Gesunde ErnährungDie Staatsdiät

Die Deutschen werden immer dicker. Manche fordern daher, der Staat solle die Bürger vor ungesundem Essen schützen, etwa durch Steuern oder Erziehung. Was würde das bringen? von Claudia Wüstenhagen

Wenn es um das Wohl der Bevölkerung geht, greift Thomas Danne schon mal im Nadelstreif zur Schubkarre. Gleich zwei Karren stehen an diesem Vormittag auf einem Schulhof in Berlin-Wedding, die Ladung glitzert im Sonnenlicht: Zuckerwürfel, bergeweise. Danne will sie auf dem Boden auskippen – wie Mist auf einem Haufen. Journalisten sind gekommen, das Fernsehen ist da, gleich wird Renate Künast eintreffen. Sie soll mit anfassen.

Thomas Danne ist Kinderarzt und Vorstandsvorsitzender von diabetesDE – dem Verein Deutsche Diabetes-Hilfe. Mit der Aktion will er gegen den Verkauf von zuckerhaltigen Getränken an Schulen protestieren. "Ein Sechsjähriger nimmt allein über Limonade fünf Kilogramm Zucker im Jahr zu sich, ein Jugendlicher sogar 30 Kilo", sagt Danne. Damit sich das jeder vorstellen kann, stehen eine kleine und eine große Schubkarre mit dieser Ladung auf dem Schulhof. Zusammen enthalten sie mehr als 11.600 Würfel. Einige Schüler posieren um die Karren und halten lächelnd Wasserflaschen in die Kameras.

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So sieht es aus, wenn Gesundheitsexperten PR für bessere Ernährung machen. Es ist eine gut gemeinte Aktion, doch nahezu lächerlich, verglichen mit dem gigantischen Marketing und den immer neuen Produkten der Lebensmittelbranche, die über Jahrzehnte eine Welt der ständigen Verführung geschaffen hat. Deutschland ist zum Schlaraffenland geworden. Und seine Bewohner werden immer dicker .

Einige Experten sehen Pommes, Cola und Co. inzwischen in einer Reihe mit Tabak und Alkohol, sie fordern ein entschlossenes Eingreifen des Staates. Er solle seine Bürger vor ungesundem Essen schützen und gesunde Entscheidungen erleichtern: etwa Steuern auf Fettiges oder Süßes erheben, Verkauf und Werbung regulieren, eine flächendeckende Gesundheitserziehung einführen. New York ist diesen Schritt schon gegangen : Vor Kurzem hat die Stadt beschlossen, dass Restaurants ab März Softdrinks nur noch in Bechern bis maximal 0,47 Liter verkaufen dürfen.

ZEIT Wissen 6/2012

Ob der Staat den Menschen ins Essen reinreden sollte, ist eine moralische Frage – die Meinungen gehen auseinander. Ob das überhaupt funktionieren kann, ist eine andere. So versuchen Mediziner, Ökonomen und Public-Health-Forscher zu ergründen, was Politik überhaupt ausrichten kann – ob und mit welchen Mitteln sie Menschen dazu bringen könnte, sich gesünder zu ernähren. Eines ist klar: Einzelne Maßnahmen werden kaum etwas ändern.

Dabei ist das Problem nicht mehr kleinzureden. Zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen haben hierzulande Übergewicht, jeder Fünfte ist gar adipös – gefährlich für die Bevölkerungsgesundheit. "Starkes Übergewicht fördert Wohlstandskrankheiten, von Diabetes über Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs bis hin zu Alzheimer ", sagt der Ernährungsmediziner Hans Hauner von der TU München.

Eine Lösung, die naheliegt und für Staaten naturgemäß attraktiv ist: Steuern erheben. Dänemark hat vor einem Jahr eine Steuer auf gesättigte Fettsäuren eingeführt, Ungarn besteuert Junkfood und Frankreich seit Kurzem Softdrinks. Auch David Cameron und Barack Obama haben schon eine Steuer auf Ungesundes erwogen, und der UN-Sonderbotschafter für Ernährung, Olivier de Schutter , empfiehlt sie als wichtigen Beitrag zur Bevölkerungsgesundheit.

Leserkommentare
    • Katja71
    • 02. November 2012 13:20 Uhr

    Ich denke dass viele heute das Gefühl für Nahrung abhanden gekommen ist. Man sollte doch merken was gesund ist oder nicht. Leider haben wir aber auch ein ewiges Überangebot so dass jeder Einkauf auch ein ständiger Kampf mit sich selber ist. Und was Diät betrifft gibt es doch immer noch nichts eindeutiges. Ständig ist was anderes der Grund. Kohlenhydrate, Fett, Sachen trenne, Dinge weglassen, manches nur zu bestimmten Zeiten essen usw. Aber ich denke dennoch das man es auch in der Hand hat wie man aussehen möchte. Mit 20 jahren 150kg, dann rapide (2 Jahre) bis auf 70kg abgenommen und seither kämpfe ich täglich. Und ja, es nervt mich und ich würde nichts so toll finden wie essen zu können was ich möchte, soviel ich möchte. Ich liebe Eisbein, Schmalzstullen, gegrillte Bauchscheiben, Soße...., ich esse Pute, Fisch, Salat, Salat und gelegentlich Salat. Ist nervig aber besser als wieder fett zu werden (wenn mir einige jetzt einen Dachschaden unterstellen würde ich denjenigen zustimmen). Und ich kenne die Kalorienlisten auf Lebensmitteln mittlerweile sehr gut da alles über einem bestimmten Wert zurückgestellt wird. Treibt mich aber auch oft in die Verzweiflung. Was mich aber immer neu ärgert ist die Tatsache das die ungesunden Dinge überwiegend weit billiger sind. Das Kilo Eisbein kostet 2,50€ und die Tomaten im Winter dann 4€. Kein Wunder das Leute mit weniger Geld dann lieber Eisbeineintopf kochen als Salat zu machen.

  1. Warum, bitte, gelingt es nicht, eine einfache Ampeletikettierung bei Lebensmitteln einzuführen?

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    hat, so einfach ist die Antwort.

    Denn diese einfache und klar vertsändliche Kennzeichnung würde weit mehr Verbraucher erreichen, als das absichtlich kleingedruckte mit endlosen Zutatenlisten etc...und absichtlich verwirrenden Kalierentabellen, weil jeder Hersteller eine Portion z.B. bei Müsli mit Milch oder Joghurt anders definiert und ein wirklicher Vergleich kaum möglich bzw. auffwendig ist.

    Das ist alles so gewollt und politisch auch auf Druck der Lobby so umgestzt worden. Die Lebensmittelampel hätte den Lebensmittelkonzernen wirklich gefährlich werden können oder gar ein effektives Werbeverbot für Kinderprodukte, die gezielt auf Kinder zugeschnitten werden.

    All das kommt aber nicht und vor einer marginalen Steuer muss die Lobby nicht zittern, genau deshalb wird sowas propagiert. Und die sogenannten Selbstverpflichtungen der Lebensmittellobby bei Kinderwerbung greift nachweislich überhaupt nicht !

    Solange sich die Politik in Deutschland bzw. auf EU Ebene weiter von der Lobby die Bedingungen und Gesetze zur Kennzeichnung etc. diktieren lässt, wird das Problem des Übergewichtes weiter anwachsen.

    Beim zweiten großen Faktor der Bewegungsarmut sieht es nicht besser aus, was die politischen Rahmenbedingungen angeht. Die Autolobby hat nach wie vor einen sehr großen Einfluss und verhindert alles, was ÖNVP oder Fahradfahren endlich gleichberechtigte Bedingungen im Strassenverkehr verschaffen könnte.
    Es geht nur über öffentlichen Druck, wenn sich was ändern soll.

  2. Die Mehrwertsteuer für Obst abzuschaffen wäre ein sehrsinnvoller Ansatz. Da Fettleibigkeit in besonderem Maße auch ein Armutsproblem ist, wäre an dieser Stelle ohne großen Aufwand und ohne Bevormundung eine Menge erreicht. Das Problem liegt doch auch darin, dass eine gesunde und frische Ernährung einfach viel teurer und damit für die unteren Einkommensschichten in Deutschland einfach unerschwinglich ist. Besonders diesen Menschen wäre durch Abschaffung oder der Mehrwertsteuer geholfen.

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    • Gerry10
    • 02. November 2012 13:30 Uhr

    ...ich lebe in Irland und dort gibt es keine Mehrwertsteuer auf die meisten Nahrungsmittel. Trotzdem hat der Staat die gleichen (Gewichts)Probleme wie überall.
    Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer würde zwar auch nur bedingt dazu beitragen das Menschen sich gesund ernähren - wobei wie gesagt, wir diesen Begriff erst mal definieren müssen - aber nach dem Verursacherprinzip würden zumindest die zusätzlichen Kosten dementsprechend weitergegeben.

    • gast007
    • 02. November 2012 13:25 Uhr

    ... sie wurde aber durch unser Ministerium mit dem absolut irreführenden Titel "Verbraucherschutz" torpediert. Dieses Ministerium muss sich seit Jahrzehnten der immer gleichen Frage stellen, ob es ein (Land-)wirtschaftlicher Lobbybetrieb oder lediglich ein ineffektives Haus zum Verblasen von Steuergeldern ist. Für die Verbraucher hat dieses Ministerium allenfalls Randständiges erreicht.

    Die Ampelkennzeichnung der Lebensmittel liesse auf den ersten Blick erkennen, wieviel Fett und Kalorien in den Sachen steckt. Der Kunde könnte schon im Laden mühelos sortieren. Die vom Ministerium durchgeboxte Version heutiger Kennzeichnung in Kleinstschrift (für Ältere ohne Lesebrille absolut unlesbar) und die willkürliche Portionsdeklaration sind nichts als zynische Verbraucherverar.....

    Es muss also erneuter öffentlicher Druck her, das bestenfalls unfähige, normalenfalls vermutlich korrupte Ministerium so auf Vorderman zu bringen, dass es die Ampelkennzeichnung durchzusetzen hilft.

    • ST_T
    • 02. November 2012 13:26 Uhr

    Ich war nämlich stark untergewichtig und habe fast die doppelte Portion eines Erwachsenen gegessen. Nun wiege ich etwa 64 Kilogramm bei 1,75 Körpergröße, was immer noch relativ wenig ist.

    Das Problem ist viel drastischer: Dadurch habe ich weitaus höhere Lebensmittelkosten als ein normaldicker Mensch, und bei Krankheit bin ich ziemlich schnell lebensgefährdet wenn ich kaum Hunger habe.
    Hätte ich eine schlimmere und längere Krankheit kann man sich ungefähr vorstellen wie es mir dann gehen würde...

    Ich treibe in der Regel mehrfach die Woche Sport und bewege mich ausgiebig, ernähre mich aber dafür nicht unbedingt gesund.

    Die Frage ist wohl weniger die gesunde Ernährung als die eigene Faulheit und Unfähigkeit, sich auf Sport einzustellen. Man schaue sich nur den durchschnittlichen Fernsehkonsum des Deutschen an um solche Vermutung beweisen zu können.
    Die meisten Menschen die ich kenne schaffen es nicht einmal, sich für zwei Stunden Sport pro Woche anzustrengen!

    Aber stimmt, lieber ist es einfach, sich selbst mit Entschuldigungen resignierend zu sagen, man hätte ja alles getan und es wären die äußeren Umstände als dass man sich selbst bemüht.
    Eine Verteuerung billiger Lebensmittel ist der falsche Ansatz.
    Lieber sollte man Sporterziehung fördern und mehr Sportkurse anbieten!

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    Für Untergewichtige wäre eine solche Steuer ja schon echt unfair, zumal das ja mit einem viel höheren Gesundheitsrisiko verbunden ist als Übergewichtigkeit

    • Gerry10
    • 02. November 2012 13:30 Uhr

    ...ich lebe in Irland und dort gibt es keine Mehrwertsteuer auf die meisten Nahrungsmittel. Trotzdem hat der Staat die gleichen (Gewichts)Probleme wie überall.
    Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer würde zwar auch nur bedingt dazu beitragen das Menschen sich gesund ernähren - wobei wie gesagt, wir diesen Begriff erst mal definieren müssen - aber nach dem Verursacherprinzip würden zumindest die zusätzlichen Kosten dementsprechend weitergegeben.

  3. hat, so einfach ist die Antwort.

    Denn diese einfache und klar vertsändliche Kennzeichnung würde weit mehr Verbraucher erreichen, als das absichtlich kleingedruckte mit endlosen Zutatenlisten etc...und absichtlich verwirrenden Kalierentabellen, weil jeder Hersteller eine Portion z.B. bei Müsli mit Milch oder Joghurt anders definiert und ein wirklicher Vergleich kaum möglich bzw. auffwendig ist.

    Das ist alles so gewollt und politisch auch auf Druck der Lobby so umgestzt worden. Die Lebensmittelampel hätte den Lebensmittelkonzernen wirklich gefährlich werden können oder gar ein effektives Werbeverbot für Kinderprodukte, die gezielt auf Kinder zugeschnitten werden.

    All das kommt aber nicht und vor einer marginalen Steuer muss die Lobby nicht zittern, genau deshalb wird sowas propagiert. Und die sogenannten Selbstverpflichtungen der Lebensmittellobby bei Kinderwerbung greift nachweislich überhaupt nicht !

    Solange sich die Politik in Deutschland bzw. auf EU Ebene weiter von der Lobby die Bedingungen und Gesetze zur Kennzeichnung etc. diktieren lässt, wird das Problem des Übergewichtes weiter anwachsen.

    Beim zweiten großen Faktor der Bewegungsarmut sieht es nicht besser aus, was die politischen Rahmenbedingungen angeht. Die Autolobby hat nach wie vor einen sehr großen Einfluss und verhindert alles, was ÖNVP oder Fahradfahren endlich gleichberechtigte Bedingungen im Strassenverkehr verschaffen könnte.
    Es geht nur über öffentlichen Druck, wenn sich was ändern soll.

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    - die ich mir auch hätte selbst geben können.

    Wieder ein Beispiel dafür, dass nicht das Wohl der Bürger in der Politik im Mittelpunkt steht, sondern die Interessen von Lobbyverbänden - bei diesem Beispiel dann kombiniert mit Plänen, einzelne Bürger zu bestrafen. Es ist so einfach, gesellschaftliche Probleme zu individualisieren nach dem Motto: selber schuld. Der Vorteil dieser Methode ist dann auch, dass diejenigen nicht aufmucken, die sich dieses Urteil zu eigen machen, die Arbeitslosen, die Hartz IV-Empfänger, die Mütter, die keine Betreuung für ihre Kinder finden und dann teilzeit arbeiten, die Kinder aus bildungsfernen Schichten usw. usw.

  4. Wissen Sie wer die wahren Volkserzieher sind? Marketingabteilungen, die verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse nutzen, um uns zum Kaufen zu verführen, uns Bedürfnisse einreden, die wir gar nicht haben und uns vorgaukeln, wir müssten erfolgreich, schön und jung sein, um glücklich sein zu können. Unser Unterbewusstsein wird direkt angesprochen und wir können uns der Wirkung schwer entziehen. Letzlich werden sogar Bereiche wie Berufswahl, Parnterwahl und Freundeskreis davon beeinflusst. Kurzum: wir werden manipuliert, ohne dass wir es so deutlich merken. Wenn unser Selbstwertgefühl dann leidet weil wir eben keine idealtypischen Übermenschen sind, die ein perfektes Leben führen, sondern schlicht und ergreifend Menschen, dann haben die Unternehmen die passenden Produkte parat um uns für einen kleinen Moment glücklich zu machen. Aber die Wirkung hält nicht lange vor und so brauchen wir immer mehr von dem Stoff, der uns in süßen Träumen wiegt, während wir das wahre Lehen, nämlich uns selbst verpassen. Das nenne ich die Unfreiheit.

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    • outis
    • 02. November 2012 13:55 Uhr

    Ja, das ist so die Heiligenlegende, die die Marketingabteilungen der betreffenden Parteien uns erzählen: böse finstere Mächte, die mit neoliberaler schwarzer Magie Industriezucker in meinen Einkaufskorb hineinsuggerieren.
    Tatsache aber ist, dass ich den Schund nicht kaufen muss- daher sind überhaupt erst diese Marketingabteilungen nötig. Aber kaufen muss ich es trotzdem nicht.
    Volkspädagogische Strafsteuern hingegen muss ich bezahlen. Man will mir eben keine Wahl mehr lassen. Schlimmer noch: man interstellt mir, nicht mündig genug zu sein, wählen zu können. Sprich: Freiheit ist schlecht für mich. Ich brauche eine Frau Künast, die mir den Einkaufszettel diktiert. Warum diese Leute, die uns offensichtlich für idiotische Gören halten, überhaupt noch Wahlzettel verteilen, ist hier die Frage. Wahrscheinlich eine Marketingidee: die Leute sollen halt denken, sie wären freie Bürger.

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