PsychotherapieDas Grauen in Pixeln
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Gruppensitzung mit Avataren

Wem würde das keinen Stich versetzen? Ein wahrer Horror wäre so ein Date aber für Menschen mit Sozialphobie. Sie fürchten ständig, von anderen abgelehnt zu werden. Für diese Leute ist die Avatarfrau gedacht. Sie ist Bestandteil der Simulation "Blind Date" , die Wissenschaftler der niederländischen TU Delft für Sozialphobiker entwickelt haben.

Sozialphobie ist eine der häufigsten Angststörungen, manchen Schätzungen zufolge sind fast zehn Prozent der Bevölkerung einmal im Leben davon betroffen. Das habe ihn gereizt, sagt Willem-Paul Brinkman aus der Abteilung Interaktive Intelligenz. "Will man diese Leute therapieren, muss man ihnen das Gefühl vermitteln, mit einer anderen Person zu reden." Deshalb baut Brinkman Welten mit sprechenden Avataren. Deren Sätze sind vorformuliert und lassen sich per Mausklick abrufen. Ob die virtuelle Frau ihr Gegenüber abserviert oder anflirtet, entscheidet der Therapeut. Klickt er die entsprechenden Kästchen an, kann das spröde Wesen auch Süßholz raspeln: "Ich bin Kosmetikerin, aber so gut, wie du aussiehst, brauchst du ja keine", sagt sie dann etwa.

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Brinkmans Team hat eine Reihe solcher Welten entworfen, darunter ein Geschäft, in dem man einen BH kaufen soll, und ein virtuelles Auditorium, vor dem man einen Vortrag halten muss, während die Zuhörer vernichtende Signale von Langeweile senden. Eines Tages, so hofft Brinkman, können Patienten mit diesen Szenarios am Rechner zu Hause trainieren.

Nichtrauchen üben in der virtuellen Kneipe

"Übung ist unerlässlich für Leute mit Sozialphobie", erklärt Paul Emmelkamp , Professor für Klinische Psychologie an der Universität Amsterdam. Für die meisten sei aber schon ein gewöhnliches Rollenspiel zu beängstigend. "Virtuelle Realität senkt die Hemmschwelle", sagt er. Eine Studie an seinem Institut soll zeigen, wie effektiv die virtuelle Therapie im Vergleich zur Konfrontation mit echten Personen ist. Ein paar Patienten wurden schon erfolgreich behandelt. "Die vorläufigen Daten sind positiv", sagt Emmelkamp. "Aber wir brauchen noch mehr Patienten, um verlässliche Aussagen machen zu können." Erste Studienergebnisse aus Kanada deuten darauf hin, dass die virtuelle Therapie tatsächlich gleichwertig ist.

Bisher jedoch werden nur sehr wenige Patienten virtuell therapiert. In Deutschland können sie sich lediglich in Würzburg in der Ambulanz des Instituts für Psychologie gegen einige spezifische Phobien behandeln lassen, manche auch in Münster, sofern sie an einer Studie teilnehmen. In den Praxen der Psychotherapeuten ist die Methode noch nicht angekommen. Dabei würde sie in vielen Fällen sogar von der Krankenkasse bezahlt, sagt Andreas Mühlberger. Nur die Behandlung reiner Flugphobien übernimmt die Kasse grundsätzlich nicht.

Möglicherweise werden in Zukunft nicht nur Ängste virtuell kuriert. Längst erkunden Forscher weitere Anwendungen. Die Spinnenkammer der Universität Würzburg etwa lässt sich auch in ein virtuelles Klassenzimmer verwandeln, in dem Schulkinder Papierflieger werfen und einander Briefchen zustecken, während der Proband einen Konzentrationstest absolvieren muss – eine mögliche Diagnose- oder Trainingsmethode für Kinder mit ADHS.

Andere Wissenschaftler versuchen, Nikotinabhängigen mithilfe rauchender Avatare beizubringen, der Versuchung zu widerstehen. Und auf einer Konferenz in Quebec stellten Psychologen kürzlich eine virtuelle öffentliche Toilette mit verdreckten Urinalen vor – vielleicht bald ein Trainingstool für Neurotiker mit Waschzwang. Die virtuelle Welt scheint also zumindest die Fantasie der Forscher und Entwickler ins Unermessliche zu steigern.

Das menschliche Gehirn stellt sich schnell auf das neue Szenario ein – und akzeptiert die virtuelle Welt als alternative Wirklichkeit.

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Leserkommentare
  1. "Spinnenphobikern etwa graut es schon vor Fotos oder Zeichnungen der Tiere."

    Schade, dass durch das gewählte Titelbild zumindest eine Zielgruppe für diesen interessanten Artikel definitiv ausgeschlossen wird. Oder dient dies etwa bereits der Therapie? :-)

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