Sie richtig anmerkten, mit der Quantenmechanik ad absurdum geführt. Dies bedeutet aber nicht den freien Willen in der Hinsicht, dass der Mensch an sich tatsächlich die freie Wahl zwischen verschiedenen Entscheidungen hat, schließlich würde das bedeuten, dass er durch sein Bewusstsein dieselben Quantenmechanischen Effekte, welche die absolute Vorausberechenbarkeit der Zukunft zu Wahrscheinlichkeitsangaben degeneriert, irgendwie beeinflussen könnte.

    Man stelle sich beispielsweise einen Roboter vor, der auf bestimmte Eingaben reagieren soll. Im Deterministischen Sinne würde der Roboter auf denselben Input immer gleich reagieren. Im Sinne des freien Willen wäre er in der Lage, auf denselben Input beliebig zu reagieren. Im dritten möglichen, dem quantenmechanischen, Sinne, wäre es so als würde er nach dem Input jedesmal einen Würfel werfen, dessen für den Roboter nicht beeinflussbare Resultat als variable Einfluss auf die Reaktion nimmt.
    Im letzteren Fall wäre seine Reaktion, genau wie im Fall des freien Willen, nicht vorhersehbar, aber wie im deterministischen Fall nicht frei wählbar.

    "... es gibt also keine kleinsten Teilchen, deren Eigenschaften rundherum bekannt sind (Heisenbergsche Unschärfe), auch keine kleinsten Zeitteilchen (Dharmatas), ist dies nicht möglich."

    daß diese eigenschaften nicht bekannt sind heißt doch nicht, daß sie nicht existieren. wir können sie nur nicht erkennen. was also spricht gegen determinismus?

    Ihr Bild vom weichen Determinismus, das ich teile, beschreibt nur die Möglichkeit, dass ein Input ein Spektrum verschiedener Outputs erzeugen kann, aus dem sich letztlich ein ganz bestimmter Output als "Entscheidung" herausbildet und konkretisiert. Es hätte aber genau so gut auch ein anderer sein können. Das bedeutet m.E. zwar, dass es eine begrenzte Restvariabilität gibt, beweist aber gerade nicht den "freien Willen". Es deutet eher darauf hin, dass das, was wir als freien Willen empfinden, ein im Rahmen der Restvariabilität erzeugtes Zufallsprodukt ist. Das Hirn würfelt sozusagen, wobei die Art der möglichen Spielzüge einigermaßen begrenzt ist. Im Vergleich zum Tier ist die Würfelei unseres Hirns allerdings deutlich breiter angelegt.

    • umzu
    • 08.04.2012 um 23:08 Uhr

    Meines Erachtens (ich bin allerdings nur Amateur auf dem Gebiet) bedeutet ¨Determinismus¨, dass der Folgezustand sich nach festen Gesetzen aus dem Ursprungszustand ergibt. Ob man das tatsächlich berechnen kann, ist nicht Teil des Determinismus. Das ist nur wichtig für die Beweisbarkeit.

    Die Quantenmechanik, die Relativitätstheorie usw. sind nur Modelle anhand derer wir Reaktionen in der Wirklichkeit vorhersagen wollen. Sie sind nicht die Wirklichkeit. Bloss weil wir nach Heisenberg nicht gleichzeitig zwei Größen mit beliebiger Genauigkeit messen können und damit unsere Modelle immer nach endlicher Zeit aus dem Ruder laufen, heißt es ja nicht, dass das Objekt sich nicht in Wirklichkeit präzise an die Gesetze hält.

    Auch wenn unser Messverfahren das Verhalten des Messobjektes beeinflusst, heißt es ja nicht, dass das Objekt sich ohne unseren Einfluss nicht streng deterministisch verhält.

    Auch die Quantenmechanik ist nur eine Näherung unseres Wissens an die Realität. Vielleicht kennen wir zur Zeit einfach noch nicht alle Abhängigkeiten, Phänomene, deshalb sind andere, statistische mathematische Beschreibungen im Moment die beste Näherung.

    All das erschwert den Beleg des Determinismus, aber es schließt den Determinismus nicht aus. Auf der anderen Seite fehlt aber auch ein Beleg dafür, wie genau physikalischer Zufall entstehen soll.

    Ich bin zwar kein Buddhist, will aber trotzdem kommentieren. Fuer mich ist noch relevant, dass beim Determinismus meist stillschweigend vorausgesetzt wird, dass er dafuer sorgt dass man nicht nur zielfuehrend sondern auch reproduzierbar zu "dem" Resultat kommt. Das ist bei den komplexen Prozessen die involviert sind und der inherenten Entropie grundsaetzlich unmoeglich. Das ist populaerwissenschaftlich beschreibbar durch den Butterfly Effekt, der in dem gleichnamigen Film zeigt wie gefaehrlich und im Prinzip unmoeglich es waere nach einem tragischen Ereignis die Geschichte neu abaufen zu lassen um durch eine bewusste Veraenderung eines "kritischen" Verhaltens zu einem besseren Ergebnis zu kommen. Und gilt das Gleiche im Prinzip nicht genauso fuer den Fall, dass ein Ergebnis sehr positiv ist und wo man versucht ist eine gerade Linie zwischen bewussten Entscheidungen und dem Ausgang zu sehen ohne dem "Zufall" Dank zu zollen.

    • PGMN
    • 08.04.2012 um 19:43 Uhr

    Der von Ihnen postulierte Gegensatz von Freiem Willen zu Determinismus ist nicht ohne weiteres gültig, insbesondere wenn Sie zur Begründung die Quantenmechanik anstrengen. Der Ausdruck des Determinismus an sich besagt nichts weiter, als dass, sind alle Anfangsbedingungen bekannt, lässt sich die weitere Entwicklung des Systems berechnen - Laplace lässt grüßen. Diese Möglichkeit ist, wie Sie richtig anmerkten, mit der Quantenmechanik ad absurdum geführt. Dies bedeutet aber nicht den freien Willen in der Hinsicht, dass der Mensch an sich tatsächlich die freie Wahl zwischen verschiedenen Entscheidungen hat, schließlich würde das bedeuten, dass er durch sein Bewusstsein dieselben Quantenmechanischen Effekte, welche die absolute Vorausberechenbarkeit der Zukunft zu Wahrscheinlichkeitsangaben degeneriert, irgendwie beeinflussen könnte.

    Man stelle sich beispielsweise einen Roboter vor, der auf bestimmte Eingaben reagieren soll. Im Deterministischen Sinne würde der Roboter auf denselben Input immer gleich reagieren. Im Sinne des freien Willen wäre er in der Lage, auf denselben Input beliebig zu reagieren. Im dritten möglichen, dem quantenmechanischen, Sinne, wäre es so als würde er nach dem Input jedesmal einen Würfel werfen, dessen für den Roboter nicht beeinflussbare Resultat als variable Einfluss auf die Reaktion nimmt.
    Im letzteren Fall wäre seine Reaktion, genau wie im Fall des freien Willen, nicht vorhersehbar, aber wie im deterministischen Fall nicht frei wählbar.

    "... es gibt also keine kleinsten Teilchen, deren Eigenschaften rundherum bekannt sind (Heisenbergsche Unschärfe), auch keine kleinsten Zeitteilchen (Dharmatas), ist dies nicht möglich."

    daß diese eigenschaften nicht bekannt sind heißt doch nicht, daß sie nicht existieren. wir können sie nur nicht erkennen. was also spricht gegen determinismus?

    Ihr Bild vom weichen Determinismus, das ich teile, beschreibt nur die Möglichkeit, dass ein Input ein Spektrum verschiedener Outputs erzeugen kann, aus dem sich letztlich ein ganz bestimmter Output als "Entscheidung" herausbildet und konkretisiert. Es hätte aber genau so gut auch ein anderer sein können. Das bedeutet m.E. zwar, dass es eine begrenzte Restvariabilität gibt, beweist aber gerade nicht den "freien Willen". Es deutet eher darauf hin, dass das, was wir als freien Willen empfinden, ein im Rahmen der Restvariabilität erzeugtes Zufallsprodukt ist. Das Hirn würfelt sozusagen, wobei die Art der möglichen Spielzüge einigermaßen begrenzt ist. Im Vergleich zum Tier ist die Würfelei unseres Hirns allerdings deutlich breiter angelegt.

    • umzu
    • 08.04.2012 um 23:08 Uhr

    Meines Erachtens (ich bin allerdings nur Amateur auf dem Gebiet) bedeutet ¨Determinismus¨, dass der Folgezustand sich nach festen Gesetzen aus dem Ursprungszustand ergibt. Ob man das tatsächlich berechnen kann, ist nicht Teil des Determinismus. Das ist nur wichtig für die Beweisbarkeit.

    Die Quantenmechanik, die Relativitätstheorie usw. sind nur Modelle anhand derer wir Reaktionen in der Wirklichkeit vorhersagen wollen. Sie sind nicht die Wirklichkeit. Bloss weil wir nach Heisenberg nicht gleichzeitig zwei Größen mit beliebiger Genauigkeit messen können und damit unsere Modelle immer nach endlicher Zeit aus dem Ruder laufen, heißt es ja nicht, dass das Objekt sich nicht in Wirklichkeit präzise an die Gesetze hält.

    Auch wenn unser Messverfahren das Verhalten des Messobjektes beeinflusst, heißt es ja nicht, dass das Objekt sich ohne unseren Einfluss nicht streng deterministisch verhält.

    Auch die Quantenmechanik ist nur eine Näherung unseres Wissens an die Realität. Vielleicht kennen wir zur Zeit einfach noch nicht alle Abhängigkeiten, Phänomene, deshalb sind andere, statistische mathematische Beschreibungen im Moment die beste Näherung.

    All das erschwert den Beleg des Determinismus, aber es schließt den Determinismus nicht aus. Auf der anderen Seite fehlt aber auch ein Beleg dafür, wie genau physikalischer Zufall entstehen soll.

    Ich bin zwar kein Buddhist, will aber trotzdem kommentieren. Fuer mich ist noch relevant, dass beim Determinismus meist stillschweigend vorausgesetzt wird, dass er dafuer sorgt dass man nicht nur zielfuehrend sondern auch reproduzierbar zu "dem" Resultat kommt. Das ist bei den komplexen Prozessen die involviert sind und der inherenten Entropie grundsaetzlich unmoeglich. Das ist populaerwissenschaftlich beschreibbar durch den Butterfly Effekt, der in dem gleichnamigen Film zeigt wie gefaehrlich und im Prinzip unmoeglich es waere nach einem tragischen Ereignis die Geschichte neu abaufen zu lassen um durch eine bewusste Veraenderung eines "kritischen" Verhaltens zu einem besseren Ergebnis zu kommen. Und gilt das Gleiche im Prinzip nicht genauso fuer den Fall, dass ein Ergebnis sehr positiv ist und wo man versucht ist eine gerade Linie zwischen bewussten Entscheidungen und dem Ausgang zu sehen ohne dem "Zufall" Dank zu zollen.

    • Acrux
    • 08.04.2012 um 18:51 Uhr

    Es gibt einen quantitativen Unterschied zwischen Mensch und Tier, keinen qualitativen. Soweit mir bekannt ist das Resultat bislang jeder wissenschaftlichen Untersuchung, dass es kein Merkmal des Menschen gibt, das diesen prinzipiell, und nicht nur graduell auszeichnet. D.h., dass wir zwar in viel hoeherem Masse etwa soziale Beziehungen haben und Werkzeuge benutzen als jedes Tier, aber auch Tiere benutzen Werkzeuge, haben soziale Beziehungen etc.

    Einem Hund schreiben wir keine Verantwortung oder Handlungsfreiheit zu? Natuerlich tun wir dass, sonst koennten wir ihn nicht erziehen. Die ganze Idee, einem Hund etwas beizubringen ist erst dann sinnvoll, wenn wir zugeben, dass der Hund entscheiden kann, was er tut.

    Wenn unsere Gerichte keine Hunde verurteilen, dann nicht deswegen, sondern weil Hunden die Einsicht in die moralische Qualitaet ihres Handelns fehlt, bzw. sie diese Einsicht von ihrer Bezugsperson uebernehmen. Weswegen in solchen Faellen auch die Bezugsperson an Stelle des Hundes verurteilt wird.

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    Ich spiel ja extra den Advocatus Diaboli.
    "Wenn unsere Gerichte keine Hunde verurteilen, dann nicht deswegen, sondern weil Hunden die Einsicht in die moralische Qualitaet ihres Handelns fehlt, bzw. sie diese Einsicht von ihrer Bezugsperson uebernehmen."
    Hier gehts ja erst los wo kommen denn unsere Einsichten in die moralische Qualität unseres Handelns her? Ebenfalls von Bezugspersonenen (durch Wechselwirkung mit anderen Gehirnen).

    Der Unterschied zum Hund ist vielleicht eher, dass er sich die Bezugspersonen nicht "aussuchen" kann ähnlich wie bei einem Kind das sich die Eltern nicht "aussuchen" kann und daher haften die Eltern.

    Ich spiel ja extra den Advocatus Diaboli.
    "Wenn unsere Gerichte keine Hunde verurteilen, dann nicht deswegen, sondern weil Hunden die Einsicht in die moralische Qualitaet ihres Handelns fehlt, bzw. sie diese Einsicht von ihrer Bezugsperson uebernehmen."
    Hier gehts ja erst los wo kommen denn unsere Einsichten in die moralische Qualität unseres Handelns her? Ebenfalls von Bezugspersonenen (durch Wechselwirkung mit anderen Gehirnen).

    Der Unterschied zum Hund ist vielleicht eher, dass er sich die Bezugspersonen nicht "aussuchen" kann ähnlich wie bei einem Kind das sich die Eltern nicht "aussuchen" kann und daher haften die Eltern.

  6. ...oder besser Säugetier ist viel kleiner als man denkt - wie Sie in Ihrem Kommentar auch richtig betrachten.
    Der große Unterschied zwischen anderen Säugetieren und Menschen ist mMn, dass der Mensch gelernt hat sich die Umwelt seiner Vorstellung anzupassen, wärend Tiere sich ihrer Umwelt anpassen. Deshalb verwenden nur sehr wenig Tiere Werkzeuge, weil sie sie nicht brauchen.
    Warum soll Ihr Hund kein "Ich" haben?
    Wie heisst es so schön, Hunde sind die besseren Menschen ;-)

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    • Acrux
    • 08.04.2012 um 19:10 Uhr

    eine Pfefferminzpflanze im Garten davon abzuhalten, sich ihre Umwelt nach ihren Vorstellungen anzupassen. Minzepflanzen manipulieren die Bodenchemie, um anderen Spezies das Wachstum zu erschweren.

    Parasiten sind da sogar noch schlimmer.

    Das ist das Hauptmerkmal jeder Lebenstätigkeit, und zwar von allen Lebensformen: Einzeller, Mehrzeller, Pflanzen, Pilze, Tiere. http://de.wikipedia.org/w... . Denn alle Lebewesen existieren ja in einer Umwelt und tauschen Stoffe mit ihr aus. Das fängt schon bei mit ihren körpereigenen Werkzeugen arbeitenden Tieren an, egal wie klein sie sind, auch die submikroskopischen Lebewesen gestalten so ihre Umwelt.

    Ein Unterschied mag sein, daß Hunde, oder Tiere, nicht abstrahieren (können). Dehalb sind sie nicht ironisch, ignorant und arrogant und können nichts(falsches)über uns denken, oder wie Nietzsche es beschrieb: Die Natur ist so erholsam, weil sie keine Meinung über uns hat!:)

    • Acrux
    • 08.04.2012 um 19:10 Uhr

    eine Pfefferminzpflanze im Garten davon abzuhalten, sich ihre Umwelt nach ihren Vorstellungen anzupassen. Minzepflanzen manipulieren die Bodenchemie, um anderen Spezies das Wachstum zu erschweren.

    Parasiten sind da sogar noch schlimmer.

    Das ist das Hauptmerkmal jeder Lebenstätigkeit, und zwar von allen Lebensformen: Einzeller, Mehrzeller, Pflanzen, Pilze, Tiere. http://de.wikipedia.org/w... . Denn alle Lebewesen existieren ja in einer Umwelt und tauschen Stoffe mit ihr aus. Das fängt schon bei mit ihren körpereigenen Werkzeugen arbeitenden Tieren an, egal wie klein sie sind, auch die submikroskopischen Lebewesen gestalten so ihre Umwelt.

    Ein Unterschied mag sein, daß Hunde, oder Tiere, nicht abstrahieren (können). Dehalb sind sie nicht ironisch, ignorant und arrogant und können nichts(falsches)über uns denken, oder wie Nietzsche es beschrieb: Die Natur ist so erholsam, weil sie keine Meinung über uns hat!:)

  7. Natürlich kann man den Menschen nur als einheitliches Wesen und im Zusammenhang mit anderen Menschen begreifen. Die Psyche ist demnach eine sich in ständiger Bewegung befindliche prozessorale Eigenschaft der hochkomplexen lebendigen Materie und ein Produkt biologischer wie kultureller Evolution. Da waren die Psychologen der kulturhistorischen Schule um A.N. Leontjew vor 50ig Jahren schon etwas weiter. http://de.wikipedia.org/w...

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