Selbstheilungskräfte : Die Kraft der Selbstheilung

Wer krank ist, muss zum Arzt? Nein, die meisten Leiden kann der Körper ganz allein bezwingen, er regeneriert und repariert sich ein Leben lang selbst. Viele Therapien schaden da mehr, als sie nutzen.

Dreizehn Minuten lang war Wilhelm Ortmanns tot. Dreizehn Minuten lang hatte sein Herz ausgesetzt, dreizehn Minuten gelangte kein frisches Blut mehr in die Adern, erreichte kein lebensnotwendiger Sauerstoff die Organe. Ortmanns hatte einen massiven Herzinfarkt erlitten. Aber der 63-Jährige fand den Weg zurück ins Leben. Und heute zeugt kaum noch etwas vom damaligen Zusammenbruch. Der Körper hat es geschafft, sich zu erholen. So gut, dass Ortmanns wieder lange Fahrradtouren unternimmt.

Ortmanns’ Geschichte ist ein Beispiel für die imposanten Selbstheilungskräfte des menschlichen Körpers. Tatsächlich regeneriert und repariert sich das System Mensch permanent selbst. Täglich beseitigen Enzyme Defekte in der Erbsubstanz DNA. Immer wieder werden Zellen erneuert, allein in der Haut etwa eine Milliarde pro Tag. Und die innere Schicht des Dünndarms erneuert sich alle drei Tage vollständig. Verletzen wir uns, mobilisiert der Körper zusätzliche Selbstheilungskräfte: Er kittet die Haut oder lässt Knochen zusammenwachsen – die meisten Erkrankungen überwindet der Körper.

Viel muss ein Arzt also gar nicht mehr tun, könnte man denken, der Körper regelt alles selbst. Oft ist es sogar besser, wenn der Arzt nichts unternimmt. Doch während unter den Allgemeinmedizinern in anderen Ländern, etwa in den Niederlanden, das Motto »Im Zweifel abwarten« gilt, tun sich deutsche Ärzte damit noch schwer. »Hierzulande behandeln Ärzte tendenziell sehr früh und nicht selten unnötigerweise«, sagt Ferdinand Gerlach, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. Dabei belegen Studien, dass das frühe Eingreifen des Arztes sogar schädlich sein kann.

So plädierten etwa die amerikanischen Medizinerinnen Deborah Grady und Rita Redberg im Fachmagazin Archives of Internal Medicine für weniger medizinische Versorgung, weil es dann zu einer besseren Genesung komme. Immer wieder überwögen die Nebenwirkungen von Medikamenten und Behandlungsmethoden den Nutzen. Und eine Studie des medizinischen Zentrums Penn Medicine in Philadelphia führte zu fünf Regeln, mit denen Ärzte klügere Entscheidungen für die Behandlung ihrer Patienten treffen könnten. Drei davon beginnen mit der klaren Anweisung »Don’t over...« – nicht übertreiben.

Sollen die Ärzte also generell weniger behandeln? »Nicht pauschal weniger, wohl aber gezielter«, sagt Gerlach. Man müsse dem Körper die Chance geben, seine eigenen Reparaturmechanismen in Gang zu bringen. »Abwartendes Offenhalten« ist der Fachausdruck dafür: Der Arzt soll nicht sofort einschreiten, sondern dem Körper die Arbeit erst einmal selbst überlassen. »Das ist kein Zeichen von Gleichgültigkeit«, sagt Gerlach. »Hier wird ganz bewusst auf den Faktor Zeit gesetzt, damit der Körper sich selbst helfen kann.« Denn hinter den wenigsten Beschwerden steckt ein schwerwiegendes Leiden. »Bei mehr als der Hälfte aller akuten Erkrankungen ist der Besuch beim Hausarzt unnötig. Der Körper hilft sich selbst am besten«, sagt der Allgemeinmediziner.

Doch diese Erkenntnis muss nicht nur die Ärzte erreichen, sondern auch die Patienten. Viele suchen ihr Heil zu oft in einer Praxis. Durchschnittlich 18 Mal im Jahr sitzt jeder Deutsche im Behandlungszimmer – Rekord unter den Industrieländern. »Die Mehrheit dieser Begegnungen endet mit der Ausstellung eines Rezepts«, sagt Gerlach. Auch weil viele Patienten erwarteten, dass ihr Arzt etwas tut, dass er handelt. »Sie wollen etwas mit nach Hause nehmen. Sonst glauben sie, dass sie ihrem Arzt nichts wert sind«, sagt Gerlach.

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Kommentare

67 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Nicht wirklich...

...zu Voltairs Zeiten mag das gegolten haben, heutzutage nicht mehr.

Ich finde auch den Grundtenor des Artikels sehr problematisch: Arzt ist oft nicht nötig. Eine genauere Analyse der Arztbesuch-Anzahl wird aber nicht geliefert. Das erinnert mich an die mediale Vorbereitung der Praxisgebühr.

Dabei benötigt man idR eine Arbeitsfreistellung bei Krankheit, selbst wenn man sich normalerweise lieber ins Bett legen würde, ist man genötigt sich in ein übervolles Wartezimmer mit anderen Kranken zu zwängen. Frauen müssen sich die Pille verschreiben lassen und das in regelmässigen kurzen Abständen, es gibt haufenweise Vorbeuge- und Nachbehandlungsuntersuchungen. Und last not least wird D immer älter und alte Leute sind (manchmal zu recht, manchmal hypochondrisch) oft Dauergäste, bei meinem Arzt sitzen idR zwei Drittel ü60.

Im Zweifel ist es sinnvoll einmal mehr zum Arzt zu gehen, Medikamente werden Kassenpatienten ohnehin nicht mehr aufgenötigt und bei allen die "nur" der Symptomlinderung dienen, zahlt man mindestens zu.

Arzt oder Heilpraktiker

Also zwischen einem ausgebildeten Facharzt für Naturheilkunde (sechs Jahre Studium plus fünf Jahre Facharztausbildung) und einem Heilpraktiker (u.U. gar keine Ausbildung, siehe Wikipedia: "Das Berufsbild des Heilpraktikers umfasst die allgemeine Heilkundeausübung und wird durch die Berufsbezeichnung „Heilpraktiker“ ausgedrückt. Vom Arzt unterscheidet ihn, dass eine Ausbildung nicht vorgeschrieben ist und dass seine Befugnisse durch Gesetze und Verordnungen gegenüber denen des Arztes eingeschränkt werden."http://de.wikipedia.org/w...) würde ich ja mal einen ganz großen Graben sehen.

Heilpraktiker bieten meist eine krude Mischung aus Homöopathie (Placebowirkung, wenn überhaupt), Traditioneller Chinesischer Medizin, Ayurveda, Handauflegen, Geistheilung, diversen Wässerchen und natürlich Ausleitungen aller Art, besonders gerne Schwermetalle, an. Es gibt weder Belege für die Wirksamkeit (jaja, außer anekdotischen), noch steht hinter dem Sammelsurium irgendein in sich logisches Konzept. Wer da sein Geld hinträgt, hat wohl zuviel davon.

Es gibt wirklich Unterschiede,

doch liegen da nicht nur Vorteile für den späteren Patienten, in der von Ihnen konstatierten universitären Ausbildung, denn was Ärzte lernen, basiert auf im Wesentlichen auf dem was die Fachgremien als wissenschaftlich gesichert erachten und in Leitlinien festlegen, an der sich der Doktor dann in der Praxis entlang hangeln kann.

Diese Leidlinien, Pardon Leitlinien, werden in universitären und anderen wissenschaftlichen Instituten erarbeitet und sind allzu oft von Fördergeldern oder gar von diversen Forschungsaufträgen seitens der Gesundheitsindustrie abhängig. Diese vergibt Aufträge nicht etwa aus Interesse an der reinen Forschung, sondern hat natürlich primär ein vitales Interesse daran, dass die Ergebnisse das eigene Produkt in einem möglichst besonderen Glanze dastehen lassen sollen, damit es sich gewinnbringend an den Mann, Pardon den Doktor, bringen lässt!

Und darauf basiert im Wesentlichen das was an den medizinischen Fakultäten gelehrt und in diesen Leitlinien empfohlen wird?
Nicht unbedingt wirklich neutral und allein am tatsächlichen positiven Effekt bzw. Nutzen für den Patienten orientiert, da werden Sie mir Recht geben müssen!

Am Rande. Ich bin privat versichert, was u. a. den Vorteil hat mich in die Hände eines versierten Heilpraktikers begeben zu können, der über ein fundiertes Wissen verfügt.

In so mancher Arztpraxis hingegen habe ich in erster Linie die Bekanntschaft mit beinah jedem dort vorgehaltenen Apparat machen dürfen, ohne das es mir geholfen hätte..

Klar,

ich bin ja auch Radio- und Fernsehtechniker: Gestern habe ich gegen meinen Fernseher getreten, und er funktionierte wieder.

Im Ernst: Ihr Spruch ist so dumm, wie er alt ist. Wenn schon, dann: "Wer besser heilt als der, der nichts tut, hat recht." Und da versagen sie, die Hahnemann-Jünger. Da hilft dann auch kein Schönreden von "Erfolgsfällen", die wohl doch eher auf die im Artikel beschriebenen Selbstheilungskräfte zurückzuführe sind.

Und verbissen? Ja, leider. Mir krempelt's bei Scharlatanen immer die Fußnägel auf, seiens Astrologen, Homöofuzzies oder sonstige Beutelschneider. Ist aber in der Regel viel ruhiger als die Reaktionen der Entlarvten.

Ich stimm ihnen zu

Die Sogenante Alternative Medizin hat noch in keinen Doppelt Blind experiment irgent eine Wirkung nachweisen könnnen die über den Plazeboeffect hinaus geht.

Wir sollten also eher den Mentschen sagen das ein leichter husten nicht sofort mit 3-4 Medikamenten bekömüft werden muss, aber die Idee das jemand der Krank icst nicht zum Artzt geht und lieder erst mal wasser aus den Atlantik trinke, da ja darin durch die wasserverschmutzung uach alle medikanente in einen t1000 Mass enthalten sind und so es eigentlich gegen alles Wirken müsste ...... lässt mich doch schaudern.

Naturwissenschaft

"Ich kann auch behaupten, dass Aspirin gegen Kopfschmerze wirkt, weil die weiße Tablette aus vielen kleinen weißen Engelchen besteht, die in den Kopf gehen, und da die Schmerzen bekämpfen. Dann nehmen Sie die Tablette, und Ihre Kopfschmerzen sind weg (= geheilt),"

Sie wissen nicht, dass in der naturwissenschaftlichen Empirik die Beobachtung vor der Theoriebildung kommt?

Die Aspirintablette heilte.
Sofern diese Beobachtung wiederholbar ist
folgt daraus die Feststellung, dass sie heilt. Punkt.

Was Sie daraus ableiten und wie Sie es erklären, ist ein weiteres Thema.
Heuristischer Unsinn wäre es jedoch, wenn Sie behaupten würden, die Tablette könne nicht wirken, weil sie "aus vielen kleinen weißen Engelchen besteht" oder nicht daraus besteht.

"aber deswegen habe ich trotzdem Unsinn erzählt."

Das sollten Sie prüfen - nicht nur vermuten.

Viele Therapien schaden?

Das wage ich als Laie aber zu bezweifeln.
Sicher, Gesundheit is zum Geschäft geworden und mit: "essen Sie vernüngtig und schlafen Sie sich aus" lässt sich kein Geld verdienen, (dazu ist es noch gegen unsere Arbeitswelt) aber es gibt auch genug Menschen die glauben nur die chemisch/medizinische Keule könne ihnen helfen.
Wir leben ungesund und bilden dann eine ganze Industrie um uns wieder gesund zu machen.

Therapien können schaden bzw. sinnlos sein, aber "vielen" Therapien vorzuwerfen sie schaden ist übers Ziel hinauszuschießen.

Immerhin werden wir trotz ungesundem Lebensstil immer älter - zumindest im Moment noch.

Was will uns der zweite Kommentar sagen?

Ist der zweite Kommentar jetzt die Lehre aus dem Ersten? Geben wir dem Patienten also so lang Placebos bis er sich selbst geheilt hat? Die Idee finde ich ja nicht schlecht, aber warum muss sich daran einer eine goldene Nase verdienen? Wobei, an den meisten Religionen verdienen einige wenige ja auch wunderbar, wieso also nicht am beim Glaube an die Homöopathie.

Aber ernsthaft hilft wohl nur wenn die Patienten aufhören mit einer Erwartungshaltung zum Arzt zu sehen. Nicht selten kommen Patienten mit den absurdesten Sachen immer wieder, bis sie endlich was verschrieben bekommen. Noch unterhaltsaamer wirds wenn sie ihre Symptome selbst nachgeschlagen haben und schon mit fertiger Diagnose vorm Arzt auftauchen und dann auch nicht einsehen, daß sie etwas anders haben könnten.

Das Problem ist also zweigeteilt. Zum Einen die Patienten die für ihre 10€ Praxisgebühr eine materielle Gegenleistung erwarten und natürlich auch ausreichend Ärzte die ihre Einnahmen durch den Verkauf von überteuerten Zusatzpräperaten, wie Vitaminen, Nahrungsergänzer (die zur Hälfte nicht im Körper ankommen) und reinem Wasser (homöopathischen Mittelchen) kräftig aufbessern.

Einfach nicht mehr zum Arzt gehen ist aber auch nicht die Lösung, denn woher weiß man im konkreten Fall ob man etwas selbstheilendes hat oder nicht. Man kanns ja auf die 50:50 Chance ankommen lassen.
Auch regeneriert nicht alles. Herz, Hirn und Lunge regenerieren sich nicht.

Placebo II

Ernsthaft: in Fällen, in denen der Patient ohne medizinische Indikation auf Medikamente pocht, würde ich das Verschreiben von homöopathischen Mitteln, d.h. von Placebos forcieren. Es wäre um einiges günstiger* für unser Gesundheitssystem und weiterhin besser für den Patienten, da weder Wirkung noch Nebenwirkung

* das gilt nur, wenn sich ein Hersteller finden würde, der Zuckerkügelchen unter Phantasienamen zu einem realistischen Preis anbietet. Was Weleda und Konsorten teilweise für 100 g Glucose oder Sorbitol verlangen grenzt an Abzocke.

Kleine Anregungen

Also ich verstehe schon,dass man sich über teure Placebos aufregt, aber nach aktuellem Stand der Wissenschaft wirken teurere Placebos auch wesentlich besser. So ist das menschliche Hirn einfach gestrickt. Nach dem Motto: Nur was einen Preis hat ist auch etwas Wert und hat einen Nutzen.

Im Übrigen muss man Ärzte auch insofern in Schutz nehmen, als sie sich ziemlich krassen juristischen Ärger einhandeln können, wenn sie mal nix machen obwohl eine Behandlung angebracht gewesen wäre. Also wird zum Selbstschutz ganz viel Aktionismus betrieben.

Hat Ihr "Arzt" dabei auch erwähnt

"Hat Ihr "Arzt" dabei auch erwähnt, dass der Placebo-Effekt auch bei Tieren nachweisbar ist?..
Soviel also zu dem intelligenten Einwurf, es handele sich nicht um Placebos."

dass der Placebo-Effekt auch in der Schulmedizin nachweisbar ist?

Was macht man da? Man führt Doppelblindstudien durch.
In der Homöopathie ist das mit standardisierten Komplexmitteln durchaus möglich:

"Abbildung 7: Therapieerfolge unter Traumeel®
und Placebo bei verschiedenen
Indikationen"
http://www.carstens-stift...

Es ergibt sich eine doppelt so hohe Wirksamkeit des Verums Traumeel gegenübder Placebo.
Davon kann Aperin nur träumen!
Dies nur als ein Beispiel der vielfältigen und reichen Studienlage zur eindeutig höheren Effektifivität homöopathischer Mittel.

Soviel also zu dem intelligenten Einwurf, es handele sich um Placebos.

Das sind Sie

"Zumal in der Tierhomöopathie
meist mit Niedrigpotenzen gearbeitet wird, d.h. die 'Ursubstanz' noch nachweisbar ist und es sich somit nicht einmal um 'richtige' Homöopathie handelt."

völlig falsch informiert.
In der Veterinärhomoöpathie wird keineswegs mit Niedrigpotenzen gearbeitet. Da die "Ursubstanz" erst ab der Lohschmitdschen Zahl, D 23, nicht mehr radioisotopisch nachweisbar ist, wäre Ihrer Ansicht nach, alles was unter dieser Potenz liegt keine "'richtige' Homöopathie".

Es ist immer wieder erstaunlich, wie gering Homoöpathiegegner über den Gegenstand ihrer Feindschaft im Bilde sind.