Wer sich um eine Milliarde Euro Forschungsgeld bemüht, darf mit großen Worten nicht geizen. Einen »Wissensbeschleuniger« und »Flugsimulator für Politik und Wirtschaft« möchte Dirk Helbing von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich entwickeln. Er will eine »große vereinheitlichte Theorie« für die »dringendste wissenschaftliche Herausforderung unseres Jahrhunderts« finden und die menschliche Gesellschaft auf dem Computer simulieren. Noch Fragen?

FuturICT heißt das Projekt, mit dem sich Wissenschaftler unter Helbings Führung um Fördergelder aus der europäischen Flaggschiff-Initiative bewerben. Jeweils eine Milliarde Euro, verteilt über zehn Jahre, spendiert die EU für die besten Forschungsideen. Im Rennen sind noch sechs Vorhaben, bis zu drei werden schließlich gefördert. Im Sommer will die EU die Sieger küren.

»Wir geben Milliarden für Großforschungsprojekte in der Biologie, der Teilchenphysik oder der Raumfahrt aus«, sagt Dirk Helbing. »Sozialforschung und die Ökonomie haben wir dabei aber vergessen.« Er selbst hat Theoretische Physik studiert und als Verkehrsforscher in Dresden gelehrt, heute ist er Professor für Soziologie an der ETH Zürich. »Statt den Blick immer nur ins Weltall zu richten, sollten wir die Aufmerksamkeit auf die Erde lenken und die hiesigen Probleme besser verstehen.«

Im FuturICT-Projekt wollen die Forscher zunächst ein »planetares Nervensystem« aufbauen, das heißt zum Beispiel Waren- und Finanzströme verfolgen, Klima- und Bevölkerungsdaten auswerten, Informationen aus Sozialen Netzwerken sammeln. Automatisch, anonym, zeitnah, manche sprechen von »Reality Mining«.

»Verglichen mit der Physik, war es in der Sozialforschung immer extrem schwer, große Datenmengen zu bekommen«, sagt Helbing. »Diese Hürde ist nun überwunden.« Jedes Smartphone übermittelt ständig seine Position. Jede Nachricht, die ein Handybesitzer auf Plattformen wie Twitter veröffentlicht, kann nachverfolgt werden. So entsteht ein Pulsschlag der Gesellschaft – zumindest jenes Teils, der aktiv im Netz unterwegs ist.

Ein globales Netzwerk von Supercomputern soll diesen Puls analysieren. Algorithmen lesen daran Trends ab und machen eine Art Wettervorhersage für die soziale Welt. »Es gibt heute schon Modelle für die Ausbreitung von Kooperation oder Konflikten, und es gibt Modelle für Revolutionen«, sagt Helbing. »Jetzt geht es darum, diese zu verbinden und auf eine globale Perspektive auszurichten.«

Das Ziel ist ein Erdsimulator, der Politikern etwa Auskunft darüber geben kann, ob ein Schuldenschnitt oder ein Austritt aus der Euro-Zone die bessere Lösung für Griechenland gewesen wäre. »Wir wollen keinen allwissenden Computer, sondern ein Instrument, mit dem wir komplexe Problemlagen aus verschiedenen Perspektiven analysieren und Alternativen durchspielen können.«

Helbing hat Erfahrung mit Simulationen. Bekannt wurde er mit seinen Analysen von Staus, Massenpaniken und Fußgängerströmen. In Zusammenarbeit mit Verkehrsplanern und Behörden hat er die Sicherheit der Pilgerrituale in Mekka erhöht. Außerdem hält er ein Patent auf eine dynamische Ampelsteuerung, die sich selbstständig an den tatsächlichen Verkehrsfluss anpasst. Dieses Prinzip der Selbstorganisation könne man »auf die Logistik, die Produktion und letztlich auch auf das Management komplexer Systeme übertragen«, sagt er.