KalifornienKiffen gegen die Schmerzen

Kalifornien ist mal wieder weiter als andere: Dort dürfen Menschen Marihuana konsumieren, wenn es ihrer Gesundheit dient. Ein Vorbild auch für Deutschland?

Vor der Tür stehen drei Sicherheitsleute mit Sonnenbrille und Waffe. Noch mal zwei direkt an der Tür. Dann ein Metalldetektor, an dem sich die Kunden mit einer Patient Identification Card ausweisen müssen. Hinter dem Metalldetektor schließlich öffnet sich die lichte Verkaufshalle mit bodentiefen Fenstern und 20 Überwachungskameras an den Decken. Eine Mischung aus H&M und Club-Lounge, mit hellen Bastteppichen ausgelegt. Dazwischen braune Läufer, die zu einem der neun gläsernen Verkaufstresen führen. Unter den blank polierten Glasscheiben das Sortiment: 36 verschiedene Marihuana-Sorten, in Schälchen aufgereiht. Darüber 38 Edelsteindöschen mit braunen Haschisch-Krümeln, das Stück ab 35 Dollar. Außerdem Marihuana-Seife, Shampoos, sieben Sorten Cannabis-Schokolade, fertig gedrehte Joints, Karamellbonbons. Willkommen im Harborside Health Center, der größten Marihuana-Apotheke in der Region San Francisco.

Zwar ist der Gebrauch von Marihuana nach nationalem US-Recht illegal und damit strafbar, aber Kalifornien und 15 weitere US-Bundesstaaten erlauben es seit 1996 für medizinische Zwecke. In Deutschland ist so etwas momentan noch undenkbar. Doch glaubt man vielen Forschern und Ärzten, die sich mit dem Thema beschäftigen, sollte, nein, müsste sich das ändern. Und zwar sehr bald. Denn Marihuana soll diverse Krankheiten lindern können, von Herz- über Nervenleiden bis zu Krebs.

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Außerdem lässt sich viel Geld mit dem Stoff verdienen – in Kalifornien auf legale Art und Weise. Das für die Steuererhebung zuständige Board of Equalization schätzt, dass in dem Bundesstaat knapp 18 Milliarden Dollar jährlich mit Marihuana umgesetzt werden. Davon fallen etwa 1,4 Milliarden Dollar an Steuern ab. So wäre es doch sinnvoll, sagen viele US-Bürger, Cannabis ganz zu legalisieren und den neuen Wirtschaftszweig weiter auszubauen: Kiffen gegen die Staatskrise.

Doch es gibt Widerstände. 2010 stimmten die Bürger über die komplette Freigabe von Marihuana ab: 53,5 Prozent waren dagegen, darunter vor allem Republikaner, die Bierbrauergewerkschaft und die Pharmalobby – die wohl nicht ganz uneigennützige Interessen hatten. 46,5 Prozent waren für die Freigabe: Demokraten, Forscher oder auch Polizisten. Letztere sicher mit dem Kalkül, dass es dann weniger Drogendelikte geben würde.

Doch die Abstimmung war nicht das Ende der Debatte, der Kampf geht weiter. Kalifornien ringt mit Washington, Legalisierer streiten mit Politikern, Züchter kämpfen gegen die nationale Drogenbehörde, Ärzte gegen Ignoranz. Und Patienten gegen ihre Leiden. »Hier herrscht Krieg«, sagt Richard Lee, Kopf der Legalisierungsbefürworter, »der Krieg um das Kraut.« Lee leitet die Oaksterdam University, die ihren Sitz im Stadtzentrum von Oakland hat, 20 Autominuten von San Francisco entfernt. Ein weißer Steinklotz mit fünf Stockwerken, verspiegelter Fensterfront und einem Graffito über der kompletten Seitenwand. Seit Lee die Universität 2007 gegründet hat, haben über 15.000 Studenten hier alles über Anbau und Hege, Ernte und Verkauf von Cannabis gelernt. Um dann als lizenzierte Anbauer selbst zu züchten oder eine Cannabis-Apotheke zu betreiben.

Der Red Diesel steht in voller Blüte. Zärtlich streicht Mike Parker über die Blätter. Er hat acht Kinder »und 129 Babys«: 129 Cannabis-Pflanzen flattern im warmen Wind, verteilt auf fünf Räume, unter viel Licht und ständig ventiliert. Big Mike, wie ihn alle hier nennen, ist ein Hüne mit Rauschekinnbart. Er leitet das Labor an der Oaksterdam-Universität. »Die weibliche sexuelle Frustration ist an allem schuld«, sagt er. Denn nur die weiblichen Pflanzen bilden die Blüten, die geerntet werden. Sie wollen mit männlichen Pollen bestäubt werden, deshalb treiben sie immer mehr Blüten aus. Aber männliche Pflanzen gibt es in der Cannabis-Zucht nicht. Eine sieben Meter hohe Pflanze in freier Natur kann aus lauter Frust schon mal vier Kilogramm Blüten tragen. Die werden abgeschnitten und getrocknet – fertig ist das Marihuana. Das gepresste Harz der Pflanze, das eigentliche Haschisch, nennt sich auch Shit.

Dessen süßlicher Duft aus öffentlicher Toilette, getragenen Strümpfen und frisch geschnittenem Rasen hängt im gesamten Gebäude der Universität. Der zentrale Hörsaal liegt im zweiten Stock. 76 Studenten lauschen dort dem Anwalt James Clark. »Die Rechnung ist einfach«, sagt er: »Für den Besitz von 100 Pflanzen kriegen Sie laut US-Bundesrecht ein Jahr, für 1000 Pflanzen zehn Jahre Gefängnis. Minimum.« Einige der Zuhörer schütteln verständnislos den Kopf. Gut zwei Drittel sind Männer, viele entsprechen dem Klischee des Marihuana-Fans mit ihren Caps, Rastazöpfen oder kahl rasierten Köpfen. Aber auch übergewichtige Familienväter mit Handy am Gürtel sitzen da, sowie Surfertypen und ältere Herren mit Jaguar-Cabrio vor der Tür. Ein Querschnitt der Gesellschaft.

Leserkommentare
  1. 10-25% beziehen sich natürlich auf den Rauch, der in die Lunge gelangt. Dieser enthält rund 50% THC des Joints.

    Antwort auf "Kontrollverlust"
  2. ich bin außerdem der ansicht, ein jeder hat das recht, seinem körper anzutun, wonach ihm gelüstet. ich halte auch nix von zusatzprämien der krankenkassen für übergewichtige, rabatte für sportler, etc. sonst müssten auch workoholics mehr zahlen.
    nur den öffentlichen kontrollverlust, den mag ich mir nicht ansehen.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Funktioniert nicht"
  3. klicken Sie die Seite der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (IACM) an.

    Von dort können Sie im 14tägigen Rhythmus per Email Forschungsergebnisse aus aller Welt erhalten.

    Sehr empfehlenswert!

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Naja....."
  4. ... wie gut er, selbst mit den von Ihnen genannten Nebenwirkungen, verglichen mit einem herkömmlichen Medikament wegkommt.
    Weil da kommt es unter Umständen schnell zu Todesfällen.

    Antwort auf "Schmerzlinderung"
  5. ich habe selber lange genug gekifft und mich mit kiffern über die legalisierung ausgetauscht.
    ich stelle fest, dass ALLE von irgendwelchem medizinischem nutzen daherreden. das halte ich für verlogen. den meisten geht es darum, gras aus dem automaten ziehen zu können, wie heute ein päckchen mallebo.
    ist ja auch in ordnung. aber den medizinischen nutzen als vehikel vorzuspannen überschreitet die grenze der selbstvera... sehr deutlich.
    wie ein mitforist bereits sagte:
    so mancher befürworter der legalisierung täte seiner sache einen gefallen, wenn er den mund hielte. (sinngemäß zitiert)

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Man muß es mal einfach klar und deutlich sagen: Kiffen macht in erster Linie riesig Spaß. Wenns dann auch noch bei erhöhtem Augeninnendruck und anderen Malessen hilft, na, umso besser.

    Man muß es mal einfach klar und deutlich sagen: Kiffen macht in erster Linie riesig Spaß. Wenns dann auch noch bei erhöhtem Augeninnendruck und anderen Malessen hilft, na, umso besser.

  6. Kontrollverlust in dem von mir gemeinten Sinn ist der Verlust der Fähigkeit den Gebrauch zu kontrollieren, bzw. die Dosis zu limitieren. Unter Kontrollverlust zählt auch die Unterordnung sozialer Funktion unter den Substanzgebrauch und Verringerung/Verlust frei bestimmter Abstinenzzeiten. Diese Form des Kontrollverlustes entspricht (vage) der sog. psychischen Abhängigkeit.

    Menschen bei denen der Cannabis-Konsum (und ja, im Sinne einer Abhängigkeit) zu Konflikten (sozial, interpersonell, beruflich) führt, die gibt es sehr wohl.

    Kontrollverlust i.S. eines ganz oder teilweisen Verlustes der Körperkontrolle, das spielt -im Gegensatz zu Alkohol!- nur eine untergeordnete Rolle.

    Grüße

    T.

    Antwort auf "Kontrollverlust"
    • Ikelos
    • 02.05.2012 um 15:41 Uhr
    63. echt?

    Ich weiß zwar nicht wie sie "ideologiefrei und sachlich" definieren, aber auch Linke, Grüne, und alle Jugendorganisationen ausser der Jungen Union setzen sich für eine Freigabe oder Entkriminalisierung ein.

    Nur die Piraten sieht anders aus...

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Piratenpartei"
  7. ich sprühe weder Pestizide auf meine Pflanzen noch lasse ich die Ernte verschimmeln. Auch ohne Auszeichnung kann ich mein Gras vom Pfefferminztee oder vom Koriander unterscheiden und wiegen muß ich es auch nicht.

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