Noch vor wenigen Monaten hätte Christian Kleineidam nicht im Traum gedacht, dass eine britische Zeitung mal über ihn schreiben würde. Aber dann erzählte er auf einer Konferenz in Amsterdam über seine Morgenroutine: Jeden Tag bläst er in ein Lungenfunktionsmessgerät und fotografiert sich von drei Seiten in Unterhose im Badezimmer. Und so wurde er zum Vorzeigeexemplar einer neuen Spezies, deren Mitglieder vor allem eines gemeinsam haben: Sie vermessen akribisch alle möglichen Körperfunktionen. Und sie reden darüber.

Quantified Self heißt die Bewegung nach amerikanischem Vorbild, es wird fleißig getwittert und vernetzt. In Berlin und München fanden die ersten deutschen Treffen statt, das ZDF besuchte Kleineidam in seiner Spandauer Altbauwohnung . Er und seine Freunde wurden als Freaks belächelt, ein Chefarzt warnte in der Welt am Sonntag, der Trend gehöre in eine Reihe mit Hypochondrie und Essstörungen, wenn man ihn zu weit treibe.

Tatsächlich kann man über die Selbstvermesser trefflich spotten, wer trägt schon begeistert seine Körperdaten in Excel-Tabellen ein. Es spricht jedoch einiges dafür, dass sie nur ausprobieren, was viele von uns bald mit sich herumtragen werden: Smartphone-Erweiterungen zur Dokumentation von Blutdruck, Schlafphasen, Gefühlen, Puls, Blutzucker oder was auch immer der Arzt oder man selbst gerade wissen will. Apps und mobile Medizintechnik könnten unser Verhältnis zur eigenen Gesundheit bald radikaler verändern als Gesundheitsminister Daniel Bahr, die Ernährungspyramide und die AOK zusammen. Fragt sich nur, ob die Technik uns wirklich gesünder macht.

Vermessen, verbessern, verkaufen: Wohin führt die Quantified-Self-Bewegung? Ein Schwerpunkt © Getty Images

Selbstvermessung heißt nicht, dass jeder ein Supermann werden soll. Christian Kleineidam wiegt 55 Kilo, zu wenig für 1,81 Meter Körpergröße. Seit einer Wirbelsäulen-Operation vor zehn Jahren ist seine Lungenfunktion eingeschränkt, die Ärzte konnten ihm nicht sagen, warum. Er sitzt im Schneidersitz auf seinem roten Sofa und zeigt eine Grafik, in die er die tägliche Einsekundenkapazität seiner Lunge eingetragen hat, also die Menge Luft, die er mit einem kräftigen Ausatmen ausstößt. An jedem Tag ein Punkt, fast alle liegen bei 1 bis 1,2 Liter, aber ein paar fallen aus der Reihe. An dem Tag, als das ZDF kam, "war das Adrenalin hoch", sagt Kleineidam, damals schaffte er knapp zwei Liter, 40 Prozent der Norm. An einem anderen Tag hatte er einen Termin bei einem Somatopsychopädagogen, die Therapie habe seinen Bauchraum entspannt, am nächsten Morgen wieder knapp zwei Liter. Die Grafik zeige ihm, dass seine Lunge noch Potenzial habe, sagt Kleineidam, und das könne er dank Selbstvermessung besser erkennen als sein Pneumologe, der ihm nach einem Lungencheck einfach ein Asthmaspray verschrieben habe. Die Fotos im Bad macht er, um seine Körperhaltung zu dokumentieren.

Die Ärzte können sich schon mal auf einen neuen Patiententyp gefasst machen. Er probiert selbst aus, was ihm guttut, und zückt im Sprechzimmer Geräte mit USB-Anschluss, mit deren Hilfe er sich schon ausgiebig selbst untersucht hat. Er kann nerven – vielleicht kann er dem Arzt aber auch die Arbeit erleichtern, wenn man ihm die richtige App empfiehlt. Der neue Trend begeistert eine Klientel, die sich für ihren Körper sonst nicht interessiert: Männer. Dank Gesundheits-Apps und Fitness-Gadgets motivieren sich plötzlich Hobbysportler und Übergewichtige zum Trainieren oder Abnehmen. Aber auch chronisch Kranke profitieren: Sie können ihre Medikamente dank mobiler Selbstvermessung besser dosieren.

In Großbritannien hat die Technik bereits den Segen der Politik. Dort sollten Ärzte künftig Smartphone- und Web-Anwendungen empfehlen, teilte das britische Gesundheitsministerium Ende Februar mit und stellte rund 500 Programme und App-Ideen vor, über die man auf der Website des Ministeriums abstimmen konnte . Auf dem ersten Rang steht Moodscope , ein Stimmungsbarometer, das Depressionen vorbeugen soll. Jeden Tag können sich die Nutzer in 20 "Wie fühlst du dich heute"-Kategorien selbst bewerten. Dann berechnet die Software den Stimmungspegel und schickt den Wert per E-Mail an zuvor festgelegte Freunde. Im Idealfall melden sich diese, wenn es dem potenziell Depressiven schlecht geht.