Anja Schlecht wird an diesem Vormittag Bier trinken und sich einem Schwarm Mücken präsentieren – im Dienste der Wissenschaft und vielleicht sogar auch der Menschheit. Für ihre Tätigkeit bekommt sie etwas Geld. Normalerweise studiert Anja Schlecht Biologie, heute ist sie selbst Teil eines Versuchsaufbaus. Sie steht in einem feuchtwarmen Labor der Universität Regensburg und legt ihre Hand auf die Öffnung eines Plexiglasrohrs. Vom anderen Ende der Röhre schwirrt etwa ein Dutzend Mücken heran, kleine Gelbfiebermücken. In den Tropen übertragen sie das Dengue-Fieber, hier in Regensburg stechen sie nur.

Sie sollen eine Wahl treffen: Das Rohr gabelt sich wie ein Y – die Mücken können nach rechts fliegen in eine Sackgasse. Oder nach links zur Hand von Anja Schlecht. Versuchsleiterin Ulla Obermayr drückt eine Stoppuhr. 30 Sekunden haben die Mücken Zeit. Dann wird gezählt, wie viele sich für die Hand entschieden haben.

Die Forscher gehen einer großen Frage nach: Was zieht Mücken zum Menschen – und was schreckt sie ab? Heute geht es um einen Sonderfall: Sind Menschen mit Alkohol im Blut für manche Mückenarten attraktiver? Kann man mit dem Geruch alkoholisierter Menschen vielleicht sogar Mücken fangen? Die Erkenntnisse sind nicht nur für Biergartenbesucher interessant. Bis zu eine Million Menschen sterben jedes Jahr an Malaria, sie wird von Anopheles-Mücken übertragen. 100 Millionen infizieren sich mit dem Dengue-Virus. Wirksame Fallen könnten Menschenleben retten.

Als Ulla Obermayr nach 30 Sekunden die Uhr anhält, tummeln sich fünf Mücken in der Röhre zu Schlechts Hand. »Jetzt machst du dir erst mal ein Bierchen auf, und dann wiederholen wir das Ganze«, sagt Obermayr. Es sei noch nie so einfach gewesen, Probanden zu rekrutieren, wie für diese Studie, erzählt sie. »Aber morgens um neun Uhr auf 0,8 Promille zu kommen ist anstrengender, als man denkt.«

10.000 Insekten, darunter Gelbfieber- und Anopheles-Mücken, schwirren in grauen Plastikboxen, die sich in dem fensterlosen Raum bis unter die Decke stapeln. Sie gehören der Firma Biogents, einer Ausgründung der Universität, für die auch Ulla Obermayr arbeitet. Zweimal im Monat brauchen die Weibchen Blut für die Eierproduktion. »Die Tiere bekommen dann warmes Rinderblut im Weißwurstdarm«, sagt Firmenchef Andreas Rose, »wir sind hier ja schließlich in Bayern.«

Biogents macht Freilandforschung in Deutschland, Florida, Brasilien und Australien, hilft Biergartenbesitzern und Militärs gegen Mückenplagen, verdient Geld mit Testgutachten über Insektenabwehrmittel und dem Verkauf einer selbst entwickelten Mückenfalle. Manchmal müssen die Experten auch panische Anrufer beruhigen, die glauben, im heimischen Schlafzimmer eine Asiatische Tigermücke erlegt zu haben. Diese Art kann das Chikungunya- oder das Dengue-Fieber übertragen. Bisher gehörten die eingesendeten Exemplare aber stets zu einer harmlosen Art.

In einer früheren Studie haben die Forscher herausgefunden, dass Gelbfiebermücken Menschen mit erhöhtem Promillewert gegenüber nüchternen bevorzugen. DEET, ein von der US-Armee entwickeltes Insektenabwehrmittel, schützte alkoholisierte und nüchterne Probanden allerdings gleich gut vor Stichen. Dieser Test soll nun mit verschiedenen Insektenabwehrmitteln sowie der Malariamücke Anopheles gambiae wiederholt werden.

Die Anopheles-Mücken übertragen einzellige Parasiten auf den Menschen. Diese vermehren sich in der Leber und infizieren rote Blutkörperchen. Krämpfe und Fieberschübe sind die Folge, sie enden oft tödlich. »Malaria ist besonders in armen Regionen verbreitet, und da ist oft auch Alkoholkonsum ein Problem«, sagt Obermayr. »Ob und welche Abwehrmittel unter diesen Umständen Schutz vor Malaria bieten, ist eine wertvolle Information.«

Ein leichter Bierdunst liegt in der Luft, als Anja Schlecht zum zweiten Test antritt. Wieder werden die Mücken aus ihrer Kammer am Ende der Y-Röhre entlassen. Nach einer halben Minute sitzt wieder nur eine Handvoll Insekten an der Gaze, die sie von Schlechts Hand trennt. »Nicht mehr als im nüchternen Versuch«, sagt Obermayr, »besonders begeistert scheinen sie nicht zu sein.« Andreas Rose sagt: »Manche Menschen riechen von Natur aus unattraktiv für Mücken. Vielleicht hast du Glück!«