Konsumverhalten : Die tägliche Verführung

Mit raffinierten Tricks verleiten uns Werbung und Verkäufer zum Konsum. Und nur allzu gern lassen wir uns verführen, denn Kaufen verspricht Glück und Anerkennung. Wie können wir widerstehen?

Niemand schöpfte Verdacht. Nicht die Freundinnen, denen Gina Morgenson den prickelnden Schaumwein aus Australien einschenkte und die Bodylotion einer Naturproduktserie ans Herz legte. Nicht die Nachbarn, denen Eric Morgenson beim Barbecue seinen neuen Grill präsentierte. Nicht die Mitschüler, denen die Söhne ihre coolen Rucksäcke und Snowboards vorführten. Vertrauensvoll wie Lämmer folgten Nachbarn und Freunde den Morgensons – und kauften und kauften, was immer diese sympathische, gut situierte Familie ihnen anpries. Sie ahnten nicht, dass sie Teil eines verblüffenden Experiments waren und wie Marionetten dem Willen eines einzigen Mannes folgten.

Martin Lindstrom ist ein zierlicher, jungenhaft wirkender Mann, man sieht ihm nicht an, welche Macht er hat. Doch Lindstrom gilt als Marketing-Guru. Er berät Firmen, die ihre Produkte erfolgreicher vermarkten wollen. Er weiß, wie man Menschen verführt. Und er sorgte dafür, dass die Einwohner von Laguna Beach in Kalifornien im Sommer 2010 plötzlich ganz verrückt nach bestimmten Markenprodukten waren. Inspiriert von dem Hollywoodfilm The Joneses – Verraten und verkauft, in dem vier als Familie getarnte Marketingagenten ihren Nachbarn neue Produkte unterjubeln, wollte Lindstrom herausfinden, welchen Einfluss Freunde und Bekannte auf Kaufentscheidungen haben.

Er stellte den Film mit einer echten Familie nach, den Morgensons. Eine eigens engagierte Castingagentin hatte sie nach monatelanger Suche gefunden. Die Morgensons waren sozial gut vernetzt, erfolgreich und sahen gut aus – sie verkörperten den Amerikanischen Traum. Lindstrom ließ 35 Kameras und 25 Mikrofone in ihrem Haus verstecken, um vier Wochen lang zu beobachten, wie sie ihren Freunden und Nachbarn bei jeder Gelegenheit die ausgewählten Seifen, Weine oder Schuhe aufzuschwatzen versuchten. Das Ergebnis übertraf Lindstroms kühnste Erwartungen: Jeder der Freunde kaufte später im Schnitt drei der gelobten Produkte.

Das Experiment ist nur ein weiterer Beleg dafür, wie erschreckend beeinflussbar wir als Konsumenten sind. Was du kaufst, bestimmen die anderen lautet daher der Untertitel von Lindstroms neuem Buch Brandwashed. Tagtäglich werden wir systematisch von Marketingexperten und Werbegenies manipuliert. Mit immer raffinierteren Methoden versuchen sie, die geheimsten Wünsche und Gefühle der Menschen zu ergründen und ihre Konsumgewohnheiten auszuspionieren – um sie dann zum Kauf immer neuer Produkte zu verführen.

Und nur allzu bereitwillig gehen wir auf ihre Manipulationen ein, geben den Versuchungen nach. Denn Kaufen verspricht Glück – weckt doch jedes neue Produkt die Hoffnung, das Leben noch ein klein wenig besser zu machen. Die Tricks der Marketingstrategen und Verkäufer treffen heute mehr denn je auf eine verunsicherte Gesellschaft, die nach Halt und Bestätigung sucht, oft auch nur nach Beschäftigung. Kaufen ist ein Hobby geworden, ein Mittel zur Stimmungsregulation und Selbstoptimierung, manche sagen sogar: eine neue Weltreligion.

Doch das Glück in Tüten ist trügerisch. Wen hat nicht schon einmal nach dem Rausch das schlechte Gewissen beschlichen (Dispokredit! Klimawandel! Welthunger!) und das schale Gefühl, dass immer mehr nie genug ist – wohl aber Geld, Zeit und Energie kostet. Dabei gibt es Alternativen. Wissenschaftler beginnen zu verstehen, wie man Menschen dazu bringt, nachhaltiger zu konsumieren. Und erste Projekte zeigen, wie eine neue Konsumgesellschaft entstehen kann.

Die große Verführung

Wie gern wären die Vermarkter neuer Produkte uns so nah wie ein Nachbar oder Freund. Sie wüssten genau, wovon wir träumen, was uns Angst oder Freude macht. Wie Werbung für ein Shampoo oder Auto sein muss, damit wir diese Dinge haben wollen. In der Realität kommen sie ihrem Wunsch schon recht nahe: Sie sind zwar nicht unsere Freunde, aber sie kennen trotzdem unsere Wünsche.

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Kommentare

34 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

So nun mal zum Märchen "Kaufen und Glück"

http://www.youtube.com/wa...

Achtung Beitrag kann glücklich machen und verändert unwiderruflich ihr Leben! Anschauen auf eigene Gefahr!

Kurzzusammenfassung: Wenn ich ihnen 1 € verspreche, ist dies für sie unerwartet und positiv und sie empfinden diesen Moment als glücklich. Haben sie dann diesen 1€ in der Hand erlischt schlagartig dieses Gefühl, da sie es ja nach der Ankündigung schon erwartet haben.
Das wiederum bedeutet, das wenn sie einkaufen gehen, durch den Kauf, der sowohl bewusst wie erwartet ist, nicht glücklich werden können. Ausser sie finden während des Kaufprozesses etwas Unerwartetes, was sie aber durch den Kauf dann nicht mehr glücklich macht.
Ergo: Kaufen macht nicht glücklich. Somit verliert jede Werbung die mit derlei Versprechen lockt ihre Wirkung.
Anerkennung basiert auf gleichen Mechanismus des Vergleichens und damit der Dopaminausschüttung.

Neues Wirtschaftssystem

Ich finde ja schon immer, dass wir mehr tauschen, improvisieren, basteln oder auf langlebige Güter sparen sollten und verhalte mich selbst auch so. Aber: wenn sich viele so verhalten würden wie ich, wäre Deutschland in spätestens einem Jahr pleite. Wir benötigen also dringend ein neues Wirtschaftssystem, in dem es keinen Zwang zum Mehr- Konsumieren mehr gibt. Ohne ein derartiges Wirtschaftssystem kann man noch so viele Appelle an die Konsumenten richten: wenn Konsumenten in größerer Zahl als bisher sich vernünftig verhalten, kollabiert das System zwangsläufig: weniger Nachfrage, daher mehr Arbeitslosigkeit, dadurch noch weniger Nachfrage etc. Also benötigten wir, noch bevor wir vernünftig werden könnten,ein System, in dem Vernunft zugleich ökonomisch nachhaltig wäre. Wer sich ein wirklich funktionierendes Wirtschaftssystem ausdenkt, das auf Vernunft, Nachhaltigkeit im Sinne von Ökonomie und Nachhaltigkeit im Sinne von Ökologie beruht, hat 10 Nobelpreise verdient. Das wird jedoch nicht passieren, da ein Wirtschaftssystem immer auch ein Spiegel der Befindlichkeiten einer Gesellschaft und ihrer Individuen ist. Es ginge womöglich dann, wenn niemand mehr bereit ist, für andere billig die Drecksarbeit zu machen und jeder seinen gerechten Anteil an dem Erwirtschaften einfordert. Das aber ist eine Frage des wirklichen Erwachsen Werdens.