Wer zu Sally Linkenauger und ihren Kollegen ins Labor kommt, kann sein Ich eintauschen. Die Forscher am Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in Tübingen lassen Versuchspersonen in Avatare schlüpfen und durch virtuelle Welten streifen. Sekundengenau ahmt der Avatar jede Bewegung nach, und doch ist etwas ungewöhnlich. Linkenauger kann Menschen schrumpfen oder wachsen lassen, als wären sie Alice im Wunderland, sie kann ihnen riesige Hände oder Arme verpassen wie einer Zeichentrickfigur. Sie kann zeigen, dass etwas so Grundlegendes wie der Körper, gleichsam der Wohnsitz des Ichs, den Blick auf die Welt beeinflusst.

Der eigene Körper, sagt Linkenauger, helfe Menschen dabei, die Welt zu vermessen. Er sei so etwas wie ein Lineal-Sortiment. Geschrumpften Probanden erscheinen die Stühle und Tische der virtuellen Umgebung größer, wer dagegen mit riesigen Händen ausgestattet wird, hält Gegenstände plötzlich für kleiner. "Was wir wahrnehmen, ist nicht die Umwelt an sich, sondern die Beziehung, in der sie zu unserem Körper steht", sagt Linkenauger.

Es ist schon eine erstaunliche Leistung, die das Gehirn bei der Konstruktion der Welt vollbringt. Es sorgt dafür, dass jeder Mensch sich sein ganzes Leben lang für ein konstantes Individuum hält und dass verschiedene Personen einen Augenblick gemeinsam erleben – und zwar in dem Bewusstsein, ihn gemeinsam zu erleben. Abgesehen von wenigen Ausnahmen, können alle sich schnell darauf einigen, ob ein Haus schwarz oder weiß, groß oder klein ist.

Und doch ist das Bild der Welt, das in unserem Kopf entsteht, kein originalgetreues Abbild. Es ist weit mehr als die Summe der sensorischen Reize. Es ist das Ergebnis einer höchst subjektiven Konstruktion. Ob simple räumliche Maße oder komplexe soziale Eindrücke, etwa von dem Wesen unserer Mitmenschen oder dem Ablauf einer Situation – was wir wahrnehmen und wie wir es interpretieren, beeinflussen individuelle Faktoren: die Persönlichkeit, der eigene Körper, sogar Wünsche, Gefühle und Lebensumstände. Was immer das Ich ausmacht , prägt auch seinen Blick. Zu einem gewissen Grad ist die Welt, in der wir leben, für jeden eine andere.

Das Ich und seine Umwelt

Schon die Wahrnehmung von etwas scheinbar objektiv Erfassbarem wie der räumlichen Umgebung unterliegt zum Teil einer ichbezogenen Verzerrung, wie die Studien der Max-Planck-Gruppe Perception and Action in Virtual Environments zeigen. Schrumpfen Probanden auf Zwergenmaß, nehmen sie nicht etwa ihren Körper als kleiner wahr, sondern die Dinge um sich herum als größer. Ihr Körper bleibt in ihrer Wahrnehmung konstant – wenn sich etwas verändert, dann muss es die Welt sein.

Die Psychologin Sally Linkenauger ist überzeugt, dass der Körper eines Menschen auch außerhalb manipulierbarer Kunstwelten die Wahrnehmung beeinflusst – dass etwa eine zierliche Frau mit kleinen Händen Distanzen und Gegenstände als größer wahrnimmt als ein hochgewachsener Mann mit Pranken: "Ich behaupte, die beiden sehen jeweils eine ganz andere Welt." Und das sei auch wichtig.

"Unsere Wahrnehmung ist auf unsere individuelle körperliche Leistungsfähigkeit zugeschnitten." Wer weniger leisten könne, schätze Entfernungen oder Gegenstände als größer ein. Studien zufolge überschätzen Schmerzpatienten Distanzen, halten ältere oder erschöpfte Personen einen Hügel dem Anblick nach für steiler. Die verzerrte Wahrnehmung, vermuten Forscher, schütze sie vor Überlastung. Andererseits scheint sie uns auch zur Anstrengung zu motivieren, wenn es sich lohnt. Sie lässt sich nämlich durch Wünsche beeinflussen.

Wir sehen, was wir sehen wollten, behauptet David Dunning von der Cornell University im US-Bundesstaat New York. Der Psychologe erforscht die Zuverlässigkeit von Zeugenaussagen und hat sich mit kuriosen Studien zur egozentrischen Wahrnehmung einen Namen gemacht. Um Belege für das "wishful seeing" zu liefern, hat er sich etwas einfallen lassen.