PsychologieDas Tal des Lebens

Mit über 40 dämmert vielen: Es gibt nicht mehr unendlich viele Möglichkeiten, manch eine Chance ist verpasst, und irgendwann wird das Leben vorbei sein. Die Midlife-Crisis ist mehr als ein Mythos, wie Studien belegen. Zum Glück zeigen sie auch, was dagegen hilft. von Susanne Schäfer

Nach der Party zum 25. Geburtstag musste der Kumpel den Flur neu streichen, weil Fußabdrücke und Lippenstift an den Wänden zurückgeblieben waren. Die Feier zum 30. endete immerhin noch mit einer leichten Schlägerei. Und nun: 40. Der Freund feiert in kleiner Runde, es gibt guten Wein, Bohnensalat mit Minze und zum Dessert Birnensorbet.

Volker Marquardt hat sich und seine Bekannten beim Älterwerden beobachtet und das selbstironische und schwermütige Buch Halb so wild. Was mit 40 wirklich zählt geschrieben. Mit dem gediegenen Birnensorbet-Geburtstag fängt die Misere erst an. Alle sind auf einmal jünger – die Grundschullehrerin der Tochter, die Tagesschau-Sprecherin, der Bankberater. Das Kreuz zwickt, vor dem Joggen ist seit Kurzem Aufwärmen nötig. Und Sex? Wird überbewertet. Marquardts Bekannte grübeln: »Habe ich mir mein Leben so vorgestellt? Soll es das gewesen sein?«

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Lange hielten Wissenschaftler die Midlife-Crisis für einen Mythos. Inzwischen aber belegen weltweite Studien: Das Lebensalter zwischen 40 und 55 ist eine Zeit des Wandels, in der viele anfällig sind für einen Zustand, der mit »Midlife-Crisis« gar nicht so schlecht beschrieben ist. Das Wohlbefinden bei Männern und Frauen sinkt bis Mitte 40 im Schnitt immer weiter ab und steigt erst danach wieder an.

In der Mitte des Lebens realisieren viele, dass sie in Bezug auf Familie und Beruf nicht mehr unendlich viele Möglichkeiten haben, dass ihr Körper älter wird – und älter aussieht – und dass das Leben irgendwann vorbei sein wird. Dabei könnte man es entspannt sehen: Viele haben die schwierigsten Karriereschritte geschafft, ihre Identität und Rolle gefunden, die finanziellen Verhältnisse sind meist stabil. Auch die kognitiven Fähigkeiten nehmen nicht so stark ab, wie viele vermuten. Die Gelassenheit wächst sogar, schließlich hat man schon einiges überstanden.

Ob die Lebensmitte zur Krise wird oder zum entspannten Verweilen auf einem Hochplateau, kann jeder selbst beeinflussen. Wie das geht, haben Psychologen zum Glück auch herausgefunden.

Natürlich sind Lebensläufe unterschiedlich: Die einen haben mit 30 schon Familie und Erfolg im Job, andere bekommen erst mit 40 Kinder oder starten mit 45 beruflich durch. Dennoch sind in der Mitte des Lebens viele unzufrieden. Das erkannten die Ökonomen David Blanchflower und Andrew Oswald, als sie Datensätze zur Lebenszufriedenheit von mehr als einer Million Personen aus über 70 Ländern untersuchten: Ab etwa Mitte 30 werden Menschen immer unzufriedener, mit Mitte 40 durchschreiten sie die Talsohle. Danach geht es ihnen zunehmend besser. Die U-Kurve des Glücks haben Forscher in vielen Kulturen gefunden. Einer der Datensätze mit Angaben zu 160.000 Menschen zeigte: In Europa liegt der Tiefpunkt bei 46, in Schwellenländern bei 43 Jahren.

Trotz unterschiedlicher Lebensläufe haben die Menschen in dieser Phase also etwas gemeinsam. Vieles, was Volker Marquardt an sich und seinen Bekannten beobachtet hat, lässt sich verallgemeinern. Ab 40 verändert sich der Körper nun einmal. Bei Männern sinkt der Testosteronspiegel, Frauen haben einen niedrigeren Spiegel an Östrogen und kommen in die Wechseljahre. Muskeln schwinden, dafür nehmen Fett, graue Haare und Falten zu, das ganze Programm. Plötzlich fallen einem Namen nicht mehr ein, und wo steht noch mal das Auto? Die Veränderungen belasten viele, »auch aufgrund der vorherrschenden jugendbezogenen Attraktivitäts- und Leistungsnormen«, sagt Pasqualina Perrig-Chiello, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Bern.

Leserkommentare
  1. ...er steht aber auch wieder im modernen Zeichen des Leistungsdruckes:
    DU mußt Dich nur ANSTRENGEN & das Richtige (den richtigen Job etc.) für Dich finden, wenn DU mit Deinen Lebensumständen nicht glücklich bist, dann bist DU SELBER SCHULD, denn DU hast die falsche Wahl getroffen und MUSST DICH ANSTREGNEN.....usw.

    Das ist der Tenor vieler aktueller Beratungsbücher und davon lebt eine ganze Branche von Beratern & steht im Zeichen des Machbarkeitswahns ("just do it, chackachacka!").

    Nun, das hat seine Berechtigung, aber die wirkliche Errungenschaft ist es für mich, in der Mitte des Lebens die GEISTIGE Reife gefunden zu haben, sich mit dem Leben zu arrangieren und seine INNERE, ruhende Mitte zu finden.

    Statt in Hinblick auf die äußeren Umstande neuen Erfolgsdruck zu schaffen.

    Danke für den interessanten Artikel.

  2. strikt aus der Welt ihrer vermuteten Leserschaft.
    "Viele haben die schwierigsten Karriereschritte geschafft, ihre Identität und Rolle gefunden, die finanziellen Verhältnisse sind meist stabil."
    Diese verengte Sicht mag ja aus dem genannten Blickwinkel in Ordnung sein, nur sollte man nicht immer den Eindruck erwecken, das wäre mehrheitlich relevant.

  3. Es geht nur, wenn Du selbst zu Dir finden kannst. Es ist sehr schwierig von außen her, der Midlife-Crisis entgegen zu wirken. Die Psychologische Seite kann zwar helfen, aber die Hilfe bricht dann zusammen - wenn der Betroffene den Therapeuten vernachlässigt. Ein weiteres Problem ist die Abhängigkeit zur Person des Therapeuten. Wenn ein kleines Hilfsangebot vom Patienten wirkt und er dann alleine gelassen wird aus welchen Gründen auch immer, wird die Midlife-Crisis noch stabiler. Es kann nur geschehen, wenn der Patient durch die eigene Mitmach - Leistung den Weg ebnet.

    Eine Leserempfehlung
  4. (wer erst mit 40 merkt, dass das eigene Leben vorbei sein wird, dem ist ohnehin nicht zu helfen), das die kleinen Sörgelchen übersaturierter Wohlstandbürger zu existentiellen Weltproblemen aufbläst. Oder auf wieviel Prozent (in Dtl. und weltweit) trifft folgendes schon zu: "Viele haben die schwierigsten Karriereschritte geschafft, ihre Identität und Rolle gefunden, die finanziellen Verhältnisse sind meist stabil." Aber diese vollkommene - unbewusste - Fokussierung auf das eigene Ich (z.B. Weitergeben um der eigenen Unsterblichkeit willen) zeigt doch insgesamt sehr schön, wie die gehobenen Mittelschichten (Journalisten und Psychologen) ticken. Daher ein großes Danke für den Artikel!

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    "4. Eigentlich völlig sinnloses Blabla
    (wer erst mit 40 merkt, dass das eigene Leben vorbei sein wird, dem ist ohnehin nicht zu helfen), das die kleinen Sörgelchen übersaturierter Wohlstandbürger zu existentiellen Weltproblemen aufbläst."

    Das eine ist die nüchterne Sicht der Dinge, womit Sie natürlich nicht falsch liegen. Von außen betrachtet kann man immer schön schlau reden. Das andere ist die innere Sicht der Dinge, die bei jedem Betroffenen eben anders verläuft, auch wenn er (ein und die selbe Person) nüchtern von außen betrachtet die Dinge anders sehen mag.

    Ich bin Mitte vierzig, freue mich meines Lebens und möchte keine zwanzig mehr sein. Ich genieße mein Leben, freue mich sogar bedingt aufs Älterwerden (es ist ja auch spannend), doch komme ich nicht umhin, mich auch mit der weniger werdenden Zeit auseinanderzusetzen. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, was ich evt. alles verpasst haben könnte und was ich erreicht habe. Dieses Leistungsdenken ist mir eher fremd. Trotzdem geht es auch an mir nicht spurlos vorbei, dass ich wohl die Hälfte meines Lebens schon rum habe. Das eine ist halt die Vernunftsseite (die einem sagt, das ist so, es ist nicht zu ändern) das andere die emotionale Seite (die einem sagt, es wird nicht mehr werden). Und damit geht jeder anders um und das als Sörgelchen übersatuierter Wohlstandsbürger abzutun finde ich anmaßend. Die Psyche ist eben nicht so leicht zu besiegen.

    Ich glaube nicht, dass die Midlife Crisis ein standestypisches Phänomen ist.
    Meine Mutter war ihr Leben lang Krankenschwester. Mit Mitte 40 steckt sie jetzt in einer tiefen Kriese und hat sogar ihren Job aufgegeben.
    Und das hätte wirklich niemand erwartet.

    Das ist kein Standesproblem.

    Es wäre schön, wenn Leser auch mal über ihren Tellerrand hinaus schauen würden, anstatt alles zu pauschalisieren (tritt bei mir nicht auf, also also ist es nur blödes Bla Bla).

  5. "4. Eigentlich völlig sinnloses Blabla
    (wer erst mit 40 merkt, dass das eigene Leben vorbei sein wird, dem ist ohnehin nicht zu helfen), das die kleinen Sörgelchen übersaturierter Wohlstandbürger zu existentiellen Weltproblemen aufbläst."

    Das eine ist die nüchterne Sicht der Dinge, womit Sie natürlich nicht falsch liegen. Von außen betrachtet kann man immer schön schlau reden. Das andere ist die innere Sicht der Dinge, die bei jedem Betroffenen eben anders verläuft, auch wenn er (ein und die selbe Person) nüchtern von außen betrachtet die Dinge anders sehen mag.

    Ich bin Mitte vierzig, freue mich meines Lebens und möchte keine zwanzig mehr sein. Ich genieße mein Leben, freue mich sogar bedingt aufs Älterwerden (es ist ja auch spannend), doch komme ich nicht umhin, mich auch mit der weniger werdenden Zeit auseinanderzusetzen. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, was ich evt. alles verpasst haben könnte und was ich erreicht habe. Dieses Leistungsdenken ist mir eher fremd. Trotzdem geht es auch an mir nicht spurlos vorbei, dass ich wohl die Hälfte meines Lebens schon rum habe. Das eine ist halt die Vernunftsseite (die einem sagt, das ist so, es ist nicht zu ändern) das andere die emotionale Seite (die einem sagt, es wird nicht mehr werden). Und damit geht jeder anders um und das als Sörgelchen übersatuierter Wohlstandsbürger abzutun finde ich anmaßend. Die Psyche ist eben nicht so leicht zu besiegen.

  6. In die Midlife-Crisis stürzen vor allem jene, die irgendwann mal plötzlich begreifen, daß das Leben mit munterem Karrieremachen vor allem eines ist: munter verschwendet. Zu spät, zu spät ...

    • ludna
    • 15. Juni 2012 8:56 Uhr

    Ich fand den Artikel gut, vielleicht weil ich im kritischen Alter bin. Ich denke manchmal über dieser Themen nach, aber als Krise würde ich es bei mir nicht bezeichnen. Allerdings habe ich mich schon immer schnell mit neuen Dingen arangiert und abgefunden, was ja heute allgemein eher als Nachtteil gilt.

    Diesen Teil:
    "Viele haben die schwierigsten Karriereschritte geschafft, ihre Identität und Rolle..."

    kann ich aber nicht nachvollziehen. Dies gilt sicher für Beamte und einige Wenige in der freien Wirtschaft, aber im Allgemeinen sind die Verhältnisse viel unsicherer geworden. Siehe Schlecker als Beispiel, wo auch viele Ältere entlassen werden.

    Eine Leserempfehlung
  7. aber ehrlich gesagt, ich verstehe weder, was eigentlich sagen wollen (außer dass ich wie Sie ebenfalls um nichts in der Welt nochmals 20 sein wollte), noch was das mit meinem Kommentar zu tun hat. Und wegen "anmaßend": Ich habe mich nur auf den Artikel und die dortige Darstellung bezogen, und es liegt mir fern, jemandem zu nahe zu treten oder rigendwelche persönlichen Probleme kleinzureden, aber wenn in dem Artikel eine extrem enge Perspektive als universal dargestellt wird, dann finde ich das anmaßend.

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    Was heißt schon universal? Wer gibt denn gerne zu, dass er sich Gedanken über so etwas macht? Kennen Sie Männer, die offen darüber reden, dass es mit der Potenz zwar immer noch klappt, aber es mit zwanzig doch irgendwie anders und auch öfters war? Ich bin Umgeben von Männern meines Alters, aber ich kenne eigentlich keinen, der offen über diese und ähnliche Dinge spricht. Schenkt man den Worten Glauben, haben viele von denen mehrfach am Tag Sex. Was ich damit sagen will ist, was nach außen getragen wird und was innerlich in den Menschen vorgeht (insbesondere Männer), sind sicher zwei verschiedene Paar Schuhe. Ich gebe offen zu, mich beschäftigen diese Dinge, aber sie belasten mich nicht. Midlife-Crisis würde ich es nicht nennen, aber man nachdenklicher wird man schon.

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