Das Internet ist in Gefahr. Große Online-Konzerne wie Facebook und Google sammeln akribisch Informationen über ihre Nutzer, um sie mittels Werbung zu Geld zu machen – und beanspruchen inzwischen sogar Eigentumsrechte an diesen Daten. Regulierungen wie das vorläufig gestoppte, internationale Abkommen Acta versuchen – im Namen des Urheberrechtsschutzes –, die Überwachung des Datenverkehrs zu verschärfen. Und dass das Netz in Teilen gar physisch abgeschaltet werden kann, demonstrierte 2011 die Regierung des damaligen Diktators Hosni Mubarak in den letzten Tagen der ägyptischen Revolution. Die digitale Freiheit, die Milliarden Menschen im Cyberspace zu finden hoffen, ist längst ausgehöhlt.

Viele Nutzer glaubten bislang, dass all diese Bedrohungen nur in der Einbildung einiger Bürgerrechtler und Datenschützer existierten. Das ändert sich nun: Es brodelt im Netz. Sichtbarster Ausdruck sind die durchaus fragwürdigen Angriffe der Hackergruppe Anonymous auf die Server von Unternehmen und autoritären Regimen. Der US-Medientheoretiker Douglas Rushkoff brachte das Unbehagen auf den Punkt, als er dazu aufrief, »das Internet aufzuspalten«: »Überlassen wir das heutige Netz den Unternehmen, die es betreiben, und denken wir darüber nach, etwas anderes für uns selbst aufzubauen!« Rushkoff nennt es »the next net« – das nächste Internet.

Das klingt verwegen, ja weltfremd. Schließlich nutzen eine Milliarde Menschen weltweit Facebook, obwohl viele um dessen Datenschutzprobleme wissen. 83 Prozent aller Websuchen weltweit werden über Google gestartet, das diese Daten mit denen aus Onlinedokumenten, YouTube-Sehgewohnheiten und E-Mail-Accounts zusammenführt und auswertet. Es scheint, als gäbe es keine Alternativen.

Das sieht Michel Bauwens, Gründer der Stiftung P2P und ehemals Analyst der United States Information Agency, anders: »Gegen-Googles sind immer möglich, denn solche Plattformen hängen immer von ihrer Nutzergemeinde ab.« Wendet die sich ab, verblassen auch helle Sterne am Online-Firmament rasch. Das zeigte etwa der Niedergang des Sozialen Netzwerks MySpace, dem ein damaliges Start-up namens Facebook den Rang ablief.

Die Großen von heute wickeln ihre Dienste über zentrale Server ab, auf denen jede Suchanfrage, jede Datei, jede Mitteilung gespeichert wird – und damit leicht analysierbar ist. Das neue Internet hingegen, wie es Rushkoff, Bauwens und zahlreichen Programmierern vorschwebt, soll dezentral funktionieren: nach dem Peer-to-Peer-Konzept (P2P). Die Daten sind hierbei verteilt auf viele Rechner, meist auf die der Nutzer. Diese Peers speichern zusammen all die Daten, die abgefragt werden, und tauschen sie ständig aus – ohne zentrale Server. Um die Privatsphäre der angeschlossenen Nutzer zu schützen, sind sie im P2P-Netzwerk zudem verschlüsselt. Es wäre eine Herkulesaufgabe, diese Daten in ihrer Gesamtheit ausspähen zu wollen.

Das P2P-Prinzip wurde vor mehr als zehn Jahren erstmals in Datei-Tauschbörsen wie BitTorrent, Kazaa oder Gnutella angewendet. Die zugehörigen Programme sind in der Regel Open-Source-Software, gewissermaßen also digitales Gemeineigentum: Jeder kann den Code einsehen und weiterentwickeln. Im Idealfall könnten so »neue globale Wissensnetzwerke« entstehen, in denen das Teilen im Vordergrund stehe, sagt Bauwens – und nicht Kommerzialisierung oder Überwachung. Und da diese Wissensnetzwerke aus der Gesamtheit aller teilnehmenden Rechner entstünden, sei es kaum möglich, sie abzuschalten oder zu übernehmen.

Anfangs waren die P2P-Dienste meist wenig nutzerfreundlich gestaltet. Inzwischen legen die neuen Angebote Wert darauf, mindestens genauso leicht bedienbar zu sein wie ihre großen, etablierten Gegenstücke. Denn nur dann werden Nutzer bereit sein, sich auf das alternative Netz einzulassen. »Es ist schwer, das nutzerfreundliche Verbraucherparadies von Google und der iPhone-Welt aufzugeben«, weiß auch Douglas Rushkoff. Wer dem Corporate Internet misstraut, wird sich in Zukunft jedoch nicht mehr damit herausreden können, es sei alternativlos.