Besser essen : Mahlzeit!
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Wer sich bevormundet fühlt, reagiert leicht mit Ablehnung oder Trotz

»Zweimal in der Woche eine Wurst oder ein Schnitzel, das vor Fett tropft – das darf sein, finde ich. Das macht ja auch glücklich«, sagt Freitag. Seine Empfehlung entspricht ziemlich genau dem, was auch die Initiative »Job & fit« für angemessen hält. Wer in einer Kantine immer das »Job & fit«-Menü nimmt, bekommt bis zu zweimal in der Woche Frittiertes, an anderen Tagen dafür gemüselastige Gerichte. Die wenigsten Ernährungswissenschaftler verlangen, man solle sich selbst kasteien.

Denn Verbote können eine Trotzreaktion provozieren. Thomas Ellrott erzählt, was in einer Schulkantine passierte, als die Behörden alle süßen Milchgetränke aus dem Angebot verbannten und stattdessen pure Milch anboten: »Die Schüler kauften gar keine Milch mehr, sondern brachten sich ihre eigenen Getränke mit oder holten sich beim Kiosk um die Ecke etwas zu trinken.« Und zwar meist kein Wasser, sondern eher Limo. »Verknappte Produkte werden besonders attraktiv.«

Wer sich bevormundet fühlt, reagiert leicht mit Ablehnung oder Trotz. Sehr anschaulich zeigt eine Studie von Ayelet Fishbach, Professorin für Verhaltensforschung und Marketing an der University of Chicago, dieses Phänomen, das in der Psychologie »Reaktanz« heißt. Fishbach und ihre Kollegen gaben zwei Gruppen von Probanden identische Müsliriegel zu essen. Der einen Gruppe beschrieben sie den Snack als einen Gesundheitsriegel, der anderen als Schokoriegel. Einige durften selbst aussuchen, ob sie den vermeintlich gesunden oder lieber den leckeren probieren wollten, die anderen bekamen einen zugeteilt. Diejenigen, die den angeblich gesunden Riegel essen mussten, hatten hinterher mehr Hunger als die andere Gruppe. Diesen Effekt gab es dagegen nicht bei denen, die freiwillig den gesunden Riegel gewählt hatten.

Das Verbot von Verboten gilt deshalb sowohl für Imbissbuden als auch für Betriebskantinen: »Man darf den Mitarbeitern auf keinen Fall das Gefühl geben, man wolle sie bevormunden«, sagt Ellrott. Auch grundsätzlich gesunde Menülinien in der Kantine dürfen nicht genussfeindlich sein: »Da sollen ruhig auch mal Schnitzel und Currywurst im Angebot sein, aber eben nicht jeden Tag«.

Dann kann man diese seltenen Momente auch gleich in einer Imbissbude wie der am Carlsplatz zelebrieren, mit Papptellern, Plastikgabeln und herrlichem Fettdunst in der Luft. »Und wenn man später ein schlechtes Gewissen bekommt, ist das doch gut«, sagt Freitag. »Daraus entsteht die Motivation, sich am nächsten Tag wieder gesund zu ernähren.«

Der Schreibtisch – Picknick am PC

Mittagspause? Für Berufstätige, die ständig unter Strom stehen, mag der Begriff fremd klingen, nach Behörden und alten Zeiten. Sie arbeiten durch, spielen zwischendurch vielleicht mal eine Runde Angry Birds oder unterbrechen die Arbeit kurz, um im Internet etwas zu bestellen. Die Schreibtisch-Picknicker holen sich nur schnell was und essen nebenbei.

»Essen wird zu einer Nebenhandlung, die sich den aktuellen Rahmenbedingungen anzupassen hat«, heißt es in der Nestlé Studie 2011. Das Institut für Demoskopie Allensbach befragte im Auftrag des Konzerns 10.000 Deutsche zu ihrem Essverhalten. Der Studie zufolge verliert der Alltag vieler Menschen immer weiter an Struktur. Gut ein Drittel der Bevölkerung hat inzwischen ständig oder zumindest teilweise einen unregelmäßigen Tagesablauf. Die Befragten gaben oft an, dass ihnen die Zeit fehle, sich so zu ernähren, wie sie es gerne möchten. Viele klagten, sie äßen zu unregelmäßig und zu viel zwischendurch.

Wer gehetzt isst, tut seinem Körper nichts Gutes. Hektik beeinträchtigt allein schon die Wahl des Essens. »Unterwegs nimmt man meist nicht das Gesündeste, sondern das Praktischste«, sagt Ernährungsmediziner Ellrott. »Einen Burger oder ein Teilchen kann man in einer Hand halten und mit der anderen gleichzeitig am Handy spielen, das geht mit Salat oder Gemüse nicht.« Noch gebe es zu wenige Angebote, um sich unterwegs etwas Gesundes zu holen.

Die Unternehmen scheinen sich aber allmählich auf die Bedürfnisse gehetzter Gesundesser einzustellen. In Düsseldorf gibt es in einer Einkaufsstraße seit Kurzem einen »Rewe to go«. Das Geschäft erinnert ein wenig an den Ladenbereich einer Tankstelle, nur dass es hier keine Zeitschriften gibt, sondern ausschließlich Essen. Die Wände sind grün gestrichen, am Eingang steht ein Kühlregal mit abgepacktem Obst und Gemüse. Wer es eilig hat, kann sich hier in Streifen geschnittenen Staudensellerie und Rettich mit Quarkdip, Salate oder Obst kaufen.

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Kommentare

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Büroessen

Steht bei mir oft auf meinen eingefrorenen Portions-Tuppers mit leckeren Resten vom Wochenende, 100% selbstgemacht.
Gerade auf meinem Teller: Lammbraten mit Weinsauce, Reis mit Salatgurken und Tomaten aus dem Garten (und gekauften Paprikaschoten, die sind eingegangen im Hochbeet).
Im Frankfurter Westend findet man kaum etwas Bezahlbares als Sekretärin; die günstigen Sachen sind grenzwertig. FRoSTA ist eine sehr gute Alternative.
Dass so viele Leute ohne Fix-Tüten nicht mehr kochen können, finde ich traurig.

Strahlung überall!

Man entkommt der Strahlung einfach nicht mehr. Selbst wenn man um die Gefahren der Mikrowelle weiß und diese meidet. Dann sitzt man im Büro, isst einen kleinen Snack, vergisst dabei aber allzu leich, dass alle modernen Lampen aber ebenfalls elektromagnetische Strahlung im Bereich von 400-800 nm ausstrahlen. Aber genau wie bei den Mikrowellen: Es nützt der Industrie und der Staat tut nichts!
Gleiches gilt bei modernen Heizkörpern. Die sparen zwar Energie, aber es ist erwiesen, dass die selbst ausgeschaltet, also bei Raumtemperatur bereits Strahlung mit Wellenlängen über 3µm abgeben. Aber dank der Loobyisten ist sowas frei verkäuflich!

Eine nicht satirische Antwort:

Die Mirkrowelle ist für Vitamine sogar eine schonende Methode.
Strahlung ist, wie hier auf unterhaltsammer Weise :) angemerkt wurde ein weiter Begriff. Ionisierende Strahlung ("radioaktive" Strahlung)ist in höheren Dosen gefährlich, elektromagnetische Strahlung ist je nach Wellenlänge schädlich oder harmlos (254nm nicht gut ; 500 nm harmlos). Die Mikrowelle ist übrigens weitgehend abgeschirmt, so dass sie davor nicht ins bruzzeln geraten. Sorgen sollte man sich eher über Kanzerogene Stoffe, hormonähnliche Substanzen, Schwermetalle machen. Diesen sind wir auch ordentlich ausgesetzt. Oder über zuviel kaltes Licht fürs Auge, undiziplinierte Autofahrer, usw. Gefahren gibt es genug, da muss man nichts hinzudichten.

Nach dem Lesen des gesamten Artikels ...

gibt es wohl nur eine Möglichkeit, nämlich das Essen komplett einzustellen.

Im Ersnt, was sollen all diese Tipps, die mehr verunsichern als helfen und morgen von neuen Studien wieder ad absurdum geführt werden können. Hut, für "Berater" und Konsorten wäre die Welt ärmer, aber eine Kleinigkeit steht dem "gesunden Essen" immer gegenüber. Sterben müssen wir nämlich alle, ob nun gesund ernährt oder nicht.

Herrje...

..."sterben müssen wir alle"... danke für diese Binsenweisheit, die mit einem Rundumschlag jedes Gesundheitsbewusstsein ad absurdum führt. Natürlich müssen wir alle sterben, worum es bei der Ernährung geht ist: wie lange LEBEN wir und mit welcher QUALITÄT! Gesunde, ausgewogene (und trotzdem GENUSSVOLLE) Ernährung steigert Ihre Lebensqualität und verlängert das gesunde Leben. Schlimm genug, dass man so etwas überhaupt noch wiederholen muss...

Und jetzt dürfen Sie wieder auf die Überholspur in Richtung letzte Ausfahrt!

Naturnahe Nahrung

Das leuchtet im ersten Moment ein.

Allerdings zeigt die Geschichte auch, dass gerade durch den großen Abstand zur Natur, den wir in der zivilisierten Welt nun einmal haben, viele Dinge besser für uns laufen, als wenn wir naturnahe leben würden. So ist insbesondere die Lebenserwatung deutlich hochgegangen und die Kindersterblichkeit rapide gesunken. Sicherlich hat dies Grenzen und gerade hinsichtlich Allergien und Autoimmunkrankheiten werden uns was Hygiene und Sterilität antrifft harte Schranken aufgezeigt.

Aber wieso sollte das mit dem Essen nicht ähnlich sein? Das wir nämlich unser Essen und Essverhalten gegenüber dem aus der Natur gebotenen Möglichkeiten optimieren können.

Naturfernes Leben

Keine Ahnung was diese "zivilisierte Welt" sein soll, aber egal.

Zur Sache:

Grundsätzlich stimme ich Ihnen zu, dass Forschung und Technik uns das Leben leichter gemacht hat. "Leichter" mit "Besser" zu verwechseln ist jedoch ein fataler Fehler.

Sie sprechen bereits die Autoimmunerkrankungen und Allergien an, die oft zu den sogenannten "Zivilisationskrankheiten" (Besser Lebensumstandskrankheiten) gezählt werden. Dazu gehört aber auch die extrem verbreitete Adipositas, gerade weil wir nicht mehr Erdbeeren essen, sondern Erbeersauce.

In einer Dokumentation habe ich gehört, dass die Krebserkrankungen in sogenannten "Entwicklungsländern" in denen die Verschmutzung von Boden, Luft und Wasser noch nicht allzu weit fortgeschritten ist, kaum Krebserkrankungen auftreten.

Die Naturferne in der wir leben vermittelt uns durch ihre Bequemlichkeit ein trügerisches Bild.

Liebes Turbohuhn,

ich kann Ihnen nur voll und ganz zustimmen! All diese tollen Ernährungsratschläge, deren Halbwertszeit mitunter kürzer ist als das Papier, worauf sie gedruckt sind, zum Verrotten bracht - cui bono? Hauptsächlich den Ernährungsberatern und Fernsehköchen, vermute ich. Dazu kommt, dass der Begriff "Ernährungswissenschaft", es tut mir leid es sagen zu müssen, fast ein Widerspruch in sich ist. Es gibt so gut wie keine Aussagen in dieser Disziplin, die nicht irgendwann widerrufen werden mussten. Ich weiss, dass ich nichts weiss - das wäre mal ein gutes Motto für alle in dieser Branche Tätigen. Verschont uns doch einfach mit euren Ratschlägen, bitte bitte.

Das Essen ist nur ein Teil...

Ein interessanter Artikel. Er zeigt wieder einmal wie tief verankert im Unbewussten unser Essverhalten ist. Und diese stammesgeschichtlichen Prägungen, die isich in Millionen jahren entwickelt haben, lassen sich nicht so einfach überschreiben. Zumal das Bewusstsein für gesundes Essen kaum 50 Jahre alt ist. Da ist es doch eher erstaunlich, dass es doch Menschen gibt, die in der Lage sind, sich gesund zu ernähren. Dabei erscheint mir die Fixierung auf "gesunde Ernährung" schon auch wieder problematisch zu sein. Ich könnte mir vorstellen, dass "gesundes Essen" auch nur in Verbindung mit einem "gesunden Leben" funktioniert, also mit ausreichender Bewegung, einer guten Balance zwischen Ruhe und Anforderungen, einem harmonischen sozialen Umfeld.
Möglicherweise ist in solch einem "gesunden Leben" die Frage des "gesunden Essens" gar nicht mehr so problematisch, weil man dann eben auf die in Jahrtausenden dem Körper eigenen Verhaltensweisen zurückgreifen kann. Der nicht gestresste Körper hat nämlich durchaus ein Gefühl für die richtige Ernährung, man müsste ihm nur vertrauen.

Allein an der Ernährung rumzudoktern dürfte deshalb ein problematischer Ansatz sein, man sollte das gesamte Lebensumfeld im Auge haben, auch gerade wenn es ums Essen geht.

Sie koennen noch hinzufuegen,

dass das Selbst-Kochen im Zuge der Vetreibung des "Heimchens" vom Herd ins Buero innerhalb zweier Generationen sich zu einer ausgestorbenen Kunst entwickelt hat.
Dass man "Processed Food" (i.e. vorverarbeitet) durch Dekoration mit eine Salatbar als gutes und gesundes Essen maskieren will, egal ob im Restaurant oder daheim schnell zusammengeschmissen, ist ein Taueschungsmanoever.
Wer nicht nur Ramsch essen will muss sich die Muehe machen "originale" Zutaten zu kaufen und die gesamte Zubereitung selbst zu machen.

Unsinn

Berufstätigkeit der Frau und Selberkochen schließen sich doch nicht aus, wie kommen Sie denn darauf? Erstens können sich die Herren der Schöpfung auch gerne zum Kochen aufgerufen fühlen, und zweitens sind Frauen nun wirklich nicht so einseitig konstruiert, dass sie nur eines erlernen können, nämlich Kochen oder einen Beruf.

Und meinen Sie wirklich, die Frauen fühlen sich tatsächlich vom Herd ins Büro "vertrieben"? Ich würde eher denken, diejenigen, die sich die Mühe machen, einen Beruf zu erlernen, üben diesen dann auch recht gerne aus, egal ob Mann oder Frau.

Schade, dass Sie selber kochen offensichtlich als "Mühe" ansehen. Mir macht kochen jedenfalls Spaß und nein, ich werfe nicht irgendwelche Fertigdinger zusammen und hoffe.

... das Bewusstsein für gesundes Essen kaum 50 Jahre alt ...

"Gesundes" Essen kann doch nur das sein, was "natürlich" verfügbar ist und weshalb unser Körper dahingehend durch die Evolution zusammengestrickt wurde. Dazu zählt zumindest für einen Teil der Menschheit die Kuhmilch, weil die Natur vor etwa 6 ka eben mal den Bauplanleicht geändert hat. Und das ist in den Grundzügen 1 Ma her, nicht erst 50 Jahre. Dieses Datum rührt davon her, dass uns irgendwelche Leute qua Amtes weismachen wollen, was angeblich gesund sei ...