InsektenforschungStich! Mich! Nicht!

Was Mücken anlockt und abschreckt, erforschen Spezialisten einer Regensburger Firma. Nun hegen sie einen verblüffenden Verdacht: Sind Menschen mit Alkohol im Blut für Mücken attraktiver? von Lennart Pyritz

Eine Mücke macht sich bereit zum Angriff.

Eine Mücke macht sich bereit zum Angriff.  |  © designritter/photocase.com

Anja Schlecht wird an diesem Vormittag Bier trinken und sich einem Schwarm Mücken präsentieren – im Dienste der Wissenschaft und vielleicht sogar auch der Menschheit. Für ihre Tätigkeit bekommt sie etwas Geld. Normalerweise studiert Anja Schlecht Biologie, heute ist sie selbst Teil eines Versuchsaufbaus. Sie steht in einem feuchtwarmen Labor der Universität Regensburg und legt ihre Hand auf die Öffnung eines Plexiglasrohrs. Vom anderen Ende der Röhre schwirrt etwa ein Dutzend Mücken heran, kleine Gelbfiebermücken. In den Tropen übertragen sie das Dengue-Fieber, hier in Regensburg stechen sie nur.

Sie sollen eine Wahl treffen: Das Rohr gabelt sich wie ein Y – die Mücken können nach rechts fliegen in eine Sackgasse. Oder nach links zur Hand von Anja Schlecht. Versuchsleiterin Ulla Obermayr drückt eine Stoppuhr. 30 Sekunden haben die Mücken Zeit. Dann wird gezählt, wie viele sich für die Hand entschieden haben.

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Die Forscher gehen einer großen Frage nach: Was zieht Mücken zum Menschen – und was schreckt sie ab? Heute geht es um einen Sonderfall: Sind Menschen mit Alkohol im Blut für manche Mückenarten attraktiver? Kann man mit dem Geruch alkoholisierter Menschen vielleicht sogar Mücken fangen? Die Erkenntnisse sind nicht nur für Biergartenbesucher interessant. Bis zu eine Million Menschen sterben jedes Jahr an Malaria, sie wird von Anopheles-Mücken übertragen. 100 Millionen infizieren sich mit dem Dengue-Virus. Wirksame Fallen könnten Menschenleben retten.

Als Ulla Obermayr nach 30 Sekunden die Uhr anhält, tummeln sich fünf Mücken in der Röhre zu Schlechts Hand. »Jetzt machst du dir erst mal ein Bierchen auf, und dann wiederholen wir das Ganze«, sagt Obermayr. Es sei noch nie so einfach gewesen, Probanden zu rekrutieren, wie für diese Studie, erzählt sie. »Aber morgens um neun Uhr auf 0,8 Promille zu kommen ist anstrengender, als man denkt.«

10.000 Insekten, darunter Gelbfieber- und Anopheles-Mücken, schwirren in grauen Plastikboxen, die sich in dem fensterlosen Raum bis unter die Decke stapeln. Sie gehören der Firma Biogents, einer Ausgründung der Universität, für die auch Ulla Obermayr arbeitet. Zweimal im Monat brauchen die Weibchen Blut für die Eierproduktion. »Die Tiere bekommen dann warmes Rinderblut im Weißwurstdarm«, sagt Firmenchef Andreas Rose, »wir sind hier ja schließlich in Bayern.«

ZEIT Wissen 5/2012
ZEIT Wissen 5/2012

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

Biogents macht Freilandforschung in Deutschland, Florida, Brasilien und Australien, hilft Biergartenbesitzern und Militärs gegen Mückenplagen, verdient Geld mit Testgutachten über Insektenabwehrmittel und dem Verkauf einer selbst entwickelten Mückenfalle. Manchmal müssen die Experten auch panische Anrufer beruhigen, die glauben, im heimischen Schlafzimmer eine Asiatische Tigermücke erlegt zu haben. Diese Art kann das Chikungunya- oder das Dengue-Fieber übertragen. Bisher gehörten die eingesendeten Exemplare aber stets zu einer harmlosen Art.

In einer früheren Studie haben die Forscher herausgefunden, dass Gelbfiebermücken Menschen mit erhöhtem Promillewert gegenüber nüchternen bevorzugen. DEET, ein von der US-Armee entwickeltes Insektenabwehrmittel, schützte alkoholisierte und nüchterne Probanden allerdings gleich gut vor Stichen. Dieser Test soll nun mit verschiedenen Insektenabwehrmitteln sowie der Malariamücke Anopheles gambiae wiederholt werden.

Die Anopheles-Mücken übertragen einzellige Parasiten auf den Menschen. Diese vermehren sich in der Leber und infizieren rote Blutkörperchen. Krämpfe und Fieberschübe sind die Folge, sie enden oft tödlich. »Malaria ist besonders in armen Regionen verbreitet, und da ist oft auch Alkoholkonsum ein Problem«, sagt Obermayr. »Ob und welche Abwehrmittel unter diesen Umständen Schutz vor Malaria bieten, ist eine wertvolle Information.«

Ein leichter Bierdunst liegt in der Luft, als Anja Schlecht zum zweiten Test antritt. Wieder werden die Mücken aus ihrer Kammer am Ende der Y-Röhre entlassen. Nach einer halben Minute sitzt wieder nur eine Handvoll Insekten an der Gaze, die sie von Schlechts Hand trennt. »Nicht mehr als im nüchternen Versuch«, sagt Obermayr, »besonders begeistert scheinen sie nicht zu sein.« Andreas Rose sagt: »Manche Menschen riechen von Natur aus unattraktiv für Mücken. Vielleicht hast du Glück!«

Leserkommentare
    • TomFynn
    • 07. August 2012 19:25 Uhr

    kann ich feststellen:

    Nur eine tote Mücke ist eine gute Mücke.

    ...außer Bud Spencer natürlich...

  1. und wieder wegfliegen! Die sch..juckenden Quaddeln koennen sie sich sparen!

  2. "langärmeliger, heller Kleidung"

    Dass lange Aermel helfen, ist plausibel und dass Stechmuecken dunkle Kleidung oder dunkle Rucksaecke extrem attraktiv finden kann ich bestaetigen. Was in der Liste noch fehlt sind Kopfbedeckungen mit Moskitonetzen. Sieht in der zivilisierten Welt zwar seltsam aus, kann aber (z.B. in nordamerikanischen Waeldern) notwendig sein.

  3. Der Alkohol geht nicht nur ins Blut, er verteilt sich in der gesamten Körperflüssigkeit, es dauert daher, bis er überall angekommen ist. Also bitte ein neuer Versuch, die notwendige Alkoholmenge nach Geschlecht und Gewicht des Opfers bestimmen, kippen und 2 Stunden warten, erst dann den Test durchführen.

    • ztc77
    • 07. August 2012 22:29 Uhr

    Ich habe mir einen Garten gekauft in einem Gelände mit mehreren Walnussbäumen. Anfangs fand ich diese Bäume störend, die Blätter enthalten viel Säure, werden deshalb schwarz und die Menge der Walnüsse, die jedes Jahr anfällt, kann niemand brauchen. Später fand ich heraus, dass die Gärten schon sehr alt sind und die Walnussbäume ein natürliches Mittel sind, um die Anzahl der Stechmücken zu reduzieren. (Wohlgemerkt, REDUZIEREN und nicht zu 100 % vertreiben.) Nach meinem subjektiven Gefühl scheint das zu stimmen.

    Weiß jemand mehr dazu?

  4. ...Diabetes Typ 1 und bin seitdem nicht mehr gestochen worden, kein Witz ! Das ist mir zum ersten Male in der Türkei aufgefallen : Meine Ex war im gleichen Zimmer und sah aus, als hätte sie auf einem Nagelbrett geschlafen, während ich ohne ein Pickser am nächsten Morgen aufgestanden bin. Ich habe das über die Jahre verfolgt und kann sagen: die Mücken mögen kein süses Blut !!

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    Na dann scheint Ihr Diabetes ja nicht ausschließlich von Nachteil zu sein :)

    Ich selbst habe ein Jahr in Westafrika gelebt und meine (europäischen) Freunde dort mit meiner Moskitoresistenz in den Wahnsinn getrieben. Die beiden, mit Repellents eingesprüht, von Mücken umschwärmt - ich in kurzen Hosen, ohne jegliche Schutzmaßnahmen (schlief nichtmal unter einem Netz) selbst in der Dunkelheit nicht gestochen. Hatte im ganzen Jahr einen einzigen Stich. Habe viele andere Europäer mit Malaria gesehen, unschöne Sache ...

    Manche Menschen haben halt Glück :D

    • sauce
    • 27. Juli 2013 17:02 Uhr

    Bei einem gut eingestellten Diabetes sollte das Blut aber nicht 'süßer' sein als das von gesunden Personen ;)

    • uboot
    • 07. August 2012 22:55 Uhr

    ...haben uns schon einen Sommer Ruhe verschafft. Die scheinen die Biester nicht zu mögen.
    Ansonsten bleibt nur noch:
    http://www.youtube.com/wa...

    Viel Erfolg!

  5. Kein Scherz! Ich werde extrem seltenst gestochen und wenn, dann stirbt die Mücke noch wären sie mein Blut saugt. Sie ist tot und ihr Rüssel steckt noch in meiner Haut. Ich brauch sie dann nur "abzuflücken".

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    • TomFynn
    • 08. August 2012 10:40 Uhr

    Die sind besoffen. :-)

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