Tiefseeschutz : "Wir sollten aussterben"

In den Ozeanen sind durch den Menschen unzählige Arten gefährdet, warnen die Tiefseeforscherin Antje Boetius und ihr Vater, der Schriftsteller Henning Boetius. Sie kämpfen für den Schutz der Meere – und fordern härtere Strafen für Umweltsünder.

ZEIT WISSEN: Frau Boetius, Titanic-Regisseur James Cameron ist vor Kurzem mit einem selbst gebauten U-Boot zum tiefsten Punkt der Meere, dem Marianengraben, abgetaucht. Sind Sie neidisch?

Antje Boetius: Eher nicht. Meeresforschung ist meine Leidenschaft und mein Beruf, aber ich würde dafür nicht mein Leben aufs Spiel setzen.

ZEIT WISSEN: Es gab doch Sicherheitsmaßnahmen. Im Notfall wäre sein U-Boot sogar automatisch wieder aufgetaucht.

Antje Boetius: Da hätte viel schiefgehen können. Wer alleine mit einem U-Boot in solche Tiefen taucht, riskiert sein Leben. Cameron hätte dabei umkommen können. Das war gefährlich.

ZEIT WISSEN: Wie groß war der Erkenntnisgewinn?

Antje Boetius: Der Tauchgang war kurz, Cameron konnte nicht viel sehen. Aber ich will seine Leistung nicht schmälern. Ich habe ihn einmal getroffen, er war besessen von dem Projekt. Immerhin hat er eine neue Kameratechnik entwickelt, die hoffentlich noch der Forschung zugutekommt.

ZEIT WISSEN: Herr Boetius, haben Sie Ihre Tochter für die Tiefsee begeistert?

Henning Boetius: Als sie klein war, haben wir uns bei Aquarianern Guppys angeguckt. Ansonsten war mein Beitrag eher bescheiden. Sie war sieben, als ich die Familie verließ. Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Mir ist inzwischen klar, dass ich ein Inselsyndrom hatte. Ich kam als Kind aus den hessischen Bombenkellerwelten nach Föhr, habe mit niemandem kommuniziert, nur mit Büchern. Ich war so was wie ein Wunderkind in Sachen Physik und Mathematik, wollte Kernphysiker werden, habe dann aber über den Schriftsteller Hans Henny Jahnn promoviert. Ich habe sämtliche meiner Karrieren zerstört, bevor sie anfingen. Das mache ich immer noch so.

ZEIT WISSEN: Immerhin sind Sie heute ein bekannter Autor und haben jetzt mit Ihrer Tochter ein dickes Sachbuch über die Tiefsee vorgelegt.

Henning Boetius: Ich sage das auch nur, damit Sie begreifen, warum ich mich in ein Thema wie die Tiefsee in dieser inselsyndromartigen Weise einbohre. Ich kann nicht anders. Bremsen Sie mich, wenn ich den Faden verliere.

Antje Boetius

Antje Boetius wollte früh zur See fahren und den Ozean entdecken. In ihrer Kindheit las sie Piratenromane und liebte die Filme von Hans Hass und Jacques Cousteau. Sie studierte Biologie und Ozeanografie in Hamburg, Bremen und San Diego. Heute ist sie Professorin an der Universität Bremen und leitet die gemeinsame Forschungsgruppe Tiefseeökologie am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und am Max-Planck-Institut in Bremen. Und sie fährt zur See – als Expeditionsleiterin.

Antje Boetius: Du warst immer sehr von der Physik der Ozeane fasziniert, von Wellen, Strömungen oder Stürmen. Bei mir war es die Biologie. Ich hatte damals ein Kinderbuch über Tiefseefische. Dass da unten Leben existiert, das wir nicht kennen, hat mich als Kind sehr beschäftigt.

ZEIT WISSEN: Viele neue Erkenntnisse über die Tiefsee verdanken wir heute dem Census of Marine Life, der Volkszählung der Meere, an der auch Ihre Forschungsgruppe beteiligt war. Vor zwei Jahren wurde Bilanz gezogen – was waren die großen Überraschungen?

Antje Boetius: Der Beweis, wie viel unbekanntes Leben im Meer noch zu entdecken ist, ist durch den Census erstmals systematisch geführt worden. Dabei kamen unglaubliche Zahlen heraus. Im Ozean leben demnach bis zu eine Milliarde unbekannte Arten, wenn man die Schätzungen für Mikroorganismen berücksichtigt. Aber auch wenn es nur um Tiere geht: Mehr als 90 Prozent aller noch unbekannten Arten befinden sich im Ozean.

ZEIT WISSEN: Zum Vergleich: Wie viele Arten kennen wir?

Antje Boetius: Ungefähr eineinhalb Millionen Tierarten an Land und im Meer. Zählt man Pflanzen und Bakterien hinzu, noch viel mehr. Wir kennen also nur ein Promille bis ein Prozent aller Arten insgesamt. Das liegt vor allem an den Kleinstlebewesen, bei denen es noch viel zu entdecken gibt. Die größeren Wirbeltiere sind weitgehend bekannt, aber auch da werden immer noch spektakuläre Funde gemacht.

ZEIT WISSEN: In der Tiefsee herrscht ein Druck von vielen Hundert Bar. Wie halten Lebewesen das aus?

In den Tiefen der Meere leben die wundersamsten Kreaturen. Klicken Sie auf das Bild, um zur Fotostrecke zu gelangen Kevin Raskoff

Antje Boetius: Der Druck spielt für viele Tiefseebewohner keine Rolle. Wasser ist kaum komprimierbar. Wenn Organismen überwiegend aus Wasser bestehen – wie Seegurken, Quallen oder Bakterien – und keine gasgefüllten Hohlräume haben, stört sie Druck wenig.

Henning Boetius: Allerdings wird darüber gestritten, in welcher Tiefe noch Wirbeltiere vorkommen. Als Jacques Piccard 1960 im Marianengraben war, habe er bei der Annäherung an den Grund eine Art Scholle gesehen, sagte er.

Antje Boetius: Aber das ist unwahrscheinlich, ein Druck von 1100 Bar ist vermutlich zu hoch für Wirbeltiere, jedenfalls haben Wissenschaftler noch keine Fische in dieser Tiefe entdeckt.

Henning Boetius: Menschen halten nur ein paar Bar aus. Jetzt stellen Sie sich mal tausend Bar in der Tiefsee vor. Das ist eine der großen Forschungsfragen: Welche Lebewesen können so tief tauchen?

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74 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Nicht ohne Präzedenz

Es gab in der Erdgeschichte schon mehrere Perioden, in denen neu auftretende Spezien plötzlich die Welt eroberten, bis sich das Klima wandelte und sie alle Hopps gingen. Das mit dem Massensterben stimmt übrigens tatsächlich: Rein symptomatisch befinden wir uns gerade in einem der größten Massenaussterben der Erdgeschichte.
Dass mit dem Menschen die Erde untergehen würde halte ich für grob übertrieben, das Leben findet immer irgendwie einen Weg. Nur mitkönnen werden wir halt nicht dürfen =P

Wie wäre es

wenn regelmäßig das Verhalten unserer Gesellschaft und jedes Individuums darin auf die Verträglichkeit mit dem Fortbestehen der Spezies Mensch und des Ökosystems Erde zu überprüfen.
Am Ende würde man vermutlich zum selben Schluss kommen wie Frau Boetius.
Denn wenn wir so weiter machen wie bisher werden wir Menschen uns entweder irgendwann gegenseitig Ausrotten oder wir zerstören unser Ökosystem so weit dass wir nicht mehr darin Leben können, das Ergebnis ist letztlich das selbe.