MangelernährungLarven für die Welt

Insektenfleisch auf dem Speiseplan hilft gegen die Mangelernährung und den Klimawandel. In Laos wird schon in großem Stil die Grillenzucht erprobt. Selbst Europäer könnten auf den Geschmack kommen. von 

Diese Mehlwurm-Muffins wurden in der Kantine des Niederländischen Ministeriums für Landwirtschaft serviert - eine der führenden Cafeterien im Bereich nachhaltiger Ernährung.

Diese Mehlwurm-Muffins wurden in der Kantine des Niederländischen Ministeriums für Landwirtschaft serviert - eine der führenden Cafeterien im Bereich nachhaltiger Ernährung.   |  © Ed Oudenaarden/AFP/Getty Images

Sie gilt als Plage, wenn sie im Schwarm erscheint, sie vernichtet Ernten und ist im Westen, wenn überhaupt, als Tierfutter bekannt. Aber jetzt liegt sie auf einer geblümten Untertasse, umringt von toten Artgenossen, und trieft vor Frittenfett, die Flügel erstarrt, die Hinterbeine knusprig: Acheta domesticus aus der Ordnung der Langfühlerschrecken, besser bekannt als Hausgrille. »Lecker«, sagt Nong Savang und steckt die Grille in den Mund. Es knackt.

Seit zehn Jahren verkauft Nong Savang Insekten auf dem Dong Makhai, einem Markt am Rande der laotischen Hauptstadt Vientiane, gesäumt von Bananenstauden und lehmigen Feldwegen. Dutzende Händler bauen hier jeden Morgen ihre Stände auf, türmen Papayas zu Pyramiden, schichten Kräuterbüschel und Wasserspinat auf ihre Tische. Es riecht nach reifen Früchten und rohem Fleisch, Hühner picken im Staub. Wer will, kann hier gepökelte Bambusratten kaufen, frittierte Schlangen und lebende Kröten. Oder er geht zu Nong Savangs Insektenstand und probiert sich durch das Sortiment: Grillen und Seidenspinnerraupen, Mehlwürmer, Stinkwanzen und Hornissenlarven, gekocht, gegart oder gebraten, abgepackt in Plastiktüten oder portioniert auf Untertassen, naturbelassen im Wabenstock oder eingelegt in Alkohol. »Zwei Gläser pro Tag, und du hast nie wieder Rückenschmerzen«, sagt Nong Savang und schwenkt eine Flasche Hornissenschnaps.

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In Laos gelten die Tiere als Delikatesse. Laut einer Studie der Welternährungsorganisation FAO essen rund 95 Prozent der Bevölkerung Insekten. Die sind eine gesunde Kost: Hundert Gramm Grillenfleisch enthalten knapp 13 Gramm Proteine, das entspricht etwa dem Eiweißgehalt von Hühnereiern. Wasserwanzen kommen sogar auf fast 20 Gramm und sind damit eiweißreicher als Fisch. Insektenfleisch steckt zudem voller Vitamine und Mineralien; Grillen liefern fast dreimal so viel Eisen wie Rindfleisch, Weberameisen enthalten viel Vitamin B1, und Sagowürmer sind nicht nur fetter als Schweinefleisch, sondern auch reich an Calcium.

Solche Zahlen ermutigen Hilfsorganisationen und Ernährungswissenschaftler: Lässt sich mit Insekten womöglich der Welthunger stillen, billiger und nachhaltiger, als dies mit Rind- oder Schweinfleisch jemals möglich wäre?

Heute leiden zwei Milliarden Menschen an Mangelernährung, knapp ein Drittel der Weltbevölkerung. Länder, in denen Grillen und Käfer auf dem Speiseplan stehen und gezüchtet werden könnten, gibt es genug; laut Schätzungen der UN essen rund zweieinhalb Milliarden Menschen Insekten.

Die meisten Laoten ernähren sich traditionell vor allem von Klebreis. Der macht zwar satt, reicht aber nicht aus, um den Körper mit lebenswichtigen Aminosäuren und Vitalstoffen zu versorgen. Wissenschaftler nennen diese Form der einseitigen Ernährung hidden hunger – versteckten Hunger. In Laos sind laut UN rund 40 Prozent der Kinder unter fünf Jahren davon betroffen. Sie leiden an Wachstumsstörungen, Behinderungen und Immunschwäche.

ZEIT Wissen 6/2012
ZEIT Wissen 6/2012

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

»Insekten könnten den versteckten Hunger stoppen«, sagt Bounneuang Douangboupha vom agrarwissenschaftlichen Forschungszentrum der laotischen Regierung in Vientiane. »Sie schmecken gut und sind billig zu züchten.« Bounneuang ist Doktor der Entomologie, ein Insektenkundler mit goldumrandeter Brille und Gummilatschen, der seit dreißig Jahren an dem Institut arbeitet. Damals hatte man ihn eingestellt, weil er sich mit Schädlingsbekämpfung auskannte. Heute soll er die Insekten nicht mehr bekämpfen. Doktor Bounneuang soll dafür sorgen, dass sie gegessen werden.

Viele Laoten verzehren Grillen, Käfer und Larven als Festtagsschmaus: Weil die meisten Sorten nicht gezüchtet, sondern mühsam gefangen werden, sind sie teuer. Ein Teller gesalzene Hornissenlarven kostet in einem guten Restaurant rund 250.000 Kip, knapp 25 Euro. Davon kann man auf dem Dong Makhai Markt mehr als 35 Kilo Klebreis kaufen.

Würden Grillen und Käfer in Laos dagegen massenhaft gezüchtet und konsumiert, könnte man den Nährstoffmangel in den Griff bekommen. Das hofft jedenfalls die FAO.

Leserkommentare
  1. Vor einigen Wochen wurde ein Beitrag von mir noch zensiert, weil ich auf die Möglichkeit, Hunger- und Geldprobleme mit Insektenzucht zu beheben hinwies - "Polemik" sei das gewesen. Dabei meinte ich es ganz ernst. Und siehe da, jetzt gibts sogar einen Artikel zum Thema.

    19 Leserempfehlungen
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    • Marobod
    • 04. November 2012 13:44 Uhr

    zensiert ^^

    Ja Insekten sind eine gute Ernaehrungsquelle.Habe selbst schon fritierte Grillen und auch schon kandierte gegessen, schmecken recht gut, man kann die Beine auch vorher abmachen, dann muß man nicht so im Mund puhlen :)

    Ich wuerde deshalb zwar nicht auf meine Koteletts verzichten, die ich sowieso selten esse, aber ich wuerde sie gern ergaenzend dazunehmen. Manche Fischsorten schauen einen auch noch an wenn man sie ißt

    • Gerry10
    • 04. November 2012 13:03 Uhr

    ...als ich vor ein ein paar Jahren in Indien lebte fragten mich Mitarbeiter auch wie man denn Rind essen kann...

    8 Leserempfehlungen
  2. ja, ne. is klar.
    hier wird mal wieder ein neuer industriezweig ("zucht"!) aus dem boden gestampft, um der allerorten vorherrschenden oder zumindest doch bevorstehenden mangelernährung des menschen herr zu werden. anstatt sich einfach mal der bestehenden mechanismen zu bedienen, die ja durchaus potential haben - und sukzessive ein back to the roots anzustreben, wird hier der teufel mit dem belzebub ausgetrieben. was ist mit subsistenz? permakultur? pflanzlicher ernährung?
    nein, wir wollen bequem sein. geben schön unsere ernährung in die hand von industrien, damit wir den kopf und die hände frei haben für weit profanere dinge.

    guten appetit!

    5 Leserempfehlungen
  3. ...auf die Gefahr hin, jetzt wegen "Pauschalisierung" zensiert zu werden...

    Stehen irgendwelche Essensgebote nicht in irgendwelchen "heiligen" Büchern, vor allem in solchen, welche den Monotheismus propagieren? Mensch hat sich das verinnerlicht und 3 Mrd. Menschen auf Erden müssen sich heutzutage halt nach diesen Büchern richten. Andere Kulturen, auch ganz früher in Europa und Mittelost haben/hatten keine Probleme mit arthropodischer Nahrung. Schmeckt zum Teil ja auch, wenn richtig zubereitet.

    My two cents...

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    • kaskade
    • 04. November 2012 13:40 Uhr

    So ganz eindeutig sind die Texte nicht, aber zumindestens Heuschrecken erlaubt die Thora ausdrücklich (3. Mose 11,22). Für Christen sind die Speisegesetze der Juden nicht gültig, denn nach Mk 7,16 gilt: „Da ist nichts, was von außerhalb des Menschen in denselben eingeht, das ihn verunreinigen kann, sondern was von ihm ausgeht, das ist es, was den Menschen verunreinigt.“

    • Polyp
    • 04. November 2012 13:22 Uhr

    Wo ist das Problem? Seitdem ich Anfang des Jahres in einer deutschen Puten-Großfarm war, esse ich kein Putenfleisch mehr.
    Allerdings ekelte ich mich auch vor den Menschen,die Tiere so gewissenlos halten können, mit dem Bewußtsein uns anderen das Endergebnis dann als schmackhaftes lebensmittelanzubiete.

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    • Atomi
    • 04. November 2012 23:59 Uhr

    ich hoffe jetzt natürlich, dass sie nicht nur aufgehört haben Pute zu essen. Denn bei anderen Tieren ist die Haltung nicht anders. Alles andere wäre ziemlich in­kon­se­quent.

  4. Ist gar nicht so lange her, da stand auch in Deutschland noch die Maikäfersuppe auf dem Speiseplan....

    Alles eine Frage der Sozialisation.

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    • Polyp
    • 04. November 2012 13:43 Uhr

    und da wurde Getreide, Kartoffeln ets. auch noch auf den Böden angebaut, die für diese Sorten besonders geeignet sind. Heute wird der Boden, egal welcher Güte oder Zusammensetzung, mit Chemie quasi "gequält" und "gezwungen" Pflanzen zum Wachstum zu bringen, bis der Boden nur noch totes Substrat ist. Damit entzieht sich im wahrsten Sinne des Wortes die Agrarindustrie selbst den Boden unter den Füßen.

    Sehr interessanter Beitrag. Für mich eine absolute Neuigkeit, ich bin überrascht.

    • kaskade
    • 04. November 2012 13:40 Uhr

    So ganz eindeutig sind die Texte nicht, aber zumindestens Heuschrecken erlaubt die Thora ausdrücklich (3. Mose 11,22). Für Christen sind die Speisegesetze der Juden nicht gültig, denn nach Mk 7,16 gilt: „Da ist nichts, was von außerhalb des Menschen in denselben eingeht, das ihn verunreinigen kann, sondern was von ihm ausgeht, das ist es, was den Menschen verunreinigt.“

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    Antwort auf "ähem..."
    • Polyp
    • 04. November 2012 13:43 Uhr

    und da wurde Getreide, Kartoffeln ets. auch noch auf den Böden angebaut, die für diese Sorten besonders geeignet sind. Heute wird der Boden, egal welcher Güte oder Zusammensetzung, mit Chemie quasi "gequält" und "gezwungen" Pflanzen zum Wachstum zu bringen, bis der Boden nur noch totes Substrat ist. Damit entzieht sich im wahrsten Sinne des Wortes die Agrarindustrie selbst den Boden unter den Füßen.

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    Antwort auf ".........."

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  • Schlagworte Laos | Ernährung | Insekten | Gesundheit | Nahrungsmittelkrise | Klimaschutz
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