Rupert SheldrakeDer mit dem siebten Sinn
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 Als Student war Sheldrake noch Atheist

Als er fünf Jahre alt war, zeigte ihm sein Vater die Brieftauben von Newark-on-Trent. Jeden Samstag im Frühling und Sommer kamen Hunderte Tauben in Körben am Bahnhof an, verschickt von Brieftaubenzüchtern im ganzen Land. Die Körbe wurden gestapelt und auf ein Signal hin geöffnet. Die Tauben kehrten dann über Hunderte Kilometer zurück in ihre Heimatdörfer. Der kleine Sheldrake war so fasziniert von diesem Schauspiel, dass er Woche für Woche wiederkam. Bald durfte er dabei helfen, die unteren Käfige zu öffnen. Es hatte etwas Magisches.

Wie fanden die Tauben bloß ihren Weg nach Hause? Die Züchter wussten es nicht. Aber die Wissenschaftler, die er Jahre später an der Universität fragte, gaben vor, das Rätsel gelöst zu haben. Tauben orientierten sich an der Sonne, hieß es erst. Am Geruch, hieß es später. Am Magnetfeld der Erde, sagten andere. Sheldrake befriedigten diese Antworten nicht. Er würde bald eine eigene Theorie dazu entwickeln.

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Mit zwölf wollte der kleine Rupert Biologe werden. Nach der Schule bekam er ein Stipendium für die Universität Cambridge. Es hätte der Beginn einer großen Forscherkarriere sein können.

Sein Mitbewohner am College war Timothy Hunt. Terrible twins, furchtbare Zwillinge, wurden die beiden Studenten genannt, im Labor hörten sie laut klassische Musik, während sie das Wachstum von Pflanzenzellen erforschten. Das war Mitte der sechziger Jahre, goldene Zeiten für Biochemiker. Tim Hunt bekam später für die Erforschung des Zellzyklus den Medizinnobelpreis. Sheldrake wählte einen anderen Weg.

»Rupert war einer der klügsten Leute, die ich kannte«, sagt Tim Hunt über seinen damaligen Mitbewohner, »und er war ein großartiger Lehrer. Unsere Wege trennten sich, als ich in die USA ging und er nach Malaysia und später nach Indien, wo er an Feldpflanzen forschte.« Er sei damals schon gut darin gewesen, in Parallelwelten zu leben.

Sheldrake war religiös erzogen worden und liebte Kirchenmusik, aber während des Studiums gab er sich als überzeugter Atheist. In Cambridge zog er mit Tim Hunt durch die Kneipen, doch in seinem Heimatort Newark-on-Trent machte er einen großen Bogen um die Pubs. »Der große Bruch«, sagt Hunt, »kam wohl, als Rupert für ein Jahr einen christlichen Aschram in Indien besuchte. Dann schaltete er zurück auf eine semimystische Weltanschauung, die ich nie teilen konnte.«

Fortan versuchte Sheldrake, Spiritualität und Wissenschaft miteinander zu verbinden. Er sagt, dass »die Evolution des Kosmos einen Zweck oder ein Ziel haben könnte, und der Kosmos ein Bewusstsein«. Tim Hunt sagt, dass wir »in einem chaotischen, feindlichen Universum leben und bescheidene Versuche machen können, dieses durch Beobachtung und Experimente zu verstehen«. Es sieht nicht so aus, als könnten die beiden je wieder einer wissenschaftlichen Meinung sein.

In der niederländischen Fernsehserie mit den sechs Promi-Wissenschaftlern mussten die Männer zum Abschluss stundenlang im Studio sitzen und mit Kameras im Rücken diskutieren wie in einem Big Brother-Container. Woher kommen wir, wohin gehen wir, was ist das Bewusstsein – solche Sachen. Rupert Sheldrake erzählte von den Tauben. Er vertritt inzwischen die These, dass Brieftauben dank der morphischen Felder wie durch ein Gummiband mit ihrer Voliere verbunden sind. Und er erklärte seine Idee für ein Schlüsselexperiment: Statt die Tauben wie gewohnt an einem anderen Ort auszusetzen, solle man doch ihr Zuhause, also die Voliere, an einen anderen Ort bringen, am besten mit einem Schiff auf See. Würden die Tauben dann immer noch zur Voliere finden, wäre dies zumindest der Beleg, dass all die Theorien über Magnetfelder, Geruch und Sonnenkompass nicht stimmen können.

Nach der Sendung meldete sich ein bekannter Dokumentarfilmer, der das Experiment mit Sheldrake organisieren wollte. Sie liehen sich Brieftauben von der Schweizer Armee, trainiert auf mobile Volieren. Sie überzeugten die niederländische Marine, die Tauben auf einem Kriegsschiff mitzunehmen und während einer Fahrt in die Karibik etwas Zeit für das Experiment zu opfern. Sie erhielten die Erlaubnis der Nato, Schweizer Tauben auf einem Nato-Schiff mitzuführen. Sie fanden einen pensionierten Seemann, der sich während der Fahrt um die Tauben kümmern würde. Das Futter bezahlte Sheldrake.

Die ersten Flüge waren vielversprechend. Die Tauben wurden mit einem zweiten Schiff ausgesetzt und fanden über 30 Meilen zurück in den Stall auf dem Mutterschiff. Das finale Experiment stand bevor: Das zweite Schiff sollte sich über den sichtbaren Horizont hinaus entfernen, um auszuschließen, dass die Tauben einfach in die Höhe steigen und auf Sicht fliegen. Aber dann, so erzählt es Sheldrake, kam der Auftrag dazwischen, noch einen französischen Torpedo zu testen. Das Schlüsselexperiment musste ausfallen.

Ärgerlich, dass im entscheidenden Moment oft etwas schiefgeht. Als Sheldrake klein war, hatte er auch Brieftauben. Die Katze hat sie gefressen.

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Leserkommentare
  1. Mal eine Frage am Rande: welche Eigenschaften hat die Zielgruppe von Herrn Sheldrake?

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    Zitat: "... und zwar laut Sheldrake auch dann, wenn sie zu ungewohnten Uhrzeiten nach Hause kam und sich noch außer Hör- und Sichtweite befand"
    Und in Riechweite?
    .
    Zitat: "Wer angestarrt wurde, konnte dies mit 58-prozentiger Wahrscheinlichkeit korrekt angeben. Rein statistisch wären 50 Prozent zu erwarten gewesen."
    Ob diese Behauptung stimmt? Machen Sie selber den Versuch! Werfen Sie eine Münze 20 mal. Rein statistisch zeigt sie in 50% der Fälle "Kopf", also in 10 Fällen. Aber bei Ihnen? Was ist, wenn Ihre Münze 11 mal "Kopf" zeigt? Haben Sie dann bewiesen, dass es Telepathie gibt?
    .
    Skepsis ist keine Borniertheit. Sie ist den Menschen angeboren. So wird verhindert, dass sie sich aus dem Fenster stürzen, weil sie annehmen, dass sie fliegen können.
    .
    Meine provokante These: Niemand weiß, ob es paranormale Phänomene gibt. Aber die daran glaubten, haben es nicht überlebt!

  2. Ich habe den Artikel nicht gelesen, sondern nur die Überschrift, aber 2 Fragen die mich lange beschäftigt haben:

    1) Wozu sind die angeblich nie genutzten 90% unseres Gehirns eigentlich da ?

    2) Was würde passieren, wenn man - mit dem selben jahrelangem Aufwand - bei Babys versuchen würde, ihre telepathischen Fähigkeiten anstatt ihre Sprache zu trainieren/fördern/entwickeln ?

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    zu 1)
    http://neurowissenschafte...

    zu 2)
    Nichts!

    • maja m
    • 26. April 2012 13:40 Uhr

    abes es gibt menschen, bei denen sind die nie genutzten neunzig prozent ihres gehirns tatsächlich für nichts da...

    genau, ein beliebtes Thema, um den armen Menschen vorzugaukeln, ihr ödes Leben wäre doch zuwas nutze, wenn sie es verstünden, diese 90% zu nutzen. Das dabei mit der Hand nur in die Taschen der armen Menschen gegriffen wird, merken diese dank 10% Hirnleitstung erst spät. (Oder nie)

    Ein Planet voller "Supermenschen" mit allerlei obskursen X-Men Fähigkeiten hätte diesen Planeten schon viel eher kaputt bekommen oder glauben Sie, man wird durch "mystische Fähigkeiten" automatisch zum Gutmenschen??

    die 90% ihres Gehirns nicht nutzen :o)

    ... bitte nicht ausprobieren, die armen Kinder würden sterben ...

  3. Antwort auf "Trainingssache ?"
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    Die Kinder werden schlechter sprechen können ;-)

  4. Wir trainieren ihn nur nicht. Daher erscheinen "erstaunliche" Ergebnisse oft "zufällig" zu sein. Sind sie aber nach meiner Überzeugung nicht.
    Was würde passieren,wenn Sheldrakes Thesen sich durchsetzten?
    Vieles von dem überteuerten Zeugs, das "wissenschaftlich" belegt ist, bräuchten wir nicht mehr, einige KOnzerne würden sehr viel Geld verlieren. Daher darf das nicht sein, daher wird Sheldrake bekämpft.

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    • Pjotr_
    • 26. April 2012 13:54 Uhr

    Der Japaner, der Sheldrake den Dolch ins Bein rammte, kam wahrscheinlich direkt aus dem Telekommunikationsbereich von Sony!

    • maja m
    • 26. April 2012 13:40 Uhr

    abes es gibt menschen, bei denen sind die nie genutzten neunzig prozent ihres gehirns tatsächlich für nichts da...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Trainingssache ?"
  5. Die Kinder werden schlechter sprechen können ;-)

    Antwort auf "Ja genau, "angeblich""
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    Can't argue with that!

  6. ...bis dahin bleibe ich aber bei den Skeptikern was Telepatie angeht.
    Sicher, ich und mein Kater, wir verstehen uns ganz ohne Worte, aber besitmmt nicht telepatisch sondern weil wir die Körpersprache und Laute des anderen interpretieren gelernt haben.

    Es sei denn mein Kater hat mir diese Idee telepatisch in den Kopf gesetzt, was ich ihm durchaus zutraue :-)

    Eine Leserempfehlung
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    und die hasst es zu reisen. Wenn ich aus dem Haus gehe und mir Schuhe und Jacke anziehe, dann schaut sie zu. Ich kann ihr zum Abschied sogar winken. Aber wenn sie mal zu Verwandten mitkommen soll, dann verkriecht sie sich schon Stunden vorher unter das Bett und es ist ein Kampf sie da rauszuholen.
    Das ist keine einmalige Beobachtung, sondern jedes Mal so. Ich bin prinzipiell auch sehr skeptisch eingestellt. Aber die Katze weiß häufig Dinge, die sie eigentlich unmöglich wissen kann. Mag sein, dass es dafür eine simple Erklärung gibt. Aber für mich ist es momentan noch ein Rätsel.

  7. genau, ein beliebtes Thema, um den armen Menschen vorzugaukeln, ihr ödes Leben wäre doch zuwas nutze, wenn sie es verstünden, diese 90% zu nutzen. Das dabei mit der Hand nur in die Taschen der armen Menschen gegriffen wird, merken diese dank 10% Hirnleitstung erst spät. (Oder nie)

    Ein Planet voller "Supermenschen" mit allerlei obskursen X-Men Fähigkeiten hätte diesen Planeten schon viel eher kaputt bekommen oder glauben Sie, man wird durch "mystische Fähigkeiten" automatisch zum Gutmenschen??

    Antwort auf "Trainingssache ?"

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