Was Fremde ihm alles anvertrauen, verblüfft Joseph LeDoux immer wieder. Einmal schrieb ihm ein Mann in einer E-Mail, er wünsche sich, nie mehr an seine Exfrau denken zu müssen. Andere Männer schildern furchtbare Kriegserlebnisse, Frauen schreiben von Vergewaltigungen. Sogar auf Partys schütten ihm fremde Menschen ihr Herz aus.

Seltsam, LeDoux selbst wirkt eher verschlossen, als er an diesem Nachmittag in seinem Büro in Manhattan sitzt und von den Menschen erzählt, die seine Hilfe suchen. Er spricht leise, mit fast unbewegtem Gesicht, vermeidet Blickkontakt. "Es ist traurig, all diese Geschichten zu hören", sagt er. Doch das wird so bald nicht aufhören. LeDoux ist etwas auf der Spur, das sich viele Traumatisierte sehr wünschen. Er erforscht, ob man Erinnerungen löschen kann.

Es ist eine ungeheuerliche Vorstellung: Lassen sich Gedanken an schmerzhafte Erlebnisse manipulieren oder gar ausradieren wie in dem Hollywood-Film Vergiss mein nicht! mit Jim Carrey und Kate Winslet ? Und wenn ja, darf man das?

Joseph LeDoux ist kein Spinner, kein gewissenloser Experimentator. Der Psychologe von der New York University gilt als einer der Begründer der biologischen Emotionsforschung. Seit mehr als 25 Jahren erkundet er die neuronalen Grundlagen eines der mächtigsten Gefühle – der Angst. Er untersucht, wie das Gehirn auf Gefahr reagiert und negative Erlebnisse sich ins Gedächtnis einbrennen. Als "Doyen der Furchtkonditionierung" bezeichnet ihn der Neurobiologe Carsten Wotjak vom Max-Planck-Institut (MPI) für Psychiatrie . Der Spiegel schrieb, Kollegen erstarrten oft in Ehrfurcht, wenn sein Name falle.

Seine Erkenntnisse gewinnt LeDoux vor allem aus Versuchen mit Ratten. Diese hat er darauf konditioniert, vor einem bestimmten Geräusch Angst zu haben. Wenn es ertönte, versetzte er ihnen regelmäßig Elektroschocks. Für das Verständnis menschlicher Emotionen und die Entwicklung von Therapien gegen Angststörungen sind solche Versuche bedeutsam. Denn Ratten und Menschen haben ein kleines Hirnareal gemein, das einen harmlosen Namen trägt, aber eine unangenehme Wirkung hat: den Mandelkern . Diese Region, auch Amygdala genannt, gibt es in jeder Hirnhälfte einmal. Bei Gefahr setzt sie Prozesse in Gang, die uns erstarren lassen, Puls und Blutdruck in die Höhe treiben. Und sie sorgt dafür, dass wir brenzlige Situationen nicht so schnell vergessen.