Wohin wir unterwegs seien, will der Taxifahrer wissen, während er seinen Wagen in Richtung Flughafen steuert. Als er hört, dass wir Hirnforscher, Evolutionsbiologen und Philosophen besuchen, um zu ergründen, wie das "Ich" entsteht, ist er sichtlich begeistert. Darüber habe er sich auch schon Gedanken gemacht, sagt er eifrig – und liefert prompt eine prägnante Definition: "Das Ich ist ein Sammelsurium", doziert unser Chauffeur. "Es entsteht aus all den Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens machen, wird also im wahrsten Sinne des Wortes gebildet." Während wir noch über diese treffende Diagnose staunen, schiebt der Mann gelassen nach: "Und das Ich drückt sich durch sein Interesse aus. Wissen Sie, ich erlebe in meinem Wagen ja die unterschiedlichsten Typen – vom Professor bis zum Zuhälter. Aber eines haben alle gemeinsam: Jeder hat mindestens ein Interesse."

Ein Sammelsurium, das ein Interesse hat – für den Anfang nicht die schlechteste Antwort auf die Frage nach dem Ich. Sie kann jedenfalls mit manchen Erklärversuchen mithalten, die von der Wissenschaft bislang präsentiert wurden. Denn bei der Frage nach dem Kern unseres Menschseins sind sich die verschiedenen Disziplinen alles andere als einig. Klar ist lediglich, dass sich die Gattung Homo sapiens vor allem durch ihr hoch entwickeltes Ich-Bewusstsein auszeichnet. Auch stimmen Natur- und Geisteswissenschaftler darin überein, dass wir alle über einen höchst subjektiven Blick auf die Welt verfügen – eine "Erste-Person-Perspektive", wie Philosophen das nennen. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten meist schon.

Wie dieses Ich im Laufe der Menschheitsgeschichte entstanden ist, ob es eine Art unzerstörbaren Kern darstellt oder nur eine flüchtige Illusion und ob es sich jemals gänzlich wird entschlüsseln lassen – über all diese Fragen streiten die Gelehrten auch heute noch, trotz (oder gerade wegen) der rasanten Fortschritte der Neurowissenschaft. Die Konfliktlinie verläuft zwischen Naturwissenschaft und Philosophie, geht aber mitunter auch quer durch die Disziplinen.

Immerhin: Nachdem das Ich-Bewusstsein jahrhundertelang als rein geisteswissenschaftliches Problem galt, ist es in den vergangenen Jahren zunehmend zum Gegenstand knallharter empirischer Forschung geworden. Und deren Ergebnisse setzen Baustein für Baustein ein faszinierendes Bild des Ich zusammen, das dazu angetan ist, den tiefen Graben zwischen den Disziplinen zu überbrücken. Zeit für eine Reise durch die verschiedenen Fachrichtungen, in ihre Labors und Denkerstuben, in denen diese neue Sicht auf das Ich Gestalt annimmt.

Die Evolutionspsychologen

Es ist wohl eines der ungewöhnlichsten Labors in Deutschland: Zwischen den Versuchsräumen gibt es Ecken mit Kindermöbeln und Spielzeugbergen. Männer, sonst die vorherrschende Spezies in Forschungsstätten, fehlen gänzlich – im Child Lab des Leipziger Max-Planck-Instituts (MPI) für Evolutionäre Anthropologie forschen nur junge Frauen. "Weiblich zu sein ist aber keine Einstellungsvoraussetzung", stellt Jana Jurkat, die hier die Abläufe organisiert, lächelnd klar. Es ist eher so, dass Männer an dieser Forschung weniger Interesse haben. Denn hier wird mit Kindern gearbeitet. Etwa 6.600 Versuche gab es im vergangenen Jahr. "In lebhaften Wochen haben wir schon mal über 100 Kinder hier", sagt Jurkat.

Die achtjährige Lisa gehört bereits zu den alten Hasen. "Könnt ihr mein Mikro schon mal verkabeln?", fragt sie routiniert und nimmt Platz in einem engen Raum voller Computer. Durch eine Glasscheibe späht sie in ein Labor. "Das ist aber wieder öde", entfährt es ihr. Die beiden Testpersonen, zwei fünfjährige Mädchen, sind schon da. Aber die Vorbereitungen ziehen sich hin. Lisa ist "Forschungsassistentin" und soll vor allem eines: beobachten, was andere Kinder tun.

Als der Versuch im Nebenraum endlich beginnt, sitzen sich die zwei Mädchen an einem Tisch gegenüber. Zwischen ihnen ist eine Spanplatte aufgebaut, sodass sie einander nicht sehen. Durch kurze Röhren aber können die Kinder sich bunte Spielzeugkugeln hin- und herreichen. Wie viele ihrer Kugeln sie hergeben, ist allein ihre Entscheidung. Sie können auch alle behalten. Die Forscher wollen zunächst herausfinden, wie bereitwillig die Kinder teilen und wie sie auf die Bereitschaft zu teilen des Gegenübers reagieren.

Dann kommt der entscheidende Teil des Versuchs: Die Mädchen erfahren, dass sie von der älteren Lisa beobachtet werden. Was bewirkt diese Information, wollen die Forscher wissen. Ändern die Testpersonen ihr Verhalten? Die beiden Mädchen heute werden tatsächlich großzügiger. Aber ob das allgemein gilt, können die Forscher erst sagen, wenn sie viele weitere Testpaare untersucht haben. Es könnte auch sein, dass Kinder unter Beobachtung noch strenger auf einen korrekten Kugelaustausch achten.

Die Hirnforscher

Experimente wie dieses dienen in Leipzig zur Untermauerung einer grundlegenden Hypothese: Das menschliche Selbstbewusstsein existiere nicht für sich allein, behauptet Michael Tomasello , der Leiter der Abteilung Entwicklungspsychologie. Es sei wesentlich das Produkt der Interaktion mit anderen. Genau in diesem Punkt unterscheiden sich Menschen grundlegend von ihren nächsten Verwandten , den Schimpansen, Orang-Utans oder Gorillas. Das zeigen ausgeklügelte Studien mit jungen Menschenaffen, die ebenfalls am Leipziger MPI laufen. Die Entwicklungspsychologen Josep Call und Esther Herrmann etwa verglichen 2007 die Fähigkeiten zweieinhalbjähriger Kinder mit denen von jungen Schimpansen . Solange motorische Fähigkeiten geprüft wurden, hatten die Affen die Nase vorn. Doch in Aufgaben, die soziale Kognition erforderten, drehte sich der Befund um: In diesem Punkt sind Menschen- den Affenkindern haushoch überlegen. "Da sind sie von Anfang an sehr viel besser", sagt Josep Call.

In einem hellen Büro in den modernen Institutsräumen philosophiert sein Chef Michael Tomasello über die Folgerungen aus solchen Experimenten. Menschliches Selbstbewusstsein, sagt der gebürtige Amerikaner, sei weniger ein Ausdruck individueller geistiger Fähigkeiten, sondern vor allem das Talent, ein kulturelles System aufzusaugen, mit anderen Menschen zu kommunizieren, zusammenzuarbeiten und von anderen zu lernen. "Ein Kind, das auf einer isolierten Insel ohne sozialen Kontakt aufwachsen würde, hätte als Erwachsener nicht mehr Geist als ein Affe. Wir Menschen sind dafür gemacht, die Köpfe zusammenzustecken."

Denn Menschen nehmen nicht nur ihre eigenen Handlungen wahr, sondern beherrschen auch die Kunst der joint attention , der gemeinsamen Aufmerksamkeit. Wie die beiden Mädchen im Versuch haben sie ein Gespür dafür, wenn sie ihre Aufmerksamkeit mit anderen zur selben Zeit auf denselben Vorgang oder ein Objekt fokussieren. "Das hat eine reflexive Qualität", sagt Tomasello und erklärt dies anhand seines Sitzmöbels: "Ich sehe den Stuhl, Sie sehen den Stuhl. Ich weiß, dass Sie den Stuhl sehen. Sie wissen, dass ich weiß, dass Sie den Stuhl sehen. Ich weiß, dass Sie wissen, dass ich weiß, dass Sie den Stuhl sehen, und so weiter."

Diese Art von reflexivem Wissen ist die Bedingung für Zusammenarbeit. Menschen bringen diese Fähigkeit nahezu von Anfang an mit, wie Tomasellos Forschung zeigt. Als Beleg führt er ein Video vor: zwei fünfjährige Jungen bei einem Kartenspiel. Die Karten weisen Zahlen in verschiedenen Farben auf. Was die Jungen nicht wissen: Ihnen wurden unterschiedliche Regeln für das Spiel gegeben. Einer glaubt, es gehe um die Zahlenfolge, der andere meint, die Farben seien entscheidend. Bald geraten die beiden in heftigen Streit. Doch trotz des perfiden Versuchsdesigns siegt am Ende der Wille, gemeinsam eine Lösung zu finden. Den Jungen sind die richtigen Regeln der Kooperation so wichtig, dass sie beschließen, den Versuchsleiter zu fragen.

Mit experimentellen Ergebnissen wie diesen begründen die Leipziger Forscher ihre Sicht auf die Bewusstseinsleistungen von Menschen: Alle Primaten entwickeln zwar vielfältige Interaktionen in ihren Gruppen. Doch die Menschen stechen als "ultrasoziale Wesen" hervor. Ihr Bewusstsein entsteht durch spezielle und hoch entwickelte Formen sozialer Fähigkeiten, bei der Interaktion mit anderen – etwas, das Tomasello "kulturelle Intelligenz" nennt. Und diese Art von kooperativem Denken habe die Gattung Homo sapiens zum Erfolgsmodell der Evolution gemacht. Für den Entwicklungspsychologen ist das menschliche Bewusstsein im Lauf der Evolution vor allem deshalb entstanden, weil es Menschen ermöglichte, höchst effektiv als Gruppe zu agieren.

Der Philosoph Jürgen Habermas lobte Tomasellos Forschung als "ingeniös". Mache sie doch klar, dass Menschen, anders als Affen, aus den Schranken ihrer selbstbezogenen, von eigenen Interessen gesteuerten Sicht ausbrechen könnten. Nur der Mensch, so Habermas ’ Subtext, habe einen freien Willen – und könne auch wider seine eigene Interessen handeln.

Die Hirnforscher

Eine schöne These von Habermas, ein hehrer Anspruch, den leider in der Praxis nicht alle Vertreter unserer Gattung einlösen. Wie Hirnforschung und Psychologie zeigen, wird der Mensch häufig von seinen (oft unbewussten) Interessen gesteuert und entscheidet alles andere als bewusst. Viele Neurowissenschaftler bezweifeln daher, dass er einen freien Willen habe; sie beschreiben ihn eher als biologische Maschine, die nach einem festen Regelwerk ablaufe.

Wie sehr das Bewusstsein an die Arbeit bestimmter Hirnzentren gebunden ist, bestätigte vor wenigen Jahren ein heikles Experiment in einer New Yorker Klinik. Dort versuchten Ärzte, das verloren geglaubte Bewusstsein eines Menschen einfach wieder anzuknipsen. Durch ein Loch in seinem Kopf schob das Team von Nicholas Schiff feine Elektroden unter die Schädeldecke eines 38-jährigen Mannes . In einer tief gelegenen Region namens Thalamus wurden die Drähte verankert. Nach schweren Hirnverletzungen hatte der Patient sechs Jahre lang im Wachkoma gelegen, die Ärzte hatten alle Hoffnung aufgegeben, dass er von selbst erwachen könnte. Dennoch schienen Teile seines Großhirns unverletzt und intakt. Und tatsächlich: Als die Mediziner Strom auf die Elektroden leiteten, erwachte der Komatöse; zumindest ein Teil seines Bewusstseins kehrte zurück.

Doch diese Art von Wachheit ist nur die erste Stufe auf dem Weg zum Ich. Ein Körper, der zwar wach ist, aber keine Erinnerungen hat, kaum kommunizieren kann und nicht weiß, wer er ist, ist noch weit von dem entfernt, was wir für gewöhnlich mit einem Ich assoziieren. So zeigte der spektakuläre Versuch vor allem, welche Macht die modernen Neurotechniken entfalten können. Und wie sehr die Entstehung des Bewusstseins von der knapp 1,5 Kilogramm schweren Neuronenmasse in unserem Schädel abhängt. Der Thalamus im Mittelhirn ist eine Schlüsselstelle. Er reguliert nicht nur Schlaf und Erwachen, sondern dient auch als Eintrittspforte ins Großhirn. Er filtert alle äußeren Informationen und vermittelt sie höheren Hirnzentren in den Stirn- und Scheitellappen, wo sie zu bewusstem Erleben werden.

Mit dieser Art von Erleben hat sich der 72-jährige amerikanische Hirnforscher Michael Gazzaniga zeit seines Lebens beschäftigt. Ähnlich wie für Tomasello ist für ihn unser Ich ein "Produkt der Evolution". Allerdings stellt er im Gegensatz zu Habermas fest: Das Gefühl, dass wir selbstbestimmt handeln und Entscheidungen treffen, sei nur eine Illusion; eine Illusion, die unser Gehirn selbst hervorbringe und mit der es uns "permanent in die Irre" führe.

Die Ich-Illusion heißt folgerichtig Gazzanigas neues Buch , in dem er die Bilanz seines langen Forscherlebens zieht. Er beschreibt darin etwa seine Forschungen mit sogenannten Split-Brain-Patienten – Epileptikern, denen die Verbindung der beiden Hirnhälften, der sogenannte Balken, durchtrennt wurde, um die epileptischen Anfälle auf eine Hirnhälfte zu beschränken. An ihnen kann man die Arbeitsteilung im Gehirn studieren. In der linken Hemisphäre – die über Kreuz mit der rechten Körperseite verbunden ist – sitzen beispielsweise unsere analytischen Fähigkeiten, das Sprachvermögen sowie eine Art Interpret, der versucht, sich auf alle Sinneserfahrungen einen Reim zu machen. In der rechten Hirnhälfte verortet sind unser Orientierungsvermögen, der Sinn für das Erkennen von Gesichtern und "holistische" Fähigkeiten wie Musikalität oder der Sinn für Humor.

Die Wahrnehmungsforscher

Zeigt man nun Split-Brain-Patienten ein Objekt, zum Beispiel einen Löffel, nur im linken Gesichtsfeld, können sie es nicht benennen. Denn die Information gelangt nur in die rechte, nichtsprachliche Hemisphäre. Bittet man sie allerdings, aus verschiedenen Gegenständen den Löffel auszuwählen, greifen sie zielsicher zum richtigen Objekt. Damit demonstrierte Gazzaniga, dass die Hirnhemisphären bei durchtrenntem Balken keine Informationen mehr austauschen können.

Wie das Gehirn dennoch versucht, widersprüchliche Informationen in eine schlüssige Geschichte einzubetten, zeigte ein zweiter Versuch. Dazu präsentierte Gazzaniga seinen Probanden Bilder von unterschiedlichen Dingen – etwa einen Hühnerfuß für die linke Gehirnhälfte, eine Schneelandschaft für die rechte – und bat sie dann, aus verschiedenen Motiven das jeweils dazu passende auszuwählen; in diesem Fall ein Huhn und eine Schneeschaufel. Gefragt, warum sie gerade diese Objekte wählten, konnten die Split-Brain-Patienten nur die erste Wahl sprachlich begründen: "Der Hühnerfuß gehört zum Huhn." Über die Schneelandschaft hingegen, die der nichtsprachlichen Hirnhälfte gezeigt worden war, konnten sie nichts sagen. Dennoch erfanden viele kurzerhand eine passende Geschichte, etwa: "Man braucht eine Schaufel, um den Hühnerstall auszumisten."

Daraus folgert Gazzaniga: In der linken, sprachbegabten Gehirnhälfte sitze "eine Art Geschichtenerzähler", der ständig eine schlüssige Interpretation der Wirklichkeit liefere – auch wenn diese Interpretation auf purer Erfindung beruhe. Und genauso verhalte es sich mit unserer Vorstellung eines bewussten Ich, das zeitlich konstant bleibe. Auch diese Vorstellung sei nichts anderes als eine gute Erzählung des Gehirns, das all unsere Erfahrungen (gewissermaßen das "Sammelsurium", wie unser Taxifahrer es nannte) in die stimmige Story eines Ich verwandele.

Dabei ist dieses Ich alles andere als konstant. Schon biologisch sind wir in ständiger Wandlung begriffen. Manche unserer Zellen leben eine Woche, die meisten nicht länger als ein Jahr. Kaum ein Molekül unseres Körpers, das nicht im Laufe unseres Lebens mehrfach ausgetauscht würde. Ebenso verändern sich unser Hormonhaushalt, unsere Vorlieben und politischen Ansichten. Dass wir trotz dieser unaufhörlichen Vergänglichkeit den Eindruck haben, stets dasselbe Ich zu sein, gehört für Gazzaniga zu den Meisterleistungen unseres Gehirns.

Die Wahrnehmungsforscher

Einen Einblick in diese Konstruktionsleistung des Gehirns liefert auch die Forschung von Olaf Blanke . Der groß gewachsene, schlaksige Deutsche leitet an der École Polytechnique in Lausanne das Labor für kognitive Neurowissenschaften und erkundet mithilfe von trickreichen Videoaufnahmen und virtueller Realität die körperliche Basis unseres Selbstbewusstseins. Denn für Blanke beginnt die Erforschung des Ich nicht mit dem klassischen Philosophenproblem "Wer bin ich?", sondern mit der viel fundamentaleren Frage "Wo bin ich?".

Am Anfang des Selbstbewusstseins stehe zunächst einmal das existenzielle Gefühl, "einen Körper zu haben und zu wissen, dass unser Körper zu uns gehört, dass er eine räumliche Einheit bildet, aus deren Innerem heraus wir sehen, hören und empfinden", sagt Blanke. Das klingt selbstverständlich. Doch seine Erfahrung hat den Neurologen gelehrt, dass dies alles andere als banal ist.

Als Arzt am Universitätsklinikum Genf hat er immer wieder mit Patienten zu tun, die infolge eines Hirnschadens plötzlich ein drastisch verändertes Körpergefühl haben: Manche klagen etwa darüber, dass ihr linker Arm nicht mehr zu ihnen gehöre und ihnen fremd sei. Andere fühlen sich gänzlich im falschen Körper verortet und räumlich desorientiert. Und dann war da noch jene Epilepsie-Patientin, bei der Blanke vor einigen Jahren mit feinen Elektroden verschiedene Hirnareale stimulierte – und dadurch eine unerwartete Körpererfahrung auslöste: Plötzlich hatte die Frau das Gefühl, ihren Körper zu verlassen. "Ich fühle mich leicht und schwebe in etwa zwei Meter Höhe", berichtete die 43-jährige Patientin. "Unten sehe ich meinen Körper auf dem Bett liegen." Als Blanke die Elektrode deaktivierte, hörte das Phänomen schlagartig auf; als er den Stromfluss wieder einschaltete, meinte die Frau prompt wieder abzuheben. Ohne es zu wollen, hatte der Neurologe eine Out-of-Body-Erfahrung ausgelöst.

Jahrhundertelang galten solche "außerkörperlichen" Erlebnisse als Hinweis auf die Existenz einer Seele. Zugleich schienen sie ein schlagender Beweis für den sogenannten Dualismus zu sein, dem zufolge Körper und Geist getrennten Sphären angehören. Am deutlichsten hat diese These im 17. Jahrhundert der Philosoph René Descartes formuliert: Für ihn war die res extensa , die "ausgedehnte Körpersubstanz", streng verschieden von der res cogitans , der "ausdehnungslosen denkenden Substanz" – eine Theorie, die ihn zu seinem berühmten Diktum "cogito, ergo sum" (Ich denke, also bin ich) führte.

"Video, ergo sum", hält Olaf Blanke heute Descartes entgegen. "Ich sehe, also bin ich." Dem Neurologen zufolge sind Out-of-Body-Erfahrungen nämlich kein Beleg für die Dualität von Geist und Körper, sondern eher ein Hinweis auf den permanenten Konstruktionsprozess unseres Gehirns. "Es entwirft aus allen Inputs, die es bekommt, ein möglichst konsistentes Bild des Körpers und des Selbst", sagt Blanke. "Und wir können zeigen, wie leicht sich dieses Bild stören und manipulieren lässt." Dazu steht in seinem Labor ein ganzes Arsenal teils bizarr anmutender Gerätschaften: Gummihände, um Handillusionen zu produzieren; Kameras und Projektoren zur Erzeugung virtueller Realitäten; ein Drehstuhl, wie er im Astronautentraining genutzt wird. Auf Letzterem kann man erfahren, wie ungenau der Gleichgewichtssinn arbeitet. Wird man in einer Dunkelkammer mit konstanter Geschwindigkeit gedreht, hat man bald das Gefühl, stillzustehen. Denn das Gleichgewichtsorgan kann offenbar nur Beschleunigungen erkennen, jedoch keine konstanten Drehbewegungen. Wird man nach einiger Zeit abgebremst, hat man sogar das Gefühl, sich in die Gegenrichtung zu drehen. Und wenn nach dem Stillstand das Licht angeht, erzeugt das Gehirn die Illusion, die Wände drehten sich. Auch hier versucht unser Denkorgan, alle Sinnesinformationen zu einem stimmigen Bild zusammenzufügen – auch wenn es dabei offensichtlichen Unsinn produziert.

Ganz ähnlich ist es bei einem anderen Experiment, mit dem Olaf Blanke das Gefühl der außerkörperlichen Erfahrung simuliert. Dabei bekommen die Probanden eine Videobrille aufgesetzt und stellen sich vor eine Kamera, die ihren eigenen Rücken filmt. Dieses Bild wiederum wird auf die Videobrille übertragen. Man gerät dadurch in die kuriose Lage, sich selbst von hinten zu sehen, und zwar aus einem Abstand von etwa zwei Metern. Kaum hat man sich ein wenig daran gewöhnt, spürt man plötzlich eine Berührung am Rücken – dort streicht einer der Forscher mit zwei Stäbchen sanft auf und ab. Zugleich sieht man diese Bewegung auf dem Monitor vor sich – was alsbald einen Konflikt zwischen den verschiedenen Wahrnehmungen erzeugt. Einerseits spürt man die Berührung am eigenen Rücken, andererseits sieht man sie im Abstand von zwei Metern vor sich.

Die Philosophen

Nach einiger Zeit kommt es zu einer bizarren Wahrnehmungsverschiebung. Mehr und mehr fühlt man sich in den virtuellen Körper hineinversetzt, man meint geradezu, das Streicheln im Abstand von zwei Metern vor sich wahrzunehmen. Der Effekt ist mal stärker, mal schwächer (bei uns war er eher schwächer). Bei manchen Probanden aber, versichert Blanke, sei er offenbar so stark, dass sie sich geradewegs in ihren Avatar verwandelt fühlen und – ähnlich wie die Epilepsie-Patientin – eine Art außerkörperliche Erfahrung machen.

Wie lässt sich das erklären? "Der visuelle Sinn ist in vielen Situationen der dominierende", erläutert Blanke. Denn im Normalfall liefert der Sehsinn viel präzisere Informationen als der – relativ grobe – Tastsinn. Daher vertraut das Gehirn im Konfliktfall lieber auf das, was es "mit eigenen Augen sieht" – auch wenn dies nur ein virtuelles Bild des eigenen Körpers ist. Auf diese Weise lässt sich zeigen, wie leicht sich das scheinbar so stabile Körperbewusstsein stören und manipulieren lässt.

Für Blanke beweisen solche Experimente, dass das körperliche Selbst letztlich eine Repräsentation des Gehirns ist; es entsteht aus all den inneren und äußeren Eindrücken, die unser Denkorgan zu einem Bild der Innen- und der Außenwelt zusammenfügt. Blankes Daten zeigen, dass sich dabei sogar das Schmerzempfinden verändert: Je mehr die Probanden sich mit einem fremden Bild identifizieren, umso besser können sie reale Schmerzen ertragen. Das könnte beispielsweise erklären, warum Fakire scheinbar unmenschliche Schmerzen aushalten: Möglicherweise beherrschen sie die Kunst, ihre Wahrnehmung so zu verändern, dass die Identifikation mit dem eigenen Körper sinkt.

Olaf Blanke will aber nicht das Verhalten von Fakiren erklären. Ihm geht es eher darum, Patienten mit einem gestörten Körperbewusstsein zu helfen; am neu gegründeten Zentrum für Neuroprosthetik in Lausanne will er seinen Traum von "gehirngerechten" Arm- oder Beinprothesen verwirklichen, die nicht nur körpergetreu aussehen, sondern auch als eigene Gliedmaßen wahrgenommen werden. Zugleich hält seine Forschung wichtige philosophische Einsichten bereit: "Die Basis unseres Ich-Bewusstseins gründet in Hirnmechanismen, welche verschiedene Signale unserer Sinnesorgane zu einer stabilen, globalen Körperrepräsentation zusammenfügen", formuliert Blanke die Quintessenz seiner Erkenntnisse. Mit anderen Worten: Der Sinn für den eigenen Körper, der uns so selbstverständlich erscheint, ist das Ergebnis einer permanenten Integration aller verfügbaren Sinnesinformationen – einer Integration, die mitunter sehr ungenau und zudem störanfällig ist. Und im Zweifel scheint uns die selbst konstruierte, subjektive Realität sogar wahrer zu sein als das, was sich objektiv beobachten lässt.

Die Philosophen

Experimente wie diese säen Zwist unter jenen Gelehrten, die aus der Hirnforschung Rückschlüsse auf das Menschenbild zu ziehen versuchen. Die radikalsten Folgerungen zieht der Bewusstseinsphilosoph Thomas Metzinger , der mit Blanke eng zusammenarbeitet. Metzinger sagt: "Es gibt gar kein Selbst." Das Gehirn entwerfe nicht nur ständig ein Modell des eigenen Körpers, sondern auch ein "Selbstmodell", das dem Organismus den Eindruck eines stabilen Ich nur vorgaukle. Dabei ist dieses Selbstmodell kein eigenständiger Baustein der Wirklichkeit, der die Zeit überdauere; im Gegenteil, es sei ständiger Veränderung unterworfen und werde immer wieder an unsere Erfahrungen und unsere Umwelt angepasst. "Der Metzinger, den Sie heute erleben, ist nicht derselbe wie der vor drei Jahren, sondern ihm allenfalls ähnlich", sagt der Philosoph von der Universität Mainz und bringt seine Theorie auf die Formel: "Das Selbst ist kein Ding, sondern ein Vorgang."

Anders als Alltagspsychologie und klassische Metaphysik behaupten, gebe es keinen innersten Kern unserer Person und keine unwandelbare Seelensubstanz. Was es lediglich gebe, sei "eine sehr spezielle Form der Darstellung von Information", die uns den Eindruck vermittle, als ob es so etwas wie ein Selbst gebe. Und unser Gefühl, ein einzigartiges Subjekt zu sein, sei "ein abstraktes Datenformat".

Starker Tobak. Das geht vielen Geisteswissenschaftlern zu weit. Wer den Menschen auf pure Information zu verengen suche, dem gerate doch das eigentlich Menschliche aus dem Blick, kritisiert der Berliner Philosoph Michael Pauen . Um etwa zu wissen, was Schmerz wirklich ist, genüge es nicht, dieses Phänomen (neuro)wissenschaftlich zu beschreiben.

Ähnlich argumentiert der Tübinger Philosoph Manfred Frank . Zur Illustration erzählt er eine berühmte Anekdote aus dem Leben des Physikers und Philosophen Ernst Mach. Dieser stieg eines Tages müde in einen Bus, zeitgleich mit einem älteren Herrn auf der gegenüberliegenden Seite. Herrje, dachte Mach, was für ein heruntergekommener Schulmeister steigt da ein – bis er bemerkte, dass er in einen großen Spiegel geblickt und sich selbst beschrieben hatte. "Damit hat er zwar bewusst über sich eine Aussage gemacht, und die Aussage war auch wahr", sagt Frank. "Aber Mach hat nicht gewusst, dass er auf sich selbst Bezug nimmt – das ist ein riesengroßer, lebensweltlich hochrelevanter Unterschied."

Der subjektive Zugang zur Welt habe seinen eigenen Wert und seine eigenen Gesetze, die sich eben nicht vollständig aus einer wissenschaftlichen Analyse ableiten ließen, meint Frank. "Wir können nicht das Wissen über uns selbst durch objektives Wissen über die Welt ersetzen." Aus seiner Sicht hat die Philosophie daher noch immer allen Grund, "die Fahne der Subjektivität hochzuhalten", auch wenn die Hirnforschung uns nur als deterministische Bio-Maschinen beschreibe. Denn: "Alles Wesentliche, was wir mit den Gedanken der Menschheit verbinden, verknüpfen wir doch mit dem Gedanken der Subjektivität und nicht mit unserer Vorstellung vom Gehirn", argumentiert Manfred Frank. "Es sind immer noch Personen, Subjekte, die wir als Schöpfer von Literatur, Kultur oder Religion betrachten." Auf eine Formel gebracht: "Wir haben Hirne, aber wir sind Iche", wie Frank sagt.

Die Brücke über den Graben

Wenn aber nicht einmal unter den Philosophen Einigkeit über das Wesen des Ich herrscht, kann es dann überhaupt eine Antwort geben? Einen gemeinsamen Nenner von Natur- und Geisteswissenschaft? Durchaus. Denn tatsächlich will ja niemand das naturalistische Menschenbild der Wissenschaft über unser inneres Erleben stellen. Nicht einmal Metzinger, der von "Datenformaten" spricht, begeht den Fehler, den Menschen auf sein Gehirn zu reduzieren. Was uns als Person ausmache, sei vielmehr "die Integration von Körper und Gehirn, die Anerkennung durch ein Gegenüber, unsere Erziehung, Geschichte und Kultur – also letztlich all das, was uns in jedem Moment unseres bewussten Lebens von Neuem erschafft".

Der Hirnforscher Michael Gazzaniga sieht das ähnlich. Zwar hält er wie Metzinger das Selbst für eine Illusion, derer wir uns nur deshalb nicht bewusst würden, weil wir ständig eine Storyline für unser Leben zusammenwebten. Dennoch erteilt er jeder Art von Neurodeterminismus eine Absage. Nicht allein das Gehirn bestimme über unser Bewusstsein, sondern umgekehrt würden auch "Bewusstsein und Geist, die von physikalischen Prozessen im Gehirn auf eine spezifische Weise hervorgebracht werden, ihrerseits dieses Gehirn bestimmen". Anders ausgedrückt: "Das Gehirn wird vom Geist bestimmt, den es selbst hervorbringt."

Deshalb bleibe es trotz aller Einblicke der modernen Wissenschaft dabei, dass wir "als Individuen für unsere Handlungen selbst verantwortlich" seien. Denn die Essenz des Menschen lässt sich für Gazzaniga nicht irgendwo im Gehirn verorten, sondern vielmehr in der Wechselwirkung mit anderen Menschen, der Gesellschaft und letztlich unserer gesamten Umwelt. Und gegen Ende seines Buches kommt Gazzaniga gar zu der Schlussfolgerung, "dass Hirnaktivität nicht irgendwo im Gehirn stattfindet, sondern im Raum zwischen miteinander wechselwirkenden Gehirnen".

Ein schöner Satz, der die Quintessenz aus den Erkenntnissen des Entwicklungspsychologen Michael Tomasello und jenen der modernen Bewusstseinsphilosophie darstellt und besagt: Was uns zu Menschen macht, ist letztlich die Fähigkeit, mit anderen in Kontakt zu treten. Die anfängliche Definition unseres Taxifahrers müsste also nur noch ergänzt werden: Das Ich ist ein Sammelsurium mit einem Interesse – nämlich dem Interesse, mit anderen Sammelsurien in Einklang zu kommen.