Ich-BewusstseinWas ist das Ich?
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Die Hirnforscher

Experimente wie dieses dienen in Leipzig zur Untermauerung einer grundlegenden Hypothese: Das menschliche Selbstbewusstsein existiere nicht für sich allein, behauptet Michael Tomasello, der Leiter der Abteilung Entwicklungspsychologie. Es sei wesentlich das Produkt der Interaktion mit anderen. Genau in diesem Punkt unterscheiden sich Menschen grundlegend von ihren nächsten Verwandten, den Schimpansen, Orang-Utans oder Gorillas. Das zeigen ausgeklügelte Studien mit jungen Menschenaffen, die ebenfalls am Leipziger MPI laufen. Die Entwicklungspsychologen Josep Call und Esther Herrmann etwa verglichen 2007 die Fähigkeiten zweieinhalbjähriger Kinder mit denen von jungen Schimpansen. Solange motorische Fähigkeiten geprüft wurden, hatten die Affen die Nase vorn. Doch in Aufgaben, die soziale Kognition erforderten, drehte sich der Befund um: In diesem Punkt sind Menschen- den Affenkindern haushoch überlegen. »Da sind sie von Anfang an sehr viel besser«, sagt Josep Call.

In einem hellen Büro in den modernen Institutsräumen philosophiert sein Chef Michael Tomasello über die Folgerungen aus solchen Experimenten. Menschliches Selbstbewusstsein, sagt der gebürtige Amerikaner, sei weniger ein Ausdruck individueller geistiger Fähigkeiten, sondern vor allem das Talent, ein kulturelles System aufzusaugen, mit anderen Menschen zu kommunizieren, zusammenzuarbeiten und von anderen zu lernen. »Ein Kind, das auf einer isolierten Insel ohne sozialen Kontakt aufwachsen würde, hätte als Erwachsener nicht mehr Geist als ein Affe. Wir Menschen sind dafür gemacht, die Köpfe zusammenzustecken.«

ZEIT Wissen 2/2012
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

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Denn Menschen nehmen nicht nur ihre eigenen Handlungen wahr, sondern beherrschen auch die Kunst der joint attention, der gemeinsamen Aufmerksamkeit. Wie die beiden Mädchen im Versuch haben sie ein Gespür dafür, wenn sie ihre Aufmerksamkeit mit anderen zur selben Zeit auf denselben Vorgang oder ein Objekt fokussieren. »Das hat eine reflexive Qualität«, sagt Tomasello und erklärt dies anhand seines Sitzmöbels: »Ich sehe den Stuhl, Sie sehen den Stuhl. Ich weiß, dass Sie den Stuhl sehen. Sie wissen, dass ich weiß, dass Sie den Stuhl sehen. Ich weiß, dass Sie wissen, dass ich weiß, dass Sie den Stuhl sehen, und so weiter.«

Diese Art von reflexivem Wissen ist die Bedingung für Zusammenarbeit. Menschen bringen diese Fähigkeit nahezu von Anfang an mit, wie Tomasellos Forschung zeigt. Als Beleg führt er ein Video vor: zwei fünfjährige Jungen bei einem Kartenspiel. Die Karten weisen Zahlen in verschiedenen Farben auf. Was die Jungen nicht wissen: Ihnen wurden unterschiedliche Regeln für das Spiel gegeben. Einer glaubt, es gehe um die Zahlenfolge, der andere meint, die Farben seien entscheidend. Bald geraten die beiden in heftigen Streit. Doch trotz des perfiden Versuchsdesigns siegt am Ende der Wille, gemeinsam eine Lösung zu finden. Den Jungen sind die richtigen Regeln der Kooperation so wichtig, dass sie beschließen, den Versuchsleiter zu fragen.

Mit experimentellen Ergebnissen wie diesen begründen die Leipziger Forscher ihre Sicht auf die Bewusstseinsleistungen von Menschen: Alle Primaten entwickeln zwar vielfältige Interaktionen in ihren Gruppen. Doch die Menschen stechen als »ultrasoziale Wesen« hervor. Ihr Bewusstsein entsteht durch spezielle und hoch entwickelte Formen sozialer Fähigkeiten, bei der Interaktion mit anderen – etwas, das Tomasello »kulturelle Intelligenz« nennt. Und diese Art von kooperativem Denken habe die Gattung Homo sapiens zum Erfolgsmodell der Evolution gemacht. Für den Entwicklungspsychologen ist das menschliche Bewusstsein im Lauf der Evolution vor allem deshalb entstanden, weil es Menschen ermöglichte, höchst effektiv als Gruppe zu agieren.

Der Philosoph Jürgen Habermas lobte Tomasellos Forschung als »ingeniös«. Mache sie doch klar, dass Menschen, anders als Affen, aus den Schranken ihrer selbstbezogenen, von eigenen Interessen gesteuerten Sicht ausbrechen könnten. Nur der Mensch, so Habermas’ Subtext, habe einen freien Willen – und könne auch wider seine eigene Interessen handeln.

Die Hirnforscher

Eine schöne These von Habermas, ein hehrer Anspruch, den leider in der Praxis nicht alle Vertreter unserer Gattung einlösen. Wie Hirnforschung und Psychologie zeigen, wird der Mensch häufig von seinen (oft unbewussten) Interessen gesteuert und entscheidet alles andere als bewusst. Viele Neurowissenschaftler bezweifeln daher, dass er einen freien Willen habe; sie beschreiben ihn eher als biologische Maschine, die nach einem festen Regelwerk ablaufe.

Wie sehr das Bewusstsein an die Arbeit bestimmter Hirnzentren gebunden ist, bestätigte vor wenigen Jahren ein heikles Experiment in einer New Yorker Klinik. Dort versuchten Ärzte, das verloren geglaubte Bewusstsein eines Menschen einfach wieder anzuknipsen. Durch ein Loch in seinem Kopf schob das Team von Nicholas Schiff feine Elektroden unter die Schädeldecke eines 38-jährigen Mannes. In einer tief gelegenen Region namens Thalamus wurden die Drähte verankert. Nach schweren Hirnverletzungen hatte der Patient sechs Jahre lang im Wachkoma gelegen, die Ärzte hatten alle Hoffnung aufgegeben, dass er von selbst erwachen könnte. Dennoch schienen Teile seines Großhirns unverletzt und intakt. Und tatsächlich: Als die Mediziner Strom auf die Elektroden leiteten, erwachte der Komatöse; zumindest ein Teil seines Bewusstseins kehrte zurück.

Doch diese Art von Wachheit ist nur die erste Stufe auf dem Weg zum Ich. Ein Körper, der zwar wach ist, aber keine Erinnerungen hat, kaum kommunizieren kann und nicht weiß, wer er ist, ist noch weit von dem entfernt, was wir für gewöhnlich mit einem Ich assoziieren. So zeigte der spektakuläre Versuch vor allem, welche Macht die modernen Neurotechniken entfalten können. Und wie sehr die Entstehung des Bewusstseins von der knapp 1,5 Kilogramm schweren Neuronenmasse in unserem Schädel abhängt. Der Thalamus im Mittelhirn ist eine Schlüsselstelle. Er reguliert nicht nur Schlaf und Erwachen, sondern dient auch als Eintrittspforte ins Großhirn. Er filtert alle äußeren Informationen und vermittelt sie höheren Hirnzentren in den Stirn- und Scheitellappen, wo sie zu bewusstem Erleben werden.

Mit dieser Art von Erleben hat sich der 72-jährige amerikanische Hirnforscher Michael Gazzaniga zeit seines Lebens beschäftigt. Ähnlich wie für Tomasello ist für ihn unser Ich ein »Produkt der Evolution«. Allerdings stellt er im Gegensatz zu Habermas fest: Das Gefühl, dass wir selbstbestimmt handeln und Entscheidungen treffen, sei nur eine Illusion; eine Illusion, die unser Gehirn selbst hervorbringe und mit der es uns »permanent in die Irre« führe.

Die Ich-Illusion heißt folgerichtig Gazzanigas neues Buch, in dem er die Bilanz seines langen Forscherlebens zieht. Er beschreibt darin etwa seine Forschungen mit sogenannten Split-Brain-Patienten – Epileptikern, denen die Verbindung der beiden Hirnhälften, der sogenannte Balken, durchtrennt wurde, um die epileptischen Anfälle auf eine Hirnhälfte zu beschränken. An ihnen kann man die Arbeitsteilung im Gehirn studieren. In der linken Hemisphäre – die über Kreuz mit der rechten Körperseite verbunden ist – sitzen beispielsweise unsere analytischen Fähigkeiten, das Sprachvermögen sowie eine Art Interpret, der versucht, sich auf alle Sinneserfahrungen einen Reim zu machen. In der rechten Hirnhälfte verortet sind unser Orientierungsvermögen, der Sinn für das Erkennen von Gesichtern und »holistische« Fähigkeiten wie Musikalität oder der Sinn für Humor.

Leserkommentare
  1. Ist das klare Bewußtsein, dass ich ich bin.
    Andere haben es zu allen Zeiten mit anderen Worten erklärt.
    Hier ist es doch bereits erklärt im Zusatzfenster.

    Ohne klares Bewußsein mag ich als Individium zwar existieren, aber ich bin mir meiner nicht bewußt.
    In unserem Bewußsein liegt der Geist und auch unsere Seele.

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  2. Ein "Ich" als unzerstörbarer Kern existiert nicht, sondern ist eine Illusion, die durch das Greifen nach begehrenswerten Objekten, durch Abneigung gegen unangenehme Objekte und durch Unwissenheit über diesen Zustand entsteht.

    3 Leserempfehlungen
  3. was oben im Artikel steht trifft auch alles auf meinen Hund zu. Trotzdem schreiben wir meinem Hund im Gegensatz zu mir keine Verantwortung oder Freiheit zu.
    Mein Hund träumt zB Nachts und macht dann zB Pfotenbewegungen, knurrt etc d.h. sein Gehirn ist auch ein "Geschichtenerzähler" und wenn man ihm zuguckt kann man sich auch in etwa denken was es gerade erzählt :)

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    • Acrux
    • 08.04.2012 um 18:51 Uhr

    Es gibt einen quantitativen Unterschied zwischen Mensch und Tier, keinen qualitativen. Soweit mir bekannt ist das Resultat bislang jeder wissenschaftlichen Untersuchung, dass es kein Merkmal des Menschen gibt, das diesen prinzipiell, und nicht nur graduell auszeichnet. D.h., dass wir zwar in viel hoeherem Masse etwa soziale Beziehungen haben und Werkzeuge benutzen als jedes Tier, aber auch Tiere benutzen Werkzeuge, haben soziale Beziehungen etc.

    Einem Hund schreiben wir keine Verantwortung oder Handlungsfreiheit zu? Natuerlich tun wir dass, sonst koennten wir ihn nicht erziehen. Die ganze Idee, einem Hund etwas beizubringen ist erst dann sinnvoll, wenn wir zugeben, dass der Hund entscheiden kann, was er tut.

    Wenn unsere Gerichte keine Hunde verurteilen, dann nicht deswegen, sondern weil Hunden die Einsicht in die moralische Qualitaet ihres Handelns fehlt, bzw. sie diese Einsicht von ihrer Bezugsperson uebernehmen. Weswegen in solchen Faellen auch die Bezugsperson an Stelle des Hundes verurteilt wird.

    ...oder besser Säugetier ist viel kleiner als man denkt - wie Sie in Ihrem Kommentar auch richtig betrachten.
    Der große Unterschied zwischen anderen Säugetieren und Menschen ist mMn, dass der Mensch gelernt hat sich die Umwelt seiner Vorstellung anzupassen, wärend Tiere sich ihrer Umwelt anpassen. Deshalb verwenden nur sehr wenig Tiere Werkzeuge, weil sie sie nicht brauchen.
    Warum soll Ihr Hund kein "Ich" haben?
    Wie heisst es so schön, Hunde sind die besseren Menschen ;-)

    • joG
    • 09.04.2012 um 9:06 Uhr

    ....anders sein als beim Tier? Quantitativ haben wir mehr Gehirn als die meisten Tiere. Qualitativ ist da aber wenig. Wenn Sie Ihre Hund beobachten, werden Sie auch vermutlich den Verdacht hegen, dass er auch glaubt ein "Ich" zu sein. Der Depp.

    • Acrux
    • 08.04.2012 um 18:51 Uhr

    Es gibt einen quantitativen Unterschied zwischen Mensch und Tier, keinen qualitativen. Soweit mir bekannt ist das Resultat bislang jeder wissenschaftlichen Untersuchung, dass es kein Merkmal des Menschen gibt, das diesen prinzipiell, und nicht nur graduell auszeichnet. D.h., dass wir zwar in viel hoeherem Masse etwa soziale Beziehungen haben und Werkzeuge benutzen als jedes Tier, aber auch Tiere benutzen Werkzeuge, haben soziale Beziehungen etc.

    Einem Hund schreiben wir keine Verantwortung oder Handlungsfreiheit zu? Natuerlich tun wir dass, sonst koennten wir ihn nicht erziehen. Die ganze Idee, einem Hund etwas beizubringen ist erst dann sinnvoll, wenn wir zugeben, dass der Hund entscheiden kann, was er tut.

    Wenn unsere Gerichte keine Hunde verurteilen, dann nicht deswegen, sondern weil Hunden die Einsicht in die moralische Qualitaet ihres Handelns fehlt, bzw. sie diese Einsicht von ihrer Bezugsperson uebernehmen. Weswegen in solchen Faellen auch die Bezugsperson an Stelle des Hundes verurteilt wird.

    ...oder besser Säugetier ist viel kleiner als man denkt - wie Sie in Ihrem Kommentar auch richtig betrachten.
    Der große Unterschied zwischen anderen Säugetieren und Menschen ist mMn, dass der Mensch gelernt hat sich die Umwelt seiner Vorstellung anzupassen, wärend Tiere sich ihrer Umwelt anpassen. Deshalb verwenden nur sehr wenig Tiere Werkzeuge, weil sie sie nicht brauchen.
    Warum soll Ihr Hund kein "Ich" haben?
    Wie heisst es so schön, Hunde sind die besseren Menschen ;-)

    • joG
    • 09.04.2012 um 9:06 Uhr

    ....anders sein als beim Tier? Quantitativ haben wir mehr Gehirn als die meisten Tiere. Qualitativ ist da aber wenig. Wenn Sie Ihre Hund beobachten, werden Sie auch vermutlich den Verdacht hegen, dass er auch glaubt ein "Ich" zu sein. Der Depp.

  4. allerdings: "Denn im Normalfall liefert der Sehsinn viel präzisere Informationen als der – relativ grobe – Tastsinn."?
    Der Sehsinn liefert zwar die größte Fülle an Informationen aber gleichzeitig auch die am wenigsten präzise. Unser Auge läßt sich unglaublich leicht täuschen, jeder von uns kennt etliche Versuche dazu. Der Hörsinn ist präzise, die Mitte einer Saite per Klang zu finden gelingt fast jedem, per Sehsinn: unmöglich. Der Tastsinn ist extrem präzise. Fahren Sie mit dem Finger auf einer Oberfläche entlang, Sie werden die feinsten Erhebungen spüren. Versuchen Sie das mit dem Sehsinn, keine Chance.
    Grüße

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  5. Freier Wille ist das Gegenteil von Determinismus. Determinismus setzt aber voraus, dass bei einer endlichen Zahl von kleinsten Materiebausteinen, und sei die endliche Zahl noch so groß, alle Verhaltensregeln der Teilchen bekannt sein müssen und der Zustand zu einem Zeitpunkt X. Dann wäre jeder Folgezustand ein berechenbares Phänomen,dwas nicht mit Wahrscheinlichkeit sondern mit Sicherheit eintritt. Aufgund der in zeitlicher und räumlicher Richtung unbegrenzten Situation, es gibt also keine kleinsten Teilchen, deren Eigenschaften rundherum bekannt sind (Heisenbergsche Unschärfe), auch keine kleinsten Zeitteilchen (Dharmatas), ist dies nicht möglich. Wir haben also definitiv keinen Determinismus. Aber Freier Wille ist ja durch das MPI in Leipzig vor Jahren schon neurowissenschaftlich gekippt worden. Also nehmen wir wohl am besten einen weichen Determinismus à la David Hume an. Das wäre dann der Weg zwischen den Extremen und im besten Sinne buddhistisch.
    Allerdings müsste hier bei manchen Buddhisten noch Überzeugungsarbeit geleistet werden, denn sie nehmen den freien Willen an, um die Entscheidung zur geschickten oder ungeschickten Handlung begründen zu können.

    Eine qualifizierte, buddhistische Antwort würde mich freuen.

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    • PGMN
    • 08.04.2012 um 19:43 Uhr

    Der von Ihnen postulierte Gegensatz von Freiem Willen zu Determinismus ist nicht ohne weiteres gültig, insbesondere wenn Sie zur Begründung die Quantenmechanik anstrengen. Der Ausdruck des Determinismus an sich besagt nichts weiter, als dass, sind alle Anfangsbedingungen bekannt, lässt sich die weitere Entwicklung des Systems berechnen - Laplace lässt grüßen. Diese Möglichkeit ist, wie Sie richtig anmerkten, mit der Quantenmechanik ad absurdum geführt. Dies bedeutet aber nicht den freien Willen in der Hinsicht, dass der Mensch an sich tatsächlich die freie Wahl zwischen verschiedenen Entscheidungen hat, schließlich würde das bedeuten, dass er durch sein Bewusstsein dieselben Quantenmechanischen Effekte, welche die absolute Vorausberechenbarkeit der Zukunft zu Wahrscheinlichkeitsangaben degeneriert, irgendwie beeinflussen könnte.

    Man stelle sich beispielsweise einen Roboter vor, der auf bestimmte Eingaben reagieren soll. Im Deterministischen Sinne würde der Roboter auf denselben Input immer gleich reagieren. Im Sinne des freien Willen wäre er in der Lage, auf denselben Input beliebig zu reagieren. Im dritten möglichen, dem quantenmechanischen, Sinne, wäre es so als würde er nach dem Input jedesmal einen Würfel werfen, dessen für den Roboter nicht beeinflussbare Resultat als variable Einfluss auf die Reaktion nimmt.
    Im letzteren Fall wäre seine Reaktion, genau wie im Fall des freien Willen, nicht vorhersehbar, aber wie im deterministischen Fall nicht frei wählbar.

    "... es gibt also keine kleinsten Teilchen, deren Eigenschaften rundherum bekannt sind (Heisenbergsche Unschärfe), auch keine kleinsten Zeitteilchen (Dharmatas), ist dies nicht möglich."

    daß diese eigenschaften nicht bekannt sind heißt doch nicht, daß sie nicht existieren. wir können sie nur nicht erkennen. was also spricht gegen determinismus?

    Ihr Bild vom weichen Determinismus, das ich teile, beschreibt nur die Möglichkeit, dass ein Input ein Spektrum verschiedener Outputs erzeugen kann, aus dem sich letztlich ein ganz bestimmter Output als "Entscheidung" herausbildet und konkretisiert. Es hätte aber genau so gut auch ein anderer sein können. Das bedeutet m.E. zwar, dass es eine begrenzte Restvariabilität gibt, beweist aber gerade nicht den "freien Willen". Es deutet eher darauf hin, dass das, was wir als freien Willen empfinden, ein im Rahmen der Restvariabilität erzeugtes Zufallsprodukt ist. Das Hirn würfelt sozusagen, wobei die Art der möglichen Spielzüge einigermaßen begrenzt ist. Im Vergleich zum Tier ist die Würfelei unseres Hirns allerdings deutlich breiter angelegt.

    • umzu
    • 08.04.2012 um 23:08 Uhr

    Meines Erachtens (ich bin allerdings nur Amateur auf dem Gebiet) bedeutet ¨Determinismus¨, dass der Folgezustand sich nach festen Gesetzen aus dem Ursprungszustand ergibt. Ob man das tatsächlich berechnen kann, ist nicht Teil des Determinismus. Das ist nur wichtig für die Beweisbarkeit.

    Die Quantenmechanik, die Relativitätstheorie usw. sind nur Modelle anhand derer wir Reaktionen in der Wirklichkeit vorhersagen wollen. Sie sind nicht die Wirklichkeit. Bloss weil wir nach Heisenberg nicht gleichzeitig zwei Größen mit beliebiger Genauigkeit messen können und damit unsere Modelle immer nach endlicher Zeit aus dem Ruder laufen, heißt es ja nicht, dass das Objekt sich nicht in Wirklichkeit präzise an die Gesetze hält.

    Auch wenn unser Messverfahren das Verhalten des Messobjektes beeinflusst, heißt es ja nicht, dass das Objekt sich ohne unseren Einfluss nicht streng deterministisch verhält.

    Auch die Quantenmechanik ist nur eine Näherung unseres Wissens an die Realität. Vielleicht kennen wir zur Zeit einfach noch nicht alle Abhängigkeiten, Phänomene, deshalb sind andere, statistische mathematische Beschreibungen im Moment die beste Näherung.

    All das erschwert den Beleg des Determinismus, aber es schließt den Determinismus nicht aus. Auf der anderen Seite fehlt aber auch ein Beleg dafür, wie genau physikalischer Zufall entstehen soll.

    Ich bin zwar kein Buddhist, will aber trotzdem kommentieren. Fuer mich ist noch relevant, dass beim Determinismus meist stillschweigend vorausgesetzt wird, dass er dafuer sorgt dass man nicht nur zielfuehrend sondern auch reproduzierbar zu "dem" Resultat kommt. Das ist bei den komplexen Prozessen die involviert sind und der inherenten Entropie grundsaetzlich unmoeglich. Das ist populaerwissenschaftlich beschreibbar durch den Butterfly Effekt, der in dem gleichnamigen Film zeigt wie gefaehrlich und im Prinzip unmoeglich es waere nach einem tragischen Ereignis die Geschichte neu abaufen zu lassen um durch eine bewusste Veraenderung eines "kritischen" Verhaltens zu einem besseren Ergebnis zu kommen. Und gilt das Gleiche im Prinzip nicht genauso fuer den Fall, dass ein Ergebnis sehr positiv ist und wo man versucht ist eine gerade Linie zwischen bewussten Entscheidungen und dem Ausgang zu sehen ohne dem "Zufall" Dank zu zollen.

    • PGMN
    • 08.04.2012 um 19:43 Uhr

    Der von Ihnen postulierte Gegensatz von Freiem Willen zu Determinismus ist nicht ohne weiteres gültig, insbesondere wenn Sie zur Begründung die Quantenmechanik anstrengen. Der Ausdruck des Determinismus an sich besagt nichts weiter, als dass, sind alle Anfangsbedingungen bekannt, lässt sich die weitere Entwicklung des Systems berechnen - Laplace lässt grüßen. Diese Möglichkeit ist, wie Sie richtig anmerkten, mit der Quantenmechanik ad absurdum geführt. Dies bedeutet aber nicht den freien Willen in der Hinsicht, dass der Mensch an sich tatsächlich die freie Wahl zwischen verschiedenen Entscheidungen hat, schließlich würde das bedeuten, dass er durch sein Bewusstsein dieselben Quantenmechanischen Effekte, welche die absolute Vorausberechenbarkeit der Zukunft zu Wahrscheinlichkeitsangaben degeneriert, irgendwie beeinflussen könnte.

    Man stelle sich beispielsweise einen Roboter vor, der auf bestimmte Eingaben reagieren soll. Im Deterministischen Sinne würde der Roboter auf denselben Input immer gleich reagieren. Im Sinne des freien Willen wäre er in der Lage, auf denselben Input beliebig zu reagieren. Im dritten möglichen, dem quantenmechanischen, Sinne, wäre es so als würde er nach dem Input jedesmal einen Würfel werfen, dessen für den Roboter nicht beeinflussbare Resultat als variable Einfluss auf die Reaktion nimmt.
    Im letzteren Fall wäre seine Reaktion, genau wie im Fall des freien Willen, nicht vorhersehbar, aber wie im deterministischen Fall nicht frei wählbar.

    "... es gibt also keine kleinsten Teilchen, deren Eigenschaften rundherum bekannt sind (Heisenbergsche Unschärfe), auch keine kleinsten Zeitteilchen (Dharmatas), ist dies nicht möglich."

    daß diese eigenschaften nicht bekannt sind heißt doch nicht, daß sie nicht existieren. wir können sie nur nicht erkennen. was also spricht gegen determinismus?

    Ihr Bild vom weichen Determinismus, das ich teile, beschreibt nur die Möglichkeit, dass ein Input ein Spektrum verschiedener Outputs erzeugen kann, aus dem sich letztlich ein ganz bestimmter Output als "Entscheidung" herausbildet und konkretisiert. Es hätte aber genau so gut auch ein anderer sein können. Das bedeutet m.E. zwar, dass es eine begrenzte Restvariabilität gibt, beweist aber gerade nicht den "freien Willen". Es deutet eher darauf hin, dass das, was wir als freien Willen empfinden, ein im Rahmen der Restvariabilität erzeugtes Zufallsprodukt ist. Das Hirn würfelt sozusagen, wobei die Art der möglichen Spielzüge einigermaßen begrenzt ist. Im Vergleich zum Tier ist die Würfelei unseres Hirns allerdings deutlich breiter angelegt.

    • umzu
    • 08.04.2012 um 23:08 Uhr

    Meines Erachtens (ich bin allerdings nur Amateur auf dem Gebiet) bedeutet ¨Determinismus¨, dass der Folgezustand sich nach festen Gesetzen aus dem Ursprungszustand ergibt. Ob man das tatsächlich berechnen kann, ist nicht Teil des Determinismus. Das ist nur wichtig für die Beweisbarkeit.

    Die Quantenmechanik, die Relativitätstheorie usw. sind nur Modelle anhand derer wir Reaktionen in der Wirklichkeit vorhersagen wollen. Sie sind nicht die Wirklichkeit. Bloss weil wir nach Heisenberg nicht gleichzeitig zwei Größen mit beliebiger Genauigkeit messen können und damit unsere Modelle immer nach endlicher Zeit aus dem Ruder laufen, heißt es ja nicht, dass das Objekt sich nicht in Wirklichkeit präzise an die Gesetze hält.

    Auch wenn unser Messverfahren das Verhalten des Messobjektes beeinflusst, heißt es ja nicht, dass das Objekt sich ohne unseren Einfluss nicht streng deterministisch verhält.

    Auch die Quantenmechanik ist nur eine Näherung unseres Wissens an die Realität. Vielleicht kennen wir zur Zeit einfach noch nicht alle Abhängigkeiten, Phänomene, deshalb sind andere, statistische mathematische Beschreibungen im Moment die beste Näherung.

    All das erschwert den Beleg des Determinismus, aber es schließt den Determinismus nicht aus. Auf der anderen Seite fehlt aber auch ein Beleg dafür, wie genau physikalischer Zufall entstehen soll.

    Ich bin zwar kein Buddhist, will aber trotzdem kommentieren. Fuer mich ist noch relevant, dass beim Determinismus meist stillschweigend vorausgesetzt wird, dass er dafuer sorgt dass man nicht nur zielfuehrend sondern auch reproduzierbar zu "dem" Resultat kommt. Das ist bei den komplexen Prozessen die involviert sind und der inherenten Entropie grundsaetzlich unmoeglich. Das ist populaerwissenschaftlich beschreibbar durch den Butterfly Effekt, der in dem gleichnamigen Film zeigt wie gefaehrlich und im Prinzip unmoeglich es waere nach einem tragischen Ereignis die Geschichte neu abaufen zu lassen um durch eine bewusste Veraenderung eines "kritischen" Verhaltens zu einem besseren Ergebnis zu kommen. Und gilt das Gleiche im Prinzip nicht genauso fuer den Fall, dass ein Ergebnis sehr positiv ist und wo man versucht ist eine gerade Linie zwischen bewussten Entscheidungen und dem Ausgang zu sehen ohne dem "Zufall" Dank zu zollen.

    • Acrux
    • 08.04.2012 um 18:51 Uhr

    Es gibt einen quantitativen Unterschied zwischen Mensch und Tier, keinen qualitativen. Soweit mir bekannt ist das Resultat bislang jeder wissenschaftlichen Untersuchung, dass es kein Merkmal des Menschen gibt, das diesen prinzipiell, und nicht nur graduell auszeichnet. D.h., dass wir zwar in viel hoeherem Masse etwa soziale Beziehungen haben und Werkzeuge benutzen als jedes Tier, aber auch Tiere benutzen Werkzeuge, haben soziale Beziehungen etc.

    Einem Hund schreiben wir keine Verantwortung oder Handlungsfreiheit zu? Natuerlich tun wir dass, sonst koennten wir ihn nicht erziehen. Die ganze Idee, einem Hund etwas beizubringen ist erst dann sinnvoll, wenn wir zugeben, dass der Hund entscheiden kann, was er tut.

    Wenn unsere Gerichte keine Hunde verurteilen, dann nicht deswegen, sondern weil Hunden die Einsicht in die moralische Qualitaet ihres Handelns fehlt, bzw. sie diese Einsicht von ihrer Bezugsperson uebernehmen. Weswegen in solchen Faellen auch die Bezugsperson an Stelle des Hundes verurteilt wird.

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    Ich spiel ja extra den Advocatus Diaboli.
    "Wenn unsere Gerichte keine Hunde verurteilen, dann nicht deswegen, sondern weil Hunden die Einsicht in die moralische Qualitaet ihres Handelns fehlt, bzw. sie diese Einsicht von ihrer Bezugsperson uebernehmen."
    Hier gehts ja erst los wo kommen denn unsere Einsichten in die moralische Qualität unseres Handelns her? Ebenfalls von Bezugspersonenen (durch Wechselwirkung mit anderen Gehirnen).

    Der Unterschied zum Hund ist vielleicht eher, dass er sich die Bezugspersonen nicht "aussuchen" kann ähnlich wie bei einem Kind das sich die Eltern nicht "aussuchen" kann und daher haften die Eltern.

    Ich spiel ja extra den Advocatus Diaboli.
    "Wenn unsere Gerichte keine Hunde verurteilen, dann nicht deswegen, sondern weil Hunden die Einsicht in die moralische Qualitaet ihres Handelns fehlt, bzw. sie diese Einsicht von ihrer Bezugsperson uebernehmen."
    Hier gehts ja erst los wo kommen denn unsere Einsichten in die moralische Qualität unseres Handelns her? Ebenfalls von Bezugspersonenen (durch Wechselwirkung mit anderen Gehirnen).

    Der Unterschied zum Hund ist vielleicht eher, dass er sich die Bezugspersonen nicht "aussuchen" kann ähnlich wie bei einem Kind das sich die Eltern nicht "aussuchen" kann und daher haften die Eltern.

  6. ...oder besser Säugetier ist viel kleiner als man denkt - wie Sie in Ihrem Kommentar auch richtig betrachten.
    Der große Unterschied zwischen anderen Säugetieren und Menschen ist mMn, dass der Mensch gelernt hat sich die Umwelt seiner Vorstellung anzupassen, wärend Tiere sich ihrer Umwelt anpassen. Deshalb verwenden nur sehr wenig Tiere Werkzeuge, weil sie sie nicht brauchen.
    Warum soll Ihr Hund kein "Ich" haben?
    Wie heisst es so schön, Hunde sind die besseren Menschen ;-)

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    • Acrux
    • 08.04.2012 um 19:10 Uhr

    eine Pfefferminzpflanze im Garten davon abzuhalten, sich ihre Umwelt nach ihren Vorstellungen anzupassen. Minzepflanzen manipulieren die Bodenchemie, um anderen Spezies das Wachstum zu erschweren.

    Parasiten sind da sogar noch schlimmer.

    Das ist das Hauptmerkmal jeder Lebenstätigkeit, und zwar von allen Lebensformen: Einzeller, Mehrzeller, Pflanzen, Pilze, Tiere. http://de.wikipedia.org/w... . Denn alle Lebewesen existieren ja in einer Umwelt und tauschen Stoffe mit ihr aus. Das fängt schon bei mit ihren körpereigenen Werkzeugen arbeitenden Tieren an, egal wie klein sie sind, auch die submikroskopischen Lebewesen gestalten so ihre Umwelt.

    Ein Unterschied mag sein, daß Hunde, oder Tiere, nicht abstrahieren (können). Dehalb sind sie nicht ironisch, ignorant und arrogant und können nichts(falsches)über uns denken, oder wie Nietzsche es beschrieb: Die Natur ist so erholsam, weil sie keine Meinung über uns hat!:)

    • Acrux
    • 08.04.2012 um 19:10 Uhr

    eine Pfefferminzpflanze im Garten davon abzuhalten, sich ihre Umwelt nach ihren Vorstellungen anzupassen. Minzepflanzen manipulieren die Bodenchemie, um anderen Spezies das Wachstum zu erschweren.

    Parasiten sind da sogar noch schlimmer.

    Das ist das Hauptmerkmal jeder Lebenstätigkeit, und zwar von allen Lebensformen: Einzeller, Mehrzeller, Pflanzen, Pilze, Tiere. http://de.wikipedia.org/w... . Denn alle Lebewesen existieren ja in einer Umwelt und tauschen Stoffe mit ihr aus. Das fängt schon bei mit ihren körpereigenen Werkzeugen arbeitenden Tieren an, egal wie klein sie sind, auch die submikroskopischen Lebewesen gestalten so ihre Umwelt.

    Ein Unterschied mag sein, daß Hunde, oder Tiere, nicht abstrahieren (können). Dehalb sind sie nicht ironisch, ignorant und arrogant und können nichts(falsches)über uns denken, oder wie Nietzsche es beschrieb: Die Natur ist so erholsam, weil sie keine Meinung über uns hat!:)

  7. Natürlich kann man den Menschen nur als einheitliches Wesen und im Zusammenhang mit anderen Menschen begreifen. Die Psyche ist demnach eine sich in ständiger Bewegung befindliche prozessorale Eigenschaft der hochkomplexen lebendigen Materie und ein Produkt biologischer wie kultureller Evolution. Da waren die Psychologen der kulturhistorischen Schule um A.N. Leontjew vor 50ig Jahren schon etwas weiter. http://de.wikipedia.org/w...

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