Das Bundesgesundheitsministerium gab 2011 wohl vorschnell Entwarnung: Weniger als ein Prozent der Deutschen hätten bereits gedopt, so das Ergebnis der "Kolibri"-Studie , für die mehr als 6.000 Menschen anonym Angaben gemacht hatten. Experten wie Mischa Kläber hingegen gehen davon aus, dass in Deutschland mehr als eine Million Menschen regelmäßig zu verbotenen leistungssteigernden Mitteln greifen. "Kolibri war methodisch schlecht gemacht", sagt der Sportsoziologe der TU Darmstadt. Zu breit angelegt, zu unspezifisch, zu aufwendig für die Befragten. Auch andere Forscher, etwa Perikles Simon von der Universität Mainz , distanzieren sich von der Untersuchung. Durch das Studiendesign werde die Dunkelziffer massiv unterschätzt und das Problem verharmlost.

"Noch ist der Durchschnittsdoper jung, männlich, aus der unteren Mittelschicht", sagt Kläber. Doch die Hemmschwelle sinke bei Jugendlichen, Akademikern, Senioren; sogar viele Frauen griffen "vor dem Aerobic- oder Spinningkurs zu Mitteln, die die Fettverbrennung ankurbeln sollen".

2009 gaben 62 Prozent der mehr als 1.000 befragten Teilnehmer des Bonn-Marathons an, vor dem Start Schmerzmittel eingenommen zu haben. Mehr als 50 Prozent der Läufer, die solche Mittel schluckten, litten an Nebenwirkungen. Die Antirheumatika wie Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure führten vor allem zu Magen-Darm- und Nierenproblemen: Übelkeit, Erbrechen, Blut im Urin. Diese frei erhältlichen Schmerzmittel stehen zwar nicht auf der Dopingliste. Doch auch verbotene Medikamente werden im Amateursport eingesetzt. 2009 wurde die stark wachsende Mountainbike-Marathon-Szene erschüttert: In der Probe des dreimaligen Siegers des Ötztaler Bike-Marathons, Emanuele Negrini, wurden die Stoffe Betamethason und Triamcinolon gefunden. Die Steroidhormone hemmen Entzündungen und regen den Stoffwechsel an. Negrini wurde für zwei Jahre gesperrt.

Doch Kontrollen bei Amateuren sind sehr selten, und wenn sie stattfinden, haben die Doper nicht viel zu befürchten. Im deutschen Arzneimittelgesetz heißt es nur schwammig, "der Besitz von nicht geringen Mengen" an Dopingmitteln sei strafrechtlich relevant. Der Sportsoziologe Kläber hält diese Regelung für ausreichend: "Würde man die Gesetze verschärfen, würde man auch normale Bürger kriminalisieren." Viele der Langzeit-Anabolikakonsumenten seien Familienväter in normalen Berufen, stünden unter ärztlicher Kontrolle. "In den USA und Italien ist der Besitz von Dopingmitteln strafbar. Und was hat es gebracht? Nichts." Dennoch gehen Doper enorme Risiken ein. Anabolika etwa haben etliche häufig auftretende Nebenwirkungen: Akne, Persönlichkeitsveränderungen, Leberschäden, Vermännlichung von Frauen, Hodenatrophie und Brustdrüsenvergrößerung bei Männern.

In einer Studie, für die er Interviews mit Langzeitnutzern führte, dokumentierte Kläber den typischen Verlauf einer Dopingkarriere: Wer anfängt, Sport zu treiben, erlebt schnell Erfolge. Doch je fitter er wird, desto intensiver muss er trainieren, um noch besser zu werden. Immer mehr, immer härter. Er fängt an, auf seine Ernährung zu achten, Nahrungsergänzungsmittel zu schlucken. Mit den Ansprüchen an sich selbst wächst dann die Versuchung.

In Internetforen, aber auch in Sportvereinen und Fitnessstudios geben die Wissenden ihre Erfahrungen weiter. "In vielen Studios gibt es hierarchisch aufgebaute Dopingnetzwerke", sagt Mischa Kläber. "Sie sind eine Art Geheimgesellschaft." Deren Mitglieder helfen sich, leiten sich an, einige sind selbst Kleindealer. Jeder kennt jemanden, der ein bestimmtes Mittel besorgen kann. 80 Prozent der von Kläber Befragten dopten unter ärztlicher Aufsicht, fast jeder Dritte konsumiert auch Tiermedikamente. Ventipulmin etwa, ein Asthmamittel für Pferde. Das ist billiger und angeblich einfacher zu beschaffen als gewöhnliche Clenbuterol-Präparate.

In den siebziger und achtziger Jahren waren es vor allem Bodybuilder, die mit verbotenen Substanzen ihre Muskeln formten. Heute gehört Doping zur Gesellschaft. Die Generation Perfekt optimiert ihren Lebenslauf, ihr Outfit, ihren Körper. Wenn Menschen an Gewichten arbeiten, arbeiten sie oft auch an der eigenen Identität. "Die Erfolge geben einem immer mehr Bestätigung", sagt Kläber, "sie sind nicht nur sonntags auf dem Fußballplatz sichtbar, sondern immer." Und die großartige Marathonzeit beeindruckt womöglich auch den Chef.