Psychologie : "Lügner sind sympathisch"

Der Psychologe Robert Feldman erforscht unser ambivalentes Verhältnis zur Wahrheit: Warum Ehrlichkeit unbeliebt macht und Flunkerer besonders erfolgreich sind, sich kaum jemand für eine Lüge schämt – und Bill Clinton heute als besonders glaubwürdig gilt.

ZEIT Wissen: Professor Feldman, warum lügen wir so viel?

Robert Feldman: Weil es funktioniert. Lügen sind der Schmierstoff der Kommunikation. Die Menschen wollen oftmals nicht die Wahrheit hören, sondern etwas, mit dem sie sich gut fühlen.

ZEIT Wissen: Wir tun dem anderen also einen Gefallen, indem wir ihn belügen?

Feldman: Ja. Die meisten Leute würden zwar beteuern, dass sie selbstverständlich die Wahrheit wissen wollen. Aber im Alltag sind wir oft mit einer Lüge glücklicher. Zum Beispiel (fasst sich an die rosafarbene Krawatte) will ich gar nicht hören: »Was für eine schreckliche Krawatte!« – auch wenn mein Gegenüber das denkt. In einem Experiment haben wir den Versuchspersonen Dinge über sie selbst gesagt. Wenn es negative Aussagen waren, wollten sie das lieber nicht hören.

ZEIT Wissen: Aber die Wahrheit lässt sich doch nicht beliebig zurechtbiegen.

Robert Feldman

ist Professor für Psychologie an der University of Massachusetts in Amherst. Er beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit der Psychologie des Lügens: Als junger Assistenzprofessor suchte er in den Tonbandaufnahmen des Watergate-Skandals nach Anzeichen für Lügen – und fand keine. Furore machte er mit dem Forschungsergebnis, dass Menschen, die sich kennenlernen, in den ersten zehn Minuten durchschnittlich dreimal lügen.

Feldman: Auf Dauer nicht, das stimmt. Sonst bekommt man niemals ein treffendes Feedback über sich selbst. Wer wirklich sehen will, wo er steht, sollte die Wahrheit suchen. Nur ist die eben manchmal schmerzhaft, und so neigen wir dazu, sie zu meiden.

ZEIT Wissen: Damit wäre Immanuel Kant wohl nicht einverstanden gewesen. Seine Maxime war: Nie, nie lügen! Unter keinen Umständen.

Feldman: Ich respektiere dieses Ideal. In wichtigen Dingen sollte man wahrhaftig sein. Aber wenn es darum geht, im Alltag mit anderen Menschen auszukommen, macht man sich das Leben sehr schwer, wenn man diesem Ideal strikt folgt. Wer stets unverblümt die Wahrheit sagt, ist meist unbeliebt.

ZEIT Wissen: Sind gute Lügner erfolgreicher im Leben?

Feldman: Sozial geschickte Menschen lügen häufiger. Sie verstehen besser, was die soziale Situation erfordert. Weniger beliebte Menschen sind nicht so sensibel dafür, was ihre Gesprächspartner hören wollen, daher sind sie eher verletzend. Gute Lügner sind sympathischer.

ZEIT Wissen: Sind sie sozial erfolgreich, weil sie lügen? Oder ist ihre Fähigkeit zu lügen nur ein Nebeneffekt ihrer sozialen Geschicklichkeit?

Feldman: Vermutlich lässt sich für beides argumentieren. Ich würde jedenfalls nie sagen, man solle bewusst lügen, um sich beliebt zu machen. Aber die meisten sozial kompetenten Menschen praktizieren das Lügen unbewusst als eine wirksame Technik. Es geht in ihr natürliches Repertoire ein. So natürlich, dass sie oft gar nicht merken, dass sie lügen.

ZEIT Wissen: Kann man denn unabsichtlich lügen? Gehört nicht die Absicht zwangsläufig zur Lüge?

Feldman: Ein Mensch lügt, wenn er etwas sagt, das der Realität, wie er sie sieht, widerspricht. Mit »unabsichtlich lügen« meine ich: Wenn man darüber nachdenken würde, dann würde man es als Lüge erkennen.

ZEIT Wissen: Die Menschen denken also einfach nicht darüber nach?

Feldman: Genau das haben wir herausgefunden. In unseren Versuchen bringen wir Menschen zusammen, die sich nicht kennen, und bitten sie, sich kennenzulernen. Dabei filmen wir sie. Wenn wir sie nachher fragen, sagen sie fast immer voller Überzeugung: »Ich habe nicht gelogen.« Wenn wir dann mit ihnen die Aufzeichnung durchgehen, finden sie eine Unwahrheit nach der anderen. Sie sehen, dass sie gelogen haben, obwohl sie sich dessen nicht bewusst waren.

ZEIT Wissen: Und dann? Schämen sie sich?

Feldman: Nein. Da kommt sehr wenig Scham. Die meisten Menschen sind nur überrascht. Sie sagen: »Huch, ich habe tatsächlich gelogen.« Aber sie regen sich nicht sonderlich darüber auf.

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Kommentare

72 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

Lügner beliebter?

Ich bin nun 24 Jahre alt und als ich ungefähr 16 Jahre alt war habe ich sehr viel und geschickt gelogen...

Ich hatte damals wirklich den Eindruck, den habe ich auch heute noch manchmal, dass die Leute einen gerner haben wenn man Lügt. Das finde ich allerdings sehr paradox und auch schade, da ich mir nämlich vor einigen paar Jahren vorgenommen habe und es auch immernoch praktiziere, im Alltag kaum zu lügen. Die Wahrheit tut manchmal weh, dennoch ist mir persönlich eine unangenehme Wahrheit deutlich lieber als eine oberflächliche Lüge.

Letzten Endes kommt es darauf an über was gelogen wird...

...Bill Clinton zum Beispiel war ein Depp sich erwische zu lassen, aber der Vorfall geht mMn nur ihm, seine Frau und seine Praktikantin was an.
Und hätte er nicht gelogen, hätten es ihm die prüden Amerikaner wahrscheinlich noch übler genommen.
Sein Nachfolger mit seinen WMD in der Wüste des Iraks hat mit seiner Lüge über 100.000 Menschen auf dem Gewissen - warum die Amerikaner ihn wiedergewählt haben werde ich nie verstehen, selbst wenn ich 100 werden sollte.

Und ob es einem passt oder nicht, die Wahrheit ist nicht immer der richtige Schritt, oder wie William Blake treffend sagte:
„Eine Wahrheit, die mit böser Absicht erzählt wird, schlägt alle Lügen, die man erfinden kann.“

Auch Psychologen

leben in ihrer eigenen Welt.

1. Niemand wird gerne belogen.

2. Abeer manche WQahrheit tut halt weh.

3. Es geht also darum, WIE sie gesagt wird.

4. Ich HASSE Schmeichler und Streber und Leute, die einem Honig ums Maul schmieren.

5. Überrigens einfach mal auspürobieren: Von Lob hat man NICHTS. Damit kann man NICHTS anfangen (höchstens sich für einen kleinen Narzissmus-Orgasmus vor den Spiegel stellen).

6. ABER wenn mich einer kritisiert, lerne ich was - selbst dann noch, wenn ich die Kritik nicht annehme und gezwungen bin, gegen sie zu argumetietren (ihre Logik also erst einmal verstehen muss).

P.S.: Vorschlag für eine Umfrage: Wann haben Sie zuletzt einen psychologischen Text als intellektuell anregend empfunden unmd etwas wirklich NEUES aus ihm gelernt?

Funktion des Lobs

Wann ich zuletzt einen psychologischen Text als intellektuell anregend empfunden habe?
Heute, wenn auch nicht diesen Artikel.

"Von Lob hat man NICHTS. Damit kann man NICHTS anfangen."

Da muss ich Ihnen aus empirischer Sicht klar widersprechen. Lob erhöht den Selbstwert und die Selbstwirksamkeit, also die Zuversicht, mit der eigenen Kompetenz ein Ziel erfolgreich erreichen zu können.

Beides steigert die Leistungsfähigkeit deutlich, was empirisch sehr stabil belegt ist. Lob ist also keineswegs ohne Funktion!

Naja, wie mans nimmt:

"Lob erhöht den Selbstwert und die Selbstwirksamkeit, also die Zuversicht"

Ich hatte in meinem Leben auch schon mit Leuten zu tun, die unter vermindertem Selbstwertgefühl litten (das Schlimmste: sie werden immer mehr - ob das mit der zunehmenden Psychologisierung der Gesellschaft zusammenhängt?). Dass in SOLCHEN Fällen Lob als heilende oder didaktische Maßnahme sinnvoll sein kann, bestreite ich nicht. Habe ich auch schon angewandt. Es hat aber lange gedauert, bis ich die richtige Dosierung erlernt habe, denn manche dachten dann, sie hätten ALLES richtig gemacht und reagierten auf die dennoch nötige Kritik dann noch katastrophaler: Mit ihrem angeknacksten Selbstbewusstsein anstatt mit technischer Aufmerksamkeit.

Ehrlich gesagt: Mich persönlich ärgerts, wenn jemand Worte und Zeit verschwendet, mich zu loben, denn ich lerne tatsächlich NICHTS daraus. Kritik, besser gesagt: gut formulierte sachliche Kritik bringt mich weiter. Dass ich gut bin, weiß ich. Mich interessiert, wie ich besser werden kann.

Der Rest ist was fürs Krankenzimmer oder eine Ressourcenverschwendung, die mich dazu zwingt, mich nach ihrer Ursache zu fragen: Will jemand bösartig meine Zeit mit Unsachlichem verschwenden, will mich jemand belügen, werde ich für krank und lobes- und behandlungsbedürftig gehalten oder habe ich mit jemand zu tun, dessen Menschenbild aus Psychologiebüchern stammt und der die Welt für ein psychologisches Problem hält, das mit inhaltsleeren Aussagen traktiert werden muss?

Re: "Dass ich gut bin, weiß ich"

"Ehrlich gesagt: Mich persönlich ärgerts, wenn jemand Worte und Zeit verschwendet, mich zu loben, denn ich lerne tatsächlich NICHTS daraus. Kritik, besser gesagt: gut formulierte sachliche Kritik bringt mich weiter. Dass ich gut bin, weiß ich. Mich interessiert, wie ich besser werden kann."

Aber überlegen Sie einmal, ob Sie genau so gut geworden wären, wenn Ihnen niemals (insbesondere in jungen Jahren) jemand gesagt hätte, was Sie richtig, sondern nur, was Sie falsch gemacht haben. Aus erfolglosen Handlungen zu lernen ist doch nicht weniger wichtig als erfolgreiche zu identifizieren, um sie wiederholen zu können.
Auf der Warte, sich selbst angemessen beurteilen und durch Selbstanerkennung (wenn schon nicht durch fremde) belohnen zu können, waren Sie sicher nicht von Geburt an.

Schwierig

"Auf der Warte, sich selbst angemessen beurteilen und durch Selbstanerkennung (wenn schon nicht durch fremde) belohnen zu können, waren Sie sicher nicht von Geburt an."

Meine Lebens-, besser Kindheitsgeschichte (für mich als Rentner schon sehr lange her) ist vielleicht nicht gerade typisch - Heimkind im Nachkrieg usw., das das GLÜCK hatte, immer wieder, wenns nicht weiterging, jemand gefunden zu haben, der half.

NUR: Ich habe schon als Kind gelernt, dass es mir nichts hilft, wenn mich so ein Jugendamtsverwalter lobt, um mich noch fester in die bürokratischen Durchläufe hineinzuschwindeln - ich kenne etliche sehr intelligete Menschen, die haben sich in die erwünschte Lebensbahn des dienenden Zuarbeiters für die Lobverteiler aus der Oberschicht hineinloben lassen: Immer schön brav und die sagen Dir, was an Dir gut ist - ihrer Meinung nach.

Neeee!

Zum Glück gabs daneben ein paar Leute, die haben mir gesagt, was ich falsch mache, was ich besser machen kann, sei es im Zeichnen, sei es in den technischen Fächern, oder haben mir einfach kommentarlos Bücher hingelegt von einer Einführung in die Erkenntniskritik (8. Klasse, unvergesslich) über Vasari, Nietzsche und Gödel bis zu Rimbaud. Die haben mich GEFORDERT - (was natürlich auch eine Art, nein, nicht von Lob, aber von Anerkennung, einer sachlichen Anerkennung ohne überflüssiges Blabla ist).

Ich weiß nicht, was "richtig" ist - aber ich sehe, was den meisten fehlt. Pädopsycho-Gefühlswatte ist nicht unschuldig daran.

Wenn ich von einer Leistung begeistert bin,

Michael Neumüller,dann möchte ich das dem Urheber/der Urheberin auch sehr gern persönlich sagen. Das ist doch nur eine ganz natürliche Dankbarkeit und ein natürlicher Ausdruck von Anerkennung. Und ich kann mir nicht vorstellen, daß das eine schlechte Wirkung haben sollte. Wenn ich auf ehrlich anerkennende Weise gelobt werde,dann freue ich mich doch auch!Möchten Sie denn lieber, daß man gute Leistungen bei Ihnen garnicht bemerkt?

Eine ehrliche REAKTION

ist mir am liebsten. Das ist dann etwa ein kuruzes Aufblitzen in den Augen, ein spontanes Nicken, ein veränderter Atem - alles Dinge, die sich zum Glück nicht so einfach von Kommunikationsvortäuschungstrainern und Lehrern für die Kunst der Absonderung überflüssiger Worte einüben und vortäuschen lassen.

Wenn einer nach getaner Arbeit zu mir kommt und nicht über die Arbeit spricht, sondern mich persönlich mit wortreicher Lobhudelei anmacht, dann frage ich mich schon, was da los ist.

War ich so schlecht, dass der glaubt, ich bräuchte Trost?

Oder ist der einsam und sucht Kontaktmöglichkeiten ohne in der Lage zu sein, sich auf das einzulassen, was die Leute machen?

Ich rede gerne über das, was ich gemacht habe - aber doch nur, wenn es mindestens einen der beiden Gesprächspartner IN DER SACHE weiterbringt. Also bei beidseitigem Interesse. Alles andere gleicht einer Sahnetorte, die Dir einer ins Gesicht schleudert und es dann (vielleicht) auch noch gut meint, da Sahne angeblich so süss ist und so gut schmeckt.

Wie gesagt: Es geht mir um eine EHRLICHE, UNMITTELBARE REAKTION AUF DIE SACHE, nicht um zeitraubendes blablabla.

Positive Kritik

Es gibt auch positive Kritik, Kritik ist nicht immer schlecht. Und wenn jemand sagt "Das hat du gut gemacht", dann darf man das auch einfach mal glauben. S

ie müssen ein sehr misstrauischer Mensch sein, wenn Sie hinter netten Worten Lügen und Schleimerei vermuten. Das wiederum kann schnell dazu führen, dass Menschen in Ihrem Umfeld keine netten Worte mehr für Sie finden können, wenn Sie ihnen dann Lügen ("War ich so schlecht, dass der glaubt, ich bräuchte Trost?") unterstellen.

Wobei mir gerade auffällt... Sie könnten glatt als Anwalt durchgehen. Der vermutet auch hinter jedem "netten Wort" einen Haken. Nichts für ungut, aber manche Wahrheiten können schön sein.

Das Wort Kritik

impliziert die Unterscheidung zwischen Gelungenem und Nicht Gelungenem. Um sagen zu können, was man besser machen kann, muss das Gelungene zu Grunde gelegt werden: "Durch den Einsatz dieses Werkstoffs hast Du Effektivitätsgewinn in der Höhe x erreicht." (Weiß ich, komm also bitte zum Punkt!) "Zu überlegen wäre, ob das sich nicht noch optimieren ließe durch..."

Gegenbeispiel: "Ich möchte Ihnen sagen, wie toll ich es finde, dass Sie mir durch Ihre herausragende Leistung die Möglichkeit geben, Ihnen zu sagen, wie toll..." (Manchmal sehnt man sich nach einem Ausstellknopf.)

Übrigens bin ich kein "misstrauischer" Mensch, sondern einer, der Menschen auch wahrnimmt, wenn sie ihre Umgebung nicht mit Worten übertäuben. Ich bin empathiefähig und nicht nur auf die denk- und empfindungsabtötende Akustik angewiesen. Und dankbar für die Minimierung jeder Art von Geschwätz.

Leute, die Aufrichtigkeit nicht schätzen(können)

und lieber imer belogen werden (wollen), gehen mir so auf die Nerven, daß ich sie möglichst meide. Ich halte nämlich (zumindest das ernsthafte Bemühen um)Aufrichtigkeit für die erste und wichtigste Voraussetzung dafür, ob eine Beziehung zwischen Menschen fruchtbar ist und gut tut, oder nicht.