Sie gilt als Plage, wenn sie im Schwarm erscheint, sie vernichtet Ernten und ist im Westen, wenn überhaupt, als Tierfutter bekannt. Aber jetzt liegt sie auf einer geblümten Untertasse, umringt von toten Artgenossen, und trieft vor Frittenfett, die Flügel erstarrt, die Hinterbeine knusprig: Acheta domesticus aus der Ordnung der Langfühlerschrecken, besser bekannt als Hausgrille. »Lecker«, sagt Nong Savang und steckt die Grille in den Mund. Es knackt.

Seit zehn Jahren verkauft Nong Savang Insekten auf dem Dong Makhai, einem Markt am Rande der laotischen Hauptstadt Vientiane, gesäumt von Bananenstauden und lehmigen Feldwegen. Dutzende Händler bauen hier jeden Morgen ihre Stände auf, türmen Papayas zu Pyramiden, schichten Kräuterbüschel und Wasserspinat auf ihre Tische. Es riecht nach reifen Früchten und rohem Fleisch, Hühner picken im Staub. Wer will, kann hier gepökelte Bambusratten kaufen, frittierte Schlangen und lebende Kröten. Oder er geht zu Nong Savangs Insektenstand und probiert sich durch das Sortiment: Grillen und Seidenspinnerraupen, Mehlwürmer, Stinkwanzen und Hornissenlarven, gekocht, gegart oder gebraten, abgepackt in Plastiktüten oder portioniert auf Untertassen, naturbelassen im Wabenstock oder eingelegt in Alkohol. »Zwei Gläser pro Tag, und du hast nie wieder Rückenschmerzen«, sagt Nong Savang und schwenkt eine Flasche Hornissenschnaps.

In Laos gelten die Tiere als Delikatesse. Laut einer Studie der Welternährungsorganisation FAO essen rund 95 Prozent der Bevölkerung Insekten. Die sind eine gesunde Kost: Hundert Gramm Grillenfleisch enthalten knapp 13 Gramm Proteine, das entspricht etwa dem Eiweißgehalt von Hühnereiern. Wasserwanzen kommen sogar auf fast 20 Gramm und sind damit eiweißreicher als Fisch. Insektenfleisch steckt zudem voller Vitamine und Mineralien; Grillen liefern fast dreimal so viel Eisen wie Rindfleisch, Weberameisen enthalten viel Vitamin B1, und Sagowürmer sind nicht nur fetter als Schweinefleisch, sondern auch reich an Calcium.

Solche Zahlen ermutigen Hilfsorganisationen und Ernährungswissenschaftler: Lässt sich mit Insekten womöglich der Welthunger stillen, billiger und nachhaltiger, als dies mit Rind- oder Schweinfleisch jemals möglich wäre?

Heute leiden zwei Milliarden Menschen an Mangelernährung, knapp ein Drittel der Weltbevölkerung. Länder, in denen Grillen und Käfer auf dem Speiseplan stehen und gezüchtet werden könnten, gibt es genug; laut Schätzungen der UN essen rund zweieinhalb Milliarden Menschen Insekten.

Die meisten Laoten ernähren sich traditionell vor allem von Klebreis. Der macht zwar satt, reicht aber nicht aus, um den Körper mit lebenswichtigen Aminosäuren und Vitalstoffen zu versorgen. Wissenschaftler nennen diese Form der einseitigen Ernährung hidden hunger – versteckten Hunger. In Laos sind laut UN rund 40 Prozent der Kinder unter fünf Jahren davon betroffen. Sie leiden an Wachstumsstörungen, Behinderungen und Immunschwäche.

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»Insekten könnten den versteckten Hunger stoppen«, sagt Bounneuang Douangboupha vom agrarwissenschaftlichen Forschungszentrum der laotischen Regierung in Vientiane. »Sie schmecken gut und sind billig zu züchten.« Bounneuang ist Doktor der Entomologie, ein Insektenkundler mit goldumrandeter Brille und Gummilatschen, der seit dreißig Jahren an dem Institut arbeitet. Damals hatte man ihn eingestellt, weil er sich mit Schädlingsbekämpfung auskannte. Heute soll er die Insekten nicht mehr bekämpfen. Doktor Bounneuang soll dafür sorgen, dass sie gegessen werden.

Viele Laoten verzehren Grillen, Käfer und Larven als Festtagsschmaus: Weil die meisten Sorten nicht gezüchtet, sondern mühsam gefangen werden, sind sie teuer. Ein Teller gesalzene Hornissenlarven kostet in einem guten Restaurant rund 250.000 Kip, knapp 25 Euro. Davon kann man auf dem Dong Makhai Markt mehr als 35 Kilo Klebreis kaufen.

Würden Grillen und Käfer in Laos dagegen massenhaft gezüchtet und konsumiert, könnte man den Nährstoffmangel in den Griff bekommen. Das hofft jedenfalls die FAO.