ZEIT Wissen: Professor Romer, Honduras hat Ihnen 1.000 Quadratkilometer Brachfläche anvertraut, um eine neue Stadt zu gründen. Was haben Sie damit vor?

Paul Romer: Das Ziel ist, eine Stadt für bis zu zehn Millionen Einwohner zu errichten, die sozial, ökonomisch und politisch vorbildlich ist. Die honduranische Regierung hat sogar die Verfassung geändert, um eine Sonderwirtschaftszone einzurichten.

ZEIT Wissen: Mit Ihnen als Oberhaupt?

Romer: Ich persönlich werde keine Kontrolle haben. Das Urbanization Project hier an der New York University und ich sind unbezahlte Berater.

ZEIT Wissen: Sie wollen Ihre Vision einer Charter City verwirklichen. Was verbirgt sich dahinter?

Romer: Die höchste Lebensqualität, die besten Bedingungen und die größten Chancen bieten gut geführte Städte. Daher wollen ja so viele in diesen Städten leben. Es gibt politische Führer, die das erkannt haben und ihre Länder reformieren wollen, aber oft auf verschiedenste Widerstände stoßen. Meine Idee ist, neue Städte mit eigenen Regeln – einer eigenen Charta – zu errichten. Dann können die Menschen selbst entscheiden, ob sie dorthin ziehen wollen oder nicht.

ZEIT Wissen: Was steht denn in der Charta drin?

Romer: Die Charta ist eine Art Verfassung. In der honduranischen steht etwa, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Das klingt vielleicht banal, aber unterscheidet die Stadt zum Beispiel von Dubai , das viele als vorbildliche Boom-Metropole ansehen.

ZEIT Wissen: Wie machen Regeln einen Ort lebenswerter?

Romer: Nehmen Sie zum Beispiel Hongkong : Einst war es ein kleiner Fischerort in China , den die Briten mit Gewalt erobert haben. Im Nachhinein sehen viele Chinesen darin aber keine Niederlage, sondern einen Gewinn. Die Briten haben in Hongkong ein neues Regelwerk etabliert, das viele neue Einwohner angezogen hat. Das war eine Erfolgsgeschichte – und auch ein Ansporn für Reformen in vielen anderen Regionen. Zahlreiche Einwanderer haben ihre Erfahrungen inzwischen aus Hongkong in ihre Heimat zurückgetragen.

ZEIT Wissen: Aber Hongkong ist doch nicht mit Ihrer Stadt vergleichbar. Es ist über Jahrzehnte gewachsen.

Romer: Sie können sich auch Shenzhen gleich nebenan anschauen, das in eine Sonderwirtschaftszone verwandelt wurde. Die Stadt war stets unter der Kontrolle Pekings, hat aber viele Ideen aus Hongkong kopiert. Mehr als zehn Millionen Menschen sind binnen weniger Jahrzehnte nach Shenzhen gezogen und haben dort einen Job gefunden.

ZEIT Wissen: Die Menschen dort arbeiten zum Teil unter sehr schlechten Bedingungen.

Romer: Glauben Sie nicht alles, was in den Boulevardzeitungen steht. Zwischen 1980 und 2008 ist das Bruttosozialprodukt von 4 Millionen auf 14,5 Milliarden Dollar gestiegen. Das Pro-Kopf-Einkommen wuchs von 122 auf 13.196 Dollar. Shenzhen war der erste Ort auf dem chinesischen Festland, an dem Arbeiter frei entscheiden konnten, wo sie arbeiten wollen, und an dem es einen Mindestlohn gab. Shenzhen hat die Armut in der Region verringert – es hat mehr erreicht als viele Hilfsprogramme.