KalifornienKiffen gegen die Schmerzen

Kalifornien ist mal wieder weiter als andere: Dort dürfen Menschen Marihuana konsumieren, wenn es ihrer Gesundheit dient. Ein Vorbild auch für Deutschland? von Sebastian Poliwoda

Vor der Tür stehen drei Sicherheitsleute mit Sonnenbrille und Waffe. Noch mal zwei direkt an der Tür. Dann ein Metalldetektor, an dem sich die Kunden mit einer Patient Identification Card ausweisen müssen. Hinter dem Metalldetektor schließlich öffnet sich die lichte Verkaufshalle mit bodentiefen Fenstern und 20 Überwachungskameras an den Decken. Eine Mischung aus H&M und Club-Lounge, mit hellen Bastteppichen ausgelegt. Dazwischen braune Läufer, die zu einem der neun gläsernen Verkaufstresen führen. Unter den blank polierten Glasscheiben das Sortiment: 36 verschiedene Marihuana-Sorten, in Schälchen aufgereiht. Darüber 38 Edelsteindöschen mit braunen Haschisch-Krümeln, das Stück ab 35 Dollar. Außerdem Marihuana-Seife, Shampoos, sieben Sorten Cannabis-Schokolade, fertig gedrehte Joints, Karamellbonbons. Willkommen im Harborside Health Center, der größten Marihuana-Apotheke in der Region San Francisco.

Zwar ist der Gebrauch von Marihuana nach nationalem US-Recht illegal und damit strafbar, aber Kalifornien und 15 weitere US-Bundesstaaten erlauben es seit 1996 für medizinische Zwecke. In Deutschland ist so etwas momentan noch undenkbar. Doch glaubt man vielen Forschern und Ärzten, die sich mit dem Thema beschäftigen, sollte, nein, müsste sich das ändern. Und zwar sehr bald. Denn Marihuana soll diverse Krankheiten lindern können, von Herz- über Nervenleiden bis zu Krebs.

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Außerdem lässt sich viel Geld mit dem Stoff verdienen – in Kalifornien auf legale Art und Weise. Das für die Steuererhebung zuständige Board of Equalization schätzt, dass in dem Bundesstaat knapp 18 Milliarden Dollar jährlich mit Marihuana umgesetzt werden. Davon fallen etwa 1,4 Milliarden Dollar an Steuern ab. So wäre es doch sinnvoll, sagen viele US-Bürger, Cannabis ganz zu legalisieren und den neuen Wirtschaftszweig weiter auszubauen: Kiffen gegen die Staatskrise.

Doch es gibt Widerstände. 2010 stimmten die Bürger über die komplette Freigabe von Marihuana ab: 53,5 Prozent waren dagegen, darunter vor allem Republikaner, die Bierbrauergewerkschaft und die Pharmalobby – die wohl nicht ganz uneigennützige Interessen hatten. 46,5 Prozent waren für die Freigabe: Demokraten, Forscher oder auch Polizisten. Letztere sicher mit dem Kalkül, dass es dann weniger Drogendelikte geben würde.

Doch die Abstimmung war nicht das Ende der Debatte, der Kampf geht weiter. Kalifornien ringt mit Washington, Legalisierer streiten mit Politikern, Züchter kämpfen gegen die nationale Drogenbehörde, Ärzte gegen Ignoranz. Und Patienten gegen ihre Leiden. »Hier herrscht Krieg«, sagt Richard Lee, Kopf der Legalisierungsbefürworter, »der Krieg um das Kraut.« Lee leitet die Oaksterdam University, die ihren Sitz im Stadtzentrum von Oakland hat, 20 Autominuten von San Francisco entfernt. Ein weißer Steinklotz mit fünf Stockwerken, verspiegelter Fensterfront und einem Graffito über der kompletten Seitenwand. Seit Lee die Universität 2007 gegründet hat, haben über 15.000 Studenten hier alles über Anbau und Hege, Ernte und Verkauf von Cannabis gelernt. Um dann als lizenzierte Anbauer selbst zu züchten oder eine Cannabis-Apotheke zu betreiben.

Der Red Diesel steht in voller Blüte. Zärtlich streicht Mike Parker über die Blätter. Er hat acht Kinder »und 129 Babys«: 129 Cannabis-Pflanzen flattern im warmen Wind, verteilt auf fünf Räume, unter viel Licht und ständig ventiliert. Big Mike, wie ihn alle hier nennen, ist ein Hüne mit Rauschekinnbart. Er leitet das Labor an der Oaksterdam-Universität. »Die weibliche sexuelle Frustration ist an allem schuld«, sagt er. Denn nur die weiblichen Pflanzen bilden die Blüten, die geerntet werden. Sie wollen mit männlichen Pollen bestäubt werden, deshalb treiben sie immer mehr Blüten aus. Aber männliche Pflanzen gibt es in der Cannabis-Zucht nicht. Eine sieben Meter hohe Pflanze in freier Natur kann aus lauter Frust schon mal vier Kilogramm Blüten tragen. Die werden abgeschnitten und getrocknet – fertig ist das Marihuana. Das gepresste Harz der Pflanze, das eigentliche Haschisch, nennt sich auch Shit.

Dessen süßlicher Duft aus öffentlicher Toilette, getragenen Strümpfen und frisch geschnittenem Rasen hängt im gesamten Gebäude der Universität. Der zentrale Hörsaal liegt im zweiten Stock. 76 Studenten lauschen dort dem Anwalt James Clark. »Die Rechnung ist einfach«, sagt er: »Für den Besitz von 100 Pflanzen kriegen Sie laut US-Bundesrecht ein Jahr, für 1000 Pflanzen zehn Jahre Gefängnis. Minimum.« Einige der Zuhörer schütteln verständnislos den Kopf. Gut zwei Drittel sind Männer, viele entsprechen dem Klischee des Marihuana-Fans mit ihren Caps, Rastazöpfen oder kahl rasierten Köpfen. Aber auch übergewichtige Familienväter mit Handy am Gürtel sitzen da, sowie Surfertypen und ältere Herren mit Jaguar-Cabrio vor der Tür. Ein Querschnitt der Gesellschaft.

Leserkommentare
    • Nibbla
    • 02. Mai 2012 8:38 Uhr

    Alkohol macht aggressiver und richtet mehr Schaden an. (Nicht dass ich jetzt für Verbot von Alkohol bin, aber diese Zweigleisigkeit nervt schon stark)

    19 Leserempfehlungen
  1. ... Cannabisverbot schadet und hilft in erster Linie keinem. Opferlosen Straftaten (und nichts andere ist die aktuelle Strafrechtslage, selbst bei Besitz kleineren Menge zwecks Eigenbedarf) führen zu einer unnötig erschwerten Eingliederung von auffällig gewordenen Jugendlichen, welche zwar keinen Menschen geschadet, aber in einem ähnlichen Strafrahmen wie für Körperverletzung o.ä. belangt werden.
    Daher ist es schon längst überfällig, Cannabis vielleicht nicht zu legalisieren, aber die Kriminalisierung der Konsumenten endlich zu stoppen. Das so eine Auflockerung in Deutschland undenkbar ist, ist nicht zuletzt einer panischen Angst vor einem rasanten Anstieg der Konsumentenzahlen begründet. Das diese unbegründet ist, zeigt das Beispiel der Niederlande, in der prozentual weniger Jugendliche zu Cannabis greifen, als hier in Deutschland.

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    • joG
    • 02. Mai 2012 8:56 Uhr

    ... Cannabisverbot schadet und hilft in erster Linie keinem."

    Das ist leider nicht ganz richtig. Es hilft den Dealern. Vor allem verdient der Großhandel sehr viel daran.

  2. um das lächerliche Verbot schert sich ja ohnehin keiner. Und verbotene Früchte schmecken gleich nochmal so gut ;-)

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    • Nibbla
    • 02. Mai 2012 8:56 Uhr

    aber in Holland ist es viel angenehmer, wenn man weiss was man kriegt und alles viel freundlicher ist, als zB in Prag auf irgendeiner zwielichtigen Toilette von ner Bar von nem zwielichtigen Kerl aus ner Mauerspalte/Versteck was zu kaufen.

    wenn sie mit gras erwischt werden, können sie ihren lappen vergessen! was heisst hier lächerliches verbot?
    kriminalisierung ist absolut nicht lächerlich!
    ein freund von mir wurde mit einer menge von 50g gras erwischt, der lappen war ein halbes jahr weg, und das bei einem selbstständigen, nennen sie das bitte noch einmal lächerlich.
    das ist bei weitem nicht so lustig, wie sie vielleicht denken mögen.

    • GDH
    • 02. Mai 2012 12:23 Uhr

    Sie meinen "verbotene Früchte schmecken gleich nochmal so gut".

    Naja, leider gibt's da keinen richtigen Verbraucherschutz, also weder Grenzwerte für irgendwelche Pestizide, Pilze oder was da sonst noch so alles dran sein kann noch vorschriften, wie richtig zu wiegen, auszuzeichnen usw. ist.

    Für manche Konsumenten mag das natürlich einen besonderen Reiz ausmachen, dass sie nie so genau wissen, was sie da eigentlich rauchen/schlucken...

    Gut für die öffentliche Gesundheit und Ordnung kann ich's nicht finden.

    • joG
    • 02. Mai 2012 8:56 Uhr

    ... Cannabisverbot schadet und hilft in erster Linie keinem."

    Das ist leider nicht ganz richtig. Es hilft den Dealern. Vor allem verdient der Großhandel sehr viel daran.

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    Es hilft auch konservativer Politik.

    Welch ökonomischer Situation die kleinen Dealer entspringen ist ja auch praktisch, gibt es doch all den Sarrazins, Wilders und anderen Hetzern die nötige Kriminalität in den Statistiken um gegen Einwanderer zu wettern.

    Illegales Cannabis ist ein Erfolgsmodel was den Bildungsweg anbetrieft.

    Das geht vom kleinen Türken ohne Hauptschulabschluss hin zum schicken Drogendöschen der deutschen Studentin.

    der Staat verdient das Geld was die Großhändler verdienen und reguliert den Endverkauf? Dann ist das Zeug wenigstens sauber und man kann den Leuten vielleicht auch beibringen es in Masen zu konsumieren.

    Was ja ein weiterer Grund wäre es zu legalisieren...

    Legales Cannabis könnten Patienten und Konsumenten dann zB in der Apotheke kaufen, wo die Herkunft, Verarbeitung und Qualität sichergestellt werden können.

    Somit würden weder der "kleine Dealer" noch das organisierte Drogenkartell weiter profitieren. Aber das ist ein Thema für sich -> Sinnhaftigkeit/Sinnlosigkeit des "War on drugs"

    und gut ist. Jedoch würde da die Pharmalobby etwas dagegen haben.
    Dazu kommt das sich der Staat schwer in seine neue Rolle agrumentativ einfinden muss, eben seinen Haushalt durch eine einstmal gehetzten und verklärten Droge mit zu finanzieren.
    Allerdings klappte das beim Kaffee Mitte der 50er auch.

    Aber ich sehe da kaum Chancen. Wer Alkoholwerbung im TV/Öffentlichkeit erlaubt (meist vor Sportveranstaltungen - Droge und Sport) und die stark körperliche Abhängigkeit seiner Konsumenten in kauf nimmt, wird sich schwer tun eingeschlagene Sackgassen zu verlassen.

    • Nibbla
    • 02. Mai 2012 8:56 Uhr

    aber in Holland ist es viel angenehmer, wenn man weiss was man kriegt und alles viel freundlicher ist, als zB in Prag auf irgendeiner zwielichtigen Toilette von ner Bar von nem zwielichtigen Kerl aus ner Mauerspalte/Versteck was zu kaufen.

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    Antwort auf "Nun ja,"
  3. ...das allein genügt mir um zu wissen das es im Krankheitsfall legalisiert werden sollte.
    Wenn die Pharmaindustrie fürchtet Geld zu verlieren, muss Cannabis, immerhin ein Naturprodukt(Bio), wirklich(!) funktionieren...

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    • Pjotr_
    • 02. Mai 2012 9:27 Uhr

    Natürlich funktioniert Cannabis. Die Wirkung von Cannabinoiden, allem voran THC, ist mittlerweile wirklich gut erforscht. Sowohl für eine Indikation in der Schmerztherapie als auch für eine antitumorigene Wirkung von THC liegen sehr viele Studien vor. Dass Cannabis ein Naturprodukt ist, bzw. dass THC aus einem Naturprodukt stammt, ist aber wirklich von keinerlei Bedeutung - ein Großteil der traditionellen Chemotherapeutika stammt aus Pflanzen und wird - sofern kein anderer Syntheseweg bekannt - immer noch aus ihnen gewonnen.

    Immer wieder werden reflexartig und sich selbst verstärkend die Argumente "Big Pharma ist dagegen" und "Es hilft bei Krankheiten" angeführt. Leider wird durch ständige Wiederholung die Aussage auch nicht richtig.

    In D. ist seit knapp einem Jahr Cannabisextrakt in der MS-Behandlung zugelassen und damit rezeptpflichtig verfügbar (http://de.wikipedia.org/w...). Die Studien zum Nutzen bei MS zeigen einen vagen Effekt, trotzdem ist die Zulassung erfolgt. "Big Pharma" verdient gut an dem Präparat!

    Nach eigener Erfahrung (MS-Schwerpunktpraxis) mit mehreren Dutzend Behandlungen ist der Nutzen gering, der überwiegende Teil der Patienten hat weit mehr Nebenwirkungen als Wirkungen und wünscht keine Dauerbehandlung. Die vorher schon "überzeugten Kiffer" (fast alle MS-Betroffenen Menschen probieren auch mal wegen des auch hier anklingende Hypes THC aus) sind auch mit dem Medikament zufrieden.

    Unabhängig von o.g. halte ich persönlich aus eigener Meinungsbildung (Neurologe/Psychiater) Cannabisprodukte auch nicht für gefährlicher als Alkohol; allerdings heißt das sehr wohl, dass ich schwerwiegende Komplikationen unter Cannabis erlebe (Kontrollverlust in erster Linie).

    Abschließend. Würde Alkohol heute neu "entdeckt"/synthetisiert werden, die Substanz hätte nicht den Hauch einer Chance als verkehrsfähig eingeschätzt zu werden (viel zu gefährlich)....

    Grüße

    T.

    • Pjotr_
    • 02. Mai 2012 9:27 Uhr

    Natürlich funktioniert Cannabis. Die Wirkung von Cannabinoiden, allem voran THC, ist mittlerweile wirklich gut erforscht. Sowohl für eine Indikation in der Schmerztherapie als auch für eine antitumorigene Wirkung von THC liegen sehr viele Studien vor. Dass Cannabis ein Naturprodukt ist, bzw. dass THC aus einem Naturprodukt stammt, ist aber wirklich von keinerlei Bedeutung - ein Großteil der traditionellen Chemotherapeutika stammt aus Pflanzen und wird - sofern kein anderer Syntheseweg bekannt - immer noch aus ihnen gewonnen.

    5 Leserempfehlungen
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    • Anthon
    • 03. Mai 2012 7:34 Uhr

    "Sowohl für eine Indikation in der Schmerztherapie als auch für eine antitumorigene Wirkung von THC liegen sehr viele Studien vor."

    Danke!

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