Kein Zweifel, es gibt schönere Städte. Wie eine Insel erheben sich die bescheidenen Reste der Altstadt aus einem Meer von unscheinbaren Nachkriegsbauten. Dennoch ist Böblingen äußerst attraktiv: Fünf Weltkonzerne fühlten sich von der 46.000-Einwohner-Stadt angezogen. Sie kamen, um hier auch zu forschen und zu entwickeln. Das tun sie nun neben weit über hundert kleineren Unternehmen, die ebenfalls an zukunftsträchtigen Ideen arbeiten. Die Gegend gilt als besonders innovativ.

Unternehmen im Hochlohnland Deutschland müssen mit Innovationen glänzen, um im globalen Wettbewerb mitzuhalten. Etwa 70 Milliarden Euro wurden hierzulande 2010 für Forschung und Entwicklung ausgegeben – immerhin 2,82 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Rund zwei Drittel des Geldes investierte die Wirtschaft. Oft in Baden-Württemberg: Im industriellen Herzen Deutschlands, wo der Automobil- und Maschinenbau eine lange Tradition hat, feilen Ingenieure, Facharbeiter und Forscher an der Perfektionierung ihrer Produkte – heute meist mithilfe der Informationstechnik, die im Ländle ebenfalls tief verwurzelt ist.

Auf einem Hang am Böblinger Stadtrand thront die HP-Europazentrale, in der 3.700 Menschen arbeiten. Ihr zu Füßen liegt das Gewerbegebiet Hulb, wo eine Straße nach Hewlett-Packard benannt ist. Über 50 Jahre ist es her, dass Bill Hewlett und Dave Packard einen Standort für ihre erste Fabrik in Europa suchten. Im kalifornischen Palo Alto hatten die beiden Stanford-Absolventen 1939 ihr Unternehmen gegründet; die Garage, in der sie den ersten Tonfrequenzgenerator bauten, war die Keimzelle des Silicon Valley. 1959 wagten sie den Sprung über den Atlantik. Nachdem zuletzt Belgien ausgeschieden war, standen noch Baden-Württemberg und Bayern zur Wahl. Bill Hewlett entschied sich für Böblingen – dort »schaffe« man bekanntermaßen, während in Bayern doch nur Bier getrunken werde. Schon fünf Jahre später steuerten die schwäbischen Mitarbeiter das erste Gerät, das außerhalb der USA entwickelt wurde, zum HP-Sortiment bei: einen Pulsgenerator zum Testen von digitalen Schaltkreisen.

Der IT-Riese profitierte vom schwäbischen Erfindergeist, der die baden-württembergische Wirtschaft noch heute beflügelt. Deren Innovationskraft sei herausragend, ergab eine Studie der Schweizer Wirtschaftsforscher von BAK Basel Economics. Sie verglichen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung von 69 europäischen Regionen sowie die Zahl der Arbeitsplätze in diesem Bereich und die der Patente: Baden-Württemberg führt klar. Sehr positiv schneidet die Gegend rund um Stuttgart ab. Im Landkreis Böblingen etwa sei »die Ausrichtung auf wissensintensive Branchen besonders ausgeprägt«, so die Studie – was den dort verwurzelten Unternehmen ebenso zu verdanken ist wie den zugewanderten Weltkonzernen, die sich von der schwäbischen Mentalität anlocken ließen.

Ideenreichtum, gepaart mit technischem Interesse und viel Fleiß, brachte hier immer neue Betriebe hervor. »In der Gegend um Stuttgart gibt es eine lange handwerkliche Tradition, und außerdem waren die Schwaben immer sehr auf Eigenständigkeit bedacht«, sagt Hermann Simon. »Da wirkt der Erfinder- und Unternehmergeist ansteckend.« Der Berater und frühere Wirtschaftsprofessor entdeckte einst die innovativen mittelständischen Weltmarktführer, die Hidden Champions. Weit über tausend davon gibt es in Deutschland. »Die USA sind geprägt von spektakulären Durchbruchsinnovationen à la Google und Amazon«, sagt er. »Hier hingegen haben wir eine sehr starke Spezialisierung, und die Innovationen sind eher gradueller Natur.«

Etwa bei Daimler, einem der prägendsten Unternehmen in Schwaben. Im 19. Jahrhundert hatte Gottlieb Daimlers Erfindung des Autos Furore gemacht – bis heute arbeitet man daran, sie zu optimieren. Im Gewerbegebiet Hulb, wo die 400 Mitarbeiter der Abteilung Forschung und Vorentwicklung sitzen, geht es um das Zukunftsprojekt 6D-Vision – eine Stereokamera nimmt Straßenlage dreidimensional wahr und erkennt blitzschnell gefährliche Situationen. Das Ziel: der unfallfreie Verkehr. Die Integration des iPhones in den Mercedes entwickelten die Böblinger gemeinsam mit ihren rund 100 Kollegen aus der Daimler-Dependance im Silicon Valley.

Auch der Böblinger Anlagenbauer Eisenmann gehört zur Weltspitze. Vor über 60 Jahren gründete der Ingenieur Eugen Eisenmann das Unternehmen. Russland, einer der wichtigsten Kunden, kauft hier Anlagen zur Vernichtung von Munition und chemischen Waffen. Zu den jüngsten Entwicklungen gehören Autolackieranlagen mit einem um 75 Prozent reduzierten Energieverbrauch. »Wir können Wachstum nur durch Innovationen erreichen«, sagt Vorstandssprecher Matthias von Krauland. »Für uns als deutsches Unternehmen ist es wichtig, den Entwicklungsvorsprung über Jahre hinweg zu halten.« Pro Jahr meldet Eisenmann 30 bis 50 Patente an.