Vielleicht kommen ein paar Stunden Unterricht nicht an gegen die Verführungen der Lebensmittelindustrie und die Verwirrung, die sie mit ihrem Marketing stiftet. Welchen Aufwand sie betreibt, um ihre Produkte in ein gutes Licht zu rücken, war zuletzt bei den Olympischen Spielen in London zu sehen, wo ausgerechnet Coca-Cola, McDonald’s und der Schokoladenhersteller Cadbury als Hauptsponsoren auftraten. Hendrik Jürges ist noch immer fassungslos. "Man könnte meinen, Cola und Burger seien Sportlernahrung." Seiner Ansicht nach haben Staaten die Pflicht, Werbung dieser Art zu regulieren.

Eigentlich hatte die europäische Lebensmittelindustrie vor einigen Jahren eingewilligt, zumindest Werbung einzuschränken, die sich an Kinder richtet. Doch die Selbstverpflichtung blieb in Deutschland ohne Folgen. Das hat der Wirtschaftsrechtler Tobias Effertz von der Universität Hamburg in einer Studie über Fernsehwerbung nachgewiesen. Effertz hält es daher für nötig, Lebensmittelwerbung für Kinder zu verbieten. "Eine Vielzahl an Studien belegt die ungünstige Werbewirkung auf Kinder", sagt er. "Kinder hinterfragen das Produkt nicht kritisch, sondern lassen sich durch die emotionale Ansprache der Werbung begeistern und zum Kauf bringen."

Selbst wenn Kinder wissen, was gut für sie ist und was nicht – was nützt das schon, wenn die Umwelt es ihnen so schwer macht, entsprechend zu handeln? Wenn sie sogar am Schulkiosk zum Naschen angestiftet werden? Der Ernährungsmediziner Hans Hauner hat sich auf Schulhöfen umgesehen und war entsetzt über den "Schrott", der dort verkauft wird: Minipizzen und Zuckerwasser. "Oft liegen nicht mal Äpfel aus", beklagt Hauner.

Zwar hat die EU ein groß angelegtes Schulobstprogramm initiiert, das Schülern kostenlos Früchte bereitstellt, doch hierzulande nehmen nur sieben Bundesländer daran teil. "Ich würde mir wünschen, dass es festgelegte Standards für alle gibt", sagt Hauner. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat längst Empfehlungen für die Schulverpflegung erarbeitet, sie sind aber nicht verbindlich. Für Thomas Danne von diabetesDE ist das nicht nachvollziehbar. "Es ist nicht akzeptabel, dass die Politik es zulässt, dass an Schulen die Gesundheit Hunderter Kinder zugunsten der finanziellen Interessen eines Caterers aufs Spiel gesetzt wird." Danne schlägt vor, alle Schulen mit Wasserspendern auszurüsten, um gesunde Alternativen zur süßen Limo zu schaffen.

Studien aus den USA belegen, dass eine strengere Regulierung des Lebensmittelangebots an Schulen sich günstig auf den Konsum und das Gewicht der Schüler auswirkt. Natürlich lässt sich einwenden, dass die Kinder ihre Cola auch auf dem Schulweg besorgen oder von zu Hause mitbringen können. Nicht zu unterschätzen sind zudem die Trotzreaktionen, die eine gut gemeinte Initiative hervorrufen kann. Als Starkoch Jamie Oliver britische Schulen auf gesundes Essen umstellte , waren manche Eltern so empört, dass sie ihren Sprösslingen in der Pause Fish and Chips durch den Schulzaun zusteckten. "Das kann aber kein Argument dafür sein, ungesundes Zeug direkt auf dem Schulhof zu verkaufen", sagt Danne. Er ist dafür, ein Verkaufsverbot pädagogisch zu begleiten und die Eltern einzubeziehen, um Trotzreaktionen vorzubeugen.

Widerstand regt sich immer, wenn es um Eingriffe ins Private geht, und die sind bei Bemühungen um die Bevölkerungsgesundheit manchmal nötig. "Als die Anschnallpflicht im Auto eingeführt wurde, haben die Leute getobt, aber heute zieht niemand mehr den Nutzen in Zweifel", sagt Anja Kroke . Die Professorin für Public Health Nutrition von der Hochschule Fulda ärgert sich über die Schieflage der Prioritäten. "Im Hygienebereich wird so viel reguliert, dass kleine Betriebe an den Auflagen zugrunde gehen", sagt Kroke. "Wenn man aber gegen Lebensmittel vorgehen will, die auf Dauer und in großer Menge ganz klar schlecht für uns sind, dann ist der Ärger groß."

Die Bundesregierung hat sich dafür entschieden, keinen Ärger zu provozieren. "Eine politische Steuerung des Konsums und Bevormundung der Verbraucher durch Werbeverbote und Strafsteuern lehnen wir ab", heißt es im Koalitionsvertrag. Es ist ein Dilemma für Politiker: Schränken sie die Freiheit der Verbraucher ein, machen sie sich unbeliebt. Und wenn sie nicht konsequent genug handeln, werden sie womöglich nicht viel bewegen.

Thomas Danne hat für die Zurückhaltung der Politiker dennoch kein Verständnis. "Ich bin darüber schlicht entsetzt", sagt er. Es sei höchste Zeit für eine umfassende Präventionspolitik – für eine konzertierte Aktion statt halbherziger Einzelprojekte.

Fest steht, dass es nicht damit getan sein wird, nur beim Essen anzusetzen. Der gesamte Lebensstil eines Menschen hat Einfluss auf Körperfülle und Gesundheit. Bei Kindern und Jugendlichen etwa ist Studien zufolge der größte Risikofaktor für Übergewicht ein hoher Fernsehkonsum. "Wir leben in einer Welt, die Übergewicht fördert", sagt Anja Kroke. Das zu ändern erfordere ein grundlegendes Umdenken in allen Politikbereichen. Solange Radfahrer sich auf den Straßen in Lebensgefahr begeben, Schwimmbäder aus Kostengründen schließen und die Innenstädte mit Imbissen zugepflastert sind, wird das Problem nicht zu lösen sein. Wissenschaftler fordern daher eine kohärentere Politik. "Ich frage mich etwa, ob wir Agrarsubventionen für die Fleischerzeugung brauchen, wo doch Mediziner vor zu hohem Fleischkonsum warnen", sagt Kroke. Bei politischen Entscheidungen sollten sich die Ressorts untereinander abstimmen und stets die Konsequenzen für die Gesundheit der Bevölkerung bedenken.

Bis sich diese Sicht durchgesetzt hat, wird Thomas Danne wohl noch viele Schubkarren auskippen müssen. Eines hat er gelernt: Es ist nicht einfach, hinterher Abnehmer für die Zuckerwürfel zu finden. Der Zoo wollte sie nicht haben, auch ein Pferdehof lehnte ab. Begründung: Die Tiere sollten so etwas Ungesundes nicht fressen.