Experimente wie dieses dienen in Leipzig zur Untermauerung einer grundlegenden Hypothese: Das menschliche Selbstbewusstsein existiere nicht für sich allein, behauptet Michael Tomasello , der Leiter der Abteilung Entwicklungspsychologie. Es sei wesentlich das Produkt der Interaktion mit anderen. Genau in diesem Punkt unterscheiden sich Menschen grundlegend von ihren nächsten Verwandten , den Schimpansen, Orang-Utans oder Gorillas. Das zeigen ausgeklügelte Studien mit jungen Menschenaffen, die ebenfalls am Leipziger MPI laufen. Die Entwicklungspsychologen Josep Call und Esther Herrmann etwa verglichen 2007 die Fähigkeiten zweieinhalbjähriger Kinder mit denen von jungen Schimpansen . Solange motorische Fähigkeiten geprüft wurden, hatten die Affen die Nase vorn. Doch in Aufgaben, die soziale Kognition erforderten, drehte sich der Befund um: In diesem Punkt sind Menschen- den Affenkindern haushoch überlegen. "Da sind sie von Anfang an sehr viel besser", sagt Josep Call.

In einem hellen Büro in den modernen Institutsräumen philosophiert sein Chef Michael Tomasello über die Folgerungen aus solchen Experimenten. Menschliches Selbstbewusstsein, sagt der gebürtige Amerikaner, sei weniger ein Ausdruck individueller geistiger Fähigkeiten, sondern vor allem das Talent, ein kulturelles System aufzusaugen, mit anderen Menschen zu kommunizieren, zusammenzuarbeiten und von anderen zu lernen. "Ein Kind, das auf einer isolierten Insel ohne sozialen Kontakt aufwachsen würde, hätte als Erwachsener nicht mehr Geist als ein Affe. Wir Menschen sind dafür gemacht, die Köpfe zusammenzustecken."

Denn Menschen nehmen nicht nur ihre eigenen Handlungen wahr, sondern beherrschen auch die Kunst der joint attention , der gemeinsamen Aufmerksamkeit. Wie die beiden Mädchen im Versuch haben sie ein Gespür dafür, wenn sie ihre Aufmerksamkeit mit anderen zur selben Zeit auf denselben Vorgang oder ein Objekt fokussieren. "Das hat eine reflexive Qualität", sagt Tomasello und erklärt dies anhand seines Sitzmöbels: "Ich sehe den Stuhl, Sie sehen den Stuhl. Ich weiß, dass Sie den Stuhl sehen. Sie wissen, dass ich weiß, dass Sie den Stuhl sehen. Ich weiß, dass Sie wissen, dass ich weiß, dass Sie den Stuhl sehen, und so weiter."

Diese Art von reflexivem Wissen ist die Bedingung für Zusammenarbeit. Menschen bringen diese Fähigkeit nahezu von Anfang an mit, wie Tomasellos Forschung zeigt. Als Beleg führt er ein Video vor: zwei fünfjährige Jungen bei einem Kartenspiel. Die Karten weisen Zahlen in verschiedenen Farben auf. Was die Jungen nicht wissen: Ihnen wurden unterschiedliche Regeln für das Spiel gegeben. Einer glaubt, es gehe um die Zahlenfolge, der andere meint, die Farben seien entscheidend. Bald geraten die beiden in heftigen Streit. Doch trotz des perfiden Versuchsdesigns siegt am Ende der Wille, gemeinsam eine Lösung zu finden. Den Jungen sind die richtigen Regeln der Kooperation so wichtig, dass sie beschließen, den Versuchsleiter zu fragen.

Mit experimentellen Ergebnissen wie diesen begründen die Leipziger Forscher ihre Sicht auf die Bewusstseinsleistungen von Menschen: Alle Primaten entwickeln zwar vielfältige Interaktionen in ihren Gruppen. Doch die Menschen stechen als "ultrasoziale Wesen" hervor. Ihr Bewusstsein entsteht durch spezielle und hoch entwickelte Formen sozialer Fähigkeiten, bei der Interaktion mit anderen – etwas, das Tomasello "kulturelle Intelligenz" nennt. Und diese Art von kooperativem Denken habe die Gattung Homo sapiens zum Erfolgsmodell der Evolution gemacht. Für den Entwicklungspsychologen ist das menschliche Bewusstsein im Lauf der Evolution vor allem deshalb entstanden, weil es Menschen ermöglichte, höchst effektiv als Gruppe zu agieren.

Der Philosoph Jürgen Habermas lobte Tomasellos Forschung als "ingeniös". Mache sie doch klar, dass Menschen, anders als Affen, aus den Schranken ihrer selbstbezogenen, von eigenen Interessen gesteuerten Sicht ausbrechen könnten. Nur der Mensch, so Habermas ’ Subtext, habe einen freien Willen – und könne auch wider seine eigene Interessen handeln.

Die Hirnforscher

Eine schöne These von Habermas, ein hehrer Anspruch, den leider in der Praxis nicht alle Vertreter unserer Gattung einlösen. Wie Hirnforschung und Psychologie zeigen, wird der Mensch häufig von seinen (oft unbewussten) Interessen gesteuert und entscheidet alles andere als bewusst. Viele Neurowissenschaftler bezweifeln daher, dass er einen freien Willen habe; sie beschreiben ihn eher als biologische Maschine, die nach einem festen Regelwerk ablaufe.

Wie sehr das Bewusstsein an die Arbeit bestimmter Hirnzentren gebunden ist, bestätigte vor wenigen Jahren ein heikles Experiment in einer New Yorker Klinik. Dort versuchten Ärzte, das verloren geglaubte Bewusstsein eines Menschen einfach wieder anzuknipsen. Durch ein Loch in seinem Kopf schob das Team von Nicholas Schiff feine Elektroden unter die Schädeldecke eines 38-jährigen Mannes . In einer tief gelegenen Region namens Thalamus wurden die Drähte verankert. Nach schweren Hirnverletzungen hatte der Patient sechs Jahre lang im Wachkoma gelegen, die Ärzte hatten alle Hoffnung aufgegeben, dass er von selbst erwachen könnte. Dennoch schienen Teile seines Großhirns unverletzt und intakt. Und tatsächlich: Als die Mediziner Strom auf die Elektroden leiteten, erwachte der Komatöse; zumindest ein Teil seines Bewusstseins kehrte zurück.

Doch diese Art von Wachheit ist nur die erste Stufe auf dem Weg zum Ich. Ein Körper, der zwar wach ist, aber keine Erinnerungen hat, kaum kommunizieren kann und nicht weiß, wer er ist, ist noch weit von dem entfernt, was wir für gewöhnlich mit einem Ich assoziieren. So zeigte der spektakuläre Versuch vor allem, welche Macht die modernen Neurotechniken entfalten können. Und wie sehr die Entstehung des Bewusstseins von der knapp 1,5 Kilogramm schweren Neuronenmasse in unserem Schädel abhängt. Der Thalamus im Mittelhirn ist eine Schlüsselstelle. Er reguliert nicht nur Schlaf und Erwachen, sondern dient auch als Eintrittspforte ins Großhirn. Er filtert alle äußeren Informationen und vermittelt sie höheren Hirnzentren in den Stirn- und Scheitellappen, wo sie zu bewusstem Erleben werden.

Mit dieser Art von Erleben hat sich der 72-jährige amerikanische Hirnforscher Michael Gazzaniga zeit seines Lebens beschäftigt. Ähnlich wie für Tomasello ist für ihn unser Ich ein "Produkt der Evolution". Allerdings stellt er im Gegensatz zu Habermas fest: Das Gefühl, dass wir selbstbestimmt handeln und Entscheidungen treffen, sei nur eine Illusion; eine Illusion, die unser Gehirn selbst hervorbringe und mit der es uns "permanent in die Irre" führe.

Die Ich-Illusion heißt folgerichtig Gazzanigas neues Buch , in dem er die Bilanz seines langen Forscherlebens zieht. Er beschreibt darin etwa seine Forschungen mit sogenannten Split-Brain-Patienten – Epileptikern, denen die Verbindung der beiden Hirnhälften, der sogenannte Balken, durchtrennt wurde, um die epileptischen Anfälle auf eine Hirnhälfte zu beschränken. An ihnen kann man die Arbeitsteilung im Gehirn studieren. In der linken Hemisphäre – die über Kreuz mit der rechten Körperseite verbunden ist – sitzen beispielsweise unsere analytischen Fähigkeiten, das Sprachvermögen sowie eine Art Interpret, der versucht, sich auf alle Sinneserfahrungen einen Reim zu machen. In der rechten Hirnhälfte verortet sind unser Orientierungsvermögen, der Sinn für das Erkennen von Gesichtern und "holistische" Fähigkeiten wie Musikalität oder der Sinn für Humor.