Vor zehn Jahren lebte Bruna Cavalcanti vom Abfall anderer Leute. Sie und ihre Großmutter sammelten Aludosen auf der Straße ein, durchwühlten Müllsäcke nach Pappe oder Shampooflaschen und luden alles auf ihren Karren. Eine schwere Arbeit bei 35 Grad Hitze oder tropischem Sturzregen. Ihre Beute verkauften sie an Zwischenhändler, die oft den Preis drückten. Es reichte knapp zum Leben. Manche Müllsammler schliefen damals neben ihren Schätzen auf der Straße, um sie vor Dieben zu schützen.

Bruna Cavalcanti lebt immer noch von anderer Leute Abfall. Trotzdem ist jetzt fast alles anders. Sie hat sich der Müllsammler-Kooperative Cora angeschlossen, arbeitet unter dem schützenden Dach einer Werkhalle und verdient ungefähr den Mindestlohn. »Manche unserer Mitglieder konnten sogar ein Häuschen bauen«, sagt Cavalcanti. Ihre Kooperative ist zuständig für das Recycling in Arujà, nahe der brasilianischen Metropole São Paulo. Müllsammler haben sie vor acht Jahren gegründet und sich in zähem Ringen die Zusammenarbeit mit den Behörden erstritten. »Ohne uns würde der gesamte Abfall der Stadt auf der Deponie landen«, sagt Cavalcanti. Rund 100 Tonnen pro Monat wären das.

Über Jahrzehnte durchpflügten die Catadores, wie die Müllsammler in Brasilien heißen, Straßen und Deponien nach Verwertbarem und verkauften es an Firmen, die daraus Rohstoffe gewannen. Sie erfüllten eine wichtige Funktion und galten doch als schmutzige Underdogs, die durch das Müllsortieren inmitten der Städte für Chaos sorgten. »Ursprünglich waren sie die Einzigen, die Wiederverwertbares sammelten«, sagt Laura Fostinone, Umweltberaterin und Müllexpertin, die mit den Catadores zusammenarbeitet. Seit einigen Jahren liegt Brasilien beim Recycling von Alugetränkedosen an der Spitze der globalen Rangliste. Ohne Catadores wäre das anders, urteilt Fostinone.

Müllsammler gibt es in fast jedem Entwicklungs- und Schwellenland. Allein in Brasilien sind es eine halbe bis eine Million Menschen. Seit 2010 schreibt das Abfallgesetz des Landes den Kommunen vor, Kooperativen beim Recycling einzuspannen, falls es solche vor Ort gibt. Damit könnte Brasilien als Vorbild für andere Länder dienen. Mittlerweile arbeiten sogar renommierte Hochschulen aus den USA mit den brasilianischen Kooperativen zusammen, um ihnen mit neuen Technologien zu helfen – aber auch, um von ihnen zu lernen.

Doch trotz des Durchbruchs, den die Catadores mit dem neuen Abfallgesetz erreicht haben: Nicht überall im Land ist der Umgang mit dem Müll und seinen Sammlern vorbildlich. Das zeigt das Beispiel der wichtigsten Deponie von Rio de Janeiro. Sie heißt etwas irreführend Jardim Gramacho (Gramachos Garten), und manche Brasilianer behaupten mit einer seltsamen Art von Stolz, es sei die größte Müllkippe der Welt. Der angebliche Garten am Rand der Stadt quillt über vor stinkendem Unrat; durch Risse im Fundament der Deponie rinnt eine giftige Brühe, die schon mehrmals bis in die berühmte Bucht von Rio geflossen ist. Drei- bis viertausend Müllsammler ringen dem Unrat eine prekäre Existenz ab. Laut dem neuen Abfallgesetz müssen diese und andere Deponien bis Ende des Jahres geschlossen werden. Fragt sich nur, wohin der Müll künftig gehen soll – und wie die Catadores vom Jardim Gramacho an einer neuen Lösung beteiligt werden. Geht es nach dem Willen der Abfallkooperativen, soll ihr eigenes Modell dabei eine wichtige Rolle spielen.