Wenn Carmen im Garten spielen möchte, Lupita aber lieber drinnen ihr Buch zu Ende lesen will, dann haben die beiden ein Problem. Denn Carmen kontrolliert nur eines ihrer beiden Beine, das rechte. Was das andere macht, darüber bestimmt ihre Schwester Lupita. Erst mit drei Jahren lernten die Zwillinge laufen, ein Physiotherapeut musste ihnen zeigen, wie sie ihre Schritte aufeinander abstimmen. Heute haben Carmen und Lupita längst kein Koordinationsproblem mehr. Tut eine von ihnen einen Schritt, macht die andere wie von selbst den zweiten. Sie einigen sich schnell darauf, wohin sie wollen, so wie sie sich eigentlich auf alles einigen. Die zwölfjährigen Mädchen verstehen sich nahezu intuitiv, ihnen bleibt gar nichts anderes übrig: Jede Sekunde ihres Lebens verbringen die siamesischen Zwillinge gemeinsam.

Carmen und Lupita sind am unteren Ende der Wirbelsäule zusammengewachsen. Als sie zwei Jahre alt waren, reiste ihre Mutter von der mexikanischen Heimatstadt Veracruz in die USA, um sie operativ trennen zu lassen und ihnen ein normales Leben zu ermöglichen. Gleich bei der ersten Untersuchung erkannten die Ärzte jedoch, dass die Mädchen untrennbar sind. Zwar hat jede von ihnen zwei eigene Arme, ein eigenes Herz, einen Magen, eine Lunge. Doch teilen sie sich einen Unterkörper: die beiden Beine, ihre Geschlechtsorgane und lebenswichtige Organe wie den Darm. Die Mutter war am Boden zerstört. Carmen und Lupita würden für immer im selben Körper leben müssen. Zusammen. Viele lässt dieses Wort an Geborgenheit und Glück denken, bei Carmen und Lupita klingt es aber wie ein Fluch.

Als die Fotografin Annabel Clark die Zwillinge zum ersten Mal besuchte, waren sie sieben Jahre alt und lebten bereits in Connecticut in den USA. Sie spielten ihr etwas auf dem Klavier vor, Lupita mit ihrer linken Hand, Carmen mit der rechten. Sie schlugen Purzelbäume, machten Handstand, tobten und rannten bemerkenswert schnell. »Ich hatte erwartet, dass sie Schwierigkeiten haben würden, sich zu bewegen, und dass sie sich irgendwie anders verhalten würden als andere Mädchen in ihrem Alter«, sagt Clark, die Carmen und Lupita seit fünf Jahren regelmäßig fotografiert. »Aber es gab keinen Unterschied.« Die physische Einzigartigkeit der Zwillinge schien sich auch nicht auf ihre Psyche auszuwirken. Lupita ist eher schüchtern und zurückhaltend, sie liebt Tiere und Bücher. Carmen ist extrovertiert und dominant, mag Pop- und Hip-Hop-Musik. Zwei eigenständige Persönlichkeiten, die sich miteinander arrangieren – müssen.

Schuld daran ist die unwahrscheinliche Kombination von ein paar kleinen Fehlern in den ersten Wochen der Schwangerschaft: Zellen und Zellverbünde teilten sich nicht rechtzeitig nach dem üblichen Muster. So wurden wichtige Weichen anders gestellt, zwei Leben in einen Körper gepresst. Die meisten siamesischen Zwillinge sterben noch im Mutterleib oder kurz nach der Geburt. Auf rund eine Million Geburten kommt daher nur ein lebensfähiges siamesisches Zwillingspaar. Meist wird so schnell wie möglich eine Operation angesetzt, um es zu trennen. Weltweit gibt es derzeit nur rund 20 ungetrennte siamesische Zwillinge.

Wenige Chirurgen haben Erfahrung mit dem Trennen siamesischer Zwillinge, und jede Verwachsung unterscheidet sich von der anderen. Entsprechend variieren die Risiken, die eine Operation birgt. Besonders gering sind die Erfolgsaussichten bei Zwillingen, die am Kopf zusammengewachsen sind. Vier von fünf sterben oder sind nach dem Eingriff schwerbehindert. Rund 70 Prozent der siamesischen Zwillinge sind allerdings am Brustkorb zusammengewachsen. Wenn sie über jeweils eigene Organe verfügen, kann man sie schon im Säuglingsalter ohne Weiteres trennen.

Für Carmen und Lupita kam eine Operation nicht infrage. Zu viel nutzen die zwei Mädchen gemeinsam von dem einen Körper. Sie haben sich damit arrangiert. Sie empfinden sich nicht als fehlerhaft, sondern als anders. Als ihre Mutter ihnen vor einiger Zeit erzählte, dass sie extra in die USA gereist war, um sie trennen zu lassen, fragten sie irritiert: »Warum wolltest du uns halbieren?«

Bislang sind die Mädchen zufrieden mit ihrem geteilten Dasein. »Wir streiten uns fast nie«, beteuern sie. Und auch die Fotografin Annabel Clark, die Carmen und Lupita nun seit Jahren kennt, sagt: »Sie sind glücklich.« Allerdings: Jetzt stehen sie kurz vor der Pubertät. Was, wenn sich eine von beiden verliebt in jemanden, den die andere nicht ausstehen kann? Sie werden nicht einmal jemanden küssen können, ohne dass die Schwester es mitbekommt – niemals wird eine von ihnen einen Mann ganz für sich allein haben.