Rupert Sheldrake steht wieder an einem Rednerpult, und das ist nicht selbstverständlich für jemanden, der in einer ähnlichen Situation fast umgebracht wurde. Auf einer Konferenz in Santa Fe rammte ihm vor einigen Jahren ein Japaner einen Dolch in den linken Oberschenkel. Selbstverteidigung, sagte der Angreifer später vor Gericht, Sheldrake habe ihn per Telepathie zum Harakiri zwingen wollen. Er wurde zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Sheldrake beschloss, weiterhin Vorträge zu halten. Für seine Fans. Und seine Gegner.

Heute sind die Gegner dran: das Goldsmiths College der University of London, Hörsaal LG01, gut 100 Zuhörer in roten Klappsesseln, hoffentlich unbewaffnet. Sheldrake klopft auf das Mikrofon. Er sagt: »Ich werde heute darüber reden, dass es einen Widerspruch gibt zwischen den Idealen der Wissenschaft und der Art und Weise, wie Wissenschaft tatsächlich praktiziert wird.« Darüber hat er ein Buch geschrieben, das in Großbritannien auf den Bestsellerlisten steht – und für Ärger sorgt.

Sheldrake spricht leise und sanft, mit seinen hängenden Augenlidern und den zauseligen Haaren wirkt er gutmütig wie ein Bernhardiner. Aber das täuscht. Er wird in diesem Jahr 70, er ist gekommen, um abzurechnen.

Rupert Sheldrake glaubt, dass Menschen und Tiere übersinnliche Fähigkeiten besitzen. Dass alle Lebewesen und Dinge dank »morphischer Felder« weltweit miteinander in Verbindung stehen. Er behauptet, dass er dies wissenschaftlich beweisen kann. Und dass die »Mainstream-Wissenschaft« seine Erkenntnisse ignoriert, weil diese nicht in ihr materialistisches Weltbild passen.

So etwas kommt an. Soeben ist das Männermagazin Esquire mit einem Feature über Sheldrake erschienen, mit doppelseitigem Foto, mehr Platz bekommt auch Dustin Hoffman nicht. Drei Tage zuvor hat der Guardian ein Porträt über ihn online gestellt, 24 Stunden später gab es dazu 600 Kommentare. »Ich finde es traurig, dass Rupert Sheldrake mehr Aufmerksamkeit bekommt als viele ernst zu nehmende Wissenschaftler«, sagt Martin Rees, der ehemalige Präsident der Wissenschaftsakademie Royal Society.

Was hat dieser Mann bloß angestellt? Und warum finden seine wilden Thesen in der Öffentlichkeit so viel Zuspruch? Sein neues Buch The Science Delusion (»Der Wissenschaftswahn«) sei respektvoll rezensiert worden, schreibt der Observer, »vielleicht liegt da was in der Luft«. Nämlich die Versöhnung von Spiritualität und Naturwissenschaft.

Sheldrakes Theorien sind hochspekulativ. Aber eines macht er anders als die meisten Esoteriker: Er akzeptiert die wissenschaftliche Methode. Hypothesen müssen in kontrollierten Experimenten überprüft werden. Genau das tut er – mit unglaublichen Ergebnissen. So hat Sheldrake das Verhalten des Terriermischlings Jaytee in einem Vorort von Manchester dokumentiert, der offenbar immer dann zum Wohnzimmerfenster lief, wenn sein Frauchen Pamela Smart auf dem Nachhauseweg war, und zwar laut Sheldrake auch dann, wenn sie zu ungewohnten Uhrzeiten nach Hause kam und sich noch außer Hör- und Sichtweite befand. Die statistische Auswertung von rund 100 Videoaufzeichnungen des Hundes, veröffentlicht im Außenseiter-Fachblatt Journal of Scientific Exploration, soll die telepathischen Fähigkeiten des Hundes belegen.

In einer anderen Arbeit untersuchte Sheldrake die Wahrnehmung fremder Blicke mithilfe von Dutzenden Erwachsenen und Schülern, die sich jeweils zu zweit nach einer genauen Versuchsanleitung abwechselnd in den Nacken starrten. Ob jemand angesehen wurde oder nicht, entschied ein Münzwurf. Anschließend musste die Versuchsperson angeben, ob sie die Blicke des anderen gespürt hatte. Ergebnis: Wer angestarrt wurde, konnte dies mit 58-prozentiger Wahrscheinlichkeit korrekt angeben. Rein statistisch wären 50 Prozent zu erwarten gewesen.

Noch deutlicher fielen die Ergebnisse zur Telefon-Telepathie aus. In einem Experiment sollten vier Versuchspersonen vorhersagen, von wem sie angerufen werden. Dafür mussten sie vor Beginn des Versuchs jeweils vier Kontaktpersonen nennen, die dann vom Versuchsleiter in einer zufälligen Abfolge angewiesen wurden, die Testperson anzurufen. Diese sollte, bevor sie den Anruf annahm, mutmaßen, welcher der vier Freunde tatsächlich am anderen Ende der Leitung war. Statistisch müsste die Testperson eine Trefferquote von 25 Prozent erzielen. Sheldrake publizierte eine Arbeit, in der die vier Probanden bei insgesamt 271 Anrufen in durchschnittlich 45 Prozent der Fälle richtig lagen.

Sheldrakes Versuchsergebnisse widersprechen so ziemlich allem, was Naturwissenschaftler heute über die Welt wissen. Ist der Mann womöglich nur ein Fälscher? »Wer das behauptet, macht es sich zu einfach«, sagt Christopher French, Professor für anomale Psychologie am Goldsmiths College. »Aber in solche Experimente können sich viele Fehler einschleichen.« Viele der Anstarr-Experimente wurden von Lehrern nach Sheldrakes Anleitung beaufsichtigt. Waren diese wirklich so neutral, wie sie sein sollten? Die Telefon-Telepathie haben zwei von Frenchs Studenten unter ähnlichen Bedingungen wiederholt. Sie konnten Sheldrakes Resultate nicht reproduzieren. Und der Hund Jaytee rennt im Laufe des Tages immer wieder mal zum Fenster. In welchem Fall soll man dies als Zeichen dafür nehmen, dass der Hund tatsächlich sein Frauchen erwartet? Die Videoaufnahmen lassen Spielraum für unterschiedliche Interpretationen.

 Es ist ein Kulturkampf, Wissenschaft gegen Esoterik

Christopher French lauert während des Vortrags vorne im Hörsaal, er hat Sheldrake eingeladen. French ist Großbritanniens oberster Geisterjäger und überzeugt davon, dass der Glaube an übersinnliche und telepathische Kräfte auf Selbsttäuschung beruht und psychologisch erklärt werden kann. Viele Jahre lang hat er die Zeitschrift The Skeptic herausgegeben, Journalisten befragen ihn gern als Stimme der Vernunft. An diesem Dienstagmorgen hat er im Frühstücksfernsehen des Privatsenders ITV über die Einbildung von Poltergeistern geredet, am Donnerstag soll er vor den Kameras mit einem Ufo-gläubigen Exmodel diskutieren. Bei ITV läuft gerade die »Paranormale Woche«.

In Großbritannien tobt ein Kulturkampf, French und Sheldrake gehören zu den Protagonisten. Auf Rupert Sheldrakes Seite stehen Alternativmediziner, Esoteriker, Hobbyforscher, Tierfreunde, Gefühlsmenschen. »Rupie-Groupies« nennt sie Christopher French. Auf Frenchs Seite stehen Anhänger der evidenzbasierten Medizin, Naturwissenschaftler, Atheisten wie Richard Dawkins (Der Gotteswahn), Vernunftmenschen. Sie selbst nennen sich Skeptiker. Sheldrake nennt sie ignorante, ideologisch verbohrte, dogmatische Materialisten.

Gut möglich, dass auch hierzulande der Streit bald losgeht. Im Mai werden die Skeptiker ihren World Skeptics Congress in Berlin veranstalten, Christopher French kommt als einer der Hauptredner. Im Herbst erscheint Rupert Sheldrakes neues Buch auf Deutsch. In Deutschland hat Sheldrake zahlreiche Fans, hierzulande verkaufen sich seine Bücher noch besser als in Großbritannien. Was suchen die Menschen bei ihm? 80 Prozent glauben an paranormale Phänomene, behauptet Sheldrake. Bei ihm finden sie Gehör.

Eine Stunde lang hat er inzwischen geredet, am Ende gibt es toleranten Applaus. Grob gesagt, wirft Sheldrake der Wissenschaft vor, dass sie die Natur als Maschine betrachte, die man in Einzelteile zerlegen muss, um sie zu verstehen; dass Wissenschaftler das Leben auf Atome reduzierten, die Liebe auf Hormone, den freien Willen auf Synapsen. Die Wissenschaft sei in die Falle des Materialismus getappt und von Biochemikern, Hirnforschern und Physikern gekapert worden. Die Analyse ist nicht ganz falsch, und der Vorwurf nicht ganz neu. Aber ist Sheldrakes Gegenentwurf deshalb die bessere Alternative? Er selbst betrachtet die Welt als beseelten Organismus, ähnlich wie vor 100 Jahren die Vitalisten, seine Vorbilder, die in der Natur nach einem Prinzip des Lebendigen suchten. Seine Experimente sollen Hinweise auf dieses Prinzip liefern. Nur: »Wenn die Effekte wirklich so dramatisch sind, müssten wir längst viel mehr Studien dazu haben«, sagt French.

Nach dem Vortrag treffen sich French und Sheldrake mit ein paar Studenten und einigen Rupie-Groupies im Pub. Sie sind zwar Widersacher, aber sie gehen respektvoll miteinander um. Sie plaudern über ihren Prominentenstatus. Sheldrake erzählt, dass er in den Niederlanden auf der Straße erkannt wird. Er wurde dort mal in einer Fernsehserie mit sechs prominenten Wissenschaftlern porträtiert, darunter der Neurologe Oliver Sacks, der Physiker Freeman Dyson und der Philosoph Daniel Dennett. Christopher French berichtet, was in der Paranormalen Woche bei ITV so läuft.

Sheldrake sieht nicht viel fern. Deshalb, sagt er, habe er auch den Dolch damals aus dem Bein gezogen, woraufhin er zu verbluten drohte. Wer regelmäßig Actionfilme konsumiere, der wisse, dass man Messer im Körper besser stecken lässt, bis der Arzt kommt. Als Abdichtung.

Dann nimmt Sheldrake seinen Mantel und macht sich auf den Weg. Es ist fast elf Uhr abends, als er an der Station Hampstead Heath aussteigt und geradewegs über den Zebrastreifen geht. Ein Auto kommt ziemlich abrupt zum Stehen. Telepathie? Oder hat der Fahrer einfach nur schnell reagiert?

Wissenschaftsjournalisten seien noch schlimmer als Wissenschaftler, weil sie ihre Leser zu Materialisten missionieren wollten, hat Rupert Sheldrake einmal in einem Interview gesagt. Am nächsten Morgen öffnet er trotzdem die Tür und bietet einen schwarzen Tee an.

Sheldrake wohnt in einem schmalen Stadthaus aus verwittertem Backstein mit Blick auf den Park. Er lebt hier mit seiner Frau, einer Lehrerin für spirituellen Obertongesang, die beiden Söhne studieren. In der kleinen Bibliothek im ersten Stock brennt ein Kaminfeuer. Es entpuppt sich schnell als Illusion, es wird mit Erdgas betrieben. Sheldrake nimmt in seinem Schaukelstuhl Platz und erzählt, dass er die Telefon-Telepathie nun mithilfe von Smartphones in einem Massenexperiment zweifelsfrei nachweisen will. Er habe auch schon mit App-Entwicklern gesprochen. Sobald die technischen Probleme gelöst seien, könne es losgehen.

Warum ist er so fest von einem siebten Sinn überzeugt? Und vertraut er der Wissenschaft nicht mehr? »Ich will die Wissenschaft nicht abschaffen«, sagt Sheldrake, »aber ich will mehr Pluralität.« Und das hängt auch mit den Tauben zusammen.

 Als Student war Sheldrake noch Atheist

Als er fünf Jahre alt war, zeigte ihm sein Vater die Brieftauben von Newark-on-Trent. Jeden Samstag im Frühling und Sommer kamen Hunderte Tauben in Körben am Bahnhof an, verschickt von Brieftaubenzüchtern im ganzen Land. Die Körbe wurden gestapelt und auf ein Signal hin geöffnet. Die Tauben kehrten dann über Hunderte Kilometer zurück in ihre Heimatdörfer. Der kleine Sheldrake war so fasziniert von diesem Schauspiel, dass er Woche für Woche wiederkam. Bald durfte er dabei helfen, die unteren Käfige zu öffnen. Es hatte etwas Magisches.

Wie fanden die Tauben bloß ihren Weg nach Hause? Die Züchter wussten es nicht. Aber die Wissenschaftler, die er Jahre später an der Universität fragte, gaben vor, das Rätsel gelöst zu haben. Tauben orientierten sich an der Sonne, hieß es erst. Am Geruch, hieß es später. Am Magnetfeld der Erde, sagten andere. Sheldrake befriedigten diese Antworten nicht. Er würde bald eine eigene Theorie dazu entwickeln.

Mit zwölf wollte der kleine Rupert Biologe werden. Nach der Schule bekam er ein Stipendium für die Universität Cambridge. Es hätte der Beginn einer großen Forscherkarriere sein können.

Sein Mitbewohner am College war Timothy Hunt. Terrible twins, furchtbare Zwillinge, wurden die beiden Studenten genannt, im Labor hörten sie laut klassische Musik, während sie das Wachstum von Pflanzenzellen erforschten. Das war Mitte der sechziger Jahre, goldene Zeiten für Biochemiker. Tim Hunt bekam später für die Erforschung des Zellzyklus den Medizinnobelpreis. Sheldrake wählte einen anderen Weg.

»Rupert war einer der klügsten Leute, die ich kannte«, sagt Tim Hunt über seinen damaligen Mitbewohner, »und er war ein großartiger Lehrer. Unsere Wege trennten sich, als ich in die USA ging und er nach Malaysia und später nach Indien, wo er an Feldpflanzen forschte.« Er sei damals schon gut darin gewesen, in Parallelwelten zu leben.

Sheldrake war religiös erzogen worden und liebte Kirchenmusik, aber während des Studiums gab er sich als überzeugter Atheist. In Cambridge zog er mit Tim Hunt durch die Kneipen, doch in seinem Heimatort Newark-on-Trent machte er einen großen Bogen um die Pubs. »Der große Bruch«, sagt Hunt, »kam wohl, als Rupert für ein Jahr einen christlichen Aschram in Indien besuchte. Dann schaltete er zurück auf eine semimystische Weltanschauung, die ich nie teilen konnte.«

Fortan versuchte Sheldrake, Spiritualität und Wissenschaft miteinander zu verbinden. Er sagt, dass »die Evolution des Kosmos einen Zweck oder ein Ziel haben könnte, und der Kosmos ein Bewusstsein«. Tim Hunt sagt, dass wir »in einem chaotischen, feindlichen Universum leben und bescheidene Versuche machen können, dieses durch Beobachtung und Experimente zu verstehen«. Es sieht nicht so aus, als könnten die beiden je wieder einer wissenschaftlichen Meinung sein.

In der niederländischen Fernsehserie mit den sechs Promi-Wissenschaftlern mussten die Männer zum Abschluss stundenlang im Studio sitzen und mit Kameras im Rücken diskutieren wie in einem Big Brother-Container. Woher kommen wir, wohin gehen wir, was ist das Bewusstsein – solche Sachen. Rupert Sheldrake erzählte von den Tauben. Er vertritt inzwischen die These, dass Brieftauben dank der morphischen Felder wie durch ein Gummiband mit ihrer Voliere verbunden sind. Und er erklärte seine Idee für ein Schlüsselexperiment: Statt die Tauben wie gewohnt an einem anderen Ort auszusetzen, solle man doch ihr Zuhause, also die Voliere, an einen anderen Ort bringen, am besten mit einem Schiff auf See. Würden die Tauben dann immer noch zur Voliere finden, wäre dies zumindest der Beleg, dass all die Theorien über Magnetfelder, Geruch und Sonnenkompass nicht stimmen können.

Nach der Sendung meldete sich ein bekannter Dokumentarfilmer, der das Experiment mit Sheldrake organisieren wollte. Sie liehen sich Brieftauben von der Schweizer Armee, trainiert auf mobile Volieren. Sie überzeugten die niederländische Marine, die Tauben auf einem Kriegsschiff mitzunehmen und während einer Fahrt in die Karibik etwas Zeit für das Experiment zu opfern. Sie erhielten die Erlaubnis der Nato, Schweizer Tauben auf einem Nato-Schiff mitzuführen. Sie fanden einen pensionierten Seemann, der sich während der Fahrt um die Tauben kümmern würde. Das Futter bezahlte Sheldrake.

Die ersten Flüge waren vielversprechend. Die Tauben wurden mit einem zweiten Schiff ausgesetzt und fanden über 30 Meilen zurück in den Stall auf dem Mutterschiff. Das finale Experiment stand bevor: Das zweite Schiff sollte sich über den sichtbaren Horizont hinaus entfernen, um auszuschließen, dass die Tauben einfach in die Höhe steigen und auf Sicht fliegen. Aber dann, so erzählt es Sheldrake, kam der Auftrag dazwischen, noch einen französischen Torpedo zu testen. Das Schlüsselexperiment musste ausfallen.

Ärgerlich, dass im entscheidenden Moment oft etwas schiefgeht. Als Sheldrake klein war, hatte er auch Brieftauben. Die Katze hat sie gefressen.