Profiler : Der Monster-Jäger

Profiler werden für ihr Gespür gerühmt. So auch Alexander Horn, der schon vor Jahren die Taten von Neonazis in den NSU-Morden erkannte. Doch seine Arbeit hat wenig mit Intuition zu tun. Wie findet man Deutschlands brutalste Verbrecher?

Alexander Horn erinnert sich noch gut an seine erste Reaktion, als ihn der Leiter der Sonderkommission im Fall Mareike um Unterstützung bat. "Wie soll ich dir ohne Tatort und ohne Leiche helfen?", fragte Horn. Die Ermittler wussten im November 2003 nur vom Verschwinden einer 20-jährigen Textilarbeiterin aus Waldmünchen . Was sollte Horn da tun? Er und sein Team arbeiten bei Mordfällen immer auf der Grundlage von Fakten. Sie analysieren, wie der Tatort aussieht oder was die Obduktion ergibt. Beim Fall Mareike aber war nicht mal klar, ob sie Opfer eines Verbrechens geworden war. Dennoch machte sich Horn an die Arbeit.

Der Leiter vom Kommissariat 16, Operative Fallanalyse (OFA) Bayern , sitzt in einem kahlen Büro einer schmucklosen Häuserzeile in München und erklärt, wie er half, einen Mordfall ohne Leiche zu lösen. Erstaunlich locker und unbelastet wirkt er für einen, der sich immer wieder in die Abgründe von Morden vertieft. "Mareike war ein Grenzfall", sagt Horn. Doch er war mit seinem Team auf der richtigen Spur. Wie auch im Fall der sogenannten Zwickauer Terrorzelle , bei den NSU-Morden : Als einer von wenigen erkannte er in den Serienmorden an männlichen Migranten die Taten von Neonazis.

Seine Laufbahn begann Alexander Horn, 39, als Ermittler für Sexualstraftaten. Dann wechselte er in die Münchner Mordkommission, wo er vor über 15 Jahren für ein Pilotprojekt geworben wurde, das ihn zum Fallanalytiker weiterbildete. Zu einem der ersten in Deutschland.

Profiling , so das unscharfe amerikanische Synonym, wurde Ende der siebziger Jahre in den USA entwickelt. Seither kursiert der Mythos, dass sich der Profiler in die Gedanken des Täters hineinversetze und diesen schließlich mit Psychologiekenntnissen zur Strecke bringe. Jede Woche rufen Psychologiestudenten bei Horn an, die Profiler werden möchten. "Denen muss ich sagen, das ist keine psychologische Methode, sondern Kriminalistik ", sagt der Hauptkommissar.

Wie wichtig kriminalistische Arbeit ist, zeigte sich auch im Fall Mareike. In ihrer Wohnung fanden sich winzige Glassplitter unter dem Küchentisch. Waren die beim Putzen übersehen worden oder Spuren eines Kampfes? Zwei Zeuginnen hatten dumpfe Geräusche gehört. Normalerweise berücksichtigen Fallanalytiker Zeugenaussagen nicht, weil sie subjektiv gefärbt sind und stark fehlerhaft sein können. In diesem Fall gab es aber keine harten Fakten, ja nicht mal eine Leiche. Also ging Horn in die Wohnung und rekonstruierte, was die Geräusche verursacht haben könnte. "Auf diese Weise kamen wir zu einem logischen Tathergang. Unsere Hypothese war: Das ist kein Vermisstenfall, sondern ein Tötungsdelikt mit konsequenter Leichenbeseitigung."

Horns Team gelangte zu dem Ergebnis, dass sich der Täter heimlich in der Wohnung aufgehalten hatte, überrascht wurde und dass es zum Kampf kam. In dieser Stresssituation kühl und planvoll zu handeln sprach eher für einen Mann ab 30 als für einen ganz jungen Mann. Im Täterprofil beschrieben sie den Unbekannten so: dabei statt mittendrin. Eine randständig lebende Persönlichkeit, kaum integriert. Ein abgewiesener Verehrer. Wer sonst sollte heimlich die Nähe zu einer Frau in deren Wohnung suchen?

Die Analyse schränkte den Kreis der Tatverdächtigen auf sieben ein. So kamen die Ermittler auf einen 30-jährigen Textilmaschinenführer aus Mareikes Firma, dessen Annäherungsversuche sie mehrfach zurückgewiesen hatte. Der Mann gestand. Er war durch ein offenes Fenster in ihre Wohnung geklettert, um Dessous zu suchen. Sie überraschte ihn, es gab Streit, er erwürgte sie und schaffte ihre Leiche mit dem Auto fort. Die Hypothesen der Fallanalytiker hatten sich als richtig erwiesen.

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Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Kann mir jemand den Unterschied zwischen einem Profiler...

... und einem Kriminalpolizisten erklären? Muss nicht auch, nehmen wir einfach mal einen Mitarbeiter der Mordkommision, den Tatort besichtigen, Spuren nachgehen und ein Profil des Täters erstellen?

Schließlich ist doch auch der "Profiler" nur ein normaler Polizeibeamter oder?

Alles in allem finde ich es aber sehr interessant mal etwas über diese Arbeit zu lesen. Das das Fernsehen, trotz guter Sendungen rund um Profiler mit guter Beobachtungsgabe (The Mentalist/Psych/Life), natürlich nicht die wahre Arbeit eines Profiles zeigt, ist denke ist obsolet ;)