Wochenbett-DepressionTraurige Mütter

Viele Frauen stürzen nach der Geburt in eine Depression. Ärzte und Hebammen sind darauf oft nicht vorbereitet, sie erkennen nicht einmal die Anzeichen. Dabei ist schnelle Hilfe wichtig – nicht nur für die Mutter, auch für die Entwicklung des Kindes.

Sie hatte gedacht, dass sie sich freuen würde. Glücklich wäre. Ihr Mädchen würde auf ihrem Bauch liegen. Es würde der schönste Moment ihres Lebens werden. Das war der Plan. Sie plant gerne, Cathleen Wendt, Diplom-Kauffrau im internationalen Einkauf eines Maschinenbauers, sie verhandelt dort Millionendeals. Sie würde nach acht Wochen wieder arbeiten, zu Hause am Rechner – auch das hatte der Plan vorgesehen. Sie würde sich das Kind vor den Bauch binden und alles stemmen, so wie immer.

Dann kam das Kind.

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Das Wesen, das die Hebamme ihr auf den Bauch legte, war dünn und zerbrechlich, es wog nur 2.500 Gramm. Weil es in der Schwangerschaft Komplikationen gegeben hatte, musste die Geburt fast fünf Wochen früher eingeleitet werden – fünf Wochen vor Plan. Nun lag sie da und wagte nicht, sich zu rühren, weil sie lauschen musste, ob ihre Tochter Elisa noch atmete. Kann ich etwas zerbrechen, wenn ich sie in den Arm nehme, fragte sie sich. Müsste ich mich jetzt nicht freuen? Müsste das nicht der schönste Moment meines Lebens sein? »Ich fühlte mich ohnmächtig«, sagt Cathleen Wendt, 37.

Zu Hause musste Elisa über eine Spritze mit Muttermilch gefüttert werden, aber sie trank jedes Mal zu wenig. »Verhungert sie? Ich bekam Panik«, erzählt Wendt. Freunde sagten: »Ist die süß!« Sie dachte: »Ist die dünn!« Sie sollte glücklich sein. Sie wollte nur noch heulen. »Ich liebte Elisa, ich wollte sie unbedingt. Aber ich spürte einfach nichts. Da war kein Gefühl für das Kind.«

ZEIT Wissen 4/2012
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

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Auf 10 bis 15 Prozent wird der Anteil der Mütter geschätzt, die nach der Geburt unter einer postpartalen Depression leiden, der sogenannten Wochenbett-Depression. Es sind nicht nur die Erschöpfung oder die hormonellen Veränderungen, die Mütter so verletzlich machen: Sie müssen sich womöglich von alten Lebensmodellen verabschieden, die Beziehung zum Partner wandelt sich, und vor allem ist da auf einmal ein Wesen, das vollkommen von ihnen abhängig ist.

Die postpartale Depression ist nicht zu verwechseln mit dem Babyblues, dem hormonell bedingten Stimmungstief, in das viele Mütter für ein paar Tage fallen. Die Symptome einer Depression nach der Entbindung unterscheiden sich nicht von denen in anderen Lebensphasen: traurige Verstimmtheit, Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, körperliche Erschöpfung, Schlafstörungen. Das Spektrum reicht von der Verstimmung, die nach einigen Wochen vergeht, bis zur schweren Erkrankung mit Suizidgedanken.

Das Füttern des Babys: eine Tortur für Cathleen Wendt. Sie musste Elisa dafür ausziehen und unter ein gleißendes Licht legen, damit sie nicht einschlief, während sie mit der Spritze ernährt wurde. Die Nächte: Was, wenn das Mützchen verrutscht? Aber was, wenn die Mutter die Haube mit dem Bändchen fixiert – könnte Elisa stranguliert werden? Die Tage: Wendt steht weinend vor dem Wickeltisch, und das Kind scheint mitzuweinen. »Gott sei Dank war mein Mann zu Hause, er hat sich rührend um uns gekümmert.« Er sagt bald: »Wir brauchen Hilfe.« Sie sagt: »Ich schaff das schon.« Auch die Hebamme sagt: »Du brauchst Hilfe.« – »Ich schaff das schon.«

Leserkommentare
  1. dass es darum gar nicht gehen soll, aber es ist ein weiterer Beitrag, der potentiellen Müttern Angst machen kann!

    Wer möchte schon gerne eine Depressionen bekommen, obwohl er vorher ganz ok war?
    Die schönen Pläne, die man sich macht, gehen nicht auf! Muttersein macht "traurig".

    Schlimmer aber:

    "Kinder einer depressiv erkrankten Mutter haben ein 3,4-fach erhöhtes Risiko, in ihrer weiteren Entwicklung selbst psychische Symptome zu entwickeln."

    oder, ohne dass die Mütter etwas dagegen tun könnten (!):

    "Die Mütter fürchten, sie könnten ihrem Kind etwas antun."

    Durch die (vielleicht falsche ?) Entscheidung für ein Kind leidet also nicht nur die Mutter, sondern auch das Kind entwickelt sich nicht so, wie man das gerne hätte.

    Wäre es da nicht einfacher gewesen, im "internationalen Einkauf eines Maschinenbauers" zu bleiben und sich stattdessen eine Katze zu kaufen?

    Was ist also zu tun?

    Vielleicht einfach mal einen Artikel über Menschen bringen, die depressiv werden, weil ihnen eines Tages bewusst wird, dass sie *keine* Kinder haben, aber ihre Zeit abgelaufen ist, so dass sie auch keine mehr bekommen können!

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Meinen Sie wirklich, es sei besser, Frauen als unmündige Wesen zu behandeln und ihnen die Wahrheit über das Kinderbekommen vorzuenthalten? Ein seltsames Frauenbild.
    Die allermeisten Frauen wissen übrigens, wie das so ist mit der Fruchtbarkeit und wann "die Zeit abläuft", das kommt eher selten überraschend.

    "Was ist also zu tun?"
    Prävention durch Aufklärung leisten - wie es der Artikel tut. DAS ist es nämlich, was verhindert, dass Kinder die psychischen Erkrankungen ihrer Eltern "erben".

    Ich möchte für diesen Artikel danken, den ich überhaupt nicht als beängstigend empfinde.

    Der Artikel weist betroffene, zukünftig Betroffene und ihre Angehörigen darauf hin, dass es sich bei dieser Depression nicht um Ursache oder Folge eines persönlichen Versagen handelt. Diese Krankheit kann, eben wie eine Erkältung, die Besten treffen.

    Man kann sie erkennen, wenn man die nötige Sorgfalt bei der Beobachtung aufwendet. Und man kann sie heilen.

    Besonders wichtig dabei ist, was jeder Mitarbeiter in Sozialberufen und Kinderbetreuung in der Ausbildung eingehämmert bekommt: In schwierigen Lagen einen einfühlsamen Psychologen einzuschalten ist kein Zeichen der Schwäche. Sondern der konsequente Schritt eines Profis, der Hilfe ruft BEVOR er an seiner Aufgabe versagt.

    In diesem Sinn wünsche ich meinen Mitbürgern, dass sie die Geburts ihres Kindes mit ähnlicher Freude erleben können, wie eine Autofahrt in einer traumhaften Landschaft:

    Mit einem stets konzentrierten und professionellen Blick auf die Gefahren der Straße. Und doch ohne Angst und voller Freude über die Schönheit des Ereignisses.

    Meinen Sie wirklich, es sei besser, Frauen als unmündige Wesen zu behandeln und ihnen die Wahrheit über das Kinderbekommen vorzuenthalten? Ein seltsames Frauenbild.
    Die allermeisten Frauen wissen übrigens, wie das so ist mit der Fruchtbarkeit und wann "die Zeit abläuft", das kommt eher selten überraschend.

    "Was ist also zu tun?"
    Prävention durch Aufklärung leisten - wie es der Artikel tut. DAS ist es nämlich, was verhindert, dass Kinder die psychischen Erkrankungen ihrer Eltern "erben".

    Ich möchte für diesen Artikel danken, den ich überhaupt nicht als beängstigend empfinde.

    Der Artikel weist betroffene, zukünftig Betroffene und ihre Angehörigen darauf hin, dass es sich bei dieser Depression nicht um Ursache oder Folge eines persönlichen Versagen handelt. Diese Krankheit kann, eben wie eine Erkältung, die Besten treffen.

    Man kann sie erkennen, wenn man die nötige Sorgfalt bei der Beobachtung aufwendet. Und man kann sie heilen.

    Besonders wichtig dabei ist, was jeder Mitarbeiter in Sozialberufen und Kinderbetreuung in der Ausbildung eingehämmert bekommt: In schwierigen Lagen einen einfühlsamen Psychologen einzuschalten ist kein Zeichen der Schwäche. Sondern der konsequente Schritt eines Profis, der Hilfe ruft BEVOR er an seiner Aufgabe versagt.

    In diesem Sinn wünsche ich meinen Mitbürgern, dass sie die Geburts ihres Kindes mit ähnlicher Freude erleben können, wie eine Autofahrt in einer traumhaften Landschaft:

    Mit einem stets konzentrierten und professionellen Blick auf die Gefahren der Straße. Und doch ohne Angst und voller Freude über die Schönheit des Ereignisses.

  2. Vielen Dank dafür.
    Ich habe selbst kürzlich geheiratet und meine Frau hat eine Vorgeschichte mit Depression. Dank dem Artikel werde ich sobald es soweit ist (wohl noch das eine oder andere Jährchen) hoffentlich frühzeitig und richtig reagieren, falls es dazu kommen sollte. Sehr interessant!

    Eine Leserempfehlung
  3. Meinen Sie wirklich, es sei besser, Frauen als unmündige Wesen zu behandeln und ihnen die Wahrheit über das Kinderbekommen vorzuenthalten? Ein seltsames Frauenbild.
    Die allermeisten Frauen wissen übrigens, wie das so ist mit der Fruchtbarkeit und wann "die Zeit abläuft", das kommt eher selten überraschend.

    "Was ist also zu tun?"
    Prävention durch Aufklärung leisten - wie es der Artikel tut. DAS ist es nämlich, was verhindert, dass Kinder die psychischen Erkrankungen ihrer Eltern "erben".

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ich weiss schon,"
  4. Dass die Krankenkassen eventuell langfristig auch Geld sparen könnten, indem sie in die Therapie von Mutter und Kind investieren, auf diese Idee kommen sie nicht ... schließlich ist davon sicherlich nicht selten die ganze Familie betroffen, und psychische Probleme wirken sich wiederum auf die körperliche Gesundheit aus ... mal abgesehen davon, dass sie auch die Kosten eines Psychologen übernehmen müssen!

    ... In meiner Stadt gibt es übrigens einige Beratungszentren, u.a. auch ein Frauenzentrum, in denen Betroffenen auch recht schnell geholfen werden kann. Natürlich ist das keine längerfristige Lösung, aber ersteinmal eine vorläufige Möglichkeit für den Notfall ...

    • keibe
    • 06.07.2012 um 17:23 Uhr

    einer gescholten, der sich traute dieses zu äußern:

    "So wenige Geburten wie im vergangenen Jahr hat es in Deutschland noch nie zuvor gegeben. Angesichts dieser Zahlen hat sich Unionsfraktionschef Volker Kauder nun dafür ausgesprochen, den Sinn des Elterngeldes zu überprüfen. "In der nächsten Legislaturperiode werden wir uns das Elterngeld und seine Wirkung noch mal anschauen müssen", sagte Kauder der Süddeutschen Zeitung."

    Auch der vorliegende Artikel hier vermag nur verhalten Freude an Nachwuchs aufkommen zu lassen und bestätigt -sicher eher ungewollt-
    "In der nächsten Legislaturperiode werden wir uns das Elterngeld und seine Wirkung noch mal anschauen müssen."

    http://www.zeit.de/politi...

  5. Für mich ergeben die Beispiele hier ein klares Bild, aufgrund dessen ich bestätigt sehe, dass die Depressionen der Frauen vom Kind nicht verursacht werden, sondern vielmehr von diesem bereits bestehende und erfolgreich verdrängte Depressionen ans Tageslicht kommen.
    Ein besonders eklatantes Beispiel ist Frau Kathleen Wendt, die alles allein schaffen will, was man durchaus so verstehen kann, dass sie absolut niemandem vertraut. Vermutlich am wenigsten sich selbst.
    So eine Haltung ist in der heutigen Arbeitswelt leider die beste Erfolgsgarantie, so dass sich im oberen Management viele Profilneurotiker finden, die sich eigentlich noch nie mit sich selbst ernsthaft auseinandergesetzt haben, sondern immer hinter irgendwelchen materiellen Zielen herrennen, ohne sich zu fragen, warum und für wen sie das eigentlich tun.
    Ein Kind hingegen fordert die Person. Es braucht Liebe. Punkt. Und Menschen, die nicht lieben können und sich selbst nicht geliebt fühlen, wird das im Angesicht des Kindes plötzlich klar, woraus die Neurose resultiert.
    Ich höre schon den Schrei der Feministinnen, aber ich denke, dass die Arbeitswelt sich ändern muss, dass Frauen mindestens zwei Jahre zu Hause bleiben können müssen, für ihr Kind, damit sich die Beziehung bilden kann. Das zu finanzieren ist durch gerechtere Steuerpolitik möglich und hilft mehr, als alle Therapieangebote von Krankenkassen.
    Es muss schnell umgesetzt werden, sonst werden wir bald mehr Neurotiker als normale Menschen haben.

    Eine Leserempfehlung
    • ASasse
    • 07.07.2012 um 19:55 Uhr

    In meinen Augen ist es sehr erstaunlich, wie unsere Gesellschaft Prioritäten setzt. In dem Text heißt es aus beobachtender Position: "»Gerade im ersten Jahr werden entscheidende Weichen gestellt«, sagt die Psychologin Brigitte Ramsauer von der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Kinder einer depressiv erkrankten Mutter haben ein 3,4-fach erhöhtes Risiko, in ihrer weiteren Entwicklung selbst psychische Symptome zu entwickeln. Und ob ein Mensch später zweifelnd statt selbstsicher ist, ob er Beziehungen meidet, statt sich auf andere einzulassen – all das ist davon geprägt, welchen Bindungsstil er bereits im ersten Lebensjahr entwickelt hat. »Ein Säugling lernt in dieser Zeit, seine Emotionen und sein Verhalten zu organisieren«"

    …. und über Betroffene, "dass sie ihren Hausarzt drängte, ihr eine Psychotherapie zu verschreiben. Nach einem halben Jahr Wartezeit hat sie seit ein paar Monaten einen Platz."

    Wie kann es sein, dass sich von postpartaler Depression betroffene zunächst gegen den Hausarzt durchsetzen müssen, was aus einer solchen Symptomatik nahezu aussichtslos ist, um dann anschließen ein unwiederbringbares halbes Jahr in der Warteschleife zu verlieren?

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