Herr Zhang ist in der Moderne angekommen. Wenn er den Hahn in der Wohnung aufdreht, sprudelt warmes Wasser aus der Leitung. »Bis vor Kurzem mussten wir in ein öffentliches Bad gehen, wenn wir duschen wollten«, sagt der 65-jährige Rentner. Viele seiner Landsleute erhitzten ihr Wasser gar über offenem Feuer, um zu baden. Nun liefern landauf, landab solarbetriebene Boiler das warme Wasser. Sauber und ohne CO₂-Emissionen. Mehr als 30 Millionen chinesische Haushalte setzen bereits auf die Sonnenwärme vom eigenen Dach.

Zhang Zhongjie lebt mit seiner Frau in einem Neubaugebiet von Dezhou. In der 5-Millionen-Metropole haben über 90 Prozent der Einwohner Solarkollektoren installiert. Dort produziert Himin, der weltgrößte Hersteller von Solarboilern, jährlich eine Million der Geräte.

War China nicht gestern noch der Bösewicht der internationalen Umweltpolitik? Auf der Klimakonferenz in Kopenhagen Ende 2010 blockierten seine Unterhändler verbindliche Emissionsgrenzen für Kohlendioxid; in dem fernöstlichen Riesenreich gehen immer neue Kohlekraftwerke ans Netz, und eine stetig wachsende Autoflotte verpestet die Luft der Megacitys. Allein, das Bild vom Umweltfrevler stimmt nicht mehr. In China beginnt eine grüne Revolution, die auch von Unternehmen wie Himin und dessen charismatischem Gründer Huang Ming vorangetrieben wird. Der Multimillionär will künftigen Generationen einen »blauen Himmel vererben«.

»Immer mehr Firmen, Universitäten, Lokalregierungen und NGOs ergreifen selbst die Initiative«, sagt Wu Changhua, China-Direktorin der Climate Group, einer unabhängigen Umweltorganisation mit Sitz in London und Shanghai. Auch dem Politbüro ist längst klar, dass drei Jahrzehnte ungebremstes Wirtschaftswachstum katastrophale Folgen für die Umwelt hatten. »China hat aus den Fehlern gelernt und den Weg in eine grüne Zukunft eingeschlagen«, sagt Wu.

Während es bei Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten kaum Fortschritte gibt, zeigen sich Pekings Machthaber in Umweltfragen äußerst reformfreudig. In den vergangenen Jahren haben sie Kampagnen gegen Wüstenbildung gestartet, Umweltschutzgesetze verabschiedet, Wachstumsvorgaben gesenkt. Kein Land der Welt wendet mehr Geld für erneuerbare Energien auf als China. Windkraft, Solarenergie, Elektromobilität, saubere Kohlekraftwerke – Peking mobilisiert alles, um seinen Kohlendioxidausstoß und die Luftverschmutzung zu reduzieren.

Im neuen 5-Jahres-Plan steht: Für jede Einheit des Bruttoinlandsprodukts soll 2020 nur noch halb so viel CO₂ ausgestoßen werden wie 2005. Allerdings würde sich bei einem durchschnittlichen Wachstum von neun Prozent der CO₂-Ausstoß in diesem Zeitraum trotzdem noch verdoppeln. Immerhin will China bis 2020 gut 15 Prozent seines Energiebedarfs aus erneuerbaren Energien decken – knapp doppelt so viel wie heute. Die EU peilt bis dahin auch nur 20 Prozent an.

Die ehrgeizigen Ökopläne Pekings verändern selbst die hintersten Winkel des Landes. Im Nordwesten weichen plötzlich Traktoren und Eselskarren auf den Landstraßen großen Lkw, die Turbinen für Windräder geladen haben. Auf einem kargen Areal von der Größe des Saarlands soll binnen der nächsten acht Jahre der weltweit größte Windpark entstehen. In den umliegenden Kleinstädten werben Windradproduzenten um Arbeiter für das Großprojekt, das der strukturschwachen Region Zehntausende Jobs bringt. 20.000 Windräder sollen hier eines Tages 20 Gigawatt erzeugen. Das entspricht ungefähr der Leistung aller Atomkraftwerke, die in Deutschland vor der Fukushima-Katastrophe in Betrieb waren.

Schon heute ist China mit über 60 Gigawatt installierter Leistung der größte Windstromproduzent der Welt – in Deutschland sind es 29, in den USA 47 Gigawatt. Forscher der Harvard University und der Tsinghua-Universität haben anhand von meteorologischen Daten ausgerechnet, dass im Reich der Mitte im Prinzip genug Wind weht, um das gesamte Land mit Windstrom zu versorgen – sogar dann, wenn die 1,3 Milliarden Chinesen doppelt so viel Strom verbrauchen wie heute, was laut Prognosen 2030 der Fall sein wird.