Hirnfoscher Joseph LeDouxHerr über die Erinnerung

Joseph LeDoux erforscht die Biologie der Angst. Er untersucht, wie sich furchtbare Ereignisse in das Gedächtnis einbrennen – und geht dabei einer heiklen Frage nach: Kann man traumatische Erinnerungen wieder löschen? von Claudia Wüstenhagen

Was Fremde ihm alles anvertrauen, verblüfft Joseph LeDoux immer wieder. Einmal schrieb ihm ein Mann in einer E-Mail, er wünsche sich, nie mehr an seine Exfrau denken zu müssen. Andere Männer schildern furchtbare Kriegserlebnisse, Frauen schreiben von Vergewaltigungen. Sogar auf Partys schütten ihm fremde Menschen ihr Herz aus.

Seltsam, LeDoux selbst wirkt eher verschlossen, als er an diesem Nachmittag in seinem Büro in Manhattan sitzt und von den Menschen erzählt, die seine Hilfe suchen. Er spricht leise, mit fast unbewegtem Gesicht, vermeidet Blickkontakt. "Es ist traurig, all diese Geschichten zu hören", sagt er. Doch das wird so bald nicht aufhören. LeDoux ist etwas auf der Spur, das sich viele Traumatisierte sehr wünschen. Er erforscht, ob man Erinnerungen löschen kann.

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Es ist eine ungeheuerliche Vorstellung: Lassen sich Gedanken an schmerzhafte Erlebnisse manipulieren oder gar ausradieren wie in dem Hollywood-Film Vergiss mein nicht! mit Jim Carrey und Kate Winslet ? Und wenn ja, darf man das?

Joseph LeDoux
Joseph LeDoux

Auf Drängen des Vaters machte Joseph LeDoux einen Abschluss in Betriebswirtschaft. Ein Psychologiekurs begeisterte ihn aber so sehr, dass er das Fach wechselte. Seine Laufbahn als Hirnforscher begann er mit Studien zu Epilepsie-Patienten, deren Gehirne in der Mitte durchtrennt worden waren. Seither beschäftigt ihn, wie sich emotionale Informationen im Gehirn verbreiten. Er ist Professor für Psychologie und Neurowissenschaft an der New York University und leitet das Center for the Neuroscience of Fear and Anxiety.

Joseph LeDoux ist kein Spinner, kein gewissenloser Experimentator. Der Psychologe von der New York University gilt als einer der Begründer der biologischen Emotionsforschung. Seit mehr als 25 Jahren erkundet er die neuronalen Grundlagen eines der mächtigsten Gefühle – der Angst. Er untersucht, wie das Gehirn auf Gefahr reagiert und negative Erlebnisse sich ins Gedächtnis einbrennen. Als "Doyen der Furchtkonditionierung" bezeichnet ihn der Neurobiologe Carsten Wotjak vom Max-Planck-Institut (MPI) für Psychiatrie . Der Spiegel schrieb, Kollegen erstarrten oft in Ehrfurcht, wenn sein Name falle.

Seine Erkenntnisse gewinnt LeDoux vor allem aus Versuchen mit Ratten. Diese hat er darauf konditioniert, vor einem bestimmten Geräusch Angst zu haben. Wenn es ertönte, versetzte er ihnen regelmäßig Elektroschocks. Für das Verständnis menschlicher Emotionen und die Entwicklung von Therapien gegen Angststörungen sind solche Versuche bedeutsam. Denn Ratten und Menschen haben ein kleines Hirnareal gemein, das einen harmlosen Namen trägt, aber eine unangenehme Wirkung hat: den Mandelkern . Diese Region, auch Amygdala genannt, gibt es in jeder Hirnhälfte einmal. Bei Gefahr setzt sie Prozesse in Gang, die uns erstarren lassen, Puls und Blutdruck in die Höhe treiben. Und sie sorgt dafür, dass wir brenzlige Situationen nicht so schnell vergessen.

Leserkommentare
  1. Erstens ist das Hoerensagen. Wenn ein Artikel, der wissenschaftlich sein soll, solches Hoerensagen beinhaltet, bei dem die Quelle nicht angegeben wird, vergeht mir immer schon die Lust zum Lesen.
    Zweitens, was hat Introvertiertheit mit Schuechternheit zu tun? Nichts. Beide gleichzusetzen ist schon eigenartig.

    Drittens, geht es hier vor allem um ein Psychogramm des besagten Forschers oder um eine Diskussion seiner Arbeit im Bereich Trauma-Forschung? Der Ton des Artikels geht zu sehr in Richtung Pop-Wissenschaft.

    Ausserdem gibt es heutzutage gute Resultate bei der Trauma-Behandlung durch EMDR und Callahan/EFT. Der Patient muss dabei halt etwas mehr Engagement zeigen, als nur zur Pille zu greifen. Auch NLP weiss schon seit langem um das Thema der Re-Traumatisierung, wenn Erinnerungen aktiviert werden, und hat deshalb fuer solche Faelle ein ganz spezifisches Vorgehen.

    4 Leserempfehlungen
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    EMDR eignet sich hervorragend, um sog. Mono-Traumata zu behandeln, etwa nach einem schweren Verkehrsunfall. Bei komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen, also Mehrfach-Traumatisierungen oder belastende Erlebnisse über einen langen Zeitraum, wie etwa bei Gewalt gegen Kindern, ist das schwieriger. Die Gefahr einer Re-Traumatisierung ist sehr groß.

    Diese Patientinnen und Patienten *sind* oft sehr engagiert, letztlich kann aber bei ihnen durch eine individuell angepasste Therapie (z.B. Kombination von Gesprächstherapie, Körpertherapie und EMDR sowie "Imaginationsübungen" nach Reddemann) sowie zusätzlich die Gabe von Antidepressiva (ggfs. in Kombination mit einem niedrig dosierten Anti-Psychotikum) die Beschwerden gelindert, aber meist nicht vollständig abgestellt werden.

    Im Hinblick auf den Betablocker Propranolol, vor einigen Jahren von der Presse noch sehr aufgeregt als "Pille für das Vergessen" diskutiert, ist es ähnlich. Erfolgt die Gabe zeitnah an das belastende Ereignis, etwa in einer Traumaambulanz, kann dies helfen, die Bildung einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu verhindern. Bei Patientinnen und Patienten mit einer komplexen Traumatisierung, die oft erst Jahre oder Jahrzehnte später behandelt werden, sind die Ergebnisse insgesamt nicht so gut.

    Sollte es also gelingen, Medikamente zu entwickeln, die zuverlässig wirken, wäre das ein Segen für die Betroffenen.

    Redaktion

    Liebe(r) "Tomaten auf Augen II",
    "Korallenkette" hat es schon gut beschrieben, dass Sie hier kein Science-Magazin lesen.
    Aber ich frage mich schon, wie Sie darauf kommen, dass der Artikel wissenschaftlich sein soll. Sie befinden sich auf der Seite von ZEITonline und haben einen Artikel gelesen, der in ZEIT Wissen erschienen ist, dem Wissensmagazin der ZEIT – warum sollten hier oder da wissenschaftliche Artikel veröffentlicht werden? Kann es sein, dass Sie Artikel, die über Wissenschaftsthemen geschrieben sind, verwechseln mit Wissenschaftsartikeln?
    Fragt mit besten Grüßen
    Jan Schweitzer (Chefredakteur ZEIT Wissen)

  2. Mir gefiel die "Erzähl"-Weise des Artikels gerade gut und ich schätze es überhaupt, wenn Autoren Erzählung und Wissen zusammenbringen können. Ich lese hier kein Science-Magazin, sondern die "ZEIT". :-)

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  3. Vielen Dank für den Artikel und den Musiktipp! Die Erforschung der Angst finde ich sehr interessant und wie LeDoux seine wissenschaftliche Arbeit mit der Leidenschaft für Musik verbindet ist einfach erfrischend!

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  4. EMDR eignet sich hervorragend, um sog. Mono-Traumata zu behandeln, etwa nach einem schweren Verkehrsunfall. Bei komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen, also Mehrfach-Traumatisierungen oder belastende Erlebnisse über einen langen Zeitraum, wie etwa bei Gewalt gegen Kindern, ist das schwieriger. Die Gefahr einer Re-Traumatisierung ist sehr groß.

    Diese Patientinnen und Patienten *sind* oft sehr engagiert, letztlich kann aber bei ihnen durch eine individuell angepasste Therapie (z.B. Kombination von Gesprächstherapie, Körpertherapie und EMDR sowie "Imaginationsübungen" nach Reddemann) sowie zusätzlich die Gabe von Antidepressiva (ggfs. in Kombination mit einem niedrig dosierten Anti-Psychotikum) die Beschwerden gelindert, aber meist nicht vollständig abgestellt werden.

    Im Hinblick auf den Betablocker Propranolol, vor einigen Jahren von der Presse noch sehr aufgeregt als "Pille für das Vergessen" diskutiert, ist es ähnlich. Erfolgt die Gabe zeitnah an das belastende Ereignis, etwa in einer Traumaambulanz, kann dies helfen, die Bildung einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu verhindern. Bei Patientinnen und Patienten mit einer komplexen Traumatisierung, die oft erst Jahre oder Jahrzehnte später behandelt werden, sind die Ergebnisse insgesamt nicht so gut.

    Sollte es also gelingen, Medikamente zu entwickeln, die zuverlässig wirken, wäre das ein Segen für die Betroffenen.

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    • meditz
    • 14. März 2012 22:46 Uhr

    Erst sollen Emotionen gelöscht aber kognitive Erinnerungen bestehen bleiben. Na bravo, dann kann ich mich also jetzt an den Holocaust erinnern, muss aber dabei nichts mehr fühlen. Prima Konzept. Sollte man weit verbreiten. ????
    Ist nicht gerade die emotionale Bewertung das Entscheidende?
    Und dann soll die Furchtreaktion bei PTBS unterdrückt werden, die doch die einzige (biologisch natürliche) Reaktion ist, die zur endgültigen Auflösung eines Traumas führen kann. Die emotionale Erinnerung (nicht die kognitive), die Panikattacke, der Albtraum, ... ist doch immer wieder ein Versuch, das Erlebnis abzuschliessen und damit zu "verdauen". Wie es alle Tiere in freier Wildbahn nach grossem Schrecken durchleben. Sie schliessen durch starke körperliche Reaktion (zittern, zucken, laufen (flight), Abwehrbewegungen oder Haltungen (fight), kurzzeitige Erhöhung der Körpertemperatur,...) die Erinnerung mit dem Körper (und den basaleren Teilen des Nervensystems) ab und haben eben keine Angst vor der Angst und der körperlichen Reaktion. Wenn man den Prozess, den der Körper immer wieder versucht durchzuführen, mit Pillen unterdrückt, dann sitzt die PTBS für immer eingemauert fest. Viel Spass dann.

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  5. Redaktion

    Liebe(r) "Tomaten auf Augen II",
    "Korallenkette" hat es schon gut beschrieben, dass Sie hier kein Science-Magazin lesen.
    Aber ich frage mich schon, wie Sie darauf kommen, dass der Artikel wissenschaftlich sein soll. Sie befinden sich auf der Seite von ZEITonline und haben einen Artikel gelesen, der in ZEIT Wissen erschienen ist, dem Wissensmagazin der ZEIT – warum sollten hier oder da wissenschaftliche Artikel veröffentlicht werden? Kann es sein, dass Sie Artikel, die über Wissenschaftsthemen geschrieben sind, verwechseln mit Wissenschaftsartikeln?
    Fragt mit besten Grüßen
    Jan Schweitzer (Chefredakteur ZEIT Wissen)

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    Heisst das: Wissenschaftsberichterstattung gibt es bei der ZEIT nicht? Und wenn Ja, warum nicht? Offensichtlich gibt es doch zumindest einige wenige Leser, die ein anderes Herangehen erwartet hätten bei diesem Thema. Da das Thema durchaus brisante Fragen aufwirft, in verschiedener Richtung, auch ethisch, hätte ich mir mehr gewünscht als dies, was hier erschienen ist - und auch mit einer anderen Herangehensweise, dh. einer kritischen Diskussion solcher Verfahren.

    Ich zumindest trinke keine Cola light und derartiges und brauche das auch nicht.

    Mit besten Grüßen,

    miss morningstar

    • meditz
    • 15. März 2012 12:51 Uhr

    Jetzt wissen wir viel über den Charme eines Herrn und wenig über die Einordnung seiner Arbeit in sein Wissensgebiet. Was hätte sich mehr zu wissen gelohnt? Warum lese ich ZEIT Wissen und nicht eines der zahlreichen Unterhaltungsorgane?

  6. das er introvertiert ist ;) sind das nicht oft die nachdenklichsten Menschen mit einem reichen Innenleben (da sie nach "innen" Leben) und oft auch sehr kreativ (natürlich nicht alle). Und ich würde meine Sorgen (siehe Anfang des Artikels) auch eher einen stilleren Zeitgenossen anvertrauen, als einer extrovertieren, "lauten" Person. Einfach, weil die meist besser zuhören können.

  7. 8. Danke!

    Danke für die großartigen interessanten Artikel!

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